C. Dejung u.a. (Hrsg.): The Global Bourgeoisie

Cover
Titel
The Global Bourgeoisie. The Rise of the Middle Classes in the Age of Empire


Herausgeber
Dejung, Christof; Motadel, David; Osterhammel, Jürgen
Erschienen
Anzahl Seiten
XV, 375 S.
Preis
$ 99.95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ruth Nattermann, Ludwig-Maximilians-Universität München

Das 19. Jahrhundert galt lange als das „goldene Zeitalter“ des Bürgertums in Europa. Transnationale und globalgeschichtliche Perspektiven haben in den letzten Jahren dieses Bild relativiert und erweitert. Aktuelle Werke betonen die Vergleichbarkeit und Gemeinsamkeiten in den Entwicklungen von Mittelklassen und bürgerlichen Milieus des 19. Jahrhunderts weltweit.[1] Der von Christof Dejung, David Motadel und Jürgen Osterhammel 2019 herausgegebene Sammelband stellt das erste umfassende Ergebnis dieser neuen Forschungstendenz dar. Die ambitionierte Studie vereint Beiträge eines internationalen Expert/innenkreises, die den Fokus auf die sozialen Strukturen, Akteure, Ideen, Verbindungen und Netzwerke bürgerlicher Gruppen und Milieus in Europa, den USA, Südamerika, Afrika und Asien vorwiegend im „langen“ 19. Jahrhundert richten, den von Hobsbawm geprägten Zeitraum des „imperialen Zeitalters“ mitunter aber auch durchbrechen.

In der nuancierten, elegant geschriebenen Einleitung „Worlds of the Bourgeoisie“ erläutern Dejung, Motadel und Osterhammel unterschiedliche soziologische und kulturelle Charakteristika bürgerlicher Gruppen und Milieus. Als soziales Gebilde könne die „bourgeois middle class“ (S. 8) des 19. Jahrhunderts je nach Vermögen und Beruf in drei wesentliche Subkategorien unterteilt werden. Die Grenzen zwischen den einzelnen Untergruppen seien mit Blick auf die Heterogenität bürgerlicher Milieus jedoch häufig fließend. Im kulturellen Sinne hätten sich die zeitgenössischen Mittelklassen aufgrund spezifischer Praktiken, Wertvorstellungen und Ideale von anderen gesellschaftlichen Gruppen abgegrenzt und eine eigene Öffentlichkeit vorwiegend innerhalb urbaner Räume geschaffen. Zur weltweiten Verbindung bürgerlicher Akteure und Akteurinnen trugen wirtschaftliche Beziehungen, internationale Transfers, kulturelle Begegnungen und die Entstehung einer „global republic of letters“ (S. 18) maßgeblich bei.

Anhand des komparativen Ansatzes sollen sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede bürgerlicher Kulturen innerhalb ihrer lokalen und regionalen Kontexte herausgearbeitet und die vielfältigen Verbindungen der „globalen Bourgeoisie“ analysiert werden. Als prinzipielles Problem des globalen Vergleichs von Mittelklassen im 19. Jahrhundert führen die Herausgeber zu Recht die unterschiedlichen Begriffe und Begriffskonnotationen in diversen Sprach- und Kulturräumen an. Das dem Band zugrundeliegende Konzept der Mittelklasse orientiert sich an den von europäischen Sozialhistoriker/innen heutzutage weitgehend synonym verwendeten Termini „bourgeoisie“ und „middle class“ für die zwischen der Aristokratie und den städtischen wie ländlichen Unterschichten stehende gesellschaftliche Gruppe. Die Tatsache, dass soziologisch-historische Konzepte europäischen Ursprungs nicht ohne Weiteres auf die außereuropäische beziehungsweise nicht-westliche Sphäre angewandt werden können, solle dennoch nicht zu einem Verzicht auf globalgeschichtliche Vergleiche führen, wie die Herausgeber betonen. Insbesondere um das „othering“ und die Exotisierung nicht-westlicher Gesellschaften zu verhindern, sei eine gemeinsame Terminologie unabdingbar. Eine zentrale Voraussetzung bilde allerdings das Wissen um die unterschiedlichen Bedeutungen der Begrifflichkeiten gerade in englischsprachigen Gesellschaften und vor allem ein kritisches Bewusstsein der grundsätzlich problematischen Anwendung europäischer Termini als Analysekategorien für nicht-europäische soziale Gruppen.

