Archive Vergessen. Räume des Verlusts

Archive Vergessen. Räume des Verlusts

Organisatoren
Graduiertenkolleg „Archiv-Macht-Wissen“, Universität Bielefeld
Ort
Bielefeld
Land
Deutschland
Vom - Bis
29.01.2009 -
Von
Vanina Kopp, Bielefeld

Der Konferenz mit dem Titel „Archive Vergessen. Räume des Verlusts“ war bereits ein Workshop mit der Systemtheoretikerin Elena Esposito vorausgegangen, die mit ihrem Buch „Soziales Vergessen“ [1] Denkanstöße für die Tagung geliefert hatte. Um mit der Soziologin und Luhmann-Schülerin über das soziale Vergessen zu diskutieren, schienen nicht nur der Ort (Bielefeld, die „Hochburg“ der Systemtheorie), sondern auch das Graduiertenkolleg mit seinen stark archivzentrierten Fragestellungen einzuladen. Ziel war es, die Erinnerungs-Debatte von einer anderen Seite zu beleuchten und Archive als Räume des Vergessens zu begreifen. Zum Vergessen als eine der grundlegenden Operationen des Archivs führt der Zwang, sich vor einer Überfülle an Informationen schützen zu müssen. Diese Wechselseitigkeit findet sich im Archiv sowohl in der Unterscheidung von Aufbewahren und Wegwerfen, als auch im Vorgang der (Nicht-) Benutzung. Die Kataloge, Register und Verzeichnisse ersetzen zudem die Notwendigkeit, das gespeicherte Wissen selbst präsent zu halten: Es kann vergessen werden. Diese Vergessensprozesse dienen dazu, die Aussagekraft des Erinnerten zu erhöhen. Die damit verbundenen Vorgänge der Verdichtung, Typisierung und Repräsentation standen im Mittelpunkt der Tagung. Nicht um Zerstörung, Löschung und Gedächtnisverlust ging es also, sondern um die bewahrenden und konstruktiven Leistungen des Vergessens. Unter diesem Blickwinkel ließen sich Praxis und Theorie von Archivprozessen neu sichtbar machen und (um-) ordnen.

Die Tagung nutzte die Raumstruktur des Archivs als eine erste Beschreibung von Vergessen im Archiv: Vergessen wird nicht nur zwischen Lesesaal und Magazin, sondern auch in diesen Räumen. Beide Archivräume werden in ihrem Verhältnis geordnet durch Findmittel, denen, weil sie immer auch Nicht-Findmittel darstellen können, der „Vergessens-Unterschied“ wesentlich eingebaut ist. Fragwürdig wird nicht zuletzt das Verhältnis von Nicht-Auffindbarem im Archiv und Nicht-Auffindbarem außerhalb des Archivs: dem Ausgeschiedenen, Kassierten, den Leerstellen und Resten.

In ihrer Einführung skizzierte ANNE BARNERT (Berlin) die Leitfragen der Tagung, indem sie das Paradoxon von Erinnerung und Vergessen in den unterschiedlichen Disziplinen, die sich mit dem kollektiven Gedächtnis beschäftigen, hervorhob. Im Anschluss an Espositos Ansatz führte sie aus, dass ein konsequent von der Vergessens-Seite her gedachtes Archiv ein „Vergessensmechanismus“ sei, dessen Operationen eine ständige Kondensation von Ideen, Begriffen, Formeln und Ritualen vornehme, in dem alles, was nicht reduziert und typisiert werden könne, vergessen werde. Erst dieses Vergessen schaffe jedoch gesellschaftliche Ordnung.

Die erste Sektion „Findbuch“ umfasste zwei Vorträge von Mediävisten. ANDREAS LITSCHEL (Bielefeld) beleuchtete das Spannungsverhältnis von Archivmaterial und Findmittel über die technische Fiktion der Genealogie, eingebettet in die lokale Archivgeschichte der Stadt Lüneburg. Über Abkürzungen (Findbücher, Verweise und Zettelkästen) werde eine Verbindung zwischen Logik und Ordnung des Archivs hergestellt, aber auch zwischen Archiv und Gedächtnis. Doch auch diese Findmittel würden ständig vergessen, ersetzt und überlagert und förderten schließlich die genealogische Imagination über (väterliche) Namen, Geschlechter-Tabellen und alphabetische Ordnungen. Der Vortrag von VANINA KOPP (Bielefeld) wendete sich dem Verhältnis des staatlichen königlichen Archivs der französischen Könige und ihrer höfischen Bibliothek zu. Während im Ersten, dem Speichergedächtnis der Monarchie, sämtliche Rechtstitel der Monarchie gelagert wurden, wurde eine Selektion von bestimmten Dokumenten, in Transfermedien zusammengestellt und der Bibliothek, dem Funktionsgedächtnis, übergeben. Diese Transfermedien, die in verdichteter und typisierter Form dem König einen handlichen und speziell auf seine Bedürfnisse hin konzipierten Einblick in sein Speichergedächtnis erlaubte, habe es gleichzeitig ermöglicht, den gesamten Bestand vergessen zu können. Über die selektive Aussagekraft der Transfermedien könne das Funktionsgedächtnis jedoch seinen Gebrauch entfalten.

