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Titel
Dacia. Eine römische Provinz zwischen Karpaten und Schwarzem Meer


Autor(en)
Gudea, Nicolae; Lobüscher, Thomas
Erschienen
Mainz am Rhein 2006: Philipp von Zabern Verlag
Umfang
128 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alfred Schäfer, Winckelmann-Institut, Humboldt-Universität zu Berlin

Die Schriftenreihe Orbis Provinciarum verfolgt das Ziel, den aktuellen Forschungsstand zur Geschichte und Kultur der römischen Provinzen in zusammenfassenden und allgemein verständlichen Einzeldarstellungen vorzulegen.[1] Es soll ein Bild der antiken Alltagswelt gezeichnet werden, dass sich auf die Überlieferung der materiellen Kultur einer Provinz stützt. Nach den bereits erschienenen Monografien zu Noricum, Pontus et Bithynia sowie Lycia et Pamphylia haben sich nun Nicolae Gudea und Thomas Lobüscher dieser Aufgabe für die nördlich der Donau vorgeschobene Provinz Dacia gestellt. Der Band beeindruckt durch seine Fülle an fundierten Informationen zum vorrömischen Dakien und zur Geschichte und Archäologie der römischen Provinz, vor allem in Hinblick auf Militär, Wirtschaft, Bevölkerung und Religion. Eine zusammenfassende Betrachtung widmet sich der Romanisierung Dakiens. Abschließend werden Fragen der Kontinuität erörtert, die sich aus der Aufgabe der Provinz unter Kaiser Aurelian ergeben. Die behandelten Themenfelder beziehen sich auf Dakien als einen kulturellen Großraum, so dass regionale Unterschiede und damit zusammenhängende zeitliche Phänomene nur im Ansatz herausgearbeitet werden können (S. 24, 86). Dass einzelne Landschaften ein eigenes Profil entwickelten und sogar einzelne Siedlungen eigene Charakteristika besaßen, konnte überzeugend für Moesia Superior und die ‚illyrischen’ Provinzen dargelegt werden.[2] Für den Raum Dakiens sind strukturelle Unterschiede von Gesellschaft und Kultur, die sich etwa aus der Siedlungsdichte und den unterschiedlichen Kategorien von zentralen Orten ergeben haben, weiterhin zu untersuchen. Insgesamt wird der Band durch seine dichte Aneinanderreihung von Zeugnissen dem Ziel gerecht, einen Überblick zum materiellen Erbe der römischen Provinz Dacia zu geben.

Ausgewogen ist die Beurteilung der Frage, welchen Beitrag die einheimisch dakische Bevölkerung für die Entwicklung der Provinz geleistet hat (S. 58ff.). Die indigene Bevölkerung hat sich vor allem in den ländlichen Regionen zusammen gefunden. Das Erscheinungsbild der Provinz ist aber in erster Linie durch die römischen Städte mit ihrem Umland geprägt worden. Aufgrund dieser Siedlungsstruktur wird dem traditionellen Modell einer umfassenden Romanisierung der Daker die Grundlage entzogen. Akkulturationsphänomene, die auf den Kontakt zwischen den Kolonisten mit der ansässigen Bevölkerung wie in anderen Nordwestprovinzen zurückgehen, können in Dakien nicht in einem vergleichbaren Maß analysiert werden. Überzeugend ist ebenso der kritische Umgang mit der so genannten Kontinuitätstheorie, welche die historischen Wurzeln des rumänischen Staates im Reich der Daker sieht und das rumänische Volk genealogisch auf die ‚dako-römische’ Bevölkerung der Spätantike zurückführt (S. 98ff.). Für eine Einschätzung der ansässigen Bevölkerung nach dem aurelianischen Rückzug werden zukünftig vor allem Lokalstudien grundlegend sein. Weiterführende Beiträge zu den urbanen Zentren und ländlichen Regionen findet man bereits im Band "Roman Dacia".[3]

