R. Pröve: Militär, Staat und Gesellschaft im 19. Jahrhundert

Titel
Militär, Staat und Gesellschaft im 19. Jahrhundert.


Autor(en)
Pröve, Ralf
Erschienen
München 2006: Oldenbourg Verlag
Umfang
X + 132 S.
Preis
€ 19,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wencke Meteling, SFB 437 Kriegserfahrungen, Universität Tübingen

Das wiedererwachte Interesse der deutschen Historiografie am Militär hat einen solchen Publikationsboom hervorgebracht, dass der Kenntnisstand unübersichtlich geworden ist. Sehr begrüßenswert ist darum das Erscheinen des Bandes „Militär, Staat und Gesellschaft im 19. Jahrhundert“ von Ralf Pröve in der Reihe Enzyklopädie Deutscher Geschichte, mit dem ein erstes Zwischenresümee vorliegt. Zwei weitere Bände zur Militärgeschichte im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit sowie im 20. Jahrhundert von Bernhard Kroener sind bereits angekündigt.

Pröve hat in zahlreichen Publikationen wichtige Anstöße für die neue Militärgeschichte der Frühen Neuzeit gegeben. [1] Der gängigen Periodisierung des langen 19. Jahrhunderts von 1789/1815 bis zum Ersten Weltkrieg hält er eine andere von 1763 bis ca. 1890 entgegen. Damit möchte er der teleologischen Interpretation deutscher Geschichte entgehen, die zu stark auf das 20. Jahrhundert hin ausgerichtet sei. In seiner Habilitationsschrift über „civile Ordnungsformationen“ [2] hat Pröve erfolgreich die Schallmauer von 1789/1815 durchbrochen, die sich aufgrund institutioneller Traditionen der Geschichtswissenschaft an deutschen Universitäten hartnäckig hält. In diesem Fall vermag seine knappe Begründung für die Periodisierung jedoch nicht ganz zu überzeugen (S. 2). Möglicherweise klärt sich demnächst aus der Zusammenschau der Bände zum 19. und 20. Jahrhundert, ob die maßgebliche Zäsur für das Thema Militär, Staat und Gesellschaft wirklich zwischen Reichsgründung und beginnendem Wilhelminismus liegt, und nicht 1914 zu veranschlagen ist.

Zu Beginn des enzyklopädischen Überblicks skizziert Pröve den grundlegenden Wandel der militärischen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts von einer Teilgesellschaft zu einem integralen Bestandteil der Gesellschaft des bürgerlich-industriellen und nationalen Zeitalters. Die allgemeine Wehrpflicht, die zunehmende Ideologisierung des Militärs und das sich wandelnde Kriegsverständnis – von der gezähmten Bellona zum Nationalkrieg – bewirkten, dass der Militärdienst nicht mehr als Job, sondern als Einsatz für die nationale Ehre betrachtet wurde. Um diesen Wandel nachzuzeichnen, nimmt Pröve bewusst eher langfristige Strukturen und Entwicklungen als kontingente Ereignisse wie Kriege in den Blick.

Im ersten Kapitel beschreibt er souverän die aufkommende Kritik der Spätaufklärer und Frühliberalen am Stehenden Heer und der ständisch abgeschlossenen Militärgesellschaft, die Reformversuche zu Beginn des 19. Jahrhunderts sowie die Auseinandersetzungen um die Wehrverfassung bis zur Revolution von 1848. Im Vormärz entspann sich ein lebhaftes Ringen um den Begriff der „Volksbewaffnung“, verbargen sich dahinter doch konkurrierende Ideen der Wehrverfassung und letztlich der Gesellschaftsordnung. Die Forderungen spitzten sich zum Ruf nach autarken Bürgerwehren zu. Dank jahrelanger eigener Forschungen kann Pröve hier aus dem Vollen schöpfen und anschaulich darlegen, wie die konträren Funktionen der Bürgerwehren als „Hilfspolizei“ und „Verfassungswacht“ sowie die Frage ihrer personellen Zusammensetzung und der behördlichen Kontrolle für Zündstoff sorgten. „Mit dem Ende der Revolution wurde auch das Sterbeglöcklein von Volksbewaffnung und Bürgerwehr eingeläutet. Das wiedererstarkte Militär hatte im Herbst 1848 seinen militärischen wie politischen Siegeszug angetreten. […] Das Besitzbürgertum floh in Scharen aus dem Ideengebäude einer unsicher gewordenen kommunalen und autarken Bürgergesellschaft unter das sichere Dach des militarisierten und autokratischen Staates.“ (S. 23) Hier verfällt Pröve allerdings just der teleologischen Interpretation deutscher Geschichte, die er vermeiden wollte. Die alten Eliten sicherten sich ihre Position in Staat und Gesellschaft mit dem Militär als Trumpf für die Aufrechterhaltung der alten Ordnung in der Hand. Damit sei ein Weg eingeschlagen worden, „der letztlich in den Ersten Weltkrieg mündete“ (S. 24).

