„Humanisierung der Arbeit“ – Aufbrüche und Konflikte in der Arbeitswelt des 20. Jahrhunderts

„Humanisierung der Arbeit“ – Aufbrüche und Konflikte in der Arbeitswelt des 20. Jahrhunderts

Organisatoren
Stefan Müller, Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn; Nina Kleinöder, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf; Karsten Uhl, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg; Gina Fuhrich, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg; Martha Poplawski, Deutsches Bergbau-Museum Bochum; Daniel Monninger, Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung Köln
Ort
Düsseldorf
Land
Deutschland
Vom - Bis
16.10.2017 - 18.10.2017
Von
Malte Müller, Institut für Zeitgeschichte München

Seit den 1960er-Jahren kursiert das schillernde Schlagwort der „Humanisierung des Arbeitslebens“, das bis heute angesichts neuer Automatisierungs- und Digitalisierungsdebatten rund um Arbeit 4.0 nichts an Aktualität verloren hat. Der Tagung stellten die OrganisatorInnen voran, dass der Begriff der Humanisierung zunehmend unklarer geworden sei. Sie beabsichtigten daher, die Fragen rund um „humane“ Arbeit, „menschliche“ Arbeitsgestaltung und Arbeitspolitik im 20. Jahrhundert neu zu vermessen. Dabei gelte es, den Humanisierungsbegriff wieder als Quellenbegriff ernst zu nehmen und entsprechend seiner historischen Bezüge einzugrenzen. Zugleich sollte dessen Nützlichkeit als Analysewerkzeug eruiert werden.

Die vier Panel der Tagung wurden durch zwei Vorträge eingerahmt. Den ersten Rahmenvortrag hielt KARSTEN UHL (Hamburg). Ausgehend vom Ersten Weltkrieg, zeigte Uhl, dass wesentliche Merkmale einer Humanisierung schon in den damaligen Rationalisierungsdiskursen vorhanden waren. Rationalisierung und Humanisierung erscheinen daher früh als ein zusammengehöriges Begriffspaar. Die Automation sei als Chance gesehen worden, die Eintönigkeit bisheriger Fließarbeiten zu reduzieren. Eine humanere, sprich moderne, geordnete und freundliche Gestaltung von Arbeitsräumen sollte die Arbeitslust und Arbeitsleistung erhöhen. Die Arbeitswissenschaften fingen an, die Gründe für Leistungsschwund nicht nur bei den Arbeitern zu suchen, sondern verstärkt auch im Management, das nun stärker in die Pflicht genommen werden sollte. Der Arbeiter im Werk erschien nicht mehr primär als Störfaktor, vielmehr erblickten die Arbeitswissenschaften im Menschen nun ein betriebliches Potenzial, das es zu nutzen galt.

Im ersten Panel zu Humanisierungsdiskursen zwischen Wissenschaft und Arbeitsmarkt stellte MARTHA POPLAWSKI (Bochum) die Frage nach der Humanisierung unter Tage und untersuchte hierzu den Wandel der Betriebsführung anhand dreier arbeitswissenschaftlicher Studien zum westdeutschen Steinkohlebergbau. Sie zeigte, dass im Bergbau in den 1960er- Jahren eine Neufokussierung stattfand. Habe man sich früher nur auf die Anpassung und Disziplinierung der Arbeiter konzentriert, verschob sich der Fokus mit zunehmender Mechanisierung und Automatisierung zunächst auf betriebliche Führungskräfte, deren Umgang mit Arbeitern und die funktionale Gestaltung von Betrieb und Praxis. Den Höhepunkt einer Verwissenschaftlichungstendenz in den Arbeitswissenschaften machte sie in den 1970er-Jahren mit dem Programm zur Humanisierung des Arbeitslebens fest.

STINA BARRENSCHEEN (Marburg) setzte sich ebenfalls mit Führungskräften auseinander. Unter dem Titel „Die Humanisierung der Führungskraft?“ und einer quantitativen und qualitativen Auswertung von Stellenanzeigen für Manager zeichnete sie grundlegende Verschiebungen in Anforderungsprofilen für Führungskräfte nach. Der Einfluss von Unternehmensberatungen, die seit den 1970er-Jahren einen großen Teil der Stellenanzeigen für Führungskräfte schalteten und die stärkere Fokussierung auf Anforderungen wie Flexibilität, Mobilität, Kreativität und Eigenverantwortlichkeit, sowie konkrete Fachqualifikationen und Sprachanforderungen, könnten als Ausdruck einer professionalisierten und verwissenschaftlichen Personalrekrutierung gesehen werden. Insgesamt ergebe sich auch hier das Bild eines grundsätzlichen Wandels der Führungsstile.

