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Titel
Das antike Olympia. Götter, Spiel und Kunst


Autor(en)
Sinn, Ulrich
Erschienen
München 2004: C.H. Beck Verlag
Umfang
276 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Udo Hartmann, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

In diesem Jahr sind die Olympischen Spiele in ihre griechische Heimat zurückgekehrt. Auch in Olympia finden nun wieder sportliche Wettkämpfe statt. Im Zuge des Großereignisses ist die Ruinenstätte des antiken Olympia verstärkt in den Blickpunkt getreten. Ulrich Sinn, Professor für Klassische Archäologie in Würzburg, Grabungsleiter in Olympia und somit ein ausgewiesener Experte für den Ort, veröffentlichte bereits 1996 in der Reihe "Beck Wissen" eine kurze Einführung zu Olympia, in der er einen chronologischen Überblick über die Geschichte, den Kult, den Sport und die bauliche Entwicklung gab.[1] Mit dem nun erschienenen Buch hat er erneut eine solide Darstellung des Themas vorgelegt, die jedoch weitaus umfangreicher und stärker systematisch orientiert ist. Zudem bezieht Sinn hier eine wesentlich breitere Palette von Aspekten in die Betrachtung ein. Die Fülle an Informationen wird dabei in einer sehr anschaulichen Sprache vermittelt, Quellenzitate illustrieren das Gesagte. Zahlreiche Abbildungen in schwarz-weiß und einige Pläne lockern zudem den Text auf.[2] Der Autor verzichtet auf Anmerkungen, gibt aber zuweilen Belegstellen aus den Quellen.

Sinn beginnt seinen Prolog mit dem Ende, der Aufgabe des Ortes im frühen 7. Jahrhundert und der langsamen Verschüttung der Gebäude durch Überflutungen, stellt dann die wichtigsten antiken Quellen zum Thema vor und umreißt die Wiederentdeckung Olympias ("I. Prolog: Olympia kehrt zurück", S. 13-55). Im Abschnitt zu den antiken Autoren widmet sich Sinn vor allem Pindar und seinen Olympischen Oden sowie Pausanias’ Beschreibung des Ortes. Pausanias, der als typischer Vertreter der zweiten Sophistik charakterisiert wird, habe kein Reisehandbuch konzipiert. Kurz vorgestellt werden auch Philostrat, die Olympiakritiker Tyrtaios und Xenophanes, Platon, Xenophon, Strabon und Homer. Hippias und die Siegerlisten des Iulius Africanus werden hier jedoch nicht angesprochen. Sinn stellt danach sowohl die ideelle Wiederentdeckung Olympias im neuzeitlichen Sport als auch die reale Wiederentdeckung durch die Archäologie vor. Die zumeist für Ende und Neubeginn unterstellten Eckdaten 393 und 1896 werden dabei kritisch betrachtet: Der Kult endete nicht mit dem Verbot durch Theodosius I. im Jahr 393, sondern in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts; nun entstand in Olympia eine Siedlung von Handwerkern und Winzern. Es sei nicht auszuschließen, dass auch weiterhin athletische Wettkämpfe durchgeführt wurden. Die Tatsache, dass die Wettkampfstätten im 5. und frühen 6. Jahrhundert unbebaut blieben, kann diese These m.E. aber nicht beweisen. Olympische Spiele gab es in der Neuzeit in England seit dem frühen 17. Jahrhundert und später ebenfalls an anderen Orten Mittel- und Nordeuropas. In Griechenland führte man erstmals 1859 wieder Olympien durch. Die Olympischen Spiele von 1896 in Athen waren somit nur eine Etappe im Prozess der Erneuerung.[3] Detailliert zeichnet Sinn schließlich die Phasen der archäologischen Wiederentdeckung Olympias nach: vom beginnenden Interesse an der Ruinenstätte am Anfang des 18. Jahrhunderts über den Olympia-Vortrag von Curtius 1852 und die deutschen Ausgrabungen am Ende des 19. Jahrhunderts bis zu den jüngsten Forschungsprojekten. Sinn veranschaulicht etwa das Ringen hinter den Kulissen vor dem Abschluss des deutsch-griechischen Staatsvertrages von 1874 sowie das Wirken und die Dispute der deutschen Archäologen in Olympia, lässt aber auch die griechischen Arbeiter der Ausgrabung nicht unerwähnt.

