Automatismen – Selbst-Technologien

Automatismen – Selbst-Technologien

Organisatoren
Graduiertenkolleg Automatismen, Universität Paderborn
Ort
Paderborn
Land
Deutschland
Vom - Bis
08.04.2011 - 09.04.2011
Von
Irina Kaldrack/Theo Röhle, Graduiertenkolleg Automatismen, Universität Paderborn Email:

Die Fachtagung „Automatismen – Selbst-Technologien“ widmete sich dem Verhältnis von Automatismen als unbewussten Prozessen, die sich im Rücken der Beteiligten zu ungeplanten Wirkungen verdichten, und Formen des „Selbst“. Ziel der Tagung war es zu untersuchen, wie sich Mechanismen der Selbstkonstitution im Wechselspiel zwischen Subjekt, Gesellschaft und Medientechnologien vollziehen und wie sie sich historisch verändert haben. Im Fokus der Tagung standen Reibungsflächen des Automatismen-Konzepts, aufgefächert in das Spannungsfeld zwischen der Selbsttätigkeit technischer Objekte, wie sie u.a. in Automaten-Theorien thematisiert wird, und eher subjekttheoretischen Zugängen.

Zentrales Anliegen des Vortrages von JOCHEN VENUS (Siegen) war es, die Interdependenzen von Subjekt, Gesellschaft und Medientechnologie im historischen Verlauf herauszustellen. Am Beispiel des Uhrwerks, Vaucansons Ente und der Androiden von Jaquet-Droz wurde zunächst der morphologische Zusammenhang zwischen Technik und Subjekt verhandelt. Das humanistische Subjekt, so Venus, erlangte durch die Strukturanalogie zum Automaten an Plausibilität. Der mechanische Automat als repräsentative Technologie des 18. Jahrhunderts wurde anschließend kontrastiert mit der Vorstellung von verteilten Systemen in den Computertechnologien des 20. Jahrhunderts. Die Bezüge zwischen Medientechnologie und Subjektkonstitution werfen epochenübergreifend die Frage auf, wie die gesellschaftlichen Strukturen im Technischen ihren Spiegel finden und umgekehrt.

CLAUS PIAS (Lüneburg) diskutierte Utopien der cybernation um 1960 und das damit einhergehende veränderte Menschenbild: Durch Automation und Maschinisierung sollte der Mensch von Wiederholungszwängen befreit, seine Existenz jenseits einer ‚Anthropologie der Arbeit’ bestimmt, und die durch technische Automation ausgelöste Massenarbeitslosigkeit als Freiheit und Freizeit gedeutet werden. Dabei unterstreichten Phantasien von Kreativität und ständiger Bildung den Unterschied der neuen ‚Menschenfassung’ zum selbstlaufenden Maschinenpark. Das Scheitern dieser Utopie zog laut Pias theoriegeschichtliche Umdeutungen des Mensch-Technik-Verhältnisses nach sich, die sich am Beispiel der augmented intelligence oder ‚heterogener Kollektive’ veranschaulichen lassen.

CHRISTOPH NEUBERT (Paderborn) befragte paradigmatische Vorstellungen von Technik und deren Entwicklung. Dabei stellte er der Annahme evolutionärer Mechanismen ein Modell von innovativer Technologieentwicklung gegenüber. Neubert rekonstruierte, dass und wie Technologie und Biologie schon im 19. Jahrhundert gleichgesetzt werden, um Technikevolution zu denken. Anders das sogenannte Diffusions-Konzept (1962 von Everett Rogers formuliert), das technologische Entwicklung mittels sozialer Kategorien erkläre und dabei von ausschließlich menschlichen Akteuren ausgehe. In einem dritten Schritt bezog sich Neubert auf die Akteur-Netzwerk-Theorie, die zwischen den skizzierten Polen verortet werde. Deren Faible für die Mikro-Analyse wiederum rekurriere auf die Soziologie Gabriel Tardes am Ende des 19. Jahrhunderts. Die Analyse der Denktraditionen von Technologie führten, so Neubert, zu dem provozierenden Schluss: Es gibt kein Selbst, weder in Menschen noch in Maschinen, weder in Natur noch in Gesellschaft.

JENS-MARTIN LOEBEL (Berlin) präsentierte die Ergebnisse eines minutiösen Fünf-Jahres-Selbstversuches in Sachen Locational Data. Er führte in diesem Zeitraum permanent einen GPS-Empfänger mit sich, der Loebels Schritte im öffentlichen Raum aufzeichnete. Diese präzisen Ortsdaten verarbeitete er in einer Datenbank und generierte mittels Data Mining und Google Earth Visualisierungen seiner Bewegungsdaten. Loebel machte deutlich, welche Konsequenzen die Aggregation und Verarbeitung solcher Daten haben, da sie weitgehende Rückschlüsse auf individuelle Gewohnheiten und Präferenzen zulassen. Der Vortrag konnte die Fallstricke aktueller Techniktrends - auch für Nicht-TechnikerInnen - transparent machen und löste eine intensive Debatte über die heutigen Möglichkeiten der informationellen Selbstbestimmung aus.

