R. Hachtmann u.a. (Hrsg.): Hitlers Kommissare

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Titel
Hitlers Kommissare. Sondergewalten in der nationalsozialistischen Diktatur


Hrsg. v.
Hachtmann, Rüdiger; Süss, Winfried
Erschienen
Göttingen 2006: Wallstein Verlag
Umfang
279 S.
Preis
€ 20,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jürgen John, Friedrich-Schiller-Universität Jena

An Versuchen, den Nationalsozialismus zu erklären und in ein tragfähiges theoretisches Modell zu fassen, hat es nie gemangelt; ebensowenig an entsprechenden Kontroversen, Interpretations- und Deutungskämpfen.[1] Faschismustheoretische Interpretationen konkurrierten mit totalitarismustheoretischen, ideengeschichtliche Erklärungsansätze mit struktur- und gesellschaftsgeschichtlichen. Die einen suchten nach weltanschaulich-ideologischen, die anderen nach sozialökonomischen, strukturellen und systembedingten Ursachen für Diktatur, Gewalt, Kriegs- und Vernichtungswillen. Dem Bestreben, alles aus Überzeugungen, Ideologie und Verführung oder „intentionalistisch“ aus dem Willen Hitlers und seines Umfeldes abzuleiten, folgten „strukturalistische“, „polykratische“ und „dualistische“ Deutungen. Statt absoluter Machtkonzentration registrierten sie destruktive und zersetzende Tendenzen, statt „volksgemeinschaftlicher“ Homogenität Konflikte, Rivalitäten, Machtkämpfe, Kompetenzwirrwarr und organisatorisches Chaos. Der Vorstellung vom „totalen Staat“ mit omnipotentem Diktator folgte die Annahme eines „verfallenden Staates“ mit „schwachem Diktator“, dem Bild „gehorsamer Gefolgschaft“ das einer Konflikt-, Dissenz- und Resistenzgesellschaft, dem Hitler-, Führerstaat- und Volksgemeinschafts-Mythos dessen Dekonstruktion.

Das wirkte in vieler Hinsicht befruchtend auf die NS-Forschung, baute aber auch neue Barrieren auf. In den Strukturen verschwanden die Täter, Motivationen und selbstmobilisierenden Eigeninteressen, in der Konfliktfülle die Akzeptanz- und Zustimmungsgrade. Strukturelle Dynamik, Dualismus und Polykratie standen in solcher Interpretation für staatsauflösende Tendenzen oder für verworrene und ineffiziente Verhältnisse mit systembedingt geringen Interaktions-, Kommunikations- und Koordinationsmöglichkeiten. Man registrierte nur das Gegen-, nicht das Miteinander, nur die Spreng-, nicht die Bindekräfte, nur das Auseinanderstrebende, nicht das Verflechtende und Komplementäre, nur den Verfall, nicht das Neuentstehen von Strukturen, Gewalten, Funktionen und interaktiven Kommunikationswegen. Solche Deutungen unterschätzten die Bindekräfte und die Rolle von Persönlichkeiten ebenso wie die Wirkungen von Ideologien und weltanschaulicher Motivation.

Mit gutem Grund macht deshalb die neuere Forschung wieder stärker auf Zustimmungspotentiale und auf ideologisch-weltanschauliche Motive nationalsozialistischer Täter, Macht- und Funktionseliten aufmerksam. Sie sucht nach komplexen statt monokausalen Erklärungen und nach Auswegen aus festgefahrenen Interpretationen. Die Erfahrungen jahrzehntelanger NS-Forschung zeigen, dass allzu wohlfeile, geschlossen und plausibel wirkende Theorien und Deutungen letztlich kein angemessenes Bild von der Handlungsdynamik des NS-Regimes entstehen lassen und kaum zu erklären vermögen, wie es sich bis zum bitteren Ende halten und einen Angriffs- und Vernichtungskrieg gigantischen Ausmaßes führen und jahrelang durchstehen konnte.

