Cover
Titel
Berliner Mauerkunst. Eine Dokumentation


Autor(en)
Gründer, Ralf
Erschienen
Umfang
352 S., 400 Abb.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wolfgang Ullrich, Hochschule für Gestaltung, Karlsruhe

„Art goes Heiligendamm“ lautete der Slogan zum G8-Gipfel im Juni 2007. Gezielt sollte an einem politisch neuralgischen Ort, möglichst in unmittelbarer Nähe zum Zaun, der die Mächtigen von den Bürgern trennte, mit Kunstaktionen protestiert, eine Gegenöffentlichkeit erzeugt und für bestimmte Themen sensibilisiert werden. Auf der Website der InitiatorInnen heißt es unter anderem: „ART GOES HEILIGENDAMM thematisiert das Verschwinden und die Neuerrichtung von Grenzen sowie deren Überwindung, psychisch wie physisch [...].“[1] War es hier ein temporärer Zaun, der künstlerische Aktionen provozierte, so gab es zwischen 1961 und 1989 mit der Berliner Mauer eine weitaus dauerhaftere und trennendere Grenze in Deutschland, die entsprechend auch vielfältigere und zahlreichere Reaktionen von Künstlern und Aktionisten hervorrief. Nur fand damals unkoordiniert, oft auch spontan und ohne Sponsoren oder gar öffentliche Gelder statt, was in Heiligendamm wohlvorbereitet und staatlich unterstützt über die Bühne ging. Entsprechend gab es auch niemanden, der all die Aktionen an der Berliner Mauer laufend dokumentiert und mit Öffentlichkeitsarbeit begleitet hätte.

Umso verdienstvoller ist es, dass nun doch noch eine umfangreiche Sammlung von „Berliner Mauerkunst“ publiziert wurde. Ralf Gründer, Autor dieser Sammlung, der 1980 zum Geographie-Studium nach Berlin gekommen war, beschäftigte sich seither intensiv mit der Mauer, die für ihn ebenso ein Skandal wie ein Ort besonderer Kunst war. In seinem Buch setzt er die Mauer etwas (zu) polemisch mit dem Stacheldraht eines KZs gleich, bezeichnet die Grenzsoldaten unumwunden als „KZ-Wächter“ und übernimmt so zugleich eine der ersten Aufschriften, die 1961 auf der Mauer angebracht wurden: „KZ-DDR“. Dürften solche Formeln manchem Historiker zu simpel erscheinen, so dürften sich Kunstwissenschaftler an Gründers Buch erfreuen. Es kommt auch insofern zu einem günstigen Zeitpunkt (fernab runder Mauer-Jubiläen), als sich der Kunstbetrieb seit kurzem verstärkt mit Graffitis beschäftigt, die ja auch den Hauptteil der Mauerkunst ausmachen. Werke von Graffiti-Künstlern wie Banksy oder den Gebrüdern Os Gemeos tauchen mittlerweile sogar schon bei großen Kunstmessen wie der Art Basel auf und erzielen fünf- bis sechsstellige Preise. Für solche Künstler wäre die Berliner Mauer heute vermutlich ebenfalls ein attraktiver Ort – so wie sie es 1986 für Keith Haring war, den ersten weltweit bekannten Graffiti-Künstler, der für einen Kunstwettbewerb mit dem Slogan „Überwindung der Mauer durch Übermalung der Mauer“ ein ungefähr 50 Meter breites Mauerstück gestaltete.

So lang die Mauer auch war, so sehr war ihre Fläche dennoch eine begrenzte Ressource, weshalb die meisten Graffitis schon nach kurzer Zeit übermalt wurden. Besonders lokale Künstler ärgerte es aber, wenn ein Star der Kunstwelt wie Keith Haring oder Jonathan Borofsky öffentlichkeitswirksam auftrat und sich einfach über ihre Werke hinwegsetzte. Tatsächlich gab es einige Mauermaler, die über Jahre hinweg Kompartiment um Kompartiment mit ihren Bildern versahen und so wesentlich für das Erscheinungsbild der Mauer verantwortlich waren. Die zwei aktivsten Künstler, Thierry Noir und Christophe Bouchet, waren – Ironie der Geschichte – nicht einmal Deutsche, sondern Franzosen. Gründers Sympathie für die beiden scheint so groß zu sein, dass seine Dokumentation auch als Hommage an sie gelesen werden kann. Der dritte fast monographisch breit behandelte Künstler ist Jürgen Große, der unter dem Pseudonym „Indiano“ seit 1984 die Mauer bemalte.

