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Titel
Der deutsche Horizont. Vom Schicksal eines guten Landes


Autor(en)
Wagner, Richard
Erschienen
Berlin 2006: Aufbau Verlag
Umfang
399 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Klaus Popa

Der aus dem rumänischen Banat stammende Prosaschriftsteller Richard Wagner unternimmt in seinem neuesten Buch den Versuch, die Frage des Nationalgefühls als Notwendigkeit für Deutschland und die Deutschen zu thematisieren. Eine unverkrampfte Begegnung und Verinnerlichung mit dieser Dimension sei laut dem Verfasser eine überfällige Glaubenssache. So heißt es bei ihm, zu Deutschland gehöre auch „ein Traum von Deutschland“ (S. 13). Um ein Land zu reformieren, müsse man es „zu schätzen wissen“ (S. 79). Wie aber sei es um eine Nation bestellt, „deren Nationalhymne einen nur teilweise zugelassenen Text“ habe (S. 312)? Der Nationenbegriff müsse deshalb „im kollektiven Bewusstsein neu verankert werden, soll das Unbehagen an Deutschland endlich der Normalität weichen“ (S. 313). Ein Haupthindernis für die Restitution des Nationalen bilde laut Wagner das Geflecht von „Ritualen“ und Tabus, das sich um die Bewältigung der NS-Hypothek in der Bonner Republik herausgebildet habe: „Der Nationalsozialismus wirkt bis heute nicht nur als Last des Verbrechens, sondern auch als große Warnung vor der nationalen Initiative. Als solche Warnung ist er früh von den Stalinisten bis zu den heutigen Gutmenschen instrumentalisiert worden. Sie haben mit ihrem Warndiskurs vom immer noch fruchtbaren Schoß jede Normalisierung des Nationenbegriffs blockiert. Die aus Sorge um die Gegenwart gepflegten Rituale der kollektiven Schande haben letzten Endes die nötigen Antriebe der heutigen deutschen Gesellschaft untergraben“ (S. 273).

Diese Kernaussage des Buches macht die „Stalinisten“ und „Gutmenschen“ – Letztere sonst mit den Linksintellektuellen der 1968er-Bewegung und deren antiautoritärem Auftreten identisch – als Hauptverantwortliche für die bisher ausgebliebene „Normalisierung“ des Verhältnisses der Deutschen zu ihrem Land und zu ihrer Nation aus. Diese seien mit ihrem „Ermächtigungsdiskurs der Altachtundsechziger“ (S. 37) bzw. dem „achtundsechziger Diskurs“ (S. 56) lange tonangebend gewesen. Dieser Diskurs äußere sich im zentralen „Denkverbot“, den Nationalsozialismus und Kommunismus miteinander vergleichen zu dürfen. Daraus ergibt sich laut Wagner die paradoxe Situation, die Sowjetunion als „Befreier“ betrachten zu müssen, was aber gleichzeitig hieße, „die stalinistischen Verbrechen zu ignorieren“ (S. 168). Weitere Folgen des 1968er-Diskurses seien z.B. die Haltung, dass „niemand [...] mehr radikal [...] oder gar extrem“ sein wolle (S. 49). Die „Dekonstruktion der Autorität“ habe „zur Abrüstung der Werte“ geführt (S. 55). Eine „flächendeckende Verdachtskultur“ (S. 82), der zum „Nationalsport“ gewordene „Gesinnungscheck“ (S. 83), der „neurotisch gewordene antifaschistische Gestus“ und die „kollektive Scham“ (S. 159) verstellten zusammen mit einem „posthistorische(n) Antifaschismus“ jeden Horizont (S. 269). Um die ritualisierte „Schuldfrage“ herum wimmle es von Stereotypen und Klischees: „Das Beschwören der Gefahr von rechts“ beispielsweise stelle ein die Geschichte der Bundesrepublik ebenso „konstant begleitendes Ritual“ (S. 169) dar wie die Umweltproblematik als „Fixpunkt der gesellschaftlichen Rituale“ (S. 320). Wagner glaubt auch „Empörungsrituale“ festzustellen: Als Konsequenz des „Paulskirchenvorfalls mit Martin Walser“ übernähmen „die Sprecher der jüdischen Gemeinde“ regelmäßig die Rolle des „Mahners“: „Spätestens wenn ein Paul Spiegel uns an unsere Verantwortung angesichts der deutschen Geschichte erinnert, setzt das Empörungsritual ein“ (S. 162).

