Graduiertenkolleg (Hrsg.): Ethnizität und Geschlecht

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Titel
Ethnizität und Geschlecht. (Post-) Koloniale Verhandlungen in Geschichte, Kunst und Medien


Hrsg. v.
Graduiertenkolleg
Erschienen
Umfang
377 S.
Preis
€ 42,90
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Schmidt-Haberkamp Barbara, Institut für Anglistik, Amerikanistik und Keltologie, Rheinische-Friedrich-Wilhelms Universität Bonn

Die bewundernswert rasch publizierte Aufsatzsammlung enthält, auf stattliche neunzehn Beiträge erweitert, die Vorträge aus der Tagung „Verhandeln, Verwandeln, Verwirren. Interdependenzen von Ethnizität und Geschlecht“, die die Stipendiat/innen des DFG-Graduiertenkollegs „Identität und Differenz, Geschlechterkonstruktion und Interkulturalität (18. bis 21. Jahrhundert)“ im November 2004 an der Universität Trier ausgerichtet haben.[1] Die Frage nach den Analogien und Interdependenzen in Konstruktionen von Ethnizität und Geschlecht ist seit den 1990er-Jahren zentraler Gegenstand der Postcolonial und Gender Studies in der anglo-amerikanischen Forschung; in der deutschsprachigen Forschung gewinnt sie langsam Raum, und hier nutzt man den Vorteil – wie die Beiträger des vorliegenden Bandes auch – auf die Analysekategorien einschlägiger Theoretiker wie Homi Bhabha, Gayatri Spivak oder Stuart Hall zurückgreifen zu können. Zugespitzt wird das Erkenntnisinteresse der Beiträge auf die Untersuchung der Genese und Funktionsweisen von Hierarchien und Machtstrukturen sowie der Möglichkeit ihrer Veränderung an Fallstudien zu verschiedenen wissenschaftlichen und künstlerischen Kontexten von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Der Band versammelt Einzelanalysen aus den Disziplinen Ethnologie, Geschichtswissenschaft, Japanologie, Kunstgeschichte sowie Literatur- und Medienwissenschaft.

In ihrem Vorwort legt die Sprecherin des Graduiertenkollegs, Viktoria Schmidt-Linsenhoff, dar, die Auswahl der Fallstudien fokussiere „Defizite der postcolonial und gender studies“: „[D]en deutschen und österreichischen Kolonialismus, Konstruktionen von männlicher Alterität, Zusammenhänge zwischen kultureller Alltagspraxis und ästhetischer Konstruktion, zwischen gelebten und künstlerisch inszenierten Diskursen.“ (S. 1) Richtig ist, dass die Fragestellungen der Postcolonial Studies erst langsam, aber nun auch stetig, in anderen Disziplinen als der Anglistik und Amerikanistik Beachtung finden und damit auch die Kolonialgeschichte anderer geografischer Räume als des anglophonen Sprachraums in den Blick gerät – während die Anfänge der Postcolonial Studies im anglophonen Sprachraum auf die 1960er-Jahre zurückgehen. Einzuwenden wäre, dass zumindest in der anglo-amerikanischen Forschung „representation“ und „performativity“ zu den Basiskonzepten gehören. Männlichkeitskonzepte und Konstruktionen von männlicher Alterität schließlich sind seit den 1990er-Jahren im Blickpunkt der Wissenschaft. Beispielsweise gab „Jouvert. A Journal of Postcolonial Studies“ 1998 ein Sonderheft zum Thema „Postcolonial Masculinities“ heraus; die zahlreichen Einzelstudien zum Thema reichen von Konstruktionen männlicher Alterität im Bengalen des 19. Jahrhunderts [2] bis zu solchen in der asiatisch-stämmigen Bevölkerung in den heutigen USA.[3] 2002 hat Judith Kegan Gardiner einen vielbeachteten Band herausgegeben, in dem die Prämissen von und Interdependenzen zwischen Masculinity Studies und Feminist Theory neu ausgelotet werden.[4]

