Titel
Rudolf Hess. Der Mann an Hitlers Seite


Autor(en)
Paetzold, Kurt; Weissbecker, Manfred
Erschienen
Leipzig 1999: Militzke Verlag
Umfang
512 S., 60 Abb.
Preis
€ 29,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Armin Nolzen

Anzuzeigen ist eine Biographie ueber Rudolf Hess, den ehemaligen Stellvertreter des Fuehrers (StdF), einen der wohl meistunterschaetzten Funktionaere des "Dritten Reiches". Sie stammt aus der Feder von Kurt Paetzold und Manfred Weissbecker, zwei wichtigen Exponenten der
Geschichtswissenschaften der vormaligen DDR. Beide Autoren sind ausgewiesene Experten der NS-Forschung und zudem ein eingespieltes Team. Schon 1981 haben sie eine Geschichte der NSDAP von 1920-1945 publiziert, die inzwischen grundlegend ueberarbeitet wurde und immer noch die einzige deutschsprachige Gesamtdarstellung zu diesem Thema bildet [1]. 1995 haben Paetzold und Weissbecker eine von der Oeffentlichkeit leider kaum wahrgenommene Hitler-Biographie veroeffentlicht [2] und ein Jahr spaeter eine biographische Sammlung fuehrender Nationalsozialisten herausgegeben [3]. Mit ihrer Hess-Biographie betreten die Autoren Neuland, denn bislang gibt es keine serioese, wissenschaftlichen Kriterien genuegende Darstellung zum Lebensweg des StdF [4]. Dies ist umso bedauerlicher, existieren gerade ueber Hess zahlreiche Legenden, die sich hauptsaechlich um seinen England-Flug vom 10. Mai 1941 ranken, mit dem er die britische Regierung von der angeblichen Sinnlosigkeit des Krieges gegen das Deutsche Reich ueberzeugen und einen Separatfrieden erreichen wollte. Darueber hinaus avancierte Hess seit 1989/90 zur Integrationsfigur vieler Rechtsradikaler, die in ihm einen "Friedensengel" und eine "gute Seite" des Nationalsozialismus repraesentiert sehen. Hoechste Zeit, dieses vollkommen verquere Bild von Hess zurechtzuruecken und seine Mitwirkung an der verbrecherischen Politik des
Nationalsozialismus einmal in den Blick zu nehmen.

Paetzold und Weissbecker naehern sich Hess' Persoenlichkeit, indem sie zuerst einmal dessen Kindheit und Jugend skizzieren und nach praegenden Einfluessen
auf die politische Sozialisation des spaeteren StdF fragen. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges unterschied sich Hess' individueller Lebensweg nur graduell von jenen Erfahrungen, die die im Spaetwilhelminismus sozialisierte Generation gemacht hatte. Kaum etwas deutete darauf hin, dass er sich
irgendwann einmal in die Politik begeben, geschweige denn in rechtsradikalen Kreisen aktiv werden wuerde. Seine beiden Biographen konzedieren Hess war "nationalkonservative Deutschtuemelei und nationalistische Ueberheblichkeit", wollen ihn aber im selben Atemzuge als unpolitischen Charakter sehen (S. 20). Umso erstaunlicher mutet es in diesem Zusammenhang an, dass Hess nach seiner Demobilisierung im Dezember 1918 gleich in die Muenchener Thule-Gesellschaft eintrat. Weg, der Hess innerhalb von wenigen Monaten ins antirepublikanische Lager fuehrte, wird jedoch von seinen Biographen nachgezeichnet, als sei er selbstverstaendlich gewesen. Hess' Motivation wird ebensowenig ausgeleuchtet wie die Einfluesse, die seine Umwelt - Familie, Freunde, Bekannte und die spezielle Muenchener Situation der Jahre 1918/19 - auf seine politische Sozialisation hatten. Von einer modernen politischen Biographie darf man, ohne Umschweife gesagt, mehr erwarten.