Die folgenden 15 Beiträge des Bands sind in sechs thematische Sektionen unterteilt. Im ersten Abschnitt zu „State and Class“ macht Marcus Gräsers überzeugender Beitrag die regionale Heterogenität und fragmentierte Erfahrung der US-amerikanischen Mittelklasse im 19. Jahrhundert sichtbar. Einerseits beschleunigte der Besitz von Eigentum die Eingliederung von Einwanderern in die „neuen“ bürgerlichen Kreise, andererseits stellten Rassismus und Antisemitismus bis weit ins 20. Jahrhundert hinein starke Exklusionsmechanismen innerhalb der „ersten internationalen Nation“ dar.

Der zweite Teil diskutiert die widersprüchlichen Beziehungen zwischen „Colonialism and Class“. Emma Hunter kann nachweisen, dass im kolonialen Ostafrika Rassismus und wirtschaftliche Hierarchien die Entstehung einer afrikanischen Mittelklasse stark einschränkten, schriftliche Medien der gebildeten afrikanischen Elite jedoch einen öffentlichen Raum für die Verstetigung bürgerlicher Identitäten boten. Padraic X. Scanlans materialreiche Untersuchung zeigt, wie Ideen und soziale Praktiken von Emanzipation als zentralem bürgerlichen „Reformprojekt“ in den britischen Kolonien sich vielfach mit Elementen inländischer Reformbewegungen deckten.

In der dritten Sektion, „Capitalism and Class“ diskutiert Kris Manjapra einen zentralen Aspekt globaler Wirtschafts- und Wissensgeschichte: Sein instruktives Kapitel behandelt die Auswirkungen des zeitgenössischen Kapitalismus auf die Entstehung neuer bürgerlicher Berufsgruppen und multinationaler wie multiethnischer Expertennetzwerke, deren Akteure als globale Vermittler von Wissen in Erscheinung traten.

Besonders interessant sind die Texte des vierten Teils, der „Religion and the Betterment of the World“ thematisiert. Die muslimische Bourgeoisie und Philanthropie des späten Osmanischen Reiches untersucht Adam Mestyan. Er veranschaulicht, wie in Kairo, Beirut und Damaskus Wohltätigkeitsevents die Herausbildung einer öffentlichen Sphäre förderten und zum Spiegel der Verbindung von Religiosität, Patriotismus, Bildung und gesellschaftlichem Habitus als Ausdruck einer neuen bürgerlichen Kultur avancierten. David Motadels facettenreiche Studie der muslimischen Minderheit in Berlin während der Zwischenkriegszeit erhellt die vielfältigen Intersektionen von Klasse, Religion und Diaspora. Islamische und bürgerliche Werte vereinigten sich innerhalb der muslimischen Bildungselite Berlins zu einer hybriden Kultur, die ethnische, nationale und sprachliche Unterschiede überbrücken konnte. Die Entstehung bürgerlicher Milieus in der islamischen Welt des 19. Jahrhunderts habe sich auch auf Migrationsgemeinschaften und ihre Beziehungen zu nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaften unmittelbar ausgewirkt. Bürgerliche „Zivilisierungsmissionen“ stehen im Mittelpunkt des fundierten Beitrags von Christof Dejung. Anhand von Schriften einer „reaktionären Avant-Garde“ des frühen 20. Jahrhunderts belegt der Verfasser die Existenz eines rechtslastigen bürgerlichen Weltbilds, in dem Mitglieder der europäischen Unterschichten mit kolonialen Untertanen gleichgesetzt wurden. Die rassistisch konnotierten Vergleiche gesellschaftspolitischer Prozesse in Europa mit Entwicklungen in der nicht-europäischen Peripherie bewertet Dejung als Beweis für den „globalen Horizont“ der europäischen Mittelklassen im imperialen Zeitalter. Die betreffenden Diskurse wiederum verloren erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs mit der Ächtung von Faschismus und Rassismus an Glaubwürdigkeit.

