Digital Academy 2020. Visualisieren und Vergleichen. Digitale Praktiken in den Geisteswissenschaften

Digital Academy 2020. Visualisieren und Vergleichen. Digitale Praktiken in den Geisteswissenschaften

Organisatoren
Silke Schwandt, Sonderforschungsbereich 1288 „Praktiken des Vergleichens“, Universität Bielefeld
Ort
Bielefeld (digital)
Land
Deutschland
Vom - Bis
20.10.2020 - 23.10.2020
Von
Laura Maria Niewöhner, Arbeitsbereiche Zeitgeschichte und Digital History, Universität Bielefeld

Die von Silke Schwandt veranstaltete und moderierte und maßgeblich von Julia Becker, Anna Maria Neubert und Ingo Pätzold (alle Bielefeld) organisierte Digital Academy 2020 fand im Online-Format mit sowohl internen als auch öffentlichen Diskussionen statt. Neben dem Zoom-Format wurden andere digitale Kommunikationskanäle wie AltspaceVR oder Mozilla-Hubs getestet. Sowohl zur Ergebnissicherung wie auch als Diskussionsgrundlage diente ein Etherpad, an dem sich die TeilnehmerInnen beteiligen konnten. Der thematische Schwerpunkt lag auf Visualisierungen in ihrer Funktionalität für die geisteswissenschaftlichen Arbeits- und Forschungsprozesse und die sich damit verändernden Praktiken. Zu den leitenden Fragestellungen, die stets Dreh- und Angelpunkte der Diskussionen innerhalb des TeilnehmerInnenfeldes sowie mit ExpertInnen waren, zählen die nach der Rolle von Visualisierungen in der geisteswissenschaftlichen Arbeit und der ihnen beigemessenen Stellenwerte. Was wird überhaupt visualisiert? Welcher Ausschnitt soll in den jeweiligen Visualisierungen gezeigt werden? Bedürfen Visualisierungen Einordnungen und Kontextualisierungen, wenn sie veröffentlicht werden? Erfordert der Umgang mit Visualisierungen neue Kompetenzen im Bereich der Produktion und Interpretation? Wie soll das dahinterliegende Datenmaterial idealerweise gesichert, veröffentlicht und zugänglich gemacht werden? Auch mit Blick auf die gastgebende Institution wurden Visualisierungen auf ihren Nutzen und ihre Schwierigkeiten hin geprüft: Welchen Raum bekommen Vergleichsoperationen in den Visualisierungen?

OLGA SABELFELD (Bielefeld) eröffnete mit ihrer Visualisierung zu vergleichsvollziehenden Sätzen in der britischen Parlamentssprache die Beiträge zu Text Mining und Topic Modeling Methoden. Entgegen der These, dass HistorikerInnen die Quantifizierung scheuen, zeigte sie, dass datengestützte Visualisierungen innerhalb des Forschungsprozesses produktiv sein können. Auch LAURA MARIA NIEWÖHNER (Bielefeld) zeigte in ihrer Untersuchung zur medizinischen Wahrnehmung psychischer Symptome von Soldaten des Ersten Weltkrieges auf, dass Wortwolken (basierend auf Worthäufigkeiten) auf der Ebene des Distant Reading hilfreich sein können, um Muster zu erkennen, Hypothesen zu generieren und den hermeneutisch geprägten Forschungsprozess um digitale Methoden fruchtbar zu ergänzen. Anhand des Topic Modeling von Comics ließen CLAUDIA JERONSKI und KAI KRÜGER (beide Paderborn) erkennen, dass sich Visualisierungstechniken eignen, um einen Überblick über große Materialmengen zu erhalten, vielfache Überarbeitungszyklen den Forschungsprozess zugleich allerdings auch negativ gestalten können und diese sorgfältig in Relation zur jeweiligen Fragestellung abgewogen werden sollten. Auch Silke Schwandt argumentierte, dass es zu einer sich verändernden geisteswissenschaftlichen Forschungspraxis führt, wenn die Methode und die Darstellungsweisen (Farben, Anordnungen etc.) nach vorab festgelegten Kriterien gewählt werden.