Zuletzt sei darauf hingewiesen, dass die mit Klammern komplizierte Konstruktion des Adjektivs „(Post-)Kolonial“ im Titel des Sammelbandes in den Postcolonial Studies aus gutem Grund abgelehnt wird, weil sie mit dem Datum der politischen Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonie eine zeitliche Zäsur setzt, die das Vermächtnis der kolonialen Vergangenheit und die fortdauernden Dekolonisationsprozesse zum Verschwinden bringt. „Postkolonial“ ist nicht mit „nach-kolonial“ gleichzusetzen, sondern bezeichnet als chronologischer Epochenbegriff ein zeitliches Kontinuum vom Beginn der Kolonisation bis in die Gegenwart; darüber hinaus ist Postkolonialität in erster Linie eine politisch motivierte Kategorie zur Analyse der historischen, politischen, kulturellen und diskursiven Aspekte des unabgeschlossenen Kolonialdiskurses.[5]

Der Qualität der Beiträge tun diese Einlassungen keinen Abbruch. Im Wissen um die Unmöglichkeit des Sprechens außerhalb von Machtdiskursen gehen die Beiträge der Etablierung, Umformung und Subversion von Machtstrukturen im Schnittpunkt der Koordinaten Geschlecht und Ethnizität in den folgenden vier Bereichen nach: „Kolonialisierungsprozesse und ihre Geschichte(n)“, „Von weißen und anderen Männern“, „Kulturelle Identität(en) zwischen Text und Performanz“ und „(Neu-)Verhandlungen von Alterität“. Auf die umfassend und kritisch das Forschungsfeld beschreibende Einleitung folgt der erste inhaltliche Block zum Zusammenhang von Geschlechterhierarchien und Kolonialhierarchien. Der Historiker und Politikwissenschaftler Michael Weidert widmet sich den katholischen Missionen in Deutsch-Ostafrika und untersucht die hegemonialen und patriarchalen Verhältnisse innerhalb der Mission wie auch zwischen Missionsangehörigen und indigener Bevölkerung, während die Historikerin Nina Möllers die Gefährdung der kolonialen Ordnung durch die „free women of colour“ im New Orleans des 19. Jahrhunderts „als sichtbares Ergebnis bereits begangener Grenzüberschreitung und gleichzeitiger gegenwärtiger Versuchung“ (S. 62) beschreibt. Drei weitere Beiträge fokussieren die Instrumentalisierung visueller und textueller Repräsentationen zur Festigung eines hegemonialen, realpolitischen Machtanspruchs am Beispiel von Bildern indigener Frauen mit Kindern im Amerika der frühen Kolonialzeit (Maike Christadler) sowie am Beispiel von Postkarten mit Haremsmotiven, die zwischen 1848 und 1930 in Nordafrika für französische Empfänger angefertigt wurden (Silke Förschler). Der Germanist Gregor Guţu, derzeit Professurinhaber des Elias-Canetti-Gast-Lehrstuhls an der Viadrina-Universität in Frankfurt an der Oder, demonstriert am Beispiel von Rose Ausländer und Alfred Margul-Sperber, wie quasi-koloniale Verhältnisse die künstlerische Produktion und das Selbstverständnis von Schriftstellern in der Bukowina prägen, und befragt die hegemoniale Dichotomie Zentrum/Peripherie.

Der zweite inhaltliche Block ist der Konstruktion von Männlichkeit vor der Folie von Weiblichkeit und marginalisierten Männlichkeiten gewidmet. Die Historikerin Claudia Bruns untersucht die ethnologische „Erfindung“ des Männerbundes im Wilhelminischen Deutschland als Nachahmung („mimicry“) „primitiver“ Männerhäuser, die sie als Versuch der Neuetablierung bildungsbürgerlich-hegemonialer Männlichkeit gegen die Ansprüche der erstarkenden Frauenemanzipation (Otto Weininger: „Das Weib ist wirklich auch vollkommen unsozial“) und, in geringerem Maße, auch gegen die Arbeiterbewegung liest. Die weiteren Beiträge in dieser Abteilung gehen der sich wandelnden Instrumentalisierung afrikanischer Kolonialsoldaten für die Konstruktion deutscher Männlichkeit in der deutschen Kriegspropaganda von 1914 bis 1940 nach (Sandra Maß), dem Verhältnis von Männlichkeit und Alterität im amerikanischen Film der 1950er-Jahre (Bernd Elzer) sowie der Rezeption außereuropäischer Künstler auf dem europäischen und amerikanischen Kunstmarkt (Kerstin Schankweiler).

