Titel
Shoa.de.


Hrsg. v.
Mannes, Stefan
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wolfram Dornik

Rezensionen von Websites und CD-Roms haben sich im Laufe der letzten Jahre genauso zum Standard entwickelt, wie sie von Büchern seit Jahrzehnten zu einem wichtigen Instrument der Fachinformation, wissenschaftlichen Kontroverse und manchmal auch eingehender Auseinandersetzungen sind. Bevor ich eine Kritik der Website Shoa.de anbieten werde, möchte ich einen Aspekt hervorheben, der bei Rezensionen von Büchern weniger im Zentrum steht, als dies bei Publikationen Neuer Medien der Fall ist. Neben einer inhaltlichen Auseinandersetzung bedarf es bei Websites - wie auch bei anderen multimedialen Veröffentlichungen - einer gestalterischen und technischen Analyse. Wie kaum ein anderes Medium, sind Websites von rezeptionsrelevanten Aspekten abhängig, entscheiden dieselben häufig über Interesse oder Ablehnung von zufällig "vorbeisurfenden" UserInnen. In diesem Sinne möchte ich bei der folgenden Rezension von Shoa.de neben den gewohnten Auseinandersetzungen zum Inhalt auch auf Aspekte der Gestaltung, BenutzerInnen-Führung und -Orientierung eingehen.

Das Portal Shoa.de, welches von der seit 1996 bestehenden Bürgerinitiative "Arbeitskreis Shoa.de e.V." betrieben wird, will laut Selbstdefinition "... einerseits sachliche, allgemeinverständliche Informationen vermitteln, andererseits aber zugleich Plattform sein für bürgerliches Engagement zu dem Thema." In dieser Funktion sind auf der Website thematische und kommunikative Elemente zu finden. "Kommunikation" und "Forum" gehören zu den Teilen, die die Partizipation von WissenschafterInnen, JournalistInnen, Jugendlichen und anderen UserInnen fördern sollen; dafür werden online-immanente Anwendungen (Newsletter, Gästebuch, Forum, Chat, Linklisten usw.) herangezogen. Diese sind im Besonderen für das Erreichen eines breiten Diskurses, für aktive Auseinandersetzung mit den Themen Nationalsozialismus, Holocaust, Shoa, Zweiter Weltkrieg und dem Umgang beziehungsweise der Erinnerung damit von hoher Bedeutung. Die thematischen Teile der Site sind gruppiert in die Kapitel "Holocaust", "3. Reich", "2. Weltkrieg" sowie "Nachkriegszeit". Einige dieser Kapitel sind teilweise mit eigenen Domains versehen, in der Kopfleiste der Seiten wird dies auch mit einer anderen Überschrift hervorgehoben. Der Grund für diese Uneinheitlichkeit wird jedoch nicht erwähnt; im Rahmen von Recherchen und bei Zitaten kann das zu Verwirrungen führen.

Die informativen Kapitel sind in die Bereiche "Themen", "Personen" sowie "Quellen und Links" unterteilt, die ein umfassendes und verständliches Informations-Angebot enthalten. Diese von den BetreiberInnen gewählte Aufteilung der Site unterstützt die Rezeption, wobei aber eine deutlichere visuelle Trennung von kommunikativen und informativen Elementen die Orientierung verbessern würde. In der nach Themen orientierten Aufteilung der Site wird aber ein verhältnismäßig hohes Maß an Basiswissen vorausgesetzt, was in Anbetracht des "aufklärerischen" Anspruches - Unwissenheit entgegen zu wirken - zu hinterfragen ist. Dem wird jedoch mit einer Site-internen Suche entgegengekommen, die leider schwer zu finden ist; vor allem für Jugendliche und Laien ist eine solche Volltext-Suche wichtig, da diese einen einfacheren und individuelleren Zugang zur Thematik ermöglicht.

Besonders hervorzuheben ist die umfangreiche Ausnutzung konnektiver Strukturen des Internet (Hypertext), in Form von Site-internen Verlinkungen; dadurch wird auf das unterschiedliche Vorwissen der RezipientInnen eingegangen und optimale Bewegungsfreiheit zugestanden. Ersterem wird außerdem begegnet, indem am Ende jeder thematischen Seite Literatur und Links angeboten werden. Damit steht es jedem/r offen, weitere Informationen außerhalb der Site/des Internet einzuholen. Den unterschiedlichen Rezeptionsbedürfnissen kommt auch die graphische Gestaltung beziehungsweise die Ergänzung von Bild und Text entgegen. In diesem Zusammenhang ist der vorbildliche Einsatz von multimedialen Elementen (beispielsweise Video- und Audio-Files) zu loben - auch wenn deren Funktionieren bis zum Fertigstellen dieser Rezension noch nicht gewährleistet werden konnte. Sinnvoll wäre diese direkt in den Text einzubauen, anstatt sie in einem schwer zu findenden Bereich der Site zu "verstecken". Hilfreich wäre in diesem Zusammenhang vielleicht noch der Einsatz von grafischen Visualisierungsmethoden (interaktive Landkarten, Mind-Maps, Grafiken, Diagramme usw.). Bei multimedialen Elementen ist jedoch allgemein anzumerken, dass diese zwar unterschiedliche Rezeptionsmethoden fördern, gleichzeitig aber auch Fehleranfälligkeit, hohen technischen Aufwand für ProduzentInnen und KonsumentInnen sowie eine Belastung der Bandbreite bei den RezipientInnen bedeutet.

