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Titel
Unverwechselbarkeit. Persönliche Identität und Identifikation in der vormodernen Gesellschaft


Hrsg. v.
von Moos, Peter
Erschienen
Umfang
465 S.
Preis
€ 54,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Eva Schlotheuber, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München

Der vorliegende Band dokumentiert eine – um einige Beiträge erweiterte [1] – Tagung des Arbeitskreises „Gesellschaft und individuelle Kommunikation in der Vormoderne“ im Jahr 2002. Die Beiträge behandeln einerseits im engeren Sinne der Thematik von Identität und Identifikation (und mit Verwechslung, Hochstapelei und Fälschung auch das Gegenteil) und stellen andererseits einen Beitrag zur aktuellen Forschungsdebatte um autobiografische Selbstthematisierung und die Genese moderner Individualität dar. Der Herausgeber hat sich in den letzten Jahren konsequent den verschiedenen Aspekten der menschlichen Wahrnehmung und des ‚Wahrgenommen Werdens’ gewidmet [2], dennoch lassen seine einleitenden Worte – unterteilt in „Leitideen“ (S. XV-XIX) und „Einleitung“ (S. 1-42) das Ringen um eine inhaltlichen Kohärenz der Fragestellung erkennen. Unter den Leitideen konstatiert von Moos ein Theoriedefizit für die Mittelalterforschung und schlägt als methodische Grundlage eine „konzeptuelle Modellbildung“ der systematisch orientierten Wissenschaften (Soziologie, Ethnologie, theoretische Linguistik) als Basis für das interdisziplinäre Gespräch vor (S. XIX). Die Einleitung entfaltet anhand zahlreicher Kriterien die Möglichkeiten einer Erkennungssemantik für den Identitätsbegriff, um die Bedingungen, nach denen ein Individuum zu einer Person und als dieses im Unterschied zu anderen zweifelsfrei erkannt wird, „wertfrei“ (S. 5) auszuloten. Dieses Arbeitsprogramm erweist sich auch für einen so stattlichen Sammelband wie den vorliegenden als zu umfangreich, obwohl Erziehung und Sozialisationskonzepte bewusst ausgespart bleiben, um eine Konzentration auf das Sozialisationsergebnis – die persönliche Identität – zu ermöglichen. Der Einleitung ist eine nützliche Bibliografie beigegeben, die dem Leser einen guten Überblick über die in den letzen Jahren stark angewachsene Forschungsliteratur bietet.

Der Beitrag des Soziologen Alois Hahn, „Wohl dem der eine Narbe hat: Identitäten und ihre soziale Konstruktion“ (S. 43-62) bemüht sich um eine begriffliche Trennung von „Identifikation“ und „Identität“. Hahn exemplifiziert anhand von literarischen Beispielen aus drei Epochen die Problematik von Erkennen und Wiedererkennen in Krisensituationen anhand von lesbaren (Körper-)Zeichen. Die Identität stiftende Funktion des hochmittelalterlichen Siegels behandelt Brigitte Miriam Bedos-Rezak, „Du sujet à l’objet. La formulation identitaire et ses enjeux culturels“ (S. 63-83). Als auto-referenzielles Zeichen transportierte es die Autorität seines Inhabers und ermöglichte im 11. und 12. Jahrhundert eine Vielzahl von Identifikationsangeboten. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts, so die These der Verfasserin, sei es gleichsam zur Formel erstarrt, wodurch die Möglichkeiten für die Selbstdarstellung weitgehend verlorengingen. Eine spätmittelalterliche Florentiner Verwechslungsgeschichte bietet Valentin Groebner, „Identität womit? Die Erzählung vom dicken Holzschnitzer und die Genese der Personalausweise“ (S. 85-97), um den Unterschied zwischen Selbstdefinition (Ich-Identität) und Identitätszuschreibung von außen zu fassen. Den amüsanten Streich unter (ständisch ungleichen) Freunden, die sich für wenige Tage weigern, einen der Ihren wieder zu erkennen, deutet Groebner als drohenden Kontrollverlust mit dem Schluss, dass Identität „nichts ist, was man ‚hat’, sondern der Versuch, die Definitionen anderer, wer man sei, zu kontrollieren – wie jeder weiß, dem schon einmal sein Paß im fremdsprachigen Ausland abhanden gekommen ist“ (S. 96).