Der Titel des zweiten Kapitels – „Nationalisierung und Industrialisierung: Krieg und Militär 1850-1890“ – weist auf einen Problemaufriss entlang der beiden wirkmächtigsten gesellschaftlichen Veränderungsprozesse der zweiten Jahrhunderthälfte hin. Stattdessen folgt jedoch unter der fragwürdigen Überschrift „Ereignis und Krieg“ eine tour de force durch die politische Ereignisgeschichte von Olmütz über Sedan bis zu Bismarcks Bündnissystemen, die verzichtbar gewesen wäre. Sehr lesenswert sind hingegen die fünf thematischen Rubriken Politik und Verfassung, Organisation und Verwaltung, Sozialstruktur und Alltag, Wirtschaft und Technik, Militär und Gesellschaft. Mit Hilfe der übergeordneten Fragestellung nach Nationalisierung und Industrialisierung wäre es möglich gewesen, die Sektoren enger zu verzahnen und Entwicklungstrends stärker herauszupräparieren, wenn auch auf Kosten von Einzelinformationen. In dem zentralen Abschnitt „Militär und Gesellschaft“ resümiert Pröve pointiert, dass der Doppelsieg des Militärs gegen die inneren Gegner in der Revolution und gegen die äußeren in den Einigungskriegen eine Verschmelzung von Staat und Militär, die Aussöhnung von Bürgertum und Militär und eine breitenwirksame soziale Militarisierung bewirkt habe. Dem ist grundsätzlich zuzustimmen. Allerdings betont Pröve zu stark den Untertanengeist der Gesellschaft des Kaiserreiches und suggeriert, dass die Militarisierung von ziviler Seite lediglich „akzeptiert“ (S. 44) anstatt aktiv gestaltet, ja vorangetrieben wurde.

Der zweite Teil „Grundprobleme und Tendenzen der Forschung“ bietet eine instruktive Bestandsaufnahme insbesondere der neuen Militärgeschichte. [3] Zuerst erläutert Pröve das Fach Militärgeschichte, nennt dann zu einzelnen Zeitabschnitten Forschungsdesiderata, umreißt neue Felder und Fragestellungen der Militärgeschichte und diskutiert abschließend (extrem knapp) die Kernprobleme „Militarismus und Militarisierung“ sowie „Gewalt und Totaler Krieg“. Die einst verfemte Militärgeschichte hat sich längst zu einer anerkannten, theoretisch und methodisch reflektierten Subdisziplin, der „neuen Militärgeschichte“, gemausert. Im Rampenlicht stehen allerdings mehr die Frühneuzeit und das 20., weniger das 19. Jahrhundert. Nachholbedarf sieht Pröve etwa bei der Untersuchung des Zusammenhangs von militärischem Alltag und Aufklärung oder der Periode zwischen 1815 und 1860. Negativ ins Gewicht fiel hier lange Zeit die Befangenheit der Historiografie in der kleindeutsch-borussischen Sichtweise. Die Gesellschafts-, Alltags- und Kulturgeschichte der Einigungskriege fristet gemessen am Ersten Weltkrieg ein Schattendasein, doch findet seit wenigen Jahren ein zarter Aufschwung statt. Ebenso mangelt es an sozialgeschichtlichen Arbeiten zur Militärgesellschaft im Kaiserreich. „Die Aufarbeitung von Lebenswelten und Alltag erfolgte bislang in umgekehrter Proportionalität zum Dienstrang“ (S. 70), hier können landes-, regional- und stadtgeschichtliche Untersuchungen Abhilfe schaffen, indem sie die Militärerfahrungen, die sich zwischen den Extremen Disziplinierung vs. Qualifizierung und Gesinnungsmilitarismus vs. Partizipation bewegten, weiter ausdifferenzieren. Ein reiches Forschungsfeld tut sich überdies mit der Frage nach der Bedeutung des Militärs für die innere Nationsbildung auf.

Die heutige vernetzte Sicht auf Militär, Gesellschaft und Krieg erfordert einen multiplen wissenschaftlichen Zugriff. Pröve präsentiert unterschiedliche Ansätze und Fragestellungen aus acht Teildisziplinen: Operationsgeschichte, Wirtschafts-, Sozial-, Frauen- und Geschlechter-, Kultur-, Technik-, Politik- sowie Stadtgeschichte. Die Hinzunahme der Stadtgeschichte stellt eine wichtige Ergänzung dar, finden sich alle übrigen Disziplinen doch bereits in dem von Thomas Kühne und Benjamin Ziemann herausgegebenen Sammelband. Dass ein so alter Zweig wie die Operationsgeschichte als neues Feld firmiert, hängt mit der kulturalistischen Wende in der Geschichtswissenschaft zusammen, die eine solche Vielzahl neuer Fragen, Themen und Sichtweisen aufgeworfen hat, dass sich die Neubestellung selbst scheinbar abgegraster Felder als lohnend erweist.

Pröve ist es gelungen, auf nur 132 Seiten einen systematischen Überblick über den aktuellen Forschungsstand, einen soliden Einstieg in das Thema Militär, ein ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis sowie ein Personen-, Orts- und Sachregister unterzubringen. Zwar behandelt er den Krieg bedauerlicherweise etwas stiefmütterlich, dies sollte man aber weniger dem Autor als dem engen Seitenkorsett anlasten, in das ein so umfassendes Thema wie „Militär und Krieg“ nur schwer hineinpasst. Vielleicht besteht Hoffnung darauf, dass die EDG-Reihe der Kriegsgeschichte einen eigenen Band widmet.

Anmerkungen
[1] Pröve, Ralf (Hg.), Klio in Uniform? Probleme und Perspektiven einer modernen Militärgeschichte der Frühen Neuzeit, Köln 1997; ders., Vom Schmuddelkind zur anerkannten Subdisziplin? Die „neue Militärgeschichte“ der Frühen Neuzeit. Perspektiven, Entwicklungen, Probleme, in: GWU 51 (2000), S. 597-612.
[2] Pröve, Ralf, Stadtgemeindlicher Republikanismus und die „Macht des Volkes“. Civile Ordnungsformationen und kommunale Leitbilder politischer Partizipation in den deutschen Staaten von Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, Göttingen 2001.
[3] Dazu Kühne, Thomas; Ziemann, Benjamin (Hgg.), Was ist Militärgeschichte? Paderborn 2000.

Zitation
Wencke Meteling: Rezension zu: : Militär, Staat und Gesellschaft im 19. Jahrhundert. München  2006 , in: H-Soz-Kult, 22.08.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8070>.