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Titel
Die Spätantike. Römische Geschichte von Diocletian bis Justinian (284-565 n. Chr.). 2., vollständig bearbeitete und erweiterte Auflage


Autor(en)
Demandt, Alexander
Erschienen
München 2007: C.H. Beck Verlag
Umfang
XXI, 753 S.
Preis
€ 118,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Stefan Esders, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin

Die vollständig überarbeitete und erweiterte Neuauflage eines Bandes im „Handbuch der Altertumswissenschaft“ gehört im althistorischen Publikationsbetrieb gewiss nicht zu den Alltäglichkeiten. Wenn dies im Fall von Alexander Demandts Standardwerk „Die Spätantike“ bereits nicht einmal zwanzig Jahre nach seinem erstmaligen Erscheinen (1989) geschieht, so dokumentiert das in hinreichender Deutlichkeit, dass die Spätantike in den vergangenen dreißig Jahren zu den am intensivsten erforschten Gebieten innerhalb der Altertumswissenschaft avanciert ist.

Die rasch expandierende internationale Forschung, welche sich methodisch ebenso wie inhaltlich immer weiter ausdifferenziert hat, bildet indes nicht nur den hauptsächlichen Grund, sondern auch das größte Hindernis einer Neuauflage: Wie lassen sich die erzielten Fortschritte in der Neubearbeitung eines Handbuches dokumentieren, ohne dessen Stil und Charakter von Grund auf zu verändern? Immerhin gehörte zu den großen Vorzügen schon der ersten Auflage des Werkes neben seiner ungeheuren Materialfülle vor allem seine darstellerische Klarheit und Gradlinigkeit, die auf größere Exkurse zu Einzelproblemen verzichtete und in pointierten Formulierungen immer wieder höchste Prägnanz erreichte.[1] Alexander Demandt hat sich aus nachvollziehbaren Gründen dafür entschieden, dieses grundsätzliche Problem in äußerst behutsamer Weise zu meistern, indem er die bisherige Gliederungsstruktur durchgängig beibehalten und lediglich zwei neue Unterabschnitte eingefügt hat: In der Behandlung der inneren Verhältnisse zur spätrömischen Gesellschaft wurde aus dem Abschnitt „Länder und Völker“ ein größerer Abschnitt zu einem Kapitel über „die Germanen“ (S. 379-386) verselbständigt und dem Abschnitt zur Religion ist ein „Der Aberglaube“ (S. 567-578) betiteltes neues Kapitel hinzugefügt worden.

Ist die formale Struktur damit im Wesentlichen die gleiche geblieben, so hat Demandt auch die inhaltlichen Erweiterungen maßvoll dosiert. Dies entspringt nicht zuletzt seiner Skepsis gegenüber den Erkenntnisgewinnen der jüngeren Forschung im Verhältnis zur älteren, über die das Vorwort Auskunft gibt. Veränderte inhaltliche Akzente werden entsprechend eher zurückhaltend und differenzierend gesetzt. Neu sind beispielsweise ausführliche Bemerkungen zu den frühen Alemannen (S. 50), doch gerade in der Darstellung der Germanen findet sich manches zurückgenommen und vorsichtiger formuliert. Gestrichen wurde beispielsweise der Satz: „Die Germanen haben noch kein Geschichtsbewußtsein“ (1. Aufl., S. XVIII), und auch die für den Niedergang gegebene Erklärung „Der wichtigste Zerfallsgrund war der äußere und der innere Germanendruck“ (1. Aufl., S. 321) fehlt in der zweiten Auflage. Bisweilen ist die Auseinandersetzung mit marxistischen Positionen etwas abgeschwächt (S. 48). Das Kapitel über Konstantin ist erheblich erweitert und trägt dem immensen Forschungsinteresse der letzten Jahre Rechnung, bei Justinian wird entsprechend die Bedeutung seiner Religionspolitik stärker akzentuiert. In der Systematik der inneren Strukturen werden Kaiserresidenzen und -paläste neu (S. 275f.) erfasst, der Abschnitt zur Gesellschaft um Klerus und kaiserliche Familie (S. 327) erweitert – die Aufzählung ließe sich weiter fortsetzen. Auf weitere Details kann hier aber verzichtet werden. Die substantiellsten Ergänzungen gegenüber der Erstauflage finden sich fraglos in dem Kapitel über die „Religion“ (S. 493-578), welches monotheistischen Tendenzen innerhalb des Heidentums, dem Sonnenkult zumal, dem Judentum sowie Askeseformen und Sondergemeinden als Ausdruck „fundamentalistische(r) Bewegungen“ (S. 548) größere Aufmerksamkeit schenkt. Der neue Unterabschnitt zum „Aberglauben“ enthält neben begrifflichen Klärungen zahlreiche Ergänzungen zu Astrologie, Magie und Heiligenverehrung. In allen übrigen Kapiteln wurden dagegen geringfügige Änderungen, gelegentlich pointiertere Formulierungen sowie vor allem einzelne aktualisierende Ergänzungen in Text und Fußnoten vorgenommen. Auch der abschließende Abschnitt zur Deutungsgeschichte (S. 579-608), einem von Demandt mit großer Leidenschaft und Gelehrsamkeit verfolgten Thema, ist moderat erweitert und stärker strukturiert worden, enthält zudem einen Hinweis auf den Zusammenbruch der Sowjetunion als Stimulans der neueren Imperienforschung. Insgesamt haben diese Änderungen den Gesamtumfang des Werkes auf 753 Seiten erhöht (gegenüber 612 Seiten der ersten Auflage).