Das Ergebnis dieses aus nationaler Sicht perspektivlosen Diskurses ist für Wagner, dass wir „eine Gesellschaft ohne Gedächtnis“ sind, weil „unser Gedächtnis [...] durch Rituale ersetzt“ worden sei (S. 247). Auch „Inszenierungen der Politik“, der „Eventcharakter von Parteitagen und Regierungserklärungen“ (S. 184), die „achtundsechziger Demontage der Werte“, die „durch die Spaßgesellschaft mit deren komödiantischer Inszenierung“ ergänzt wurde (S. 251), perpetuiere deutsche „Hysterien“ und bewirke eine „fortlaufende Inszenierung des Weltuntergangs“ (S. 327). All diesen Aspekten der Sinnentleerung vermeint der Verfasser mit der Wiederaufwertung des „Gemeinwesens“ und des damit verbundenen gegenseitigen Verständnisses begegnen zu können. Unabdingbar sei jedoch die Wiederherstellung der Autorität, weil es „ohne Autorität keine Leistung“ gebe (S. 248). Dazu bedürfe es eines starken Staates, dessen Fehlen der Verfasser wiederholt beklagt. Dieser müsse Privilegien und deren Missbrauch abschaffen, denn es gebe „kaum noch Loyalität zu unserem Gemeinwesen“ (S. 226). Vielmehr müsse das „Ethos unserer Gesellschaft“ (S. 229) ebenso gestärkt werden wie das „Gemeinschaftsgefühl“: Weil es „ums Ganze“ gehe, müsse „Gemeinsinn“ wieder prägend werden: „Man kann, was uns antreibt, antreiben sollte, Gemeinsinn oder auch nur Fairness nennen, wer sich davon verabschiedet, der verabschiedet sich aus den gesellschaftlichen Grundregeln“ (S. 387).

Wagner bringt sein Projekt eines patriotischen Deutschland in diesem Band nicht unbedingt systematisch zur Sprache und zählt die Gebrechen der Berliner Republik auch eher ablehnend denn kritisch auf. Seine Sichtweise ist zugespitzt und dramatisierend, er befleißigt sich einer zuweilen apodiktischen Formulierungsweise, die allzu oft den westlichen und weltweiten Kontext ausblendet, in dem sich Deutschland bewegt und bewegen muss. Der im Buchtitel formulierte „deutsche Horizont“ kann sich des Zuspruchs eines bestimmten politischen Spektrums zwar sicher sein, wird hingegen bei denjenigen auf entschiedene Ablehnung stoßen, die er durchgängig für die Defekte der Bonner und der Berliner Republik haftbar macht. Werden die Einen es als überfällig begrüßen, dass Wagner scheinbar „vorsätzlich“ unterdrückte nationale Probleme benennt und sie als „Tabus“ und politische „Rituale“ thematisiert, werden die Anderen sich empören oder angewidert abwenden und dem Verfasser vorhalten, mit bundesdeutschen Empfindsam- und Befindlichkeiten wahllos herumzuspringen. Die im Buch durchgehend kultivierte Provokation mag zwar aufrütteln, polarisiert aber letztlich derart, dass sie den Weg zu einer konstruktiven Auseinandersetzung mit den angesprochenen Problemlagen eher versperrt als ebnet.

Zitation
Klaus Popa: Rezension zu: : Der deutsche Horizont. Vom Schicksal eines guten Landes. Berlin  2006 , in: H-Soz-Kult, 21.09.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8264>.
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21.09.2006
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