S. Ben-Porath & M. Johanek (Hrsg.): School Choice

Cover
Titel
Making Up Our Mind. What School Choice Is Really about


Autor(en)
Ben-Porath, Sigal R.; Johanek, Michael C.
Reihe
History and Philosophy of Education
Erschienen
Anzahl Seiten
180 S.
Preis
$ 25.00
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Thomas Koinzer, Institut für Erziehungswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Der Titel des Buches von Sigal R. Ben-Porath und Michael C. Johanek ist eine multivalente Anspielung auf den Inhalt, also die Auseinandersetzung mit dem komplexen Phänomen der Schulwahl als einem Konstitutions- und Steuerungselement im (US-amerikanischen) Schulsystem respektive zur Erhöhung schulischen Outputs in Form akademischer Leistungen. Das Buch ist zum einen ein Aufruf an die Leserschaft, sich (endlich) Gedanken über den Stellenwert und die Bedeutung von Schulwahl für die aktuelle Verfasstheit von Schule und Schulsystem zu machen. Es ist zum anderen ein Buch, das Schulwahl als individuelle, familiär-zentrierte Entscheidung über die Zukunft des eigenen Nachwuchses thematisiert. Und drittens wird Schulwahl als kollektiv und gesellschaftlich relevante Frage aufgegriffen, die über gesellschaftliche Kohäsion und/oder Sezession (mit)entscheidet. Dabei wird Schulwahl als Entscheidung nicht im Prozess des Übergangs von der Grund- auf eine weiterführende Schule verstanden und untersucht. Schulwahl ist hier ein – auch im deutschen Schulsystem immer wichtiger werdender – Prozess der möglichen und nötigen Wahl unter gleichartigen Schulen innerhalb eines Bildungsgangs aufgrund unterschiedlicher pädagogischer, organisatorischer oder sozialer Orientierungen oder Ausrichtungen.[1] Ziel des Buches ist es – historiographisch und systematisch – die aktuelle Debatte um Schulwahl in den USA zu erweitern und ihre Erscheinungsformen, Akteure und gesellschaftspolitischen sowie schulsystemischen Folgen zusammenzufassen.

Untersucht wird Schulwahl also aus der Perspektive unterschiedlicher individueller und kollektiver Akteure (Eltern, Gesellschaft, Staat) mit ihren unterschiedlichen, auch gegensätzlichen Bedürfnissen und Zielsetzungen, die überdies dilemmatische Entscheidungssituationen erzeugen können. So verursacht Schulwahl für Eltern nicht selten ein Dilemma: Für das eigene Kind ist eine Entscheidung zu treffen, mit der man sich einerseits als „gute Eltern“ positionieren möchte und die „beste“ Schule wählt. Andererseits kann gleichzeitig die elterliche Position als „gute/r Bürger/in“ berührt werden, der/die die öffentliche, lokale Schule als Vorschule der Demokratie und gesellschaftliche Sozialisationsinstanz wertschätzt, wenngleich jene in (nicht nur US-amerikanischen) Groß- und Innenstadtlagen häufig sozial und pädagogisch als herausfordernd wahrgenommen wird. Aber auch Gesellschaften müssen bezüglich der Konstitution ihres jeweiligen Schulsystems und ihrer Schulen Entscheidungen treffen. Denn der gesellschaftlichen Institution Schule sind Funktionen zugeschrieben wie Ausbildung und Qualifikation, Selektion und Allokation sowie Integration und Legitimation[2], um eben auch kollektiv-reproduktive und nicht ausschließlich individuell-separierende Bedürfnisse bei der Erziehung und Bildung der nachwachsenden Generationen durchzusetzen.

Damit ist man bereits mitten im Buch, das sich nach einem Problemaufriss zu Beginn, der sich orientiert an gegenwärtigen demographischen und schulsystemischen Entwicklungen und Diskursen (S. 1–19), grob in zwei Teile gliedert und derartige Auseinandersetzungen über 300 Jahre (US-)amerikanische Schul- und Gesellschaftsgeschichte verfolgt (1. Teil, S. 23–81) sowie den zeitgenössischen Diskurs seit ca. 1990 systematisch darstellt (2. Teil, S. 83–119). Es folgen eine knappe Zusammenfassung und Schlussfolgerungen (S. 120–129), die eine versöhnliche und nüchterne Betrachtung von Schulwahl fordern. Die Gegner der Schulwahl werden daran erinnert, dass Schulwahl zur US-amerikanischen (Schul-)Geschichte konstitutiv dazugehört – einschließlich der aktiven Rolle, die Eltern immer wieder in diesem Prozess eingenommen haben. Die Befürworter der Schulwahl werden aufgefordert, die „problematic nature of some of its more recent directions “ ernst zu nehmen (S. 125). Jene beziehen sich insbesondere auf die soziale und berufliche Situation der Lehrkräfte oder die Auswahl („cream skimming“) der Schüler/innenschaft an den „choice schools“, also an Schulen in privater Trägerschaft oder aber öffentlichen Schulen, die über sogenannte charters, also staatlichen Genehmigungen zum Betrieb von Schulen, eigene pädagogische Programme verfolgen können, privatwirtschaftlich geführt und wenig öffentlich reguliert operieren. Doch damit, und das wird von Beginn des Buches an deutlich, erschöpft sich die Auseinandersetzung mit Schulwahl in den USA nicht, die eben nicht eine neuartige von (globaler oder sogenannter neoliberaler) Privatisierung und Marketisierung getriebene Entwicklung ist, sondern – und das unterscheidet sie (noch) von ähnlichen Trends beispielsweise eben in Deutschland – fest verankert in der Geschichte, in den Schulsystemen der Bundesstaaten, aber vor allem im Denken und Handeln der Eltern. Ben-Porath und Johanek legen offen – und fokussieren damit einen häufig vernachlässigten Umstand –, dass (in den USA) bereits die Wahl des Wohnortes wesentlich getragen wird von der Entscheidung für oder gegen eine Grund- oder weiterführende Schule im Umfeld. Hinzu kommt, dass auch jenseits der „choice schools“ Schulwahlen stattfinden und Eltern unter öffentlichen Schulen im Einzugsgebiet wählen (S. 3–10). Aber auch neuere Erscheinungen prägen die zeitgenössische Debatte, auf die Ben-Porath und Johanek aufmerksam machen, wie die Präsenz philanthropischer Akteure („education industry“) in einigen Bundesstaaten, die die Ausbreitung von charter schools oder von Gutscheinsystemen massiv fördern (u.a. S. 126–129).