Anhand von „Social Therapy“ in der Fabrik stellte DANIEL MONNINGER (Köln) eine Mikrogeschichte psychoanalytischer Expertise in der Arbeitswelt um 1950er-Jahre vor. Hierzu untersuchte Monninger die von den Tavistockern eingeführte Social Therapy. So habe sich die Konzeption des arbeitenden Menschen verschoben, dem nun ein positives, humanistisches Menschenbild zugrunde gelegen habe. Nicht mehr der Arbeitsverweigerer, den es zu motivieren galt, prägte das Menschenbild, sondern die Annahme des prinzipiell arbeitswilligen Menschen. Zugleich wurden Flexibilität und Wandel normativ aufgeladen. Widerstände gegenüber Wandlungsprozessen wurden durch die psychoanalytischen Ansätze der Tavistocker psychologisiert und pathologisiert.

JAN KELLERSHOHN (Bochum) untersuchte die Humanisierung durch Bildung über Bergberufsschulen und das Berufsförderungszentrum in Essen. Auch in diesem Bereich zeige sich die bereits von Uhl thematisierte enge Verzahnung von Rationalisierung und Humanisierung, die im Bereich beruflicher Bildung oft synonym verwendet wurden. Der auftretende Qualifizierungsimperativ habe neue Formen des Verlierens hervorgebracht, die sich in der Unterscheidung von bildungsfähigen und nicht bildungsfähigen Menschen ausdrückte. In der beruflichen Qualifikation unterschied man demnach zwischen dem Modus des Normalen und des Pathologischen.

Das zweite Panel befasste sich mit dem Zusammenhang von Arbeitsschutz und Humanisierung. BERND HOLTWICK (Dortmund) nahm die Deutsche Arbeitsschutzausstellung zum Anlass, Ausstellungen als Medium und Akteur der „Humanisierung der Arbeit“ zu untersuchen. Ziel der Arbeitsausstellung sei es ursprünglich gewesen, die Ergebnisse der schon zu Beginn der 1980er-Jahre zahlreichen Humanisierungsstudien zusammenzutragen und einem Fachpublikum zu vermitteln. Die ursprüngliche Ausrichtung aber sei einer neuen, an der breiten Öffentlichkeit orientierten Konzeption gewichen. Seit den 1990er-Jahren sollen die Arbeitsschutzgedanken popularisiert und in den Alltag der Bürger integrieren.

MARC VON MIQUEL (Bochum) stellte mit Unfallverhütungsfilmen der Berufsgenossenschaften ein anderes Medium in den Mittelpunkt seines Beitrages. Er konstatierte, dass die Berufsgenossenschaften durch die Zunahme betrieblicher Unfälle im Boom und die darauf reagierende staatliche Regulierung seit den 1960er-Jahren zunächst in die Defensive gerieten. Anhand einiger Beispiele konnte er den Wandel von Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit, aber auch den Wandel von Rollenklischees und Führungskonzepten zwischen den 1960er- und 1980er-Jahren nachzeichnen. Beide Beiträge zeigten die Möglichkeiten der Erforschung zweier nicht immer berücksichtigter Quellengattungen und Akteure der Arbeitssicherheit auf.

STEFAN MÜLLER (Bonn) und NINA KLEINÖDER (Düsseldorf) stellten zu Beginn des zweiten Tages in ihrem Rahmenvortrag das Humanisierungsprogramm der Bundesregierung in den Mittelpunkt. Die Federführung durch das Bundesministerium für Forschung und Technologie habe schon früh den Projektverlauf durch die Logik der Technologieförderung determiniert. Insgesamt müsse man ein klares Forschungsdesiderat konstatieren, so fehlten Überblicksarbeiten von Historikern ebenso wie eine Übersicht der geförderten Projekte zwischen 1974 und 1989. Die Förderschwerpunkte des Humanisierungsprogramms seien im Bereich des Arbeitsschutzes und der Arbeitsorganisation zu sehen. Gesellschaftlich gerahmt sei das Programm von drei Motiven gewesen: Erstens, der international geführten Debatte um die Qualität des Lebens. Zweitens, den für die Sozialkassen belastenden hohen Unfallzahlen. Drittens, dem unternehmerischen Motiv zur Flexibilisierung von Produktion und Betrieb. Abgesehen von den fehlenden Grundlagenarbeiten werde die Erforschung des Programms durch die Breite der berührten wissenschaftlichen Felder erschwert. Schnell seien die Grenzen des eigenen Spezialwissens überschritten. Hierin liege aber auch eine Chance der Erforschung, so Kleinöder, da man über das Programm historische Teildisziplinen zusammenführen könne. Dabei seien HistorikerInnen immer wieder mit diversen Quellenproblemen konfrontiert. Zwar gebe es ministerielle, unternehmerische, arbeitswissenschaftliche und gewerkschaftliche Quellen, doch die Perspektive der eigentlichen Subjekte der Humanisierung, nämlich die der Arbeitenden, sei oft nicht überliefert. Auch die Fokussierung auf Abschlussberichte von Humanisierungsprojekten sei problematisch, da der Blick für das Scheitern, den Abbruch und die Ablehnung von Projekten verstellt sei. Dabei könnten gerade diese Fälle des Scheiterns ein tieferes Verständnis für die Förderungslogik und betrieblichen Probleme der Umsetzung liefern. Trotz dieser Probleme habe man mit der „Humanisierung der Arbeit“ die Klammer für ein weites Forschungsfeld über eigene Teildisziplinen erschlossen.