Die zweite Sektion „Lesesaal“ enthielt, durch einen krankheitsbedingten Ausfall, den Vortrag von CHRISTINE HIKEL (Bielefeld) über die konkurrierenden Darstellungen und Deutungen der „Weißen Rose“ im bundesrepublikanischen kollektiven Gedächtnis. Mittels gezielter Delegitimierungsstrategien und dem Aufbau eines selektiven Archivs gelang es Inge Scholl, der älteren Schwester der Hingerichteten Hans und Sophie Scholl, ihre geglättete und reduzierte Version der Geschichte der „Weißen Rose“ ins kollektive Gedächtnis einzuschreiben, während konkurrierende Versionen (Bücher, Filme) somit ausgeschaltet und vergessen wurden.

Im Folgenden wurde in den beiden Vorträgen der Sektion „Leerstellen“ das Problem diskutiert, wie nicht im Archivmaterial dokumentierten Aspekten nachgegangen werden kann. In ihrem Beitrag über den von den Nationalsozialisten im Warschauer Ghetto gedrehten „Dokumentarfilm“ „Asien in Mitteleuropa“ arbeitete ANJA HORSTMANN (Bielefeld) heraus, wie eine filmische Realität „jüdischen“ Lebens konstruiert wurde. Bei der Arbeit mit dem archivierten Rohschnitt seien nicht nur die filmischen Inszenierungen zu erkennen, die die gewollte Realität dokumentieren, sondern auch, was nicht in diese medial verfasste Erinnerung passte, die vergessen werden sollte. YAMAN KOULI (Bielefeld) ging in seinem Vortrag dem Platz von Wissen in den Wirtschaftswissenschaften nach. Er führte drei Kategorien von Wissen aus: Ausbildungswissen, Erfahrungswissen und Wissensinfrastruktur. Nach der Feststellung, dass sich das auf makroökonomischer Ebene angesiedelte Wissen, also die Wissensinfrastruktur, der Verschriftlichung und Archivierung entziehe und somit nicht mehr nutzbar sei, versuchte er am Beispiel der ehemaligen deutschen Ostgebiete nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung, die Träger der Wissensform waren, die Leerstellen im Archiv aufzuzeigen.

In der letzten Sektion „Reste“ thematisierte Anne Barnert das Archiv als Ort von abgelegten, weil unpassenden und damit vergessenswürdigen Informationen und ihrem Wiederauftauchen als wirkungsmächtige Reste während eines politischen Umbruchs. Ihr Vortrag über zensierte DEFA-Filme in der DDR zeichnete jene Mechanismen nach, die dazu führten, dass gewissen Themen und Ästhetiken offiziell „vergessen“ wurden und somit der Zensur zum Opfer fielen. Um 1989/90 tauchten diese materiell noch vorhandenen Reste jedoch wieder in der Öffentlichkeit auf, und nahmen ihren Platz in den gesellschaftspolitischen Debatten nach der „Wende“ ein.

