Buchpreis: Essay Kategorie Neuere Geschichte (19. Jh.)

Von
Ewald Frie

Essay von Ewald Frie, Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Krieg dominiert das 19. Jahrhundert. Diesen Eindruck erwecken die Siegertitel des H-Soz-u-Kult Buchpreises zur Neueren Geschichte. Ute Planert hat mit einer multiperspektivischen und ungeheuer quellenreichen Darstellung der Revolutions- und napoleonischen Kriege im deutschen Süden den ersten Preis gewonnen. Mit einigem Abstand folgen Alan Kramers Überlegungen zur „dynamic of destruction“ des Ersten Weltkriegs und ihrer Verarbeitung in den europäischen Hochkulturen der Zwischenkriegszeit, sowie Roger Chickerings Totalgeschichte des Ersten Weltkriegs in der Stadt Freiburg. Dominik Gepperts Habilitationsschrift über „Öffentlichkeit und Diplomatie in den deutsch-britischen Beziehungen 1896-1912“, die den vierten Platz belegt, trägt immerhin noch den Titel „Pressekriege“. Erst dann folgt mit Thomas Karlaufs Biographie Stefan Georges eine eher unkriegerische und außerhalb des universitären Wissenschaftsbetriebs entstandene Arbeit.

Krieg besteht nicht nur aus Taktiken und Strategien, aus Schlachten und Siegen, aus Landsknechten und Feldherren. Die drei erstplatzierten Werke fragen nach den Wirkungen und Folgen des Krieges, nach Erleben, Erfahrung und Deutung. Alan Kramer sucht durch Beobachtungen aus großer Höhe, die die europäischen Kriegsnationen des Ersten Weltkriegs insgesamt erfassen, nach Erklärungen für die Brutalität der 30er und 40er Jahre des 20. Jahrhunderts. Ute Planert und Roger Chickering tauchen in lokale bzw. regionale Kriegsgesellschaften ein. Sie beschreiben den Krieg von unten und von innen. Sie bearbeiten dafür enorme Quellenmengen unterschiedlichster Provenienz. Ihren Büchern sieht man die Fülle an: unter 600 Seiten kommen Leserinnen und Leser nicht davon. Dennoch hat Alan Kramer in seiner H-Soz-u-Kult-Rezension vorausgesagt, dass Chickerings Buch ein Klassiker werde. Planerts Habilitationsschrift ist ein ähnliches Schicksal zu wünschen.

Krieg ist schlimm. Ute Planert folgt älteren Schätzungen, nach denen die Kriege der Jahre 1792-1815 rund fünf Millionen Soldaten das Leben kosteten – im Verhältnis zur Bevölkerungszahl eine Verlustrate, die an die des Ersten Weltkrieges heranreicht. Ihre eigentlichen Helden sind aber nicht die malträtierten Soldaten, sondern die Menschen in den Dörfern und Städten, die mit dem Krieg leben mussten. Für sie war meist nicht die Schlacht das Problem, sondern der Durchzug von Armeen, die Einquartierungen, Vorspannleistungen, Requirierungen, Plünderungen. Armeen schleppten Krankheiten und Seuchen ein, die Mensch und Vieh gefährdeten. Und selbst wenn keine Armee durch das Dorf zog, blieben die Belastungen ungeheuer. Die Steuerlast zur Finanzierung der Kriege wuchs. Und der Krieg vernichtete menschliches Kapital: Söhne, Knechte, Handwerksgesellen wurden Soldaten und kamen nicht zurück. Äcker wurden nicht bestellt. Handwerksbetriebe brachen zusammen. Familien wurden zerrissen. Wie Menschen mit all diesen Unglücken des Krieges auszukommen versuchten, das ist Planerts Thema.