Gründers Buch versammelt nicht nur viele Werke gerade dieser drei, sondern zeigt häufig sogar verschiedene Zustände eines Mauerstücks. So lässt sich gut nachvollziehen, wie ein Künstler auf bereits vorhandene Bilder reagierte – und welche Kommentare, Ergänzungen oder Übermalungen er wiederum provozierte. Nicht zuletzt drückten sich darin auch politische Stimmungen oder soziale Konflikte aus, so wenn etwa 1984 Kommentare zur Volkszählung überhand nahmen. Die Mauer wurde damit – auf ihrer westlichen Seite – beinahe zu einem Tagebuch der Bundesrepublik, und man wünscht sich bei der Lektüre des Buchs noch viel, viel mehr Abbildungen, vor allem aus den 1960er- und 1970er-Jahren, die lückenhafter dokumentiert sind, weil Gründer damals noch nicht in Berlin lebte.

Man entdeckt aber auch interessante Positionen jenseits der Arbeiten der Platzhirsche – so etwa Mauerbilder von Birgitt Scharpf, die Mitte der 1980er-Jahre sehr ausdrucksstarke Figuren-Friese anbrachte, deren Bildsprache von fernher an diejenige griechischer Vasen erinnert. Es hätte dem Buch gut getan, hätte Gründer es gewagt, die Werke der verschiedenen Künstler auch stärker zu bewerten oder eine andere Systematik anzuwenden, um sie etwas geordneter und übersichtlicher zu präsentieren. Das Buch geht weder streng chronologisch noch topographisch vor; streckenweise ist es an den Künstlern, dann wieder eher an Themen orientiert. Etwas seltsam mutet auch an, dass harmlos-witzige Graffitis mit derselben Liebe zum Detail wie hochpolitische Aktionen behandelt werden. Davon gab es etliche, die die Dramatik und Tragik der deutschen Teilung im Nachhinein auch besonders eindrucksvoll vergegenwärtigen.

So zogen im November 1986 fünf Aktivisten einen dicken weißen Strich entlang der gesamten Berliner Mauer, womit sie alle vorhandenen Graffitis gleichsam durchstrichen, dies aber weniger als ikonoklastischen Akt verstanden wissen wollten denn als Versuch, die Länge und Macht der Mauer wieder ins Bewusstsein der Bürger zu bringen. Wie gut das gelang, belegt die Reaktion der DDR. So wurde am zweiten Tag der Aktion einer der Beteiligten durch ein Schlupftor der Mauer von Grenzsoldaten festgenommen und in den Osten gebracht, wo man ihn zu 20 Monaten Haft verurteilte. Mehr Glück hatte hingegen Stephan Elsner, der 1982 ein gesamtes Mauerkompartiment herausmeißelte; die entstandene Öffnung verhängte er mit einem auf eine Plastikplane gemalten Bild. Ihn erwischten die DDR-Grenzsoldaten nicht – und im Rückblick erscheint dieser besonders dreiste Aktivist als Vorreiter aller Mauerspechte, die sich ab dem 9. November 1989 beeilten, die gesamte Mauer abzutragen.

Gründers Buch ist etwas zu persönlich gehalten, um als objektive wissenschaftliche Arbeit fungieren zu können, bietet aber wertvolles Material für jede historische Auseinandersetzung mit der Mauer, dem Kalten Krieg und dem deutsch-deutschen Verhältnis. Auch für Graffiti-Interessierte ist es eine wichtige Quelle, die vor allem die Anfangszeit dieser Kunstform erhellt. Schön wäre es, könnte das Buch andere Zeitzeugen dazu animieren, eigenes Material zur Verfügung zu stellen, um noch andere Blickwinkel auf die Mauer und ihre Kunst zu ermöglichen. Bisher ist das Thema animierend, aber noch nicht erschöpfend behandelt.

Anmerkung:
[1] <http://www.art-goes-heiligendamm.net/de/idee>.

Zitation
Wolfgang Ullrich: Rezension zu: : Berliner Mauerkunst. Eine Dokumentation. Köln  2007 , in: H-Soz-Kult, 04.07.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-9097>.
Redaktion
Veröffentlicht am
04.07.2007
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Epoche(n)
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Publikation
Sprache Publikation