C. Krüger: Deutsche Juden 1870/71

Titel
"Sind wir denn nicht Brüder?". Deutsche Juden im nationalen Krieg 1870/71


Autor(en)
Krüger, Christine G.
Erschienen
Paderborn 2006: Schöningh
Umfang
323 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Frank Becker, Historisches Seminar, Neuere und Neueste Geschichte, Universität Münster

Die moderne Militärgeschichte, die Ansätze der Sozial- und Alltags-, aber auch der Ideen- und Mentalitätsgeschichte integriert, hat sich bislang hauptsächlich mit den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts befasst. Die so genannten ‚kleinen Kriege’ des 19. Jahrhunderts – ‚klein’ allerdings nur im Vergleich zu den Befreiungskriegen und dem Ersten Weltkrieg, also den beiden gewaltigen militärischen Auseinandersetzungen, zwischen denen sie zeitlich angesiedelt sind – kamen nur am Rande in den Blick. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Vor allem der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 ist als ein ergiebiger Forschungsgegenstand erkannt worden. Während seiner siebenmonatigen Dauer gab es in Frankreich Revolutionen und bürgerkriegsähnliche Zustände, Deutschland wurde zum Nationalstaat, bisher nicht gekannte Formen medialer Berichterstattung bezogen die Bevölkerung in das Geschehen ein. Die Dichte und Intensität der Kriegsdarstellung hat die Forschung in besonderem Maße herausgefordert: ermöglicht sie doch mentalitäts- und wahrnehmungsgeschichtliche Studien zu den unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen. So ist auch die konfessionelle Gliederung der Kriegsgesellschaft in den Blick geraten. Nach einer Untersuchung über die Feldgeistlichen von 1870/71, die Aufschlüsse über die Kriegsdeutung der beiden großen christlichen Kirchen geben sollte [1], liegt seit neuestem auch eine Dissertation über die deutschen Juden vor – verfasst von Christine G. Krüger, betreut von Dieter Langewiesche, entstanden am Tübinger Sonderforschungsbereich „Kriegserfahrungen – Krieg und Gesellschaft in der Neuzeit“.

Die Frage, ob die deutschen Juden überhaupt als ‚Konfession’ anzusprechen sind, führt bereits mitten in die von Krüger analysierten Probleme hinein. Bekanntlich definierten sich liberale Juden nach der Reichseinigung gerne als ‚deutsche Staatsbürger jüdischer Konfession’. Orthodoxen Juden ging diese Anpassung zu weit; sie sahen sich als Teile einer durch die gemeinsame Religion konstituierten, transnationalen Schicksalsgemeinschaft. Von ihren deutschen Gegnern wurden die Juden mit dem Hinweis auf eben dieses Selbstverständnis aus der nationalen Gemeinschaft ausgeschlossen; kurze Zeit später auch mit dem sozialbiologischen Argument, sie gehörten einer anderen Rasse an. Damit sind bereits die Konfliktlinien angedeutet, die während des deutsch-französischen Krieges die Diskussion in der jüdischen Öffentlichkeit strukturierten. Erstens gab es einen innerjüdischen Konflikt zwischen dem reformorientierten und dem orthodoxen Lager; zweitens ein Ringen der Juden um Anerkennung, Integration und Statusverbesserung in Deutschland; drittens Stellungnahmen zu dem Problem, dass auch in den Reihen des Kriegsgegners Frankreich Juden kämpften, und dass die Grande Nation im 19. Jahrhundert allgemein als Vorreiter der Judenemanzipation galt.

Um die Debatten zu rekonstruieren, die sich um diese zentralen Punkte rankten, wertet Krüger vor allem drei Quellengruppen aus – jüdische Presseorgane und gedruckte Predigten von Rabbinern aus den Kriegsmonaten sowie Selbstzeugnisse jüdischer Feldzugsteilnehmer. In einem kurzen Kapitel am Schluss, das die Kriegserinnerung im deutschen Judentum behandelt, werden auch noch Gedenkbücher, Stellungnahmen zu Sedantagen und eine zur Ikone avancierte bildliche Darstellung eines jüdischen Feldgottesdienstes vor Metz herangezogen. Hier ist bereits kritisch zu vermerken, dass Krüger nur an dieser Stelle (S. 286) eine kurze Bildanalyse vornimmt; die wenigen anderen visuellen Quellen, die in der Arbeit Erwähnung finden, dienen nur der Illustration (S. 84-87, 104f.). Angesichts der Bedeutung, die visuelle Medien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bereits besaßen, ist bei einer wahrnehmungs- und deutungsgeschichtlichen Fragestellung die fast vollständige Beschränkung auf sprachliche Zeugnisse kaum noch zu rechtfertigen.