In der Abschlussdiskussion fassten MARTINA KESSEL (Bielefeld) und ELENA ESPOSITO (Modena) ihre Ergebnisse der Tagung zusammen. Martina Kessel hob die Wichtigkeit des Vergessens für die Konturierung von Erinnerung heraus: Ohne Vergessen gäbe es kein Erinnern. Dies entspreche auch dem ordnungssichernden Fundament des Vergessens, sowohl für Archive, als auch für Medien und Personen. Doch was passiere, wenn diese Balance nicht stimme, wenn etwas Vergessenes wieder auftauche? Sie unterstrich die Wichtigkeit von Akteuren, die diese Balance organisieren. Zum Schluss stellte sie die Frage in den Raum, inwiefern das Vergessen typisiert werden könne. Hier verwies sie auf die Kontexte von Politik, Herrschaft und Gesellschaft, die jene Balance darüber austarierten, wie viel Vergessen eine Gesellschaft sich leisten könne. In ihrem Abschlussstatement hob Esposito hervor, dass im Gegensatz zum theorieorientierten Workshop am Vortag die jetzige Tagung gezeigt habe, wie Gedächtnismodelle das Vergessen organisieren und wie es funktioniere. Nachdem sie kurz auf den systemtheoretischen Unterschied zwischen Archiv- und Speichermodell zurückgekommen war, führte sie als dritte Ebene die „antizipierte Gedächtnispflege“ (Luhmann) oder reflexive Gedächtnisstruktur aus: Gerade bei der aktuellen Digitalisierungswelle werde in der Gegenwart etwas für die Zukunft produziert. So würden heute Potentialitäten gesammelt und notfalls Material kassiert. Diese Art, Informationen zu antizipieren und Entscheidungen für morgen zu treffen, impliziere das Vergessen.

In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum wurden diverse Fragen angeschnitten. Unausweichlich kam das Problem von Digitalisierung und Vergessen zur Sprache. Gerade bei der Institution Archiv habe sich die Sorge um die Zukunft schon von Beginn an gestellt, doch heutzutage müssten mehr Daten im Zeitalter flüchtiger digitaler Medien erhalten werden. Da heute mehr kontrolliert werde, sei die Sorge um Entscheidungen für die Zukunft größer. Aber auch die Frage nach den Zugangsmöglichkeiten zu Daten, gerade jener, die von Staaten gesammelt wurden, sei sehr aktuell. Ein zweiter Punkt war die Frage danach, was das Vergessen für die Geschichtswissenschaften bedeute und wie die Historiker mit Leerstellen umgehen könnten. Daran schloss die Frage an, wie mit dem Vergessen umzugehen sei und mit der Angst davor, dass „es wieder hochkomme“. Zur Beantwortung wurde kurz über die methodischen Möglichkeiten der Individualpsychologie und der Diskurstheorie nachgedacht.

Die Konferenz stieß im In- und Ausland auf reges Interesse, unter anderem bei Archivaren. Gleichzeitig wurde auch deutlich, weshalb der klassische Archivbegriff bei den heterogenen Themen der Graduiertenkollegsmitglieder erweitert worden war: Gerade der in Bielefeld benutzte „erweiterte“ Archivbegriff, der private Sammlungen, Bibliotheken und visuelle Archive mit einbezieht, ermöglichte den großen Spannungsbogen zwischen Archiv und Vergessen. „Räume des Verlusts“ hatte der Untertitel der Tagung geheißen. Am Ende der Konferenz konnte man sich fragen, ob die Konnotierung von „Verlust“ nicht zu negativ war. Denn obwohl in vielen Vorträgen, vor allem in der Sektion „Leerstellen“, eben diese als Verlust wahrgenommen wurde, so war in anderen Vorträgen die bewahrende Leistung des Vergessens unterstrichen worden.

Konferenzübersicht:

Eröffnung:
Uwe Walter (Prodekan der Abteilung Geschichte): Begrüßung
Martina Kessel (Leiterin des Graduiertenkollegs): Begrüßung
Anne Barnert (Institut für Zeitgeschichte Berlin): Inhaltliche Einführung

Findmittel:
Andreas Litschel (Universität Bielefeld): Vergessene Abkürzungen. Vom Archiv als Findmittel zur Vergangenheit als Genealogie
Vanina Kopp (Universität Bielefeld): Wider den Verlust: Aus dem Archiv in die Bibliothek

Lesesaal:
Christine Hikel (Universität Bielefeld): Erinnern – Verdrängen – Vergessen. Die „Weiße Rose“ im kollektiven Gedächtnis der Bundesrepublik

Leerstellen:
Anja Horstmann (Universität Bielefeld): „Alles was links und rechts der Kameralinse passiert, soll vergessen werden.“ Dokumentarfilm als Speicher einer konstruierten Realität
Yaman Kouli (Universität Bielefeld): Die Grenzen des Archivs

Reste:
Anne Barnert (Institut für Zeitgeschichte Berlin):
Die Wirkmächtigkeit der Reste. Abgebrochene und nicht aufgeführte Filme des DDR-Kinos 1985-1989

Anmerkung:
[1] Elena Esposito, Soziales Vergessen. Formen und Medien des Gedächtnisses der Gesellschaft, Frankfurt am Main 2002.