Doch zuvor legen die Autoren im ersten Teil des Buches einen Schnelldurchgang durch die (US-)amerikanische Schulgeschichte vor, der getragen ist von den Fragen, wer die (Schul-)Bildung und den Zugang zu ihr als auch ihre organisatorische und curriculare Ausgestaltung in den verschiedenen Epochen wie verhandelt und mit welchen Zielen und Resultaten. Dabei scheint eine bekannte Geschichte auf, die z.B. schon in Tyacks oder Grahams Arbeiten dargestellt wurde.[3] Hier wird die Entstehung und Entwicklung von Schule und Schulsystem als eine von der Gesellschaft ins Werk gesetzte Institution gesehen, die den sich wandelnden Anforderungen der Gesellschaft dient, so eine Nation im Werden formt und ihren Bestand über die Zeitläufte hinweg sichert. In dieser Erzählung richten Ben-Porath und Johanek immer wieder ihren Blick darauf, dass es vor allem Eltern sind, die auch in Opposition zu kollektiven oder staatlichen Vorstellungen das Schulsystem prägen. Gleichzeitig ist es die Erzählung von der seit dem 19. Jahrhundert dauernden gesellschaftlichen Integration (insbesondere der African Americans) und den unterschiedlichen Formen der Segregation und De-Segregation: als Prozesse mit prominenten politisch-juristischen Wegmarken (z.B. Brown oder Busing, S. 53–63) über pädagogische Experimente (free-school movement, S. 63–66) bis hin zu den Anfängen der charter school-Bewegung. Letztere wird hier präsentiert als eine von gewerkschaftlichen Akteuren (Al Shanker, American Federation of Teachers) inspirierte Reform, um sozial benachteiligten Schülerinnen und Schülern eine bedarfsgerechtere Schulbildung zukommen zu lassen (S. 70–81).

Diesem historischen Abriss folgt im zweiten Teil die auf einem breiten Forschungsstand fußende, systematische Darlegung des zeitgenössischen Schulwahldiskures in den USA. Er ist betitelt als ein „normative assessment“ (S. 83), doch ist dieser Teil nicht nur getragen von normativ-systematischen oder politischen Einlassungen, sondern auch von zahlreichen empirischen Befunden. Diese Befunde werden in der Regel in einer Pro- und Kontra-Darstellung abgeklopft auf ihren Gehalt bzw. ihre ideologische Verortung (S. 86–119). Obwohl sich hier auf US-amerikanische Schulwahl-Forschung bezogen wird, die mittlerweile Bibliotheken füllt und mit dem Journal of School Choice vor über zehn Jahren eine eigene Zeitschrift hervorgebracht hat, ist das der Teil, der das Buch auch für jene lesenswert macht, die genau diese Befunde für den außeramerikanischen Kontext erschließen möchten. Hier findet man die vielfältigen Facetten des zeitgenössischen Diskurses knapp und zusammenfassend aufbereitet: von der Etablierung und potentiellen Verfestigung sozialer und bildungsbedingter Ungleichheit durch Schulwahl bis hin zur Rolle der marktorientierten Großakteure – und den Eltern als Schulwählenden zwischen guter Eltern- und Bürgerschaft. Der bildungsgeschichtliche Neuigkeitswert ist hingegen – wie oben angedeutet – eher gering. Vielmehr haben Ben-Porath und Johanek hier eine knappe Einführung entlang einiger Wegmarken der US-amerikanischen Schulgeschichte vorgelegt, was ihrem Anliegen mit dem Buch jedoch keinen Abbruch tut: zeigen zu wollen, dass auch Historiker/innen und Philosoph/innen mit ihrer Expertise sich an zeitgenössischen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen beteiligen können.

Anmerkungen:
[1] Vgl. u.a. Thomas Koinzer / Rita Nikolai / Florian Waldow (Hrsg.), Private Schools and School Choice in Compulsory Education. Global Change and National Challenge, Wiesbaden 2017; Thementeil Schulwahl in: Zeitschrift für Pädagogik 64 (2018), S. 581–658; Oliver Krüger / Anna Roch / Georg Breitenstein, Szenarien der Grundschulwahl. Eine Untersuchung von Entscheidungsdiskursen am Übergang zum Primarbereich, Wiesbaden 2019.
[2] Vgl. u.a. Wolfgang Klafki, Gesellschaftliche Funktion und pädagogischer Auftrag der Schule in einer demokratischen Gesellschaft, in: ders., Schultheorie, Schulforschung und Schulentwicklung im politisch-gesellschaftlichen Kontext. Weinheim 2002, S. 41–62.
[3] David B. Tyack, The One Best System. A History Of American Urban Education, Cambridge 1974; Patricia Albjerg Graham, Schooling America. How The Public Schools Meet The Nation’s Changing Needs, Oxford 2005.

Redaktion
Veröffentlicht am
05.11.2019
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/
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