Inhaltlich gibt es kaum Einwände, da sich die AutorInnen auf eine breite und differenzierte Liste von Literatur und Quellen stützen. Als österreichischer Historiker muss ich mich jedoch kritisch über die Anmerkungen zum Faschismus in Österreich äußern. In kurzer, undifferenzierter und unverständlicher Weise werden hier Informationen zu faschistischen Bewegungen und Denken in Österreich zusammengefasst. Dabei wird der dem Fachdiskurs nicht entsprechende Terminus "rechtsgerichtete Regierung Dollfuß" für den Austrofaschismus angewendet. Der "christliche Ständestaat" - wie er von seinen Proponenten selbst bezeichnet wurde - war eine autoritäre Diktatur (Wolfgang Wohnout spricht von einer "autoritären Regierungsdiktatur"), in der der demokratische Parlamentarismus (das Parlament hatte sich über einen Verfahrensfehler selbst aus dem Spiel genommen), die Gewerkschaften und oppositionelle Organisationen ausgeschaltet, deren VertreterInnen verfolgt und inhaftiert wurden. So wurden beispielsweise auch der spätere Bundeskanzler Bruno Kreisky (Regierungszeit: 1970-1983) genauso wie nationalsozialistische Aktivisten und Terroristen eingesperrt. Auch wenn der Begriff Austrofaschismus für die autoritäre Regierungsdiktatur von 1934-1938 umstritten ist, so ist es völlig illegitim dieses Regime lediglich als "rechtsgerichtete Regierung" zu charakterisieren.

Thematisch möchte ich darauf aufmerksam machen, dass meines Erachtens zu wenig internationale Aspekte einbezogen werden. Beispielsweise wären Beiträge zu Nationalsozialismus, Holocaust und Shoa, sowie zum Umgang mit diesem Teil der Geschichte/Gegenwart nach 1945 in anderen europäischen Ländern (Ungarn, Frankreich, Italien, Österreich, Polen usw.) stärker zu beachten. Dies muss auch unter dem Aspekt des globalen Zugriffs auf Internet-Publikationen bedacht werden - auch wenn es keine englischsprachige Version der Site gibt, so wäre doch die stärkere Integration zumindest des deutschsprachigen Raums (beispielsweise neben einem Beitrag zur Schweiz auch einer zu Österreich) medienimmanent. In diesem Zusammenhang möchte ich auf die globale Erinnerung des Holocaust hinweisen, wie sie von Daniel Levy und Natan Sznaider in ihrem Buch "Erinnerung im globalen Zeitalter: Der Holocaust"[1] beschrieben wurde. Diesem Aspekt wäre schon aus dem Grund der eigenen Partizipation an diesem Prozess von Shoa.de selbst, als globaler Kommunikations- und Informations-"Raum", mehr Beachtung zu schenken.

Ein weiterer Aspekt, welchem meines Erachtens zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wird, ist der Widerstand gegen das NS-Regime. So konnten beispielsweise bei den Recherchen für diese Rezension Informationen dazu nur über die Site-interne Suche und nicht über die Frame-Navigation gefunden werden. Dieses Thema wäre für Jugendliche, die das Internet als Informations- und Kommunikationsmedium nutzen, vor allem in Hinblick auf das Aufzeigen von Handlungsalternativen gegen politische Gegebenheiten wichtig. Selbstverständlich darf der Widerstand nicht zur Relativierung historischer Schuld - wie dies beispielsweise in Österreich lange als diskursive Strategie in der öffentlichen Debatte gängig war - missbraucht werden. Die Würdigung und Erinnerung von, meist aussichtslosem und oft tödlichem, Widerstand weist aber darauf hin, dass man sich einem Regime nicht zwingend beugen muss, sondern diesem etwas entgegensetzen kann.

Bei allen kritischen Punkte, die in dieser Rezension angemerkt wurden, möchte ich betonen, dass die BetreiberInnen und AutorInnen in weiten Teilen der Website überaus detailliert und differenziert arbeiten. In manchen Bereichen sind jedoch Ungenauigkeiten - wie beim oben erwähnten Beitrag zum Austrofaschismus - festzustellen, die dem sonst hohen qualitativen Anspruch entgegenstehen. Zusammenfassend möchte ich die wichtige Rolle von Shoa.de als Kontrapunkt zu rechtsradikalen, neonazistischen, rassistischen, antisemitischen und revisionistischen Tendenzen im Internet hervorheben. Die Mischung aus Erinnerung, Auseinandersetzung, Information und zivilgesellschaftlichem Engagement ist von wesentlicher Bedeutung für die Schaffung eines gesellschaftlichen Konsenses innerhalb der Net-Comunity zur Ächtung der oben beschriebenen Tendenzen. Gleichzeitig wird auch das Wissen über, und das Gedenken an die Shoa außerhalb des Cyberspace gefördert.

Anmerkungen:
[1] Verwiesen sei hier auf die Rezension, die zu diesem Buch am 2.04.2002 bei H-Soz-u-Kult erschienen ist http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/GA-2002-020

Zitation
Wolfram Dornik: Rezension zu: Mannes, Stefan (Hrsg.): Shoa.de. , in: H-Soz-Kult, 17.10.2003, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-15>.
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Veröffentlicht am
17.10.2003
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