Hess' Bekanntschaft mit Hitler verlegen die Autoren, im Gegensatz zur bisherigen Ansicht der Forschung, die ein erstes Zusammentreffen im Mai 1920 annimmt, um mehr als ein Jahr vor (S. 31 u. 34). Plausible Belege fuer diese
Annahme bleiben Paetzold und Weissbecker schuldig. Gesichert ist lediglich, dass Hess am 1. Juni 1920 der NSDAP beitrat. Binnen kuerzester Zeit avancierte er zum engsten Vertrauten Hitlers und setzte alles drauf und dran, dass sein "Tribun" in der Muenchener NSDAP als unumschraenkter "Fuehrer" anerkannt wurde. Nach der Parteikrise vom Juli 1921 inszenierte Hess zum Zweck der Machtsicherung einen beispiellosen innerparteilichen Kult um seinen "Tribunen" (S. 41). Anhand einer programmatischen Schrift von 1922 zeigen Paetzold und Weissbecker, auf welche Art und Weise Hess den "Fuehrermythos" inhaltlich weiterentwickelte (S. 44 f.). Sein Verhaeltnis zu Hitler charakterisieren sie als Fuehrer-Gefolgschafts-Beziehung, wobei Hess bisweilen aber auch Kritik geaeussert habe (S. 42). Ausserdem sei es Hess gewesen, der Hitler mit den geopolitischen Ideologemen des Geographen Karl
Haushofer vertraut gemacht habe, in erster Linie mit dem "Lebensraum"-Motiv (S. 38, 41, 51 u. 56 f.). Dass dies, wie die beiden Autoren insinuieren, auf Haushofers eigene Initiative hin geschah, ist jedoch ebenso fraglich wie ihre
Ansicht, der Muenchener Geograph habe auf Hess mindestens einen ebenso grossen Einfluss wie Hitler selbst gehabt [5]. Hess war seinem "Tribunen" vollkommen ergeben. Er folgte Hitler sowohl in das Abenteuer des Muenchener Putschversuches vom 8./9. November 1923 als auch in die Landsberger Festungshaft.

Der fuer Hess' Werdegang so wichtigen Periode von 1924 bis 1933 wenden sich Paetzold und Weissbecker dann in ihrem 2. Kapitel zu, das sie unter das Motto "Ich eigne mich als Bindeglied" gestellt haben. Damit nehmen sie eine Wendung auf, die Hess am 24. April 1925 in einem Brief an seine Eltern benutzte (S. 60 u. 442 ff.). In diesem Schreiben bezeichnete er sich als Mittler zwischen nationalsozialistischen und buergerlichen Kreisen, als "Vorkaempfer" des "Fuehrers" innerhalb des Buergertums. Hess' hybrides Selbstverstaendnis haette ein glaenzendes Analyseraster geboten, um systematisch der Frage nachzugehen, auf welche Art und Weise es der NSDAP seit 1929/30 gelang, grosse Teile des Weimarer Buergertums fuer sich zu gewinnen und welchen Anteil Hess selbst an dieser Entwicklung hatte. Wie erfolgreich er in buergerlichen Kreisen als Multiplikator Hitlers wirkte, muss aber offen bleiben, denn Paetzold und Weissbecker beschraenken sich in diesem 2. Kapitel, das mit 35 Seiten bloss ein Zehntel der gesamten Biographie umfasst,
auf das Verhaeltnis zwischen Hitler und Hess. Die Rolle, die Hess in diesem Zeitraum in der NSDAP spielte, wird nur beilaeufig gestreift (S. 61, 67 u. 79). Lediglich die Parteikrise nach dem Ruecktritt von Reichsorganisationsleiter Gregor Strasser am 9. Dezember 1932 wird ausfuehrlicher analysiert. Der Ansicht der Autoren, dass Hess mit seiner
Ernennung zum Leiter der Politischen Zentralkommission, die nach Strassers Ruecktritt erfolgte, "faktisch eine Vollmacht" bekam, "alle Parteiangelegenheiten im Namen Hitlers zu regeln" (S. 83), vermag sich der Rezensent allerdings nicht anzuschliessen. Da Paetzold und Weissbecker die
reichhaltige Literatur zur Geschichte der NSDAP zwischen 1919 und 1933 systematisch ignorieren, fehlt es ihrer Darstellung nicht nur an dieser Stelle an der notwendigen Praezision.

