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Titel
Das Kinderbischofsfest im Mittelalter.


Autor(en)
Skambraks, Tanja
Erschienen
Umfang
XII, 406 S.
Preis
68,00 €
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Philip Knäble, Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte, Georg-August-Universität Göttingen

Die Wahl eines Kinderbischofs aus den Reihen der Chorknaben war in vielen Klöstern und Kathedralen des Spätmittelalters ein verbreitetes Fest. Für einen bis mehrere Tage erhielt ein Kind bischöfliche Insignien, saß auf dem Thron des Bischofs, führte Prozessionen an und segnete Klerus und Bevölkerung. Während sich die historische Festforschung und Volkskunde schon länger diesem Phänomen gewidmet haben, blieb eine Beschäftigung mit dem Thema innerhalb der Geschichtswissenschaft bisher weitgehend aus. Wie wichtig aber eine historische Kontextualisierung und eine Ausweitung des Quellenkorpus sind, zeigt die vorliegende Arbeit, mit der die Verfasserin 2012 an der Universität Mannheim promoviert wurde.[1] Darin befasst sie sich mit der Wahl von Kinderbischöfen und den dazugehörigen Feierlichkeiten in England, Frankreich und dem deutschsprachigen Raum, während die Quellenbelege aus Italien und Spanien von ihr bewusst ausgeklammert wurden. Der Untersuchungszeitraum umfasst das 11. bis 15. Jahrhundert. Im letzten Kapitel wird zudem ein Ausblick bis in das 18. Jahrhundert geboten, wobei der Schwerpunkt der Studie – gerade auch wegen der Quellenlage – auf dem spätmittelalterlichen England liegt. Das Anliegen von Tanja Skambraks ist es, „das Kinderbischofsfest zwischen den Kategorien Ritual und Drama/geistlichem Spiel“ (S. 24) zu untersuchen und zu hinterfragen, inwiefern bei der Imitation des bischöflichen Einsetzungsrituals und dem dadurch bedingten temporären Statuswechsel Subversivität und Parodie eine Rolle spielten.

Wegen der interdisziplinären Forschungslage beginnt Tanja Skambraks mit einem Überblick über den Forschungsstand in Festforschung, Theaterwissenschaft, Ritualforschung und Liturgiewissenschaft. Sie problematisiert dabei erstens die Beschränkung der Forschung vor allem auf normative Quellen, zweitens eine Vermischung des Festes mit dem Narrenfest und drittens die Dominanz von Michail Bachtins Ansatz, das Kinderbischofsfest allein als Bestandteil einer subversiven Volkskultur gegenüber einem disziplinierenden Klerus zu deuten. Während sie deshalb die Ergebnisse der das Thema dominierenden Festforschung als einseitig kritisiert, greift sie Ansätze aus den anderen Disziplinen auf, welche die Anbindung des Festes an die Liturgie nachzeichnen. Trotz der erheblichen Erweiterung der Quellenbasis liegen für die jeweiligen Gemeinschaften häufig nur einzelne Quellengattungen vor, so dass Tanja Skambraks aus deutschen Kapitelregistern, französischen Rechnungsbüchern und englischen Predigten zwischen dem 11. und 16. Jahrhundert den Festablauf rekonstruiert, dabei teilweise aber auch auf Beispiele aus Italien oder aus der Frühen Neuzeit verweisen muss. Das in der Mediävistik bekannte Problem, inwiefern Verallgemeinerungen aus regional und zeitlich sehr heterogenen Quellen gezogen werden können, gilt somit auch für das Kinderbischofsfest, wird von der Autorin bei ihren Schlussfolgerungen aber adäquat reflektiert.

Im ersten der insgesamt vier Kapitel befasst sich Tanja Skambraks mit der Herkunft und Wahl des Kinderbischofs, seinen Insignien sowie der Finanzierung des Festes. Sie arbeitet heraus, dass vor allem die Chorknaben wegen ihrer ungebrochenen, engelsgleichen Stimme zum Kinderbischof gewählt wurden, aber auch junge Kanoniker das Amt bekleideten. Quellen aus der Finanzverwaltung illustrieren zudem die Akzeptanz des Festes durch die Gemeinschaften, da die Kosten häufig von den Kathedral- oder Klostergemeinschaften, zum Teil auch durch externe Förderer wie Stadtbürger, lokale Adelige oder in England dem König übernommen wurden. Die bischöflichen Insignien wie Mitra, Pontifikalhandschuhe oder Stab wurden dafür extra für den Kinderbischof hergestellt.

Das zweite Kapitel „Performanz“ greift die methodischen Überlegungen zum Verhältnis von Liturgie, Ritual und Spiel aus der Einleitung wieder auf. Skambraks lehnt sich methodisch zum einen an den Ritualbegriff des Münsteraner Sonderforschungsbereichs 496, zum anderen an den Germanisten Jan-Dirk Müller an, der mit dem Begriff „paraliturgisch“ die Grauzonen von Spiel, Ritual und Liturgie in der spätmittelalterlichen Frömmigkeit betont.[2] Mit dem Fokus auf die Libri ordinarii kann sie die Einbindung von theatralen Elementen und liturgiefremden Gesängen in das Fest nachweisen. Indem der Kinderbischof die Insignien des Bischofs und den Platz auf dem Bischofsthron übernimmt, während Bischof und Kanoniker ihre angestammten Plätze in der Kirche räumen müssen, findet ein temporärer Statuswechsel statt. Dies bietet zwar Möglichkeit für humoristische und parodistische Elemente, die allerdings in einem reglementierten Rahmen verlaufen. So bleibt etwa die Spendung von Sakramenten dem Kinderbischof stets untersagt. Skambraks betont dagegen die didaktische Funktion für die Chorknaben, wenn diese die Gesten des Bischofs imitieren. Der Kinderbischof verkörpert dabei kindliche Werte wie Reinheit, Demut und Einfachheit, zu deren Einhaltung er in Predigten oder szenischen Spielen auch den erwachsenen Klerus mahnt.