Ausgehend von den „drei großen Krisenschriften“ des 20. Jahrhunderts – verfasst von Husserl, Horkheimer/Adorno und Lyotard – rekonstruierte VOLKER PECKHAUS (Paderborn) die zentralen erkenntnistheoretischen Annahmen des Rationalismus. Zwar bilde das Subjekt seit Descartes den Ausgangspunkt rationalen Wissens, laut Peckhaus wurde die Begrenztheit menschlicher Erkenntnis dabei jedoch immer schon reflektiert und adressiert. Die Rede von der Krise des Subjekts verfehle daher, so Peckhaus, ihr Ziel, wenn sie nicht anerkenne, dass es sich dabei um eine permanente Krise handle. Die von Leibniz vorangetriebene Entwicklung von Universalsprachen und einer universellen Kombinatorik könne aus dieser Sicht als Versuch betrachtet werden, hinter der Zufälligkeit Ordnungen zu identifizieren – Automatismen auf die Spur zu kommen – und damit letztlich die menschliche Begrenztheit zu überwinden.

Der Vortrag von ANIL K. JAIN (Chemnitz) widmete sich der „Dialektik des Automatismus” und beleuchtete die mit ihr zusammenhängenden „Maschinen der Reflexion“ und „Maschinen der Deflexion“. Als Objektivierung von Denkprozessen versprechen “Maschinen der Reflexion“ Kontrolle. Andererseits produziere ein vollkommen reflexiver Weltbezug – und das hieße nach Jain, die Wirklichkeit als kontingent, relativ, dynamisch und komplex zu begreifen – potentiell Verunsicherung und Fragmentierung. „Maschinen der Deflexion“ wirken dem entgegen, indem sie Eindeutigkeit, Fraglosigkeit und Identität herstellen. Dabei bedienen sie sich verschiedenster Ideologien und Praxeologien. Jain denkt Reflexivität und die Deflexivität in einem dialektischen Verhältnis: Genauso wie die Reflexivität, die neben reflexiven Impulsen immer auch deflexive Antworten provoziere, produziere auch die Deflexivität automatisch ihr Anderes (Reflexives) mit. Im abschließenden Teil des Vortrags formulierte Jain Regeln, um eine utopische „Maschine der Differenz“ zu etablieren. Diese solle die Reflexion gesellschaftlich wirksamer machen und den Kräften der Ablenkung entgegenwirken, welche zunehmend die Oberhand gewinnen.

Die Germanistin ANNETTE RUNTE (Siegen) durchdachte den Zusammenhang von Automatismen und Autismus. Dabei beschrieb sie den Status des ‚selbstbezogenen Sonderlings’ diskurshistorisch und arbeitete Ambivalenzen und Veränderungen heraus. Sie diskutierte das Verhältnis zwischen dem Begehren nach statischer Ordnung und Stereotypien in autistischen Ego-Dokumenten der 1990er- und 2000er-Jahre. Einerseits gehe das autistische Statik-Begehren, so Runte, mit Wiederholungen einher. Andererseits verdichten sich diese Wiederholungen nicht im Symbolischen, intersubjektiv verständlich Sprachlichen. In der Verbindung von Kristevas Semiologie mit psychoanalytischen Theorien erläuterte Runte, dass Autisten das Lacansche Imaginäre fehle. Deshalb seien deren Texte nicht an Dritte adressiert, sondern dienten ihrem (automatistischen) Drang zur Archivierung.

Der Vortrag von LUDWIG PONGRATZ (Darmstadt) beleuchtete einen Wandel im pädagogischen Feld, der durch eine zunehmende Hinwendung von ‚harten‘ Disziplinartechniken zu ‚sanften‘ Praktiken der Selbstführung und eine Abwendung vom klassischen Modell der ‚Pauk- und Drillschule’ gekennzeichnet ist. Den theoretischen Ausgangspunkt des Vortrags bildeten Foucaults historische Analysen der Disziplin sowie die von Deleuze thematisierte Krise der Einschließungsmilieus. Im Konzept des „Trainingsraums“ und den entsprechenden vertraglichen Regelungen zwischen SchülerInnen und Lehrenden erkannte Pongratz eine gouvernementale Strategie der aktuellen Bildungsreform. Der panoptische Blick wandere nach innen und werde durch selbstverwaltete Einheiten ersetzt, Schüler werden zu Selbstunternehmern. Gleichzeitig machte er innerhalb dieser Kontrollstrategien Bruchstellen aus, da aus den eingeforderten Reflexionsprozessen der SchülerInnen durchaus unerwartete Resultate hervorgehen können.