Giles Constable, „The Abstraction of Personal Qualities in the Middle Ages“ (S. 99-122), beschreibt die zahlreichen Anredeformeln der mittelalterlichen Briefliteratur als eine Abstraktion persönlicher Qualitäten mit hohem Variationspotential (S. 99-122). In ihrer (freilich traditionsgebundenen) Auswahl und Kombination kondensiere die zugeschriebene Identität zu einem ‚cluster’ von charakterisierenden Eigenschaften. Das mittelalterliche Kleid als Identitätssymbol und viel begangener Weg zur Identifizierung stellt Peter von Moos, „Das mittelalterliche Kleid als Identitätssymbol und Identifikationsmittel“ (S. 123-146), in das Zentrum seiner Betrachtungen. Die Bewertung von Kleidung als Signum des Status und sozial lesbares Zeichen für Identifikation bewegte sich innerhalb der nie vergessenen Ambivalenz von „Sein und Schein“, wobei Nacktheit den Verlust von Identität symbolisierte und Demütigung bzw. Demut verdeutlichte. Der Gewalt als Identifikationsmerkmal wendet sich Werner Röcke, „Gewaltmarkierungen. Formen persönlicher Identifikation durch Gewalt im Komischen und Antiken-Roman des Mittelalters“ (S. 147-161), zu. Gewalt wurde in den Romanen in mehrfacher Hinsicht, aber nicht als durchgängiges Muster zur Identifikation von Personen genutzt. Wenn Röcke auf der Basis des Komischen Romans (Lalebuch) jedoch zu dem Schluss kommt, dass die Gewissheit von körperlicher Integrität und Unverwechselbarkeit des Menschen im 16. Jahrhundert fragwürdig wird, weil Schelme, Narren oder trickster Arme und Beine, Kopf oder Gesicht verlieren (S. 156), so ließe sich dagegen einwenden, dass gerade das Spiel mit diesen Möglichkeiten im komischen Genre als ein Zeichen von gesichertem Wissen gedeutet werden kann.

Der mittelalterliche Herrscher war nach Horst Wenzel, „ Der unfeste Held. Wechselnde oder mehrfache Identitäten“ (S. 163-183), gezwungen, Amt und Status durch Repräsentation immer wieder neu zu inszenieren. Anhand von Beispielen aus der höfischen Literatur deutet Wenzel repräsentative Selbstdarstellung als Akt rationalen Selbstschutzes des Herrschers, der Schwäche oder fehlende Legitimation verbarg, expansive Bestrebungen unterstützte. Damit erkennt er in der Literatur eine intensive Diskussion der möglichen Diskrepanz von Sein und Schein, von innerer Qualität und äußerer Erscheinungsform, die im Gegensatz zu den „historischen Quellen“ ein Auseinandertreten von Amt und Identität erkennen lasse. Einen ganz anderen Zugriff wählt der Soziologe Thomas Luckmann, „On the Evolution and Historical Construction of Personal Identity“ (S. 185-205), der die Genese der personalen Identität als einen Prozess doppelter Reflexion – durch Verknüpfung der Erfahrungen der Innenperspektive in Verbindung mit der spiegelnden Reaktion anderer – versteht.[3] Personale Identität wird somit zum Ergebnis von Reflexion und sozialer Interaktion, die Luckmann mit zwei Idealtypen für die archaische und die spätmoderne Gesellschaft in einen historischen Kontext stellt. Seine aufschlussreichen Ausführungen lassen erkennen, dass archaische Gesellschaftsstrukturen wenig Anlass zur Selbstreflexion bieten und Identität eine vorwiegend soziale Angelegenheit bleibt (S. 198), während die veränderte gesellschaftliche Verfassung der Moderne zu einer Privatisierung von personaler Identität führt.