Die Funktion von Visualisierungen als Ergebnissicherung insbesondere im öffentlichen Raum wurde in der zweiten Vortragsgruppe diskutiert. JUDITH TER HORST (Dublin) stellte eine Online-Datenbank vor, die in kartographischer Form mittelalterliche Quellen an geographischen Orten verortet. Wie geht man mit Ungenauigkeiten bei der Frage der Provenienz von historischen Materialien um? Sollte man die Quellen trotzdem einem öffentlichen Publikum zugänglich machen? Darf man geschichtswissenschaftliche Unsicherheiten in Visualisierungen, die eher eine ergebnissichernde Funktion einnehmen, offenlegen? RENÉ WASSMER (Freiburg) stellte die Frage, welche Textstellen zur Visualisierung von Reise- und Korrespondenzberichten aus Großbritannien, Frankreich und Italien zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Form einer digitalen Quellensammlung als auch via Visualisierung auf historischen Karten ausgewählt werden. VIKTORIA BRÜGGEMANN (Potsdam) gewährte Einblicke in ihre Arbeit bei der Erstellung von interaktiven Karten zu antisemitischen Gewalttaten im Zeitraum von 1930 bis 1933. Sie zeigte dabei, wie die räumliche Einbettung von Visualisierungen – konkret in der Dauerausstellung des Jüdischen Museums Berlin – Narrationen der Geschichtsschreibung mitgestalten kann. Die Frage nach Übersichtlichkeit für ein interessiertes Publikum abseits des Wissenschaftsapparates stand im Zentrum des Beitrags von LOU KLAPPENBACH (Berlin). Während das Organigramm den Hofstaat (und Parallelhöfe weiterer Familienmitglieder) von Wilhelm I. in hierarchischer Form abzubilden vermag, konnten die Grenzen visueller Darstellungsweisen anschaulich beschrieben und die Frage nach einer adäquateren und übersichtlicheren Darstellung diskutiert werden. Die Gewichtung des Materials schien den TeilnehmerInnen bei allen Projekten ein fraglicher Punkt zu sein, den es stets von Fall zu Fall auszuhandeln gilt und auf den die Funktion der Visualisierung abgestimmt werden sollte. Adressieren Visualisierungen MuseumsbesucherInnen, werde der Reduktionsgrad tendenziell höher als wenn sie sich an ein spezifisch geisteswissenschaftliches Fachpublikum richten.

Visualisierungen abseits von Text wurden in der dritten Gruppe thematisiert. PAULA MUHR (Berlin) zeigte mit dem Fokus auf Darstellungen von menschlichen Gehirnen spezifische Visualisierungspraktiken und ihre Herstellungsprozesse in verschiedenen Disziplinen auf. MedizinerInnen würden diese Bilder anders lesen als HistorikerInnen. Daher plädierte sie dafür, Visualisierungen zu kontextualisieren, und eröffnete so das Feld um die Frage, ob (Geistes-)WissenschaftlerInnen konkrete literacies beziehungsweise Kernkompetenzen im Umgang mit datenbasierten Visualisierungen benötigten. MARIUS MAILE (Stuttgart) veranschaulichte anhand von 3D-Modellierungen historischer Technikobjekte eine erweiterte museumspädagogische Erfahrbarkeit und eröffnete damit eine neue Ebene des storytellings. Eine geeignete Terminologie, um diese Art von Visualisierung historischer Objekte adäquat zu fassen, ist jedoch noch ein Desiderat der Forschung. Eine andere Richtung der Vermittlungsarbeit thematisierte CHRISTIAN GÜNTHER (Wuppertal). Stadtpläne interaktiv mit multidimensionalen digitalen Funktionen auszustatten sowie deren Einsatzmöglichkeiten beziehungsweise Grenzen mit Studierenden historisch und digital zu erarbeiten, stand im Fokus seiner Betrachtungen.

Obwohl sich die Visualisierungen der Projekte in ihren methodischen Zugängen, ihren Stellenwerten innerhalb der Forschungsprozesse und ihren Funktionen im (Wissenschafts-)Diskurs unterschieden, tendierten die TeilnehmerInnen dazu, den Einsatz von digitalen Methoden besonders gut zu reflektieren und zu begründen. Visualisierungen sollten als Kommunikationszusammenhang mit spezifischen Herausforderungen verstanden werden. Für ihre funktionale Einordnung und wissenschaftliche Weiterverwendung bedürfe es diskursiv-hermeneutischer Praktiken (Stichwort „Viskurs“), damit sie in ihren Funktionen angemessen eingeordnet und (geistes-)wissenschaftlich weiterverwendet werden können. In den ExpertInnengesprächen wurde die Kontextualisierung von Visualisierungspraktiken in den Geisteswissenschaften weiter diskutiert. Einigkeit herrschte darin, dass Visualisierungen und die vorgelagerten datenanalytischen Verfahren bestmöglich aus geisteswissenschaftlicher Perspektive verstanden werden sollten.