Das zweite Kapitel ("II. Götter, Mythen und Geschichte", S. 57-100) stellt die Vielfalt des Kultes in Olympia vor. Sinn beginnt mit dem wichtigsten Gott, Zeus. Hier streicht er insbesondere die Bedeutung des in den Quellen nur selten erwähnten Orakels heraus, dessen Seher in Kriegszügen und Kolonisationen der frühen Griechen eine wichtige Rolle gespielt hätten. Betont wird auch die Bedeutung des Zeus-Kultes für den Krieg im Allgemeinen, weihten die Griechen doch nach einem erfolgreichen Zug den Zehnten aus der Kriegsbeute dem Gott in Olympia. Bedauerlich ist, dass Sinn in diesem Abschnitt nicht den Zeustempel, das Kultbild und den Aschenaltar bespricht; der Leser muss sich die entsprechenden, zudem recht unvollständigen Angaben aus verschiedenen Kapiteln zusammensuchen: der Ostgiebel wird im Zusammenhang mit Pelops erwähnt (S. 70f.), die Metopen im Herakles-Abschnitt (S. 74f.), der Westgiebel zum Thema Apollon (S. 78f.), der Aschenaltar im Abschnitt zum Alpheios (S. 97f.), der Ostgiebel dann erneut (nun mit Rekonstruktionszeichnung) im Kapitel zum Alpheios und Kladeos (S. 99f.); das Kultbild erörtert Sinn im Zusammenhang mit dem Künstler Phidias (S. 213ff.); der Tempelbau wird im Rundgang durch die Stätte kurz angesprochen (S. 239). Die Pelops-Verehrung dürfte einen der ältesten Kulte in Olympia darstellen. Sinn bezweifelt jedoch, dass das Pelops-Heiligtum noch vor dem Zeuskult als eigenständige Anlage in Olympia existierte. Er betont dann die bedeutende Rolle von Apollon und Herakles in Olympia, beide fungierten als Vorbilder für die Athleten. Der Westgiebel mit dem Kampf der Lapithen gegen die Kentauren symbolisiere nicht den Krieg von Gut und Böse oder den der Griechen gegen die Perser, sondern sei vielmehr als Aufruf zur Einigkeit der Griechen, als Beschwörung des "Geistes von Plataiai" zu verstehen: Apollon fordere mit seiner entschiedenen Geste Kentauren wie Lapithen, beide gleichermaßen Thessaler, auf, ihren Kampf zu beenden.

Im nächsten Abschnitt deutet er den Hera-Kult als eine "politische Verlegenheitslösung" der Eleer (S. 80). Elis hatte um 580 v.Chr. die Kontrolle über Olympia an sich gerissen und errichtete nach den Perserkriegen den großen Zeus-Tempel. Im Zuge dieses Neubaus hätten die Eleer versucht, ihre gewaltsame Übernahme Olympias vergessen zu machen, indem sie den um 600 v.Chr. von den Triphylern, den alten Herren Olympias, errichteten Zeus-Tempel in einen Hera-Tempel umwandelten und die Heräen einführten. Diese plausible Hypothese erschließt sich allerdings dem unvorbereiteten Leser nicht recht, da die Frühgeschichte Olympias, die Gründung durch die Pisaten und die Konflikte zwischen Elis und Triphylien in diesem Buch nirgendwo genauer erörtert werden.[4] Weitere Abschnitte befassen sich mit den alten Erdgöttinnen, Artemis, Athene, Demeter, den Nymphen, Dionysos sowie den Flußgottheiten Alpheios und Kladeos.

Das dritte Kapitel schildert in knapper und griffiger Form den Ablauf der Olympischen Spiele und die einzelnen Sportarten ("III. Das große Fest", S. 101-173). Dabei gelingt es Sinn in überzeugender Weise, alle Aspekte anzusprechen und dennoch nicht nur einen trockenen Abriss zu geben, da das Faktengerüst mit zahlreichen Fallbeispielen aus den Quellen bereichert wird. Sinn beginnt mit den Organisationsstrukturen und erläutert nicht nur die Aufgaben der Hellanodiken, der Olympischen Boule und wichtiger Kultbeamter wie den Theokoloi, Spondophoroi und Sehern, er geht auch detailliert auf die Funktion von niedrigen, vielfach nur durch Kultpersonal-Inschriften bezeugten Ämtern ein.[5] Die bauliche Entwicklung der Amtslokale wird von Sinn wie folgt rekonstruiert: Das Prytaneion befand sich ursprünglich im so genannten Südostgebäude und zog in der Mitte des 4. Jahrhunderts v.Chr. auf früher unbebautes Gelände am Westfuß des Kronoshügels, wo es noch Pausanias verortet. Die Theokoloi hatten ihr Amtslokal in einem kleinen Bau an der Westseite des Kronoshügels. In der Mitte des 4. Jahrhunderts v.Chr. zog das Theokoleon dann in das Südostgebäude um.[6] Sinn geht dann auf die teilweise katastrophale Infrastruktur Olympias ein, hebt aber die Prachtzelte und die hohe Qualität der Badeanlagen hervor, mit denen Olympia "stets auf der Höhe der Zeit" war (S. 123). So findet sich in Olympia bereits Ende des 1. Jahrhunderts v.Chr. ein Bad mit Hypokaustenheizung, vielleicht eine Stiftung Herodes' des Großen.