Das schließt die Notwendigkeit ein, nicht nur nach fragmentierenden, divergierenden und zersetzenden Tendenzen, nach Konfliktlinien, destruktiver Dynamik und Effizienzverlusten zu fragen, sondern auch nach Bindekräften und gestaltender Dynamik, nach Effizienz-, Steuerungs- und Mobilisierungsfähigkeit, nach komplementären, interaktiven und systemstabilisierenden Tendenzen. Das geschieht unterdes auf vielen Gebieten der neueren NS-Forschung. Die funktions- wie generations- und motivationsbezogene Eliten-, Funktionärs- und Täterforschung hat in diesem Sinne ebenso Maßstäbe gesetzt wie neuere Publikationen zu Interaktionen, Initiative und Effizienz diverser Bürokratien [2] und zum systemstabilisierenden Verwaltungs- und Behördenhandeln auf Reichs- und Kommunalebenen.[3] Die in letzter Zeit wieder forcierte „Arisierungs“-Forschung folgt diesem Trend ebenso wie neuere Forschungen zu einzelnen Politikfeldern, die interaktive und dichte wirtschafts-, wissenschafts- oder kulturpolitische Potentiale und Netzwerke erschließen oder wie jene Publikationen, die das „doppelstaatliche“ Zusammenwirken „normenstaatlicher“ Behörden und „maßnahmestaatlicher“ Sondergewalten betonen und damit die klassischen Analysen von Fraenkel und Neumann aus früheren „Dualismus“- und „Staatsverfalls“-Fehldeutungen lösen.[4]

Diesem Trend ist der von Rüdiger Hachtmann und Winfried Süß herausgegebene Sammelband zum Phänomen der Sondergewalten in der NS-Diktatur zuzurechnen. Im relativ ausführlichen Editorial beschreiben die beiden Herausgeber die Stoßrichtung und das Grundanliegen des Bandes. Im skizzierten Sinne wenden sie sich entschieden gegen dualistische Interpretationen des NS-Systems und gegen die Ineffizienz- und Staatsverfall-Thesen. Sie betonen stattdessen die Interaktions- und Verdichtungstendenzen, das Entstehen neuer Sonder-Instrumentarien und die damit verbundene Steuerungs-, Mobilisierungs- und Effizienzfähigkeit des Regimes.[5] Dessen innere Strukturen seien zunehmend – zunächst in der „Machtergreifungs“- und „Gleichschaltungs“-Phase, dann seit 1936 und vor allem während des Krieges – von Sondergewalten auf allen wichtigen Ebenen und Politikfeldern geprägt, diese aber bislang von der Forschung nur unzureichend beachtet worden. Dabei habe die „Vierjahresplan“-Periode gleichsam stilbildend gewirkt. Das System der Kommissare, Sondergewalten und Sonderstäbe sei keine nationalsozialistische Erfindung gewesen, aber in der NS-Diktatur inflationär angewendet und ausgeweitet worden.

Typologisch unterscheiden Hachtmann und Süß zwischen „führerunmittelbaren“ Sonderbeauftragten und jenen der „zweiten Reihe“ ohne direkten Zugang zu Hitler. Funktionstypologisch nennen sie fünf Typen von Sonderbeauftragten: „Kommissare im engeren Sinne“ für „politisch hoch priorisierte“ Sonderaufträge, die dafür Sonderstäbe außerhalb bestehender Verwaltungen bildeten; „Koordinationskommissare“ auf einzelnen Politikfeldern; „Klein- und Kleinstkommissare“ mit eng begrenzten Aufträgen; „Revolutionskommissare“ der Jahre 1933/34; „Territorialkommissare“ in den ein- und angegliederten, annektierten und besetzten Gebieten. Mit Blick auf die Wirkungsbilanz der verschiedenen Sondergewalten zeichnen die beiden Herausgeber ein differenziertes bis ambivalentes Bild. In der Gesamttendenz seien diese Gewalten aber als integrierende und zentripetale Kräfte mit erheblichen Steuerungs-, Mobilisierungs-, Koordinations- und Interaktions-Wirkungen anzusehen.