Konstruktionen der hochmittelalterlichen Autor-Identität widmet sich der inhaltsreiche und präzise argumentierende Beitrag von Christel Meier, „Autorschaft im 12. Jahrhundert. Persönliche Identität und Rollenkonstrukt“ (S. 207266). Die Sprecherfunktion im öffentlich-sozialen Raum bedurfte dezidierter Autorisierung, die für eine legitime Selbstäußerung feste literarische Modelle anbot. Meier verfolgt anhand von ausgewählten Beispielen (Otloh von St. Emmeram, Guibert von Nogent, Rupert von Deutz, Abälard, Hildegard von Bingen und Elisabeth von Schönau) die deutlichen Neuansätze in der Autorschaftskonzeption des 11. und 12. Jahrhunderts. Zwei Möglichkeiten eröffneten den AutorInnen neue Räume und Strategien im Gebrauch der Tradition (S. 209): Der Anspruch auf Gleichwertigkeit jeweils neu inspirierten Verstehens, der sich langsam gegen die absolute Verbindlichkeit der Tradition durchsetzte, und das argumentativ gewonnene iudicium gewann mit dem Aufschwung der Dialektik des jeweils letzten Interpreten eigenes Gewicht. Diese Thematik greift auch Morgan Powel, „Vox ex negativo. Hildegard of Bingen, Rupert of Deutz and Authorial Identity in the Twelfth Century“ (S. 267-295) auf. In Adaption der Studien von George Herbert Mead und Alois Hahn [4] betont er die Bedeutung persönlicher Erfahrung als Movens der Selbstexplikation, wobei persönliche Authentizität und öffentliche Autorität es diesen beiden behandelten Autoren ermöglicht habe, die Exegese als ein Genre der Ausbildung sozialer Identität zu entdecken. Überzeugend arbeitet Jan-Dirk Müller, „Identitätskrisen im höfischen Roman um 1200“ (S. 297-323), die in der höfischen Literatur zu beobachtende fundamentale Erschütterung von Identität bei Verlust der Gruppenzugehörigkeit heraus, „da es keine Möglichkeiten des Ausweichens vom einen Aspekt der Person auf einen anderen gibt“ (S. 299). Der Verfasser zeichnet die Grundlinien höfischer Identität des laikalen Adels aufschlussreich nach und zeigt auf, wie der Verlauf existentieller Krisen als Verlust der Gruppenzugehörigkeit thematisiert wird. Die erfolgreiche Integration in die Gruppe bleibt als Ziel von Selbstfindung stets präsent, aber bei einem Scheitern werden auch Aspekte des Selbst sichtbar, die außerhalb der kollektiven Identitätsmuster stehen (S. 322). Adriano Prosperi, „Battesimo e Identità tra Medio evo e prima età moderna” (S. 325-354) geht von der kirchenrechtlichen Definition der Taufe als Begründung christlicher Existenz aus, die er als Wurzel individueller Identität versteht. Er diskutiert in weitem zeitlichem Bogen die Problematik des Heilsverlusts ungetaufter verstorbener Neugeborener, doch erschweren ungenaue Belege die Lektüre.

Mit den autobiografischen Reiseberichten der Amerikafahrer des 16. und 17. Jahrhunderts führt Christian Kiening, „Identitäten und Identifikationen zwischen Alter und Neuer Welt“ (S. 355-377), den Leser geografisch und zeitlich in neue Räume. Anhand ungewöhnlicher Beispiele und mit methodisch sicherem Zugriff verfolgt er den Balanceakt, den das Erproben europäischer Identitäten in einem gänzlich anderen kulturellen Umfeld und in oft auswegloser Situationen bedeutete. Bei der – gleichzeitig auch für die europäische Leserschaft – Sinn und Identität stiftenden schriftlichen Bewältigung der Erlebnisse zeigt sich „das Potential dieser Texte, deren Ich-Perspektive es einerseits erlaubt, bis an jene Grenze zu gehen, an der die alte Identität verlorenzugehen droht, und die andererseits, auf das Geschehene zurückblickend, gewährleistet, daß eben dieser Verlust nicht stattgefunden hat.“ (S. 361) Renate Lachmann, „Der Narr in Christo und seine Verstellungspraxis“ (S. 379-410), wendet sich mit den Christusnarren einem vorwiegend in der Ostkirche beheimateten Phänomen zu, das vor allem in der mittelalterlichen russischen Kirche Nachfolge fand. Die charakteristischen Merkmale von Selbstverneinung durch skandalträchtige öffentliche Akte, asketische Übungen und Nacktheit, zielte über die Verleugnung der eigenen Identität (Herkunft, Name, Aussehen, Verhalten) hinaus auf die radikale Verleugnung des Menschseins an sich, in Analogie der Verleugnung seiner göttlichen Natur durch Christus (S. 405). Die Strategien zur Identitäts- und Authentizitätswahrung von Shakespeares Hamlet stehen im Mittelpunkt der Überlegungen des letztes Beitrages von Aleida Assmann (S. 411-427). Im Anschluss an philosophische und poetologische Diskurse des 16. und 17. Jahhunderts über das Selbst (Francis Bacon, Angelus Silesius, John Locke) stellt Assmann die Bedeutung von Authentizität für Hamlet in den Vordergrund, die als neue Form der Innerlichkeit mit einer radikalen Spaltung von Innen und Außen einhergeht. Um den ‚inneren Kern’ zu festigen, wählt Hamlet den Rückzug aus den kommunikativen Netzen und bestehenden sozialen Beziehungen. Die Suche nach Authentizität durch Verneinung, insbesondere aller äußeren Symbole und Repräsentationsformen, erweist Shakespeare jedoch als Sackgasse: „erst in dem Augenblick, wo [Hamlet] die Probleme der Authentizität hinter sich läßt, wird er mit sich selbst identisch“ (S. 427).