In den folgenden Abschnitten erörtert Sinn die Vorbereitung der Athleten auf die Spiele, die Prozession nach Olympia, die Einquartierung und das Training in Olympia, die Aufgaben der Athletenvereinigungen, die Sportbauten sowie das Stadion und das Hippodrom mit seiner komplizierten Startanlage. Danach geht Sinn zu den eigentlichen Spielen über: Trotz der Erklärungsversuche antiker Autoren bleibt die Ursache für die Nacktheit der Athleten in Griechenland unbekannt. Auch die in den Quellen bezeugte Sonderstellung des Laufes im frühen Olympia sei schwer erklärlich, vielleicht hätten doch Pferde- und Wagenrennen am Anfang der Spiele gestanden. Sinn erläutert dann die Besonderheiten der Sportarten und gibt Beispiele herausragender Athleten. Auch die hippischen Agone werden kurz erörtert. Eine Erläuterung des Ablaufs der Spiele und des Tagesprogramms nach der Reform von 472 v.Chr. wären noch sinnvoll gewesen. Abschließend erwähnt Sinn, dass sich in Olympia nicht nur Sportler, sondern auch Gelehrte, Philosophen und Rhetoren sowie Händler trafen.

Für die Darstellung der Geschichte Olympias wählt Sinn einen ungewöhnlichen und originellen Weg: Im vierten Kapitel stellt er in der Form eines Gästebuches wichtige Episoden zusammen, in denen Besucher Olympias Geschichte schrieben ("IV. Olympisches Gästebuch", S. 175-209). Diese Darstellungsform entspricht dem Charakter der literarischen Überlieferung, die nur schlaglichtartig einzelne Geschehnisse bewahrt hat. Über weite Strecken haben wir somit keine Angaben zur Geschichte Olympias, sieht man von Informationen über die Sieger ab. Sinn wollte wohl zudem die bereits in seinem Olympia-Band von 1996 gebotene chronologische Darstellung nicht wiederholen. Dennoch ist das Fehlen einer kontinuierlichen Schilderung der Geschichte Olympias unter Einschluss der baulichen Entwicklung von den Anfängen bis in die Spätantike eher zu bedauern. Sinns Buch von 1996 ist recht kurz geraten und die entsprechende Darstellung in der immer noch grundlegenden Monografie von Herrmann aus dem Jahr 1972 [7] an vielen Stellen veraltet. Neben einer umfassenden Erörterung der architektonischen Entwicklung fehlen bei Sinn wichtige Etappen der politischen Geschichte Olympias: So bietet er etwa nur wenige Angaben zur mykenischen Zeit (vgl. S. 30f., 235). Zur Entstehung des Zeus-Heiligtums, der Herausbildung der Spiele im 8. Jahrhundert v.Chr. und dem Kampf um die Kontrolle bis zur Machtübernahme von Elis findet sich hier ebenfalls kein Rekonstruktionsversuch. Weitere bedeutende Episoden fehlen, so beispielsweise die Rolle Olympias in den Perserkriegen und der Besuch des Themistokles, die Umgestaltung der Spiele im Jahr 472 v.Chr., das Auftreten der Gesandtschaft des Tyrannen Dionysios von Syrakus, das Verhältnis Sullas zu Olympia sowie die Kultstätte und die Spiele unter Augustus. Der langsame Niedergang Olympias in der Spätantike, Gegenstand eines aktuellen Forschungsprojektes, wird an unterschiedlichen Stellen kurz beschrieben (S. 13f., 32f., 227ff., 245ff.); eine systematische Behandlung, vielleicht auch unter Erörterung der in anderem Zusammenhang erwähnten (S. 131), 1994 gefundenen Bronzetafel mit der Inschrift einer Athletenvereinigung, die die Kontinuität der Spiele noch im 4. nachchristlichen Jahrhundert erweist[8], wäre hier wünschenswert gewesen. Schließlich verhindert die Aneinanderreihung einzelner Episoden eine grundlegende Analyse der Bedeutung Olympias und seiner Spiele in der griechischen Gesellschaft. Welche Rolle hatten die Spiele in Olympia und der Sport im Allgemeinen in der frühgriechischen Adelsgesellschaft? Warum kamen Westgriechen und sizilianische Tyrannen nach Olympia? Wieso erhielt gerade das olympische Fest immer wieder eine so große politische Bedeutung für die zerstrittenen Griechen? Was machte Olympia für die Römer interessant? Diese grundsätzlichen Fragen werden von Sinn hier nicht gestellt.