Der äußerst lesenswerte letzte Abschnitt fokussiert „Failures and Fringes“. Überprüft werden Narrative angeblich ausgebliebener Mittelklassenbildung. Sabine Dabringhaus und Jürgen Osterhammel analysieren kenntnisreich die Gründe für das Aufkommen und das Verschwinden bürgerlicher Gruppen in China. Mit der Öffnung von Hafenstädten wie Shanghai entstanden seit den 1920er-Jahren bürgerliche Milieus westlicher Ausrichtung, deren „goldenes Zeitalter“ jedoch bereits 1937 durch die japanische Invasion gewaltsam beendet wurde. Zwölf Jahre später zerstörte die kommunistische Partei jegliche verbliebene Form bürgerlichen Lebens. Anhand der kurzen Geschichte des chinesischen Bürgertums könne somit ein generelles Problem sichtbar gemacht werden: Das Aufblühen bürgerlicher Milieus sei von der Frage der Macht nicht zu trennen – es erfordere „zumindest ein Minimum an staatlicher Protektion“ (S. 334).

Den Abschluss des Buches bildet Richard Draytons kritischer Epilog zu „Race, Culture, and Class“, der die Entwicklung der Mittelklasse seit Beginn des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts in den Blick nimmt. Eindrücklich beschreibt der Verfasser die Formung einer „globalen Bourgeoisie“ als gewaltsamen Prozess, in dem „Rasse“ als Diskurs und Praxis soziale Vorrangstellungen prägte. Während der Konnex zwischen rassischer Imagination, Klassenstatus und Zivilisation die gemeinsame ideologische Grundlage eines Weltbürgertums gebildet habe, seien „Status und Ehre“ im Laufe des 19. Jahrhunderts zu seinen zentralen „Währungen“ avanciert. Globale Gesellschaftsgeschichte müsse die Relevanz von Rasse als sozialem Ordnungsschema dezidiert berücksichtigen, so Draytons Fazit.

Der Sammelband bietet seinen Leser/innen ein faszinierendes und ausdrucksstarkes Bild der „globalen Bourgeoisie“. Die inhaltlich eng verwobenen, auf originellen Quellen wie zeitgenössischen Reiseberichten, Zeitschriften, autobiographischen Texten, wissenschaftlichen Publikationen, Verwaltungs- und Handelsdokumenten beruhenden Beiträge verdeutlichen in ihrer Gesamtheit, dass die Wahrnehmung der Geschichte des Bürgertums als ausschließlich europäischem oder westlichem Phänomen den weltgeschichtlichen Dimensionen dieser Gruppe nicht gerecht wird. Künftige Untersuchungen sollten auch die Ambivalenzen der bürgerlichen Geschlechterordnung, die Beziehungen zwischen Geschlecht und sozialer Klasse und die Rolle von Frauen in der Entwicklung bürgerlicher Identitäten und Kultur sowie als Akteurinnen innerhalb des global agierenden, weltweit vernetzten Bürgertums eingehend thematisieren. Zweifellos können die vielfältigen Verbindungen und Austauschprozesse der „globalen Bourgeoisie“ nicht darüber hinwegtäuschen, dass das „imperiale Zeitalter“ von nationalen Konflikten und zunehmender nationalistischer Aggression geprägt war, die von bürgerlichen Akteuren und Akteurinnen mitgetragen wurden und ihre Schatten auf das „Zeitalter der Extreme“ warfen.

Anmerkung:
[1] V. a. Ricardo López / Barbara Weinstein (Hrsg.), The Making of the Middle Class. Toward a Transnational History, Durham 2012; Jürgen Osterhammel, The Transformation of the World. A Global History of the Nineteenth Century, Princeton 2014.