Eine deutliche Verbesserung in der inhaltlichen Qualitaet laesst sich demgegenueber in den uebrigen sechs Kapiteln der vorliegenden Biographie feststellen. In Kapitel 3 schildern die Autoren zunaechst die Vorgaenge, die am 21. April 1933 zu Hess' Ernennung zum StdF fuehrten. Der StdF sollte, so der Wortlaut der entsprechenden Verfuegung Hitlers, "in allen Fragen der Parteileitung in meinem Namen entscheiden" koennen [6]. Wie Paetzold und Weissbecker prononciert herausarbeiten, oblag Hess nunmehr die Leitung der NSDAP, die seit 1933/34 zu einem riesigen Apparat mit ueber 2,5 Millionen Mitgliedern angeschwollen war (S. 88-94). Dann skizzieren sie den Aufbau einer eigenen Dienststelle, die Hess als neuer StdF betrieb. Als Stabsleiter
dieser Behoerde fungierte Martin Bormann, den Paetzold und Weissbecker zunaechst mit seinem in Hitlers Adjutantur beschaeftigten Bruder Albert verwechseln (vgl. S. 87 mit S. 95). Das Verhaeltnis zwischen Hess und seinem Stabsleiter Bormann wird zutreffend als fast konfliktfrei charakterisiert (S. 95-100). Beide praktizierten eine Art Arbeitsteilung: Hess war eine charismatische Figur, und durch zahlreiche oeffentliche Auftritte wurde er bald zu einem der bekanntesten Redner des "Dritten Reiches". Der rednerisch
vollkommen unbegabte Bormann, der Prototyp des Buerokraten, sorgte im Stab Hess hingegen fuer den reibungslosen Ablauf der alltaeglichen Dienstgeschaefte.

Im Mittelpunkt von Hess' Taetigkeiten 1933/34 stand - wie die Autoren ueberzeugend ausfuehren - das Vorgehen gegen "falsch verstandene Vorstellungen von der nationalsozialistischen Revolution" (S. 117). Einem Auftrag Hitlers folgend, sollte der StdF die Parteirevolution von unten
abstoppen, die sich nach den Reichstagswahlen vom 5. Maerz 1933 in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft Bahn brach [7]. Hierbei wandte er sich in erster Linie gegen die Aspirationen der SA, deren revolutionaerer Aktivismus Hitler
zu diesem Zeitpunkt ein Dorn im Auge war (dies betraf natuerlich nicht die terroristische Unterdrueckung politischer Gegner). Ausserdem war Hess bestrebt, die revolutionaere Aussenpolitik, die von den NSDAP-Dependancen in Oesterreich, im Saarland und in der Freien Stadt Danzig und von der Auslandsorganisation in Uebersee entfacht wurde, zu mildern (S. 131-140). Die Autoren ordnen diese Aktivitaeten recht einleuchtend in den Kontext der
aussenpolitischen Konsolidierung des nationalsozialistischen Regimes ein. Auch bei der Verfolgung potentieller Regimegegner spielte der StdF eine zentrale Rolle und war eine treibende Kraft beim Schlag gegen der SA am 30.
Juni 1934 (S. 118-128). Dass er das alleinige Antragsrecht bei jeder Einleitung von Strafverfahren nach dem "Heimtueckegesetz" besass, ist eine Beobachtung, der die Autoren leider nicht nachgehen (S. 123 f.). Jedenfalls
leistete Hess 1933/34, so darf man wohl schlussfolgern, einen wesentlichen Beitrag zur inneren und aeusseren Stabilisierung des "Dritten Reiches".