Der voluminöse Band hat dadurch seinen Charakter als Handbuch konserviert und nichts von der Geschlossenheit, Prägnanz und sprachlichen Brillanz eingebüßt, welche bereits die erste Auflage auszeichnete.[2] Sein außerordentlicher Nutzen besteht weiterhin darin, mit großer Zielsicherheit und in knapper, präziser Diktion direkt zu den wichtigsten Quellen hinzuführen, wofür der Autor in Kauf genommen hat, die aktuellen Forschungskontroversen nicht in allen Verästelungen darstellen zu können. Erheblich erweitert ist das Quellenverzeichnis, in das neben dem Nachweis neuer Editionen nun auch zahlreiche weniger prominente Autoren Eingang gefunden haben. Die Aufstockung des Literaturverzeichnisses (S. 635-698) um ein gutes Drittel und die Ergänzungen im Fußnotenapparat offenbaren eine gewaltige Arbeitsleistung, die in die Aktualisierung der bibliographischen Hinweise geflossen ist.[3] Die aus der kaum noch zu überschauenden Forschungsliteratur ausgewählten wichtigsten Titel werden das Handbuch auch künftig zu einem regelmäßig konsultierten Hilfsmittel für die Erschließung sämtlicher spätantiker Themengebiete machen.

Geschlossenheit und Kohärenz des Werkes verdanken sich in erheblichem Maße jedoch auch der von Demandt favorisierten Perspektivierung des spätrömischen Zeitraumes. Das Periodisierungsproblem der Spätantike liegt bekanntlich eher an deren Ende als an ihrem Beginn. Demandt dient als Fluchtpunkt die Frage nach dem Fall Roms[4], weshalb für ihn das Ende der staatsrechtlichen Existenz des römischen Imperiums im Westen eine entscheidende Marke bildet. Das Werk endet konsequenterweise für den Osten mit der Regierungszeit Justinians (gest. 565), was einen wirkungsvollen Schlusspunkt setzt und zugleich ermöglicht, die Geschichte des Westens mit der Ostgotenherrschaft über Italien und der justinianischen Reconquista gerade rechtzeitig vor der langobardischen Invasion (568) enden zu lassen. Dies hat eine hohe darstellerische Plausibilität [5] und erlaubt eine eingehende Erörterung der „Untergangsproblematik“, in der die Demandtsche Position der jüngst von Peter Heather formulierten nicht so fern steht.[6] Damit ist aber auch impliziert, dass das Kontinuitätsproblem allenfalls angerissen und die Intensivierung der Forschung auf diesem Gebiet nicht adäquat eingefangen werden konnte.[7] Es wäre allerdings unbillig, dies dem Verfasser anzulasten. Vielmehr liegt diese Beschränkung in der Anlage des „Handbuches der Altertumswissenschaft“ selbst begründet, insofern die Darstellung des Übergangs von den östlichen Provinzen zum byzantinischen Reich auf dem (längst veralteten) HdAW-Band von Georg Ostrogorsky lastet,[8] während eine Behandlung von Kontinuitäten im frühen Islam und den „germanischen“ regna des Westens in der Konzeption des Handbuches gar nicht angelegt war. Angesichts des immensen Nutzens des Handbuches der Altertumswissenschaft mag dies vielleicht eine Anregung sein, der „Transformation of the Roman World“ eine eigene Darstellung zu widmen, um die Verwandlung der spätantiken Welt aus (provinzial-)römischer Sicht zu beschreiben und die schöpferische Produktivität gerade der Dekompositionszeit des römischen Imperium einzufangen und gegenüber germanentümelnden Vereinnahmungsversuchen zu immunisieren. Schließlich ist es ja ein besonders sicherer Indikator für die eigentliche Bedeutung der antiken Staatlichkeit und Kultur, dass diese noch im Stadium ihres Zerfalls im Zusammenspiel mit „neuen“ Faktoren und Personengruppen vieles generierte, was in unterschiedlichen Aneignungen dann traditionsbildend und insofern weitaus längerfristig wirksam werden konnte – in Demandts gewohnt pointierter Diktion: „Erstaunlicher als der Fall Roms ist das Nachleben der Kultur des Altertums“ (S. 608).