Schwärme als Biologie-Computer-Hybride waren Gegenstand des Vortrags von SEBASTIAN VEHLKEN (Lüneburg). Als Resultat seiner ‚Schwarmforschungsforschung’ stellte er Phasen wissenschaftlicher Schwarmdiskurse im 20. Jahrhundert vor: Zunächst stand die Dokumentation und Aufzeichnung von Schwärmen im Vordergrund. Da sich hierbei nicht nachvollziehen ließ, wie die Kommunikation zwischen den Individuen erfolgte, ging man von einem ‚Supersense’ aus, der die Koordination des Schwarms ermöglichte. In einer zweiten Phase rückte man von parapsychologischen Annahmen ab und erklärte das ‚Selbst’ des Schwarms als Ergebnis individueller Automatismen, das heißt reflexartiger Reaktionen. Auf diesem Konzept fußen in einer dritten Phase Verfahren der Informatik, die in Agenten-basierten Simulationen ein gewünschtes selbstorganisiertes Verhalten approximieren. Für die Biologie seien diese wiederum als Schreibverfahren nutzbar – ein Grund für Vehlken, diese Verschränkungen als ‚Zootechnologien’ zu kennzeichnen.

In der Diskussion wurde die Komplexität der Beziehung von Automatismen und Selbst-Technologien deutlich: Statt die Determinierung des Menschen durch die Technik vorauszusetzen, wurde die Koppelung von Technik, Subjektmodellen und Subjektivierungsverfahren auf verschiedenen Ebenen beleuchtet. Dabei wurden neben der Technik als Projektionsfläche des Subjekts die Verschränkungen von technischer Automatisierung, Automatismen und Selbsttechnologien in den Blick genommen.

Die Tagung stellte die Frage, welchen Anteil Subjekt, Gesellschaft und Medientechnologien an Prozessen der Selbstkonstitution und deren historischem Wandel haben. Als Fazit lassen sich drei Themenkomplexe identifizieren:

Erstens wurde deutlich, dass Entlastung durch Routinisierung ein zentraler Aspekt von Automatismen ist. Dies lässt sich sowohl auf der individuellen Ebene, z.B. an automatisierten Abläufen des psychischen ‚Apparats‘ und des Verhaltens, als auch auf der sozialen Ebene an Phänomenen der Konventionalisierung und Ritualisierung beobachten. Die Entlastung des Selbst unterwandert gleichzeitig dessen Autonomie. Werden solche Abläufe (medien-)technisch organisiert, so greifen Selbst- und Heterotechnologien auf besonders deutliche Weise ineinander.

Zweitens wurde im historischen Rückblick deutlich, dass (Medien-)Technik dem Selbst als Spiegel gegenübertreten kann, zudem aber auch in der Lage ist, Versprechen eines Selbstbezugs zu aktualisieren, der das Subjekt freisetzt für kreative Prozesse des Lebens. Dies äußert sich, vor allem in den 1960er-Jahren, in Vorstellungen von Entautomatisierung, als Bruchstelle der Routinisierung und Konventalisierung. Hierbei kommt der Reflexion eine ambivalente Rolle zu: Sie kann einerseits als politische Strategie der Überwindung von Automatismen betrachtet werden, oder aber auch, wie in aktuellen Diskursen üblicher, als Mittel der Selbst-Steuerung und -optimierung und damit als Teil von Kontrollpraktiken.

Desiderata wurden – drittens – in Bezug auf die Beschreibungsmöglichkeiten ‚selbstlaufender’ Prozesse deutlich. Die Entwicklung biologischer Kollektive, Gesellschaften und Diskurse im Sinne ‚selbstloser’ Technologien folgt bestimmten ‚automatisierten’ Dynamiken. Zwar lässt sich nachvollziehen, welche Modelle in Anschlag gebracht werden, um solche Arten kollektiver Prozesse zu beschreiben. An welchen Stellen sich hier aber so etwas wie ein ‚Selbst’ verorten lässt und wie sich das Wechselverhältnis zwischen dem ‚auto-’ des Prozesses und dem des Subjekts fassen lässt, ließ sich auf einer allgemeinen Ebene nicht eindeutig beantworten.

Konferenzübersicht:

Panel 1: Selbst-Tätigkeit technischer Objekte

Jochen Venus
Automat und Subjekt – Zur Morphologie und Semiotik neuzeitlicher Technophantasien und Sozialutopien

Claus Pias
Selbstläufer. Von der Freizeit zur Freiheit und zurück

Christoph Neubert
Selbstlos. Heterotechnologien im Menschen- und Maschinenpark

Panel 2: Selbst-Verhältnisse, Reflexion

Jens-Martin Loebel
Privacy is Dead – Ein Fünf-Jahres-Selbstversuch der bewussten Ortsbestimmung mittels GPS

Volker Peckhaus
Den Automatismen auf der Spur. Konzepte und Grenzen rationaler Zugänge zu Wissen und Wissenschaft

Anil K. Jain
Reflexion, Deflexion und die Rolle von Automatismen

Panel 3: Selbst-Konstitution, Selbst-Organisation, Kollektive

Annette Runte
Automatismus und Autismus. Zur Subjektkonstruktion in medizinischen und literarischen Diskursen der Moderne

Ludwig Pongratz
Selbsttechnologien und Kontrollgesellschaft. Gouvernementale Praktiken in pädagogischen Feldern

Sebastian Vehlken
Schwärme. Zootechnologien. Epistemische Rekursionen selbstorganisierender Kollektive


Redaktion
Veröffentlicht am
13.07.2011
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