Im 4. Kapitel widmen sich Paetzold und Weissbecker dann zunaechst den Kompetenzen des StdF im staatlichen Bereich. Hess, der im Zusammenhang mit dem "Gesetz zur Sicherung der Einheit von Partei und Staat" vom 1. Dezember
1933 zum Reichsminister ohne Geschaeftsbereich ernannt worden war, besass nach einem Erlass Hitlers vom 27. Juli 1934 "bei der Bearbeitung von Gesetzentwuerfen in saemtlichen Reichsressorts die Stellung eines beteiligten
Reichsministers" [8]. Pointierter ausgedrueckt, gab es nach diesem Erlass im "Dritten Reich", abgesehen von "Fuehrererlassen" und Ministerialverordnungen,
kein Gesetz mehr, dem der StdF oder sein Stab nicht ausdruecklich zugestimmt hatte. Mit seinem fast unbegrenzten Vetorecht in der Gesetzgebung uebte Hess,
dies arbeiten die Autoren zutreffend heraus, ein "besonderes politisches Richteramt aus, das seinen Einfluss auf die Innenpolitik vermehrte" (S. 149). Die Kompetenzen des StdF in der staatlichen Beamtenpolitik waren im uebrigen aehnlich strukturiert, worauf Paetzold und Weissbecker allerdings nur kurz eingehen (S. 198 ff.) [9]. Sie konzentrieren sich auf Hess' innerparteiliche
Herrschaftstechniken und sein Ziel, die NSDAP "in eine auf den kleinsten Wink der Kommandeure ausgerichtete Marschkolonne zu verwandeln" (S. 155). Der weitere institutionelle Ausbau des Stabes Hess (S. 146-156) und die skurrilen Ermahnungen des StdF an die Parteifunktionaere, das Rauchen zu unterlassen und sich nicht an "Festessen" zu beteiligen (S. 164-169), werden breit referiert. Demgegenueber vernachlaessigen die Autoren die personalpolitischen Steuerungsmoeglichkeiten des StdF in der NSDAP, so bei der Absetzung von Parteifunktionaeren und im Parteigerichtsverfahren. Die Beantwortung der
Frage, inwieweit es dem StdF und seinen Mitarbeitern ueberhaupt gelang, die NSDAP zu kontrollieren, unterbleibt ebenfalls.

Diese Frage wird in Kapitel 5, das den Zeitraum von September 1939 bis April 1941 umfasst, dann sporadisch wieder aufgenommen (S. 214 f. u. 228 ff.), ohne dass eine weitergehende Analyse erfolgt. Sicherlich war Hess als
"Befehlshaber im rueckwaertigen Dienst" (S. 227) im Zweiten Weltkrieg zunaechst eine der zentralen Figuren an der "Heimatfront". Es haette allerdings einiger anschaulicherer Beispiele als des eigentuemlichen "Briefes
an eine unverheiratete Mutter" von Dezember 1939 bedurft, um diese Hypothese zu belegen (S. 224 ff.). Was die Beteiligung des StdF an der nationalsozialistischen Rassenpolitik angeht, sind die Ausfuehrungen der Autoren dann aber erfreulich klar. Hess wirkte daran mit, die polnische
Bevoelkerung in den eingegliederten Ostgebieten zu "Heloten" zu degradieren, plaedierte nach dem Beginn des Einsatzes von Zwangsarbeitern im "Altreich" fuer eine rigorose Trennung zwischen deutschen sowie "fremdvoelkischen" Arbeitern und unterstuetzte die 1939/40 angelaufene "Euthanasie-Aktion" rueckhaltlos (S. 249-252). Die Ausfuehrungen zur kirchenfeindlichen Politik
des StdF leiden hingegen unter einer falschen Datierung des Dokumentes, das die Autoren in diesem Kontext interpretieren (S. 258, richtiges Datum: 18. April 1940). Alles in allem sind diese Passagen zu unsystematisch geraten,
weil Paetzold und Weissbecker das von ihnen ausgebreitete Quellenmaterial nicht strukturieren.