Im dritten Panel thematisierten GINA FUHRICH (Heidelberg) und MORITZ MÜLLER (Bochum) die Humanisierung der Arbeit in einzelnen Betrieben und Branchen. Gina Fuhrich betrachtete hierbei drei Humanisierungsprojekte bei VW unter Aspekten des Lernens als „Hürde und Überforderung“. Anhand der Auswertung zeitgenössischer Gruppeninterviews bei VW zeigte sie, dass Qualifizierungsmaßnahmen und die Schaffung eines höheren Maßes an eigenverantwortlicher Arbeit nicht immer positiv aufgenommen wurden. Zwar freuten sich die bei VW beschäftigten Werker darüber, mehr über den Ablauf der Produktion und ihre Rolle darin zu erfahren, allerdings zeigten sie sich schnell von dem höheren Maß an Verantwortung, das sie nun übernehmen sollten, überfordert. Die Werker hatten zwar zum einen mit negativen Konnotationen, nicht qualifiziert werden zu können, zu kämpfen, doch auf der anderen Seite zeigten sich bei ihnen auch Widerstände, die sich nicht auf mangelnde Fertigkeiten reduzieren ließen.

Zentrale Elemente des Humanisierungsverständnisses der IG Metall waren, wie Moritz Müller ausführte, der Ausbau der Mitbestimmung und die Verkürzung der Arbeitszeit. Kritisch positionierte sich die IG Metall angesichts der zunächst mangelnden Einbindung von Gewerkschaften in das Humanisierungsprogramm. Dabei stritten sich innerhalb der IG Metall verschiedene Abteilungen, trotz der nach außen kommunizierten Einheit, um die Federführung in diesem Bereich. Das Humanisierungsprogramm sei aus Sicht der Gewerkschaften ein Instrument gewesen, um die Unternehmen stärker auf gesetzliche Regelungen zu verpflichten und die Technologiepolitik sozialpolitisch zu flankieren. Die IG Metall sah sich selbst und niemanden sonst als Träger der Humanisierung. Sie suchte schließlich die enge Anbindung an relevante wissenschaftliche Disziplinen und zentrale betriebliche Träger, nämlich die Ingenieure.

Im vierten und letzten Panel wandte sich die Tagung internationalen Perspektiven zu. DIETMAR LANGE (Berlin) betrachtete in seinem Beitrag die Arbeitskämpfe und betrieblichen Gewerkschaftsinitiativen im Turiner Fiat-Mirafiori Werk. Die Arbeiter des Werks forderten die Anpassung der Arbeitsgestaltung an ihre Bedürfnisse, um so die fordistisch-tayloristische Produktion zu reformieren. Zentrales Element hierzu sollte ihre direkte Partizipation sein, die zum Entwurf einer alternativen Arbeitsorganisation beitragen würde. Anhand zweier Werksbereiche konnte Lange den Prozess hin zu verbesserten Arbeitsbedingungen nachzeichnen. Dabei sei auffällig, dass die leicht übertragbaren Aspekte, wie Beanstandung der Taktzeiten, deutlich früher auch von Gewerkschaften angegangen und umgesetzt wurden, als die gesundheitlichen Belastungen - etwa innerhalb der Lackierereien, in denen größtenteils Zuwanderer aus dem Süden Italiens arbeiteten.