Sinn beginnt sein "Gästebuch" mit den Legenden um die Einrichtung des Gottesfriedens durch Iphitos und Lykurg und weist auf die Hintergründe der unterschiedlichen Versionen der Geschichte hin. Der Olympiasieger Kylon, die Aufnahme Alexanders I. von Makedonien in die griechische Staatenwelt durch die Teilnahme in Olympia und die Olympionikenfamilie des Diagoras von Rhodos dienen als Beispiele für die politischen Implikationen der Spiele in der archaischen und klassischen Zeit. Sie boten immer auch eine Bühne für die Präsentation der Adligen vor allen Griechen. Sinn untersucht dann die Episoden aus dem Peloponnesischen Krieg, stellt die Olympia-Siegerin Kyniska aus Sparta vor und analysiert die berühmte Passage aus Xenophons Hellenika über die "Schlacht in der Altis" zwischen Eleern und Arkadern (364 v.Chr.), einem Bericht, der auch Rückschlüsse auf die damaligen baulichen Verhältnisse in Olympia zulässt. Aus der Zeit des Hellenismus erörtert Sinn zwei Episoden: die Verlesung des Verbanntendekrets von Alexander dem Großen 324 v.Chr.[9] und den Besuch Philipps V. von Makedonien 219 v.Chr. In den folgenden Abschnitten zur römischen Geschichte trägt Sinn die umfangreichen Zeugnisse zu L. Mummius zusammen, betont die großen Verdienste Neros um den Ausbau Olympias und stellt ein Ereignis aus dem 2. Jahrhundert n.Chr. vor: den Bau des Nymphäums durch Herodes Atticus und die Kritik durch den Kyniker Peregrinus Proteus, dessen Selbstverbrennung in Olympia im Jahr 165 als Versuch eines philosophischen Todes gedeutet wird. Als letzter Eintrag im "Gästebuch" findet sich die Ehreninschrift für den proconsul Achaeae C. Asinius Quadratus, der von Sinn mit dem Historiker unter Philippus Arabs und Verfasser einer Schrift zur Tausendjahrfeier Roms 248 identifiziert wird.[10]

Die abschließenden Kapitel sind den Kunstwerken und den archäologischen Zeugnissen gewidmet: Im fünften Kapitel werden die herausragenden Künstler und ihre Werke ("V. Den Göttern zum Geschenk, den Menschen zur Erbauung. Olympia als Hort der schönen Künste", S. 211-232), im sechsten Kapitel die Ruinenstätte vorgestellt ("VI. Ein Rundgang durch das Heiligtum", S. 233-249). Die literarischen Quellen nennen unter den in Olympia wirkenden Künstlern zahlreiche große Namen. Ausführlich bespricht Sinn die Zeusstatue des Phidias, der hier den Apollon von Amyklai zum Vorbild gewählt habe, und den im Hera-Tempel gefundenen Hermes des Praxiteles, eine der wenigen erhaltenen Statuen aus Olympia, die trotz einiger Unsicherheiten als genuines Werk des griechischen Künstlers anzusehen sei. Die bereits im Zusammenhang mit dem Zeuskult besprochene Nike des Paionios (S. 63ff.) betrachtet Sinn nun unter kunsthistorischem Aspekt. Ausführlich werden auch die Bauphasen der "Werkstatt des Phidias" besprochen. Schließlich widmet sich Sinn dem Umgang der in Olympia seit der Mitte des 5. Jahrhunderts nachzuweisenden Christen mit der heidnischen Kunst: Die Christen bauten so die "Werkstatt des Phidias" zur Kirche um. Die in der älteren Forschung vielfach ins späte 3. Jahrhundert datierte Festung um Zeustempel und Südhalle sei erst im 5. Jahrhundert entstanden und habe vor allem dem musealen Schutz antiker Skulpturen gedient.[11]