Interpretationsschwierigkeiten ergeben sich aus der Anwendung weithin akzeptierter Modelle, die pauschal mit den Begriffen "Militär als Kulturträger", "Synkretismus", "Orientalische Religionen", "interpretatio Romana" und "Romanisierung" erfasst werden. Beginnen möchte ich mit dem Themenfeld Militär. Die Analyse des Verteidigungssystems der dakischen Provinzen geht auf den besten Kenner der Materie zurück (S. 31ff.). In Dakien liegt nicht eine lineare Grenzverteidigung, sondern eine konzentrische Anordnung von militärischen Stützpunkten vor. Zu hinterfragen ist der angenommene Verlauf der westlichen Limesgrenze entlang des Mures bis zur Theiss (S. 31-32, 51). Andere Anhaltspunkte könnten die Auxiliarkastelle in der Nähe des Legionsstandortes Bersobis geben. Dass die Personengruppe der Soldaten und Veteranen eine Schlüsselrolle im Urbanisierungsprozess übernommen hat (S. 23), trifft zweifelsfrei zu. Die Rolle des Militärs als Kulturträger ist allerdings nicht einseitig herauszustellen. Das Miteinander von Militär und Zivilbevölkerung, wie es sich beispielsweise außerhalb der Lagermauern in den Heiligtümern zeigt, muss stärker berücksichtigt werden. In der aktuellen Forschung wird kontrovers diskutiert[4], ob die Kolonie Sarmizegetusa mit ihren Stadtmauern und ihrem steinernen Forum auf dem Gelände eines aufgelassenen Legionslagers errichtet worden ist (S. 22, 24, 32, 90). Die Problematik der ambivalent zu deutenden Überlieferung basiert darauf, dass zivile Siedlungen auf Militärlager zurückgehen konnten und dass städtische Neugründungen mit ihren einfachen Erdwällen, Holztoren und -gebäuden zugleich militärischen Lagern glichen. Gerade bei Koloniegründungen der traianischen Zeit wird häufig hervorgehoben, dass das Forum wie ein Principia-Gebäude ausgestaltet ist und dass die Stadt folglich genau über einem militärischen Lager errichtet worden sei. Die oft vertretene These, dieser Typ des Forums sei direkt aus der Militärarchitektur übernommen worden und eine steinerne Umsetzung der principia für zivile Zwecke, ist in dieser Form nicht haltbar. Die jüngere Forschung geht zu Recht von einer gegenseitigen Beeinflussung von Zivil- und Militärarchitektur aus.[5] Solange man die Unterkünfte der Soldaten in Sarmizegetusa noch nicht ergraben hat, ist die genaue Lokalisierung des unbestritten vorhandenen Lagers noch offen.

Das Themenfeld Religion wird nach der gängigen Vorgehensweise gestaltet, Weihgeschenke und -inschriften für eine bestimmte Gottheit zahlenmäßig zu erfassen (S. 64ff.). Die Monumente gelten als Zeugnisse eines bestimmten "Götterkultes" und werden zu Götterstatistiken reduziert. Demgegenüber eröffnet die (Re-)Kontextualisierung der Funde in einem Heiligtum oder städtischen Religionsgefüge eine neue Perspektive, da Votivgaben und -inschriften als Zeugnisse religiöser Kommunikation nebeneinander analysiert werden können. Lokal- und regionalspezifische Phänomene geraten auf diese Weise in den Blick ebenso wie reichsweite Bezüge, aber auch gemeinsame religiöse Praktiken von Anhängern angeblich unterschiedlicher Götterkulte oder Traditionsbrüche in der Wahl von Ritualen. Die vielfältigen Optionen religiöser Akteure erlauben es nicht, das Modell einer Integration in einen Synkretismus undifferenziert anzuwenden (S. 75, 79). In der aktuellen Literatur liegen kritische Bewertungen des Modells der interpretatio Romana im römischen Dakien (S. 65, 67, 69, 72, 74-76) und des Konzepts der Orientalischen Religionen vor (S. 64, 72, 76).[6] Dass die griechisch-römischen Gottheiten von der indigenen Bevölkerung "mit eigenen Augen" gesehen wurden (S. 75), ist zwar kaum in Zweifel zu stellen, kann aus religionsgeschichtlicher Perspektive aber nicht analysiert werden. Im Blickpunkt sollte die Religion der Einwanderer und Soldaten stehen. In diesem Zusammenhang ist eher von einem Kolonisationsprozess, weniger von einem Romanisierungsprozess im Sinne einer Assimilierung der einheimischen Bevölkerung, zu sprechen. Die Frage nach den fremden und neuen Kulten einer Stadt oder eines militärischen Standortes wird zu Recht im Rahmen der kulturellen Austauschprozesse und Migrationsbewegungen im Römischen Reich gesehen.