Bei der nach Themen gegliederten Analyse des jüdischen Kriegskommentars, die den Großteil der Studie ausmacht, werden viele Deutungsmuster sichtbar, die für soziale Minderheiten in Kriegszeiten typisch sind. Ängstlich darauf bedacht, nicht der nationalen Unzuverlässigkeit geziehen zu werden, stellen die deutschen Juden sehr dezidiert ihren Patriotismus heraus; gleichzeitig wurde der eigene Kriegseinsatz betont – es standen ca. 14.000 Soldaten auf preußisch-deutscher Seite im Feld –, auch deshalb, weil sich für diesen Einsatz als Gegenleistung weitere Emanzipationsschritte fordern ließen. Sehr genau beobachtet wurde, ob die jüdischen Soldaten bei Beförderungen, Auszeichnungen etc. möglicherweise schlechter abschnitten als ihre nicht-jüdischen Kameraden; die Gleichbehandlung, die teils mehr herbeigeredet wurde, als dass sie tatsächlich gegeben war, sollte Vorbild für die Nachkriegszeit sein. Heikel war die Konfrontation mit Glaubensgenossen in französischer Uniform. Natürlich musste der Gegner bekämpft werden, aber man tat es mit einer Träne im Auge; wenn die Waffen schwiegen, begegnete man sich in herzlicher Kameradschaft. So ließen jüdische Organisationen in Deutschland den französisch-jüdischen Kriegsgefangenen besondere Fürsorge angedeihen; in der letzten Kriegsphase, als die Annexion Elsass-Lothringens zur Debatte stand, unterstützten die deutschen Juden das Begehren ihrer dort lebenden Glaubensgenossen, dass die Einverleibung in das Deutsche Reich nicht mit einer rechtlich-sozialen Statusverschlechterung einhergehen dürfe. Gerade solche Hinweise auf Akte der Solidarität zwischen deutschen und französischen Juden verschwanden aber aus der Kriegserinnerung des deutschen Judentums nach und nach vollständig. Der durch den deutschnationalen Antisemitismus der Stoeckers und Treitschkes erhöhte Außendruck ließ es nicht mehr geraten erscheinen, auf Begebenheiten und Einstellungen hinzuweisen, die böswillige Betrachter als Indizien für eine internationale jüdische Verschwörung werteten.

In den Monaten des Feldzugs selbst deuteten jüdische Beobachter den Krieg aber insgesamt nicht wesentlich anders, als es die überragende Mehrheit der deutschen Kommentatoren tat. Unterschiede werden nur dort sichtbar, wo jüdische Stimmen häufiger von einem dynastischen als von einem nationalen Krieg sprechen; wo sie darauf verzichten, die afrikanischen Hilfstruppen des Kriegsgegners rassistisch zu verunglimpfen; wo sie den modernen Krieg als humane Katastrophe hinstellen – was im übrigen bei orthodoxen Juden, die diese Wertung in eine allgemeine Kritik am Fortschritt einbetten, häufiger zu beobachten ist als bei ihren reformorientierten Glaubensgenossen. Ansonsten bestand Konsens zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Deutschen in der Feier der nationalen Einigung, in der Empörung über die Dekadenz des Kriegsgegners, in der betont bürgerlichen Zeichnung der eigenen Nationalidentität.

Diese Skizze macht bereits deutlich, dass Krügers Studie wenig Überraschendes zu Tage fördert. In vieler Hinsicht waren die deutschen Juden 1870/71 angepasst, in anderer Hinsicht verhielten sie sich so, wie es bei einer Minderheit, die im Kontext nationalpolitisch brisanter Entwicklungen um Anerkennung kämpft, nicht anders zu erwarten ist. Die Arbeit hätte ihren Ergebnissen fraglos eine höhere Signifikanz verleihen können, wenn sie vergleichend angelegt worden wäre, also etwa das Verhalten der deutschen Juden demjenigen ihrer französischen Glaubensgenossen gegenübergestellt, oder, bezogen nur auf Deutschland, die Einigungs- mit den Befreiungskriegen konfrontiert hätte. Außerdem wird die Untersuchung durch einen mittlerweile reichlich angestaubten theoretisch-methodischen Rahmen behindert: Sie beruft sich zum x-ten Mal auf den Konnex von Identität und Alterität, darauf also, dass die Identität eines A sich nur in Abgrenzung von B konstituieren könne – eine eigentlich recht banale Feststellung, bei der man sich fragt, wie lange sie noch immer wieder neue empirische Studien ,anregen’ wird. Die vielen scharfsinnigen Einzelanalysen, die Krüger vornimmt, indem sie etwa an ihren Quellen demonstriert, wie vorab gefasste Meinungen die Wahrnehmung von Wirklichkeit so nachdrücklich beeinflussen können, dass ein und dasselbe Ereignis von verschiedenen Augenzeugen genau entgegengesetzt aufgefasst wird, und wie stark sich auch bei Realitätsdeutungen der Faktor der ‚Situativität’ bemerkbar macht – ab und zu scheint sogar die Einsicht auf, dass sich Diskurse nicht immer eins zu eins auf bestimmte politisch-weltanschauliche Lager abbilden lassen –, stellen das Potenzial der Verfasserin unter Beweis, das bei einem methodisch weniger uninspirierten Gesamtentwurf gewiss reichere Früchte getragen hätte. Trotzdem steht außer Frage, dass Krügers Studie, die mehrere Forschungsstränge – moderne Militärgeschichte, Nationalismusforschung, Geschichte der deutschen Juden – überzeugend verknüpft, einen umfangreichen Quellenfundus erschließt und mit einer so flüssigen wie präzisen Sprache zu gefallen weiß, unsere Kenntnis der Geschichte des Krieges von 1870/71 um ein wichtiges Kapitel erweitert.

Anmerkungen
[1] Rak, Christian, Krieg, Nation und Konfession. Die Erfahrung des deutsch-französischen Krieges von 1870/71, Paderborn 2004.

Zitation
Frank Becker: Rezension zu: : "Sind wir denn nicht Brüder?". Deutsche Juden im nationalen Krieg 1870/71. Paderborn  2006 , in: H-Soz-Kult, 12.03.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8413>.