Sinns Rundgang durch Olympia macht mit den Höhepunkten der Stätte vertraut und führt von der Palästra über das Philippeion, den Hera-Tempel, die Schatzhäuser, das Stadion, die Echohalle, die Südostbauten, den Zeus-Tempel, das Bouleuterion, die Südhalle, das Leonidaion und das unter Nero begonnene Südwestgebäude, wohl das Vereinshaus einer Athletengilde, zu den Kladeosthermen und der byzantinischen Kirche, deren Bau ausführlicher erläutert wird. Auf einige neuere Forschungsergebnisse, die Sinn anführt, sei hingewiesen: Die alte Siedlung am Fuß des Kronoshügels gehöre in die 2. Hälfte des 3. Jahrtausends v.Chr., zwischen 1900 und 1100 v.Chr. sei das Areal von Menschen gemieden worden; die Schatzhausterrasse und der Westwall des Stadions hätten das bei Xenophon erwähnte und schwer zu lokalisierende Theatron gebildet. Die Echohalle sei von Alexander dem Großen begonnen worden, der Bau sei dann ins Stocken geraten und im späten 1. Jahrhundert v.Chr., vermutlich durch Herodes den Großen, vollendet worden. Die Vermutung, Nero habe auf dem Gelände der Südostbauten eine Villa errichten lassen, sei wenig begründet, hier lagen wohl die Amtslokale der Theokoloi und Hellanodiken.[12] Ein Anhang mit einigen Literaturhinweisen (S. 253-258),[13] einem Personen- und Sachregister (S. 259-268), einem Verzeichnis der antiken Autoren mit kurzen biografischen Angaben (S. 269-272) und einem Abbildungsverzeichnis (S. 273-276) beschließen den Band.

Mit seinem Buch hat Sinn eine verlässliche und fundierte Darstellung zu Olympia veröffentlicht. Der Leser erhält nicht nur einen umfassenden Überblick, er wird auch mit den Ergebnissen der neueren archäologischen Forschungen vertraut gemacht, die viele Aussagen in den älteren Standardwerken widerlegen. Mit seinem lebendig geschriebenen Text, der allgemeine Überlegungen immer auch durch vielfältige Beispiele erläutert, bietet Sinn einen facettenreichen und spannenden Einblick in die Materie. Er erweist sich somit erneut als profunder Kenner und glänzender Vermittler der Geschichte des antiken Olympia. Die Lücken in der Darstellung der historischen und baulichen Entwicklung und das Fehlen einer grundsätzlichen Analyse der Bedeutung Olympias sowie der Verzicht auf einen Anmerkungsapparat verhindern sicherlich, dass die Monografie zu einem grundlegenden Handbuch wird, das die bisherigen Standardwerke völlig ersetzen kann, dennoch bietet sie sowohl dem interessierten Laien als auch dem Studenten und dem Altertumswissenschaftler einen profunden Einstieg in die Geschichte Olympias.