Die Kapitel 6 und 7 behandeln Verlauf und Folgen des Hess-Fluges vom 10. Mai 1941, und dabei gelingt es Paetzold und Weissbecker, einige eindrucksvolle Akzente zu setzen. Sowohl die Reaktionen der deutschen als auch die der
britischen Seite werden minutioes rekonstruiert und die weltgeschichtliche Tragweite des Fluges herausgearbeitet. Dabei schliessen sich Paetzold und Weissbecker nicht den fragwuerdigen Interpretationen an, die immer noch durch
die serioese wissenschaftliche Literatur geistern (S. 267 f. u. 281 f.) und zuletzt durch Rainer F. Schmidts abstruse Hypothese, der britische Geheimdienst habe Hess nach England "gelockt", neue Nahrung erhalten haben [10]. Demgegenueber warten sie mit einer abwaegenden Deutung der Ereignisse auf. Mit guten Argumenten schliessen sie sich der Ansicht an, wonach der StdF auf eigene Faust gehandelt habe, um Hitlers fixe Idee von einem Buendnis mit England (die aus den fruehen 1920er Jahren stammte) in die Tat umzusetzen (S. 275-283). Als Vollstrecker der Weltanschauung seines "Fuehrers" scheiterte Hess in diesem Fall allerdings voellig. Dieses Scheitern fuehrte Hess zunaechst vier Jahre in britische Kriegsgefangenschaft und dann, sein letzter oeffentlicher Auftritt, auf die Anklagebank des Nuernberger Hauptkriegsverbrecherprozesses. In Nuernberg, dies zeigen Paetzold und Weissbecker, entwickelten die Alliierten ein aeusserst realistisches Bild von der Taetigkeit des StdF als "Maschinisten", der den Parteiapparat bedient und
die NSDAP intakt gehalten habe (S. 319). Am 1. Oktober 1946 wurde der fruehere StdF in den Anklagepunkten 1) und 2) - Verbrechen gegen den Frieden und Entfesselung eines Angriffskrieges - schuldig gesprochen. In den Anklagepunkten 3) und 4) hingegen - Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschheit - reichte das vorliegende Beweismaterial nicht fuer eine Verurteilung aus (S. 324 f.). Das Gesamturteil lautete auf lebenslange Haft. Am 18. Juli 1947 ueberstellten ihn die Alliierten schliesslich ins
Kriegsverbrechergefaengnis nach Berlin-Spandau.

Im letzten Kapitel behandeln die Autoren dann die Zeitspanne zwischen 1947 und 1987, die Hess in Spandau in alliiertem Gewahrsam verbrachte, seit dem 1. Oktober 1966 als einziger Haeftling. Wichtigstes Kennzeichen fuer die mehr
als 40 Jahre waehrende Gefangenschaft war Hess' Motto "Ich bereue nichts...". Der fruehere StdF, das machen Paetzold und Weissbecker eindringlich klar, war unter den unzaehligen Unbelehrbaren nach dem Zweiten Weltkrieg der
Unbelehrbarste. Angesichts der demonstrativ zur Schau getragenen Attituede des frueheren StdF, der nicht die geringste Reue fuer seine zwischen 1933 und 1941 begangenen Taten empfand, kann es nicht weiter verwundern, dass die Alliierten eine vorzeitige Entlassung des frueheren StdF, wie sie von seinem Sohn Wolf-Ruediger gefordert wurde, ablehnten. Am 17. August 1987 starb Hess
in Spandau schliesslich an den Folgen eines Selbstmord-Versuches.