Krieg trifft jede/n. Ute Planert untersucht vielfältige Folgen des Krieges. Sie stellt dar, wie frühneuzeitliche Armeen funktionieren und was das Neue der revolutionären und napoleonischen Armeen war. Sie analysiert Berichte über Raub, Plünderung, Erpressung, Gewalt und Kirchenschändung durchziehender Soldaten und kommt zu chronologischen, truppenartspezifischen und konfessionellen Differenzierungen. Sie untersucht den Wandel der Frömmigkeit und stolpert dabei unter anderem über eine Jungfrauengeburt in Meimsheim. Sie beschreibt Strategien von Menschen im Umgang mit den Nebenfolgen des Kriegs und identifiziert auch „Kriegsgewinnler“, wie man 100 Jahre später sagen würde. Sie untersucht Kantonsystem und Wehrpflicht, stellt Versuche dar, sich der Wehrpflicht zu entziehen und erläutert, welche Bevölkerungsgruppen zu welchen Ausweichstrategien neigten. Sie kümmert sich in den beiden abschließenden Kapiteln um die zeitgenössische Bewertung und Interpretation der Kriege jenseits der Intellektuellendiskurse. Der „Befreiungskrieg“, so ihre These, war ein spät kommender, unterschiedliche Bewertungen überdeckender Mythos. Sie hat ihr Buch daher „Der Mythos vom Befreiungskrieg“ genannt. Ich finde den Titel unpassend. Er wird der Vielfältigkeit der Untersuchungsstrategien und Ergebnisse nicht gerecht. Planert zeigt, wie der Krieg auch die letzte Tagelöhnerfamilie im vorletzten Dorf der Schwäbischen Alb noch in ihren Lebensmöglichkeiten beeinträchtigte. Sie ist dafür durch 46 Stadtarchive, durch Ordens-, Pfarr- und Bistumsarchive, durch Staats- und Landesarchive gezogen und hat mehr gedruckte Quellen und Quellendokumentationen gelesen als andere Historikerinnen und Historiker in einem ganzen Arbeitsleben. Sie strukturiert und bündelt ihre Ergebnisse, ohne ihre faszinierende Vielfalt allzu sehr zu beschneiden. Das ist mehr als Entmystifizierung. Wenn das Buch nach diesem Preis in die zweite Auflage geht, sollte über einen anderen Titel nachgedacht werden.

Krieg dominiert das 19. Jahrhundert? Wirklich? Ute Planert, Alan Kramer und Roger Chickering arbeiten über Kriege und sie tun dies in eindrucksvoller Weise. Doch ist das das Wesen des Jahrhunderts zwischen Französischer und Russischer Revolution? In Europa – und in Europa spielen die zehn punktbesten Titel dieses Jahres – ist das 19. Jahrhundert vergleichsweise friedlich gewesen. Warum fasziniert uns dennoch der Krieg? Wird unser Fragehorizont der komplexen Struktur des 19. Jahrhunderts gerecht? Die Frage stellt sich auch beim Blick auf die Chronologie. Von den zehn punktbesten Titeln betreffen drei den Ersten Weltkrieg und vier die wilhelminische Zeit. Karlaufs George-Biographie ragt in die Weimarer Zeit hinein. Planerts Siegtitel und Heinz Duchhardts Stein-Biographie, die auf Platz sieben gelandet ist, kümmern sich um den Jahrhundertanfang. Wie im letzten Jahr behandelt keiner der ausgezeichneten Titel den chronologischen Jahrhundertkern. Das ist eigentümlich. Fehlen uns die Fragen? Oder sollten wir, vom Fragehorizont des 21. Jahrhunderts ausgehend, die Vergangenheit chronologisch neu sortieren müssen?

Von der H-Soz-u-Kult Jury „Das Historische Buch 2008“ wurden in der Kategorie „Neuere Geschichte“ folgende Titel auf die vorderen Rangplätze gewählt:

1. Planert, Ute: Der Mythos vom Befreiungskrieg. Frankreichs Kriege und der deutsche Süden. Alltag - Wahrnehmung – Deutung. 1792 – 1841, Paderborn [u.a.] 2007.
Rezension von Dierk Walter, in: H-Soz-u-Kult, 29.11.2007 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-4-169>.

2. Kramer, Alan: Dynamic of destruction. Culture and mass killing in the First World War, Oxford [u.a.] 2007.
Rezension von Stuart Hallifax, in: H-Soz-u-Kult, 17.12.2007 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-4-221>.

3. Chickering, Roger: The Great War and urban life in Germany, Freiburg, 1914 - 1918. Cambridge [u.a.] 2007.
Rezension von Alan Kramer, in: H-Soz-u-Kult, 06.12.2007 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-4-190>.

4. Geppert, Dominik: Pressekriege. Öffentlichkeit und Diplomatie in den deutsch-britischen Beziehungen (1896 - 1912), München 2007.
Rezension von Thomas Birkner, in: H-Soz-u-Kult, 17.12.2007 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-4-220>.

5. Karlauf, Thomas: Stefan George. Die Entdeckung des Charisma. Biographie, München 2007.
Rezension von Holger Löttel, in: H-Soz-u-Kult, 26.10.2007 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-4-080>.

Die Listen sowie detaillierte Angaben zur Jury und zum Verfahren können Sie auf dem Webserver von H-Soz-u-Kult <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/buchpreis> nachlesen.

Zitation
Buchpreis: Essay Kategorie Neuere Geschichte (19. Jh.), in: H-Soz-Kult, 24.09.2008, <www.hsozkult.de/text/id/texte-1015>.
Redaktion
Veröffentlicht am
24.09.2008
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