Anmerkungen:
[1] Aufgrund dessen war es möglich, unter bloßer Fortlassung der Fußnoten den Obertext nahezu unverändert als Sonderausgabe zu publizieren: Alexander Demandt, Geschichte der Spätantike. Das Römische Reich von Diocletian bis Justinian 284-565 n.Chr., 2., vollst. bearb. u. erw. Aufl. München 2008.
[2] Die Bannung der meisten Quellenbelege aus dem Obertext in die Fußnoten hat die Lesbarkeit noch einmal erhöht.
[3] Von der nach 2000 erschienenen Literatur konnte anscheinend nicht mehr alles erfasst werden. Zu ergänzen sind beispielsweise an Monographien: Yves Modéran, Les Maures et l’Afrique romaine (4e-7e siècle), Rome 2003; Ralf Scharf, Foederati. Von der völkerrechtlichen Kategorie zur byzantinischen Truppengattung, Wien 2001; ders., Der Dux Mogontiacensis und die Notitia Dignitatum. Eine Studie zur spätantiken Grenzverteidigung, Berlin u.a. 2005; Fergus Millar, A Greek Roman Empire: Power and Belief under Theodosius II (408-450), Berkeley 2006; Michael McCormick, Origins of the European Economy. Communications and Commerce, A.D. 300-900, Cambridge 2001.
[4] Alexander Demandt, Der Fall Roms, München 1984. Die längst vergriffene Darstellung hätte eine Neuauflage verdient.
[5] Demgegenüber produziert jeder Versuch, den Lesern eine Spätantike ohne Justinian zu präsentieren, eine Schieflage (so Ingemar König, Die Spätantike, Darmstadt 2007).
[6] Peter Heather, The Fall of the Roman Empire, London u.a. 2006, ins Deutsche übersetzt unter dem Titel: Der Untergang des Römischen Weltreichs, 3. Aufl., Stuttgart 2008. Vgl. dazu die Rezension von Udo Hartmann in: H-Soz-u-Kult, 09.07.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-3-022>.
[7] Hierin liegt eine inhaltliche und darstellerische Schwierigkeit begründet, die durch die Zunahme der Forschungen zur „Übergangsepoche“ in den letzten zwanzig Jahren noch einmal gesteigert wurde. Dokumentiert wird dies beispielsweise darin, dass im Rahmen der geplanten völligen Neubearbeitung des Oldenbourg Grundrisses der Geschichte „Spätantike und Völkerwanderung“, bislang von Jochen Martin in einem Band zusammenfassend dargestellt (1. Aufl. 1987, 3. erw. u. überarb. Aufl. 1995), nunmehr auf zwei getrennte Bände verteilt werden sollen.
[8] In der HdAW-Unterabteilung des „Byzantinischen Handbuchs“ (= HAW XII) schließt zeitlich die „Geschichte des byzantinischen Staates“ von Georg Ostrogorsky an, die in der 3. Auflage von 1963 (1. Aufl. 1940) vorliegt.

Zitation
Stefan Esders: Rezension zu: : Die Spätantike. Römische Geschichte von Diocletian bis Justinian (284-565 n. Chr.). 2., vollständig bearbeitete und erweiterte Auflage. München  2007 , in: H-Soz-Kult, 10.11.2008, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-9700>.
Redaktion
Veröffentlicht am
10.11.2008
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