DOROTHEA HOEHTKER (Genf) stellte die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) und deren Versuche zu einer „systemimmanenten“ Humanisierung der Arbeit vor. Innerhalb der ILO sei erst im Kontext der Rezession 1975 von gewerkschaftlicher Seite ein Humanisierungsdiskurs angestoßen worden. Die von der ILO letztlich eingeleiteten Programme gegen die Verschlechterung der Arbeitsbedingungen griffen trotz gewerkschaftlicher Unterstützung nicht. Lediglich im Bereich des Arbeitsschutzes waren Erfolge der ILO gewünscht und messbar. Der Aufbau der Organisation und ihre Einflussmöglichkeiten reichten über den Minimalkonsens zwischen staatlichen Akteuren, Unternehmern und Gewerkschaften im Bereich der Arbeitssicherheit nicht hinaus.

In der Abschlussdiskussion wurde nochmals über den Charakter des Humanisierungsbegriffs debattiert, also inwiefern darin tatsächlich immer schon die Rationalisierung mitgedacht wurde. Heute wiederum sei der Mensch nicht mehr so zentral bei der Steigerung von Produktivität. Auch Periodisierungsfragen wurden zum Ende der Tagung nochmals aufgegriffen. Insgesamt, so die OrganisatorInnen, zeige sich, wie produktiv eine Betrachtung der Humanisierung der Arbeit aus verschiedenen Forschungsperspektiven sei. Insgesamt bestehe die Herausforderung darin, dass man es mit einem historischen Gegenstand zu tun habe, der bis in die Gegenwart hineinreiche und immer noch aktuell sei.

Die Tagung hat gezeigt, wie fruchtbar die derzeitigen Studien zur Arbeitswelt sind. In diesem Bereich finden sich noch einige Forschungslücken, die zu schließen lohnt. Der Humanisierungsbegriff hat sich in den vorgestellten Studien als tragfähig für die Erforschung des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandels im 20. Jahrhundert erwiesen und regt auch weiterhin zu interessanten Forschungen über einzelne Teildisziplinen und Ländergrenzen hinweg an.

Konferenzübersicht:

Stefan Müller (Bonn) / Nina Kleinöder (Düsseldorf): Begrüßung und Einführung

Rahmenvortrag

Karsten Uhl (Hamburg): Der Erste Weltkrieg als Ausgangspunkt der Humanisierung des Arbeitslebens im 20. Jahrhundert

Panel 1: Diskurse über Humanisierung zwischen Wissenschaft und Arbeitsmarkt

Martha Poplawski (Bochum): Humanisierung unter Tage? Zum Wandel der Betriebsführung im westdeutschen Steinkohlenbergbau

Stina Barrenscheen (Marburg): Die Humanisierung der Führungskraft? Externe Akteure und ihr Einfluss auf die Erwartungen an Führungskräfte in deutschen Unternehmen 1949-1989

Daniel Monninger (Köln): „Social Therapy“ in der Fabrik. Eine Mikrogeschichte psychoanalytischer Expertise in der Arbeitswelt um 1950

Jan Kellershohn (Bochum): Humanisierung durch Bildung und die „Pathologie“ der Arbeit im „Strukturwandel“ des Ruhrgebiets

Panel 2 – Arbeitsschutz und Humanisierung

Bernd Holtwick (Dortmund): Die Möglichkeiten des Mediums Ausstellung voll ausschöpfen. Die Deutsche Arbeitsschutzausstellung als Akteur der „Humanisierung der Arbeit“

Marc von Miquel (Bochum): Erziehung zum Arbeitsschutz. Die Unfallverhütungsfilme der Berufsgenossenschaften, 1960er- bis 1980er-Jahre

Rahmenvortrag

Nina Kleinöder (Düsseldorf) / Stefan Müller (Bonn): Das Forschungs- und Aktionsprogramm „Humanisierung des Arbeitslebens“ (1974-1989). Eine geschichtswissenschaftliche Tiefenbohrung

Panel 3 – Humanisierung der Arbeit in einzelnen Betrieben und Branchen

Gina Fuhrich (Heidelberg): Lernen als Hürde und Überforderung – Qualifikation und Qualifizierung in den HdA-Projekten bei VW

Moritz Müller (Bochum): Die IG Metall im Diskurs um die Humanisierung des Arbeitslebens

Panel 4 – Internationale Perspektiven auf die Humanisierung der Arbeit

Dietmar Lange (Berlin): Eine neue Art Autos zu produzieren?

Dorothea Hoehtker (Genf): Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO). Versuch einer „systemimmanenten“ Humanisierung der Arbeit


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Veröffentlicht am
07.04.2018
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