Trotz dieses eindrucksvollen Schlusskapitels bleibt die Bilanz des vorliegenden Buches, darauf sei abschliessend hingewiesen, durchaus ambivalent: Paetzold und Weissbecker ist es gelungen, die immense Bedeutung,
die Hess als StdF im "Dritten Reich" besass, ueberzeugend herauszuarbeiten. Die Leistung ihrer Biographie liegt in einer Revision der selbst in der serioesen historischen Forschung immer noch kolportierten Fehleinschaetzung, Hess sei nicht mehr als ein skurriler Einzelgaenger und fuer den Prozess der
politischen Willensbildung im "Dritten Reich" bedeutungslos gewesen. Dieses wichtige Ergebnis wird durch die Tendenz der Autoren zur unsystematischen Aneinanderreihung einzelner Beobachtungen jedoch konterkariert. Paetzolds und Weissbeckers anekdotischer Erzaehlstil fuehrt dazu, dass Hess' politische Grundueberzeugungen und Verhaltensweisen zwar konstatiert, kaum aber im Sinne
historischer Interpretation analysiert werden. Ich will dies an einem Einzelbeispiel erlaeutern: Die Autoren referieren die antisemitischen Aeusserungen des StdF (S. 156-164), erklaeren in diesem Zusammenhang aber nicht, wie er zum Antisemiten wurde (S. 38, aehnlich auch S. 25). Ebenso
lassen Paetzold und Weissbecker keinen Zweifel daran, dass der Antisemitismus fuer Hess im Mittelpunkt seines administrativen Wirkens als StdF stand (S. 215-222), untersuchen aber kaum, auf welche Art und Weise er seine
antisemitischen Ressentiments in praktische Politik goss. Dadurch bleibt Hess' Scharfmacherrolle beim "Judenboykott" am 1. April 1933, bei der Terrorwelle gegen die Juden im Sommer 1935 (die letztlich zu den "Nuernberger Gesetzen" fuehrte) und bei der "Reichskristallnacht" am 9. / 10. November 1938 fast vollkommen im Dunkeln. Paetzold und Weissbecker haben sicher einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, dass die Person des StdF von der historischen Forschung ernster genommen wird, als dies bisher geschehen ist. Das letzte Wort in Sachen Rudolf Hess haben sie meines Erachtens allerdings noch nicht gesprochen.

Anmerkungen:
[1] Kurt Paetzold und Manfred Weissbecker: Geschichte der NSDAP 1920-1945,Koeln 1998 (urspruenglich unter dem Titel "Hakenkreuz und Totenkopf: Die Partei des Verbrechens" 1981 in Ost-Berlin erschienen und unter dem heutigen Titel zugleich im Koelner Pahl-Rugenstein-Verlag in der BundesrepublikDeutschland aufgelegt).
[2] Dies.: Adolf Hitler. Eine politische Biographie, 2. Aufl., Leipzig 1999 (urspruenglich erschienen: 1995).
[3] Dies. (Hrsg.): Stufen zum Galgen. Lebenswege vor den Nuernberger Urteilen, 2. Aufl., Leipzig 1999 (urspruenglich erschienen: 1996).
[4] Dies gilt auch fuer Peter Padfield: Hess. Flight for the Fuehrer, London 1991.
[5] Diese beiden etwas verschwoerungstheoretisch anmutenden Hypothesen haben Paetzold und Weissbecker dem Buch von Bruno Hipler: Hitlers Lehrmeister. Karl
Haushofer als Vater der NS-Ideologie, St. Ottilien 1996, entnommen.
[6] Adolf Hitler: Reden und Proklamationen 1932-1945. Kommentiert von einem deutschen Zeitgenossen, hrsg. von Max Domarus; 2 Bde., Neustadt an der Aisch 1962-1963, hier: Bd. 1, S. 257.
[7] So der von Martin Broszat: Der Staat Hitlers. Grundlegung und Entwicklung seiner inneren Verfassung, 13. Aufl., Muenchen 1992 (urspruenglich erschienen: 1969), S. 246-252, gepraegte Begriff.
[8] Der Wortlaut dieses Erlasses findet sich in: Der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militaergerichtshof Nuernberg (14. November 1945 - 1. Oktober 1946); 42 Bde., Nuernberg 1947-1949; hier:
Bd. XXXV, S. 16 f. (= Dokument 138-D).
[9] Hierzu vor allem die bahnbrechende Studie von Peter Longerich: Hitlers Stellvertreter. Fuehrung der Partei und Kontrolle des Staatsapparates durch den Stab Hess und die Partei-Kanzlei Bormann, Muenchen / London / New York /
Paris 1992, S. 40-89, die Paetzold und Weissbecker nur unzureichend rezipieren.
[10] Rainer F. Schmidt: Rudolf Hess. "Botengang eines Toren"? Der Flug nach Grossbritannien vom 10. Mai 1941, Duesseldorf 1997, S. 127-171.

Zitation
Armin Nolzen: Rezension zu: : Rudolf Hess. Der Mann an Hitlers Seite. Leipzig  1999 , in: H-Soz-Kult, 06.05.2001, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-558>.
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06.05.2001
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