Der zweifachen Einleitung steht ein doppelter Schluss gegenüber: Ein Epilog des Herausgebers fügt noch einige Überlegungen zum Epochenvergleich an, während die Zusammenfassung Jean-Claude Schmitts (S. 429-437) konstruktive Kritik enthält. In einem Neun-Punkte Katalog schlägt Schmitt weitere zu berücksichtigende Aspekte vor (Identität von Kollektiven, Rolle der Bildung, Geschlechteraspekt etc.), doch die (kaum zu erfüllende) Forderung nach Vollständigkeit sollte nicht die zahlreichen ungewöhnlichen Wege verdecken, die in diesem Band oft mit Gewinn beschritten werden. Sicherlich zu Recht merkt Schmitt jedoch an, dass maßgeblich ‚Literatur’ im weiteren Sinne die Quellenbasis bildet (S. 433), die (auch in ständischer Hinsicht) nur einen Ausschnitt der mittelalterlichen Realität spiegelt und diese zudem oft gemäß der eigenen Intention bricht oder zuspitzt. Die vielfach verschiedensten Kontexten entnommenen Beispiele dienen bisweilen vornehmlich der Illustration der eigenen Überlegungen, so dass es im Einzelnen leicht zu einer Verkürzung der Perspektive kommt oder sich ggf. mit ihnen auch das Gegenteil beweisen ließe. Englische abstracts der Beiträge erleichtern die Übersicht über den gebotenen Inhalt, ein kurzes Personen- und Sachregister beschließt den Band. Die anspruchsvolle Lektüre bereichert eine lebendige Forschungsdiskussion und erweitert in vieler Hinsicht den Horizont.

Anmerkungen:
[1] Die Beiträge von Alois Hahn, Christian Kienig, Christel Meier, Morgan Powel und Adriano Prosperi sind erst für die Schriftfassung hinzugekommen.
[2] Moos, Peter von (Hg.), Attentio est qaedam sollicitudo. Die religiöse, ethische und politische Dimension der Aufmerksamkeit im Mittelalter, in: Assmann, Aleida und Jan (Hgg.), Aufmerksamkeiten, München 2001, S. 91-127; Ders., Krise und Kritik der Institutionalität. Die mittelalterliche Kirche als „Anstalt“ und „Himmelreich“ auf Erden, in: Melville, Gert (Hg.), Institutionalität und Symbolisierung. Verstetigungen kultureller Ordnungsmuster in Vergangenheit und Gegenwart, Köln 2001, S. 293-340; Ders., Petrarcas Einsamkeiten, in: Assmann, Aleida und Jan (Hgg.), Einsamkeit, München 2000, S. 213-238; Ders., „Herzensgeheimnisse“ (occulta cordis). Selbstbewahrung und Selbstentblößung im Mittelalter, in: Assmann, Aleida und Jan (Hgg.), Schleier und Schwelle, Bd. 1 Geheimnis und Öffentlichkeit, München 1997, S. 89-109.
[3] Luckmann, Thomas, Von der Entstehung „persönlicher“ Identität, in: Wenzel, Ulrich; Bretzinger, Bettina; Holz, Klaus (Hgg.), Subjekte und Gesellschaft. Zur Konstitution von Sozialität. Für Günther Dux, Weilerswist 2003, S. 383-409.
[4] Mead, George Herbert, Mind, Self and Society (1934), Chicago 1994; Hahn, Alois; Volker Kapp (Hgg.), Selbstthematisierung und Selbstzeugnis, Frankfurt am Main 1987.

Zitation
Eva Schlotheuber: Rezension zu: von Moos, Peter (Hrsg.): Unverwechselbarkeit. Persönliche Identität und Identifikation in der vormodernen Gesellschaft. Köln  2004 , in: H-Soz-Kult, 13.09.2005, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-5117>.
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13.09.2005
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