Versteht man wie KATHARINA ZWEIG (Kaiserslautern) jeden datengenerischen Prozess als kulturell besetzte Praktik, dann sollten im Idealfall eben diese informatischen Vorgehensweisen und Algorithmen hinterfragt und zu jedem Zeitpunkt auch für fachfremde Disziplinen nachvollziehbar gemacht werden können. Damit plädierte Zweig zum einen für einen stärkeren interdisziplinären Austausch zwischen den Geistes- und Naturwissenschaften, der auch die Sprechfähigkeit beider Felder gewährleisten soll. Zum anderen wurde damit die Ausweitung der eigenen wissenschaftlichen Werkzeuge begründet, ohne dass sie dadurch obsolet würden.

ANDREAS FICKERS (Luxemburg) bediente sich des Terminus „Update der Hermeneutik“, der sich um genau diese reflexive Veränderung der klassischen geisteswissenschaftlichen Arbeitsweisen bemüht. Dies finge bei den Forschungspraktiken etablierter WissenschaftlerInnen an und höre bei der Gestaltung von Studiengängen und Modulen auf. Am Beispiel der Geschichtswissenschaft beziehungsweise Digital History zeigte er die Dimensionen eines hermeneutischen Updates auf: Die kritische Reflexion der Transformation von historischen Quellen zu Dokumenten (Digitalisaten) und der daraus generierten Daten innerhalb des Forschungsprozesses sollte genauso zum obligatorischen Bestandteil der Arbeit werden wie eine Kritik historischer Quellen.

Für eine fruchtbare Symbiose von digitalen Methoden und hermeneutischen Arbeitsweisen warb ebenfalls NOAH BUBENHOFER (Zürich). Visualisierungen könnten am Ende eines datengenerierenden und -analysierenden Prozesses zwar verschiedene Funktionen innerhalb der Forschungsabläufe einnehmen, erforderten jedoch eine bestimmte Lesart – ähnlich wie Texte gelesen würden – und sollten als Untersuchungsgegenstand ernst genommen werden. Inwiefern man die Visualisierungen um Kontext oder Paraphrasen anreichert, hinge jeweils vom Einsatzgebiet und von den unterschiedlichen Publika ab.

Die abschließende Diskussionsrunde mit VertreterInnen der AG Digital Humanities Theorie der DHd (Digital Humanities im deutschsprachigen Raum) rückte die Frage nach einer Theoretisierung von Visualisierungspraktiken in den Geisteswissenschaften in den Fokus. Die eingangs von Silke Schwandt aufgestellte These, dass Visualisierungspraktiken aufgrund ihrer Nähe zu Modellierungspraktiken besonders gut in der Lage seien, Theoretisierungsbeiträge zu leisten, gab wichtige Impulse für die Diskussion. CHRISTIAN WACHTER (Göttingen) teilte ein wissenschaftstheoretisches Verständnis von epistemologischen Praktiken mit den TeilnehmerInnen: Erst die Reflexion des gesamten Herstellungsprozesses von Wissen mit Blick auf spezifische Vorannahmen, Auswahl der Methoden und disziplinspezifische Heuristik bringt theoretische Konzepte für Visualisierungen hervor. LINDA FREBYERG (Potsdam) bezeichnete insbesondere die Betrachtung der Bildlichkeit von Visualisierungen als eigenständiges Phänomen als Desiderat. Bilder, d.h. auch Visualisierungen, erfordern es geradezu, innerhalb von kommunikativen Zusammenhängen „gebändigt“ zu werden, wenn man sie als Vermittlungs- und Ergebnisinstrument begreifen wolle. Die Arbeit mit Theorien würde es dabei erleichtern, Erkenntnisse darzustellen und in die eigenen Anwendungsgebiete einzubetten. STEFAN REINERS-SELBACH (Düsseldorf) näherte sich dem theoretischen Anliegen einer digitalen Geisteswissenschaft, indem er die impliziten Vorannahmen und die Methodenauswahl der jeweiligen Forschungsvorhaben bereits als theoretische Prägung der ForscherInnen aus ihren ursprünglichen Disziplinen heraus begriff. Zwar erweiterten die methodisch vielfältigen Zugänge die bestehenden Geisteswissenschaften, dennoch erleichtere das Anknüpfen an bestehende Theoriediskurse der eigenen Disziplinen eine Adaptierbarkeit. Aufgrund dessen waren sich die TeilnehmerInnen einig, dass Digitalität in ihren multidimensionalen Kontexten – von datenanalytischen Verfahrensweisen bis hin zu Visualisierungspraktiken – bestenfalls zum Bestandteil von bestehenden Disziplinen werden würde, die das Methoden- und Theoriespektrum erweiterten. Um dies dauerhaft zu gewährleisten, sei es notwendig, mit anderen – insbesondere naturwissenschaftlichen – Disziplinen in Dialog zu treten und gemeinsame methodische sowie theoretische Perspektiven zu entwickeln.