Dass diese Werte gerade beim Kinderbischofsfest gegenwärtig sind, zeigt das dritte Kapitel, „Subtexte und Kontexte“, das den Bezug des Festes zum christlichen Festkalender darstellt. Tanja Skambraks zeichnet darin die Entstehung und Verbreitung der Frömmigkeitspraktiken am Fest der Unschuldigen Kinder und am Nikolaustag von der Frühkirche bis zum Spätmittelalter nach. Zunächst bietet das Fest der Unschuldigen Kinder am 28. Dezember im Hochmittelalter den Anlass für geistliche Spiele, bei denen die Chorknaben die von Herodes ermordeten Kinder verkörpern. Die Reinheit und Unschuld der Kinder lassen sie zu besonderen Märtyrern werden, deren Werte durch die Figur des Kinderbischofs dem Klerus und zum Teil der Gemeinde vergegenwärtigt werden. Im Verlauf des Spätmittelalters wird das Kinderbischofsfest stärker an den Kult des Heiligen Nikolaus angebunden, der sich ab dem 12. Jahrhundert als Schutzpatron der Schüler an den Kathedral- und Klosterschulen durchsetzt. Die Gleichsetzung von Narrenfest und Kinderbischofsfest weist Skambraks deutlich zurück und zeigt auf, dass die Zusammenführung der Feste einer antiklerikalen Position der Aufklärungszeit entspricht, die gerade das Burleske und Bizarre der mittelalterlichen Kirche herausstreichen wollte.[3] Die liturgischen Regelwerke belegen jedoch, dass das Narrenfest als Fest der Subdiakone separat vom Kinderbischofsfest gefeiert wurde.

Im letzten Kapitel geht Tanja Skambraks auf die Verbotsschreiben und Konzilienbeschlüsse ein, die von der Forschung bisher als wichtigste und häufig einzige Quellengattung genutzt wurden. Zwar kritisieren die überregionalen Quellen, dass beim Fest der reguläre Bischof verunglimpft und der Klerus in den Augen der Bevölkerung lächerlich gemacht werde und die Schreiben fordern häufig ein generelles Verbot des Kinderbischofsfestes, das sie dabei oft mit dem Narrenfest gleichsetzen. Dem stellt Skambraks jedoch eine Vielzahl lokaler Regulierungsschreiben gegenüber, die nie das gesamte Fest in Frage stellen, sondern jeweils nur bestimmte Überschreitungen oder Geldverschwendung kritisieren. Zudem verweist sie auf die pragmatischen Quellenbelege, welche eine finanzielle und ideelle Unterstützung durchblicken lassen. Das Kinderbischofsfest wurde von lokaler Seite weitgehend als anerkannte und an die Liturgie angebundene Feier verteidigt. Bei starker lokaler Unterstützung hielt sich das Fest in einigen katholischen Gebieten bis in das 18. Jahrhundert, während es in den protestantischen Gebieten im Zuge einer veränderten Frömmigkeitskultur abgeschafft wurde.

Indem Tanja Skambraks die Anbindung des Kinderbischofsfestes an die Liturgie und seine Legitimation durch den lokalen Klerus nachweisen kann, gelingt es ihr, die genannten dominanten Forschungsstereotype zu widerlegen. Damit schafft sie es, ein Forschungsthema, das bisher vor allem die Festforschung interessierte, differenziert aufzuarbeiten und so für die Mediävistik zu öffnen. Aktuelle Impulse aus der interdisziplinären Forschung aufnehmend, demonstriert Tanja Skambraks am Beispiel des Kinderbischofsfestes in vorbildlicher Weise die flexiblen Grenzen zwischen Liturgie und paraliturgischen Frömmigkeitspraktiken des Spätmittelalters. Im Kontext neuerer Arbeiten von Jörg Sonntag zum Verhältnis von Spiel und Liturgie oder Gregor Rohmann zu Tanzpraktiken in der religiösen Kultur des Mittelalters zeigt sich, dass das bisherige Verständnis der mittelalterlichen Liturgie und Frömmigkeit einer dringenden Korrektur bedarf.[4]

Anmerkungen:
[1] Zeitgleich hat sich auch der Historiker Yann Dahhaoui mit dem Kinderbischofsfest befasst. Die Publikation seiner 2012 verteidigten Dissertation steht allerdings noch aus.
[2] Jan-Dirk Müller, Mediävistische Kulturwissenschaft, Berlin 2010.
[3] Max Harris, Sacred Folly. A new History of the Feast of Fools, Ithaca 2011.
[4] Jörg Sonntag (Hrsg.), Religiosus ludens. Das Spiel als kulturelles Phänomen in mittelalterlichen Klöstern und Orden, Berlin 2013; Gregor Rohmann, Tanzwut. Kosmos, Kirche und Mensch in der Bedeutungsgeschichte eines mittelalterlichen Krankheitskonzepts, Göttingen 2013.

Zitation
Philip Knäble: Rezension zu: : Das Kinderbischofsfest im Mittelalter. Tavarnuzze  2014 , in: H-Soz-Kult, 18.02.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-23566>.
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Veröffentlicht am
18.02.2015
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