Performativen Akten der Inszenierung von Ethnizität und Geschlecht ist der dritte inhaltliche Block gewidmet. Die Beiträge nehmen in den Blick, wie sich der bukowinische Schriftsteller Paul Celan in seinem Werk von der westlichen Kunsttradition distanziert und sein künstlerisches Selbstverständnis reflektiert (Iulia-Karin Patrut) und auf welch verschiedene Weisen Botho Strauß und Yoko Tawada in ihren poetologischen Essays Exotismus und Primitivismus inszenieren (Ruth Kersting). Die Kulturwissenschaftlerin und Japanologin Michiko Mae untersucht die Selbst- und Fremdzuschreibungsmuster von in Japan lebenden Koreaner/innen; zwei weitere Beiträge befassen sich mit den Gegendiskursen in Werken von Schriftstellern mit Migrationshintergrund (Kristina Iwata-Weickgenannt, Liesbeth Minnaard).

Die Beiträge der vierten Sektion untersuchen Möglichkeiten einer Veränderung der Konzeptionen von Ethnizität und Geschlecht sowie ihrer medialen Repräsentation. Sie diskutieren (potentiell) widerständige Handlungsmöglichkeiten sowie Gegenentwürfe zu konventionellen Darstellungen am Beispiel des Wandels von Geschlechterkonzeptionen im japanischen Theater (Barbara Geilhorn), der subversiven Alltagspraktiken der Amazonastieflandindianer im Umgang mit ihrer Außenwelt – z.B. mit der Ethnologin – (Iris Edenheiser), der Inszenierung ethnisierter Körper in Musikvideos (Christina Schoch), den Auswirkungen der Bewegung der political correctness (PC) auf Indianerdarstellungen in Deutschland und in den USA (Doris Mosbach) sowie der Sichtbarmachung marginalisierter Frauen in dokumentarischen Repräsentationsformen (Angelika Bartl). Zwar machen die Analysen deutlich, „daß es weder generalisierbare Vorgehensweisen noch künstlerische Praxen gibt, die zwangsläufig ‚befreiende‘ Effekte entfalten“, sondern selbst Akte mit explizit emanzipatorischem Anspruch zuweilen in jenen Machtkonstellationen befangen bleiben, gegen die sie opponieren (S. 17). Zugleich wird in allen Beiträgen dieses Bandes die Elastizität und Wandelbarkeit der Kategorien Ethnizität und Geschlecht offensichtlich; damit ist auch die Möglichkeit einer Veränderung hierarchisierender und diskriminierender Differenzkonstruktionen durch ihre fortgesetzte Kritik impliziert.

Gerade die Heterogenität der beteiligten Disziplinen und der Untersuchungsgegenstände verdeutlicht die Berechtigung und Bedeutung der Analyse der Interdependenzen von Geschlecht und Ethnizität in Machtdiskursen – und welche Diskurse wären keine Machtdiskurse? Jeder dieser Beiträge ist lesenswert und bietet einen Einblick in ein Forschungsfeld, dessen Dimensionen nach der Lektüre dieses Bandes unermesslich erscheinen. Denn Alteritätsdiskurse in Hinblick auf Ethnizität und Geschlecht prägen jede Facette des Lebens eines jeden Erdenbürgers. Das Adjektiv „postkolonial“ setzt jedoch enger die historische Erfahrung der Kolonisation voraus, und die ist nur bei einem Teil der in diesem Band verhandelten Gegenstände gegeben. Insofern wäre es zutreffender gewesen, das ganze Adjektiv „postkolonial“ im Titel des Bandes in Klammern zu setzen.

Anmerkungen:
[1] Siehe den Tagungsbericht von Alexander Patrut unter: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=759>.
[2] Sinha, Mrinalini, Colonial Masculinity. The „Manly Englishman“ and the „Effeminate Bengali“ in the Late Nineteenth Century, New York 1995.
[3] Eng, David L., Racial Castration. Managing Masculinity in Asian America, Durham 2001.
[4] Kegan Gardiner, Judith (Hg.), Masculinity Studies and Feminist Theory. New Directions, New York 2002.
[5] Vgl. Ashcroft, Bill; Griffiths, Gareth; Tiffin, Helen, The Empire Writes Back. Theory and Practice in Post-Colonial Literatures, London 1989; Kien Nghi Ha, Ethnizität und Migration, Münster 1999.

Zitation
Schmidt-Haberkamp Barbara: Rezension zu: Graduiertenkolleg (Hrsg.): Ethnizität und Geschlecht. (Post-) Koloniale Verhandlungen in Geschichte, Kunst und Medien. Köln  2005 , in: H-Soz-Kult, 13.11.2006, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8349>.
Redaktion
Veröffentlicht am
13.11.2006
Redaktionell betreut durch
Kooperation
Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/
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