Diesen Grundeindruck differenzierter Befunde mit integrierender Gesamttendenz bestätigen die acht Sachbeiträge zum Bandthema. Zwei von ihnen wählen einen systematischen Zugang. Christiane Keller untersucht die Finanzierung der Kommissare. Ihr Beitrag zeigt, in welchem Grade Finanzpolitik verschiedenster Gremien Machtpolitik war. Bernhard Gotto befaßt sich mit Mittel- und Unterinstanzen in der NS-Diktatur. Mit den Begriffen „Polykratie von unten“ und „polykratische Selbststabilisierung“ beschreibt er erfolgreiches Verwaltungshandeln auf mittlerer und unterer Ebene sowie dessen Steuerung durch regionale und lokale Sonderbehörden. Er plädiert - wie zuvor schon Wolf Gruner und Armin Nolzen im Band 17 der „Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus“ - für ein offenes und flexibles „Polykratie“-Modell, das sich aus dem Prokrustesbett der Zerfalls- und Ineffizienz-Thesen löst und den Blick für integrative und systemstabilisierende Faktoren nicht verstellt.[6] Zu diesen rechnet Gotto auch die Gauleiter, die in seinem Beitrag wie im gesamten Band allerdings unterbelichtet bleiben.

Sechs Beiträge befassen sich mit einzelnen Politikfeldern und Sondergewalten. Daniel Mühlenfeld beschreibt die Gründungsgeschichte des „Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda“. Der Beitrag macht deutlich, dass diese keineswegs planmäßig, sondern konstellationsabhängig erfolgte. Er wendet sich so gegen die von Joseph Goebbels selbst gestrickten Legenden und Selbstbilder vom omnipotenten Propagandagenie und die daran anknüpfenden späteren Rechtfertigungsschriften und Behauptungen, man sei Goebbels‘ Propaganda- und Verführungskünsten erlegen. Zugleich betont Mühlenfeld, Goebbels habe die Ausgestaltung seines Ministeriums zu einer NS-Musterbehörde erreicht und so Zeichen gesetzt. Dieser Hinweis und Goebbels‘ Zwischenrolle als Propaganda- und Rundfunkkommissar rechtfertigen den Beitrag im Kontext dieses Bandes. Ansonsten fällt er als eher politik- und behördengeschichtlicher Überblick etwas aus dem Rahmen.

Geradezu idealtypisch für das Phänomen mobilisierender Sondergewalten mutet hingegen das 1936 im Vierjahresplan-Kontext gebildete „Reichskommissariat für die Preisbildung“ an, das André Steiner porträtiert. Dieses von dem Gauleiter Josef Wagner (Westfalen-Süd und Schlesien) geleitete Kommissariat bildete neben dem Rohstoffamt die wichtigste Geschäftsgruppe der Vierjahresplan-Behörde. Seine einflußreiche Rolle resultierte – so Steiners These – aus der Verankerung in dieser bis 1939 für die kriegswirtschaftliche Mobilisierung maßgeblichen Sonderbehörde und aus der Machtstellung Wagners als doppelter Gauleiter und Oberpräsident der Provinz Schlesien. Einfluß- und aufschlußreiche Sondergewalten verkörperten auch die jeweils mit der Person Fritz Todts bzw. Albert Speers verbundenen Kommissariate des „Generalbevollmächtigten für die Regelung der Bauwirtschaft“ (1938), den der Beitrag von Christiane Botzet porträtiert sowie des „Generalinspektors für Wasser und Energie“ (1941), den Bernhard Stiers Beitrag vorstellt. Hingegen stellt die Studie von Kim Christian Priemel das Scheitern des 1939 berufenen „Reichskohlenkommissars“ an der Macht der Kohlensyndikate dar. Dietmar Süß schließlich beschreibt mit einem kommunikations-, informations-, system- und steuerungstheoretischen Ansatz, wie Goebbels nach dem massiven Luftangriff auf Lübeck 1942 als Propagandaminister, „Heimatfront-Kommissar“ und Chef der „Reichsinspektion für den zivilen Luftschutz“ zunehmend Macht, Einfluß und Steuerungskompetenzen an sich zu ziehen vermochte.