Romanisierung bedeutete in Dakien vor allem Urbanisierung (S. 89ff.). Überzeugend wird darauf verwiesen, dass sich der Verstädterungsprozess bis in die Mitte des 3. Jahrhunderts n.Chr. kontinuierlich vollzog (S. 23-27, 50). Diese Beobachtung müsste anhand von archäologischen Stadtgeschichten in diachroner Perspektive nachvollzogen werden.[7] Das Ergebnis eines regen Ausbaus der wichtigsten Zentralorte Dakiens bis gegen 250/260 n. Chr. ist von weit reichender Bedeutung, da es manchen allgemeinen Verfallskonzepten deutlich widerspricht. Die in dieser Buchbesprechung beschriebenen Ansätze stellen keine Detailkritik, sondern Überlegungen zu neuen Forschungsperspektiven dar. Der Rezensent versteht den Band von Gudea und Lobüscher als gelungene Zwischenbilanz, die zu weiteren Studien der provinzialen Kultur Dakiens auffordert.

Anmerkungen:
[1] Bechert, Tilmann, Die Provinzen des Römischen Reiches. Einführung und Überblick, Mainz 1999.
[2] Wilkes, John, Dalmatia, London 1969; Mócsy, András, Gesellschaft und Romanisation in der römischen Provinz Moesia Superior, Budapest 1970; Alföldy, Géza, Die ‚illyrischen’ Provinzen Roms. Von der Vielfalt zu der Einheit, in: Urso, Gianpaolo (Hg.), Dall'Adriatico al Danubio. I'Illirico nell'età greca e romana, Pisa 2004, S. 207-220.
[3] Hanson, William S.; Haynes, Ian P. (Hgg.), Roman Dacia. The Making of a Provincial Society, in: Journal of Roman Archaeology Suppl. 56, Portsmouth 2004; vgl. auch: Cocis, Sorin; Marcu, Felix; Tentea, Ovidiu, Bibliografia Daciei Romane (1919-2000), Cluj-Napoca 2003.
[4] Étienne, Robert; Piso, Ioan; Diaconescu, Alexandru, Les fouilles du forum vetus de Sarmizegetusa. Rapport général, Acta Musei Napocensis 39-40/I (2002-2003), S. 59-154.
[5] Hesberg, Henner von, Gestaltungsprinzipien römischer Militärarchitektur, in: ders. (Hg.), Das Militär als Kulturträger in römischer Zeit, Köln 1999, S. 87-116, hier S. 96, 99; Sommer, Sebastian C., Römische Städte und Siedlungen in den germanisch-raetischen Provinzen, in: Menghin, Wilfried; Planck, Dieter (Hgg.), Menschen, Zeiten, Räume - Archäologie in Deutschland, Stuttgart 2002, S. 256-261, hier S. 256-258.
[6] Schäfer, Alfred, The diffusion of religious belief in Roman Dacia. A case-study of the gods of Asia Minor, in: Hanson; Haynes (wie Anm. 3), S. 179-190; Bonnet, Corinne; Rüpke, Jörg; Scarpi, Paolo (Hgg.), Religions orientales - culti misterici, Stuttgart 2006.
[7] Schäfer, Alfred, Sakrale Räume und Kultpraktiken in städtischen Zentren Dakiens, in: Cancik, Hubert; Rüpke, Jörg (Hgg.), Römische Reichsreligion und Provinzialreligion, Erfurt 2003, S. 168-174; Piso, Ioan, An der Nordgrenze des Römischen Reiches, Stuttgart 2005, S. 273-293 u. 435-457; Schäfer, Alfred, Sarmizegetusa als urbanes und regionales Zentrum der Provinz Dakien, in: Cancik, Hubert; Schäfer, Alfred; Spickermann, Wolfgang (Hgg.), Zentralität und Religion. Zur Formierung urbaner Zentren im Imperium Romanum, Tübingen 2006, S. 195-243.

Zitation
Alfred Schäfer: Rezension zu: : Dacia. Eine römische Provinz zwischen Karpaten und Schwarzem Meer. Mainz am Rhein  2006 , in: H-Soz-Kult, 05.02.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8392>.
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05.02.2007
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