Die zentralen Fragen nach Praktiken, Funktionen, Einsatzmöglichkeiten und AdressatInnen von Visualisierungen wurden aus verschiedenen Blickwinkeln thematisiert. Es bestand Einigkeit darin, dass Visualisierungen nicht nur als Darstellungsmittel von Ergebnissen, sondern zudem als Untersuchungsgegenstand innerhalb des Forschungsprozesses ernst zu nehmen seien. Um aus der Black Box von datenanalytischen Verfahren und Visualisierungstechniken eine White Box für GeisteswissenschaftlerInnen zu machen, erfordere es neue Kompetenzen für einen wissenschaftlichen Umgang mit digitalen Methoden, etwa eine visual literacy und eine data literacy. Es bleibt offen, auf welche Weise sich GeisteswissenschaftlerInnen diese aneigneten. Die Anregungen – wie beispielsweise Studienmodelle zu überdenken, um ein Verständnis der informatischen Leistungen zu entwickeln – könnten insbesondere mit Blick auf die nachfolgenden Generationen von ForscherInnen lohnenswert sein. Daneben hätten datenanalytische Verfahren und Visualisierungen inklusive ihrer Kontextualisierung etwa von Quellcodes bisher kaum adäquat veröffentlicht werden können. Diese Lücke zu schließen und geeignete Formen zur Veröffentlichung dieser Daten und Datenherstellungsprozesse im geisteswissenschaftlichen Kontext zu finden, bleibt eine künftige Aufgabe für WissenschaftlerInnen und Verlagshäuser. Ebenso offen blieb die Gestaltung einer Theoretisierung von Visualisierungen und digitalen Methoden im Allgemeinen. Beides sei nicht losgelöst von der disziplinären Anbindungen der AnwenderInnen zu betrachten. Eine theoretische Reflexion erfordere ein neues Selbstverständnis nicht von den Digital Humanities, sondern von klassischen Disziplinen. Gerade weil Letztere zunehmend digitale Methoden adaptierten, eigneten sie sich besonders, um eigene theoretische Angebote vor dem Hintergrund der spezifischen disziplinären Ausrichtung zu entwickeln.

Die VeranstalterInnen haben sich bereits darauf verständigt, aus der diesjährigen Veranstaltung ein wiederkehrendes Format zu entwickeln. Man darf daher den fundierten Folgediskussionen mit Freude entgegenblicken.[1]

Konferenzübersicht:

Gallery Walk – Block I.

Olga Sabelfeld (Bielefeld): Zustimmung und Widerspruch im Parlament am Beispiel des sogenannten Post-war consensus: Untersuchung von Zeitreferenzen in einer deliberativen Interaktion

Laura Maria Niewöhner (Bielefeld): Medizinische Wahrnehmung kriegstraumatischer Erfahrungen von Soldaten im Ersten Weltkrieg mithilfe von Worthäufigkeiten beschreibbar machen

Claudia Jeronski und Kai Krüger (beide Paderborn): The Review of Reviews: Exploration computergestützter Visualisierungsmöglichkeiten von nutzergenerierten Daten zur Rezeption von Graphic Novels

Gallery Walk – Block II.

Judith ter Horst (Dublin): Visualizing uncertainty. Early medieval computes manuscripts

René Waßmer (Freiburg): Website „Urbane Muße um 1800. Flanerie in der deutschen Literatur“

Viktoria Brüggemann (Potsdam): Topographie der Gewalt. Antisemitische Gewalttaten in Deutschland 1930–1938

Lou Klappenbach (Berlin): Organigramm des Hofstaats von Wilhelm I. im Jahr 1861

Gallery Walk – Block III.

Paula Muhr (Berlin): Scrutinising the Active Brain: Vergleichende Praktiken der Datenvisualisierung in der fMRT

Marius Maile (Stuttgart): Modellierung, Visualisierung, Digitalisierung in 3D+

Christian Günther (Wuppertal): Where the magic happens – Einfache Werkzeuge zum Einstieg in die digitalen Geschichtswissenschaften

Expert*inneninterviews

Noah Bubenhofer (Zürich), Katharina Zweig (Kaiserslautern) und Andreas Fickers (Luxemburg) im Gespräch mit Silke Schwandt (Bielefeld)

Theoriediskussion

Quo Vadis? Im Gespräch mit der DHd-AG „Digital Humanities Theorie“
Christian Wachter (Göttingen), Linda Freyberg (Potsdam) und Stefan Reiners-Selbach (Düsseldorf)

Anmerkung:
[1] Neuigkeiten der Digital History an der Universität Bielefeld sind künftig auf der Website https://digital-history.uni-bielefeld.de zu finden.