Neben den Sachbeiträgen zum Thema „Sondergewalten in der nationalsozialistischen Diktatur“ enthält der Band entsprechend dem Profil der Publikationsreihe unter der Rubrik „Fundstücke“ einen Aufsatz über die vom britischen Geheimdienst entschlüsselten geheimen KZ-Stärkemeldungen 1942/43 an die „Inspektion der Konzentrationslager“ in Oranienburg. Sie zeigen, wie genau der britische Geheimdienst über die Belegung der Konzentrations- und Vernichtungslager und über das Ausmaß der KZ-Expansion und Judenverfolgung informiert war. Ein ausführlicher Rezensionsteil beschließt den Band - den 22. einer 1985 von Götz Aly und anderen unter dem Titel „Beiträge zur nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik“ geschaffenen Publikationsreihe, die sich seitdem einen festen und unverwechselbaren Platz in der NS-Forschung gesichert hat. Seit 2000 (Bd. 16) erscheint sie mit erweitertem Profil, verändertem Redaktionskollegium und unter dem neuen Titel „Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus“, der – wie der hier besprochene Band erneut zeigt – kein bloßes Etikett, sondern Markenzeichen einer innovativ und forschungsbelebend wirkenden Publikationsreihe ist.

Anmerkungen:
[1] Kershaw, Ian, Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick, 3. Aufl., Reinbek 2002.
[2] Gruner, Wolf/Nolzen, Armin (Hgg.), Bürokratien. Initiative und Effizienz (Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus 17), Berlin 2001. Gruner, Wolf, Öffentliche Wohlfahrt und Judenverfolgung. Wechselwirkung lokaler und zentraler Politik im NS-Staat (1933-1942), München 2002.
[3] Mecking, Sabine/Wirsching, Andreas (Hgg.), Stadtverwaltung im Nationalsozialismus. Systemstabilisierende Dimensionen kommunaler Herrschaft, Paderborn u.a. 2005. Gotto, Bernhard, Nationalsozialistische Kommunalpolitik. Administrative Normalität und Systemstabilisierung durch die Augsburger Stadtverwaltung, München 2006.
[4] Fraenkel, Ernst, Der Doppelstaat, 2. durchgesehene Auflage, hg. und eingeleitet von Alexander v. Brünneck, Hamburg 2001. Neumann, Franz L., Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944, hg. und mit einem Nachwort versehen von Gert Schäfer, Frankfurt/M 1984.
[5] Vgl. auch Majer, Dietmut, Grundlagen des nationalsozialistischen Rechtssystems. Führerprinzip – Sonderrecht – Einheitspartei, Stuttgart u.a. 1987. Moll, Martin (Bearb.), „Führer-Erlasse“ 1939-1945. Edition sämtlicher überlieferter, nicht im Reichsgesetzblatt abgedruckter, von Hitler während des Zweiten Weltkrieges schriftlich erteilter Direktiven aus den Bereichen Staat, Partei, Wirtschaft, Besatzungspolitik und Militärverwaltung, Stuttgart 1997, Einführung.
[6] Gruner/Nolzen (Hgg.), Bürokratien, Editorial.

Zitation
Jürgen John: Rezension zu: Hachtmann, Rüdiger; Süss, Winfried (Hrsg.): Hitlers Kommissare. Sondergewalten in der nationalsozialistischen Diktatur. Göttingen  2006 , in: H-Soz-Kult, 26.01.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-8625>.
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26.01.2007
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