Anmerkungen:
[1] Sinn, Ulrich, Olympia. Kult, Sport und Fest in der Antike, München 1996.
[2] Leider verzichtet Sinn oft auf Grundrisse oder Rekonstruktionszeichnungen besprochener Gebäude. Der Gesamtplan der Ruinenstätte (S. 247f., Abb. 84-85) wurde zudem sehr ungünstig auf zwei Seiten aufgeteilt. Auch findet sich hier kein Verweis auf Lage und Ausdehnung des Hippodroms. Der aus einer anderen Publikation (Beilage in Kyrieleis, Helmut, Hg., Olympia 1875-2000, Mainz 2002) übernommene Plan verzeichnet schließlich eine Reihe von Zahlen, die bei Sinn nicht aufgelöst werden.
[3] Das IOC wurde nicht 1884, sondern erst am 23. Juni 1894 in Paris gegründet. An den Spielen von 1896 in Athen nahmen Sportler aus 14 Ländern teil (nicht nur aus Griechenland, den USA, Ungarn und Deutschland, so Sinn, S. 37).
[4] Den Herrschaftswechsel in Olympia um 580 v.Chr. spricht Sinn zweimal nur kurz an (S. 10, 178); vgl. dazu aber Sinn (wie Anm. 1), S. 9ff.
[5] Die epispondorchestai schreibt Sinn ohne Rho (S. 106), vgl. aber IvOlympia 62,18; 64,28 u.a. (hypospondorchestai in IvOlympia 80,11; 122,16). Zu überlegen wäre, ob sie tatsächlich Begleiter der Spondophoren waren, wie Sinn annimmt, oder ob es sich nicht eher um Kultpersonal beim Opfer (epispondon, Liddell-Scott-Jones, S. 658) handelt. Stephen G. Miller (Arete. Greek sports from ancient sources, Berkeley 1991, S. 89) übersetzt mit "Libation-dancers".
[6] Der Gesamtplan (S. 248, Abb. 85) verzeichnet das Theokoleon indes an traditioneller Stelle zwischen "Phidias-Werkstatt" und Palästra.
[7] Herrmann, Hans-Volkmar, Olympia, München 1972.
[8] Vgl. Ebert, Joachim, Zur neuen Bronzeplatte mit Siegerinschriften aus Olympia (Inv.1148), in: Nikephoros 10 (1997), S. 217-233. Als letzter Sieger ist Zopyros aus dem Jahr 385 verzeichnet (Z. 29-30).
[9] Nikanor stammte aus Stageira (Diod. 18,8,3), nicht aus Makedonien (S. 193).
[10] Dass der Historiker Asinius Quadratus (PIR² 1245) mit dem proconsul Achaeae C. Asinius Quadratus (PIR² 1246) identisch ist, wird vielfach behauptet (vgl. Groag, Edmund, Die römischen Reichsbeamten von Achaia bis auf Diokletian, Wien 1939, S. 90f.), bleibt aber unsicher. Die Inschrift ist nicht datiert. Über das Leben des Historikers liegen keine Angaben vor; vgl. Zecchini, Giuseppe, Asinio Quadrato storico di Filippo l'Arabo, in: ANRW II 34,4 (1998), S. 2999-3021, hier S. 3002f. Sinn zitiert den Text der Inschrift (S. 208), gibt aber keinen Beleg an (Syll.³ 887 = IvOlympia 356 = FGrH 97 T 2) und übergeht den Titel consul designatus. Auf Grund der Angabe in der Inschrift, der proconsul habe sich in "Wort und Tat" um Olympia verdient gemacht, vermutet Sinn zudem (S. 209), dass der Historiker für die Millenniumsfeier Olympias im Jahr 224 "einen historischen Abriß" zur Geschichte des Ortes geschrieben habe. Für diese Hypothese gibt es keine hinreichenden Anhaltspunkte.
[11] An der Aussage des Cedrenus, die Zeusstatue sei im Lausus-Palast in Constantinopel zu sehen gewesen (I p. 564,14-15 CSHB), und somit am Abtransport des Kultbildes in die neue Hauptstadt des Reiches zu zweifeln, besteht m.E. kein Grund (so aber Sinn, S. 231f.).
[12] Nach einer bei Markellinos (v. Thuk. 54) überlieferten (wohl unhistorischen) Anekdote rührte Herodot mit seiner Vorlesung aus den Historien den jungen Thukydides im Beisein seines Vaters Oloros zu Tränen; dass dies in Olympia geschah, sagt Markellinos jedoch nicht (so aber Sinn, S. 239).
[13] Zu den allgemeinen Werken sollten noch ergänzt werden: Drees, Ludwig, Olympia, Stuttgart 1967; Finley, Moses I.; Pleket, Henri W., The Olympic Games, London 1976 (deutsch: Die Olympischen Spiele der Antike, Tübingen 1976); vielleicht noch Bengtson, Hermann, Die Olympischen Spiele in der Antike, Zürich 1983. Auch die Literaturauswahl zu den Einzelthemen ist sehr selektiv, so findet sich beispielsweise keinerlei Literatur zu Herodes Atticus, vgl. nur Bol, Renate, Das Statuenprogramm des Herodes-Atticus-Nymphäums, Berlin 1984; Galli, Marco, Die Lebenswelt eines Sophisten, Mainz 2002.

Zitation
Udo Hartmann: Rezension zu: : Das antike Olympia. Götter, Spiel und Kunst. München  2004 , in: H-Soz-Kult, 13.08.2004, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-4405>.
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13.08.2004
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