HT 2021: Lehren aus dem Nationalsozialismus? Die Deutschen und politische Gewalt außerhalb Europas

HT 2021: Lehren aus dem Nationalsozialismus? Die Deutschen und politische Gewalt außerhalb Europas

Organisatoren
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Ort
hybrid (München)
Land
Deutschland
Vom - Bis
05.10.2021 - 08.10.2021
Von
Stefan Seefelder, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Die Sektion befasste sich mit der Frage, wie die Deutschen nach dem Nationalsozialismus mit weltweiten Gewaltherrschaften umgingen. Insbesondere Begegnungen und Praktiken, die politische, ökonomische und kulturelle Interessen betrafen, jedoch oft jenseits von Menschenrechtsdiskursen standen, sollten Gegenstand der Sektion sein. Den analytischen Rahmen bildete einerseits die Leitfrage, welche Rolle die NS-Vergangenheit und speziell der Holocaust für diese Interaktionen spielte, andererseits die Hypothese, dass die Abgrenzung von dieser Gewalt half, den eigenen Neuanfang zu unterstreichen, seit den 1970er-Jahren allerdings den Blick auf die eigene Vergangenheit und den Holocaust schärfte.

In seinen einleitenden Worten dazu warf FRANK BÖSCH (Potsdam) die Frage auf, unter welchen Bedingungen demokratische Gesellschaften angesichts massenhafter Gewalt in anderen souveränen Staaten eingreifen. Hierbei verwies Bösch auf die diplomatische, politische, ökonomische, mediale und zivilgesellschaftliche Ebene, wie auch auf die individuellen Möglichkeiten, die sich beispielsweise in Konsum- und Reiseboykotten niederschlagen können. Angesichts der NS-Vergangenheit und der deutschen Teilung sei die Reaktion auf Gewalt für die Deutschen allerdings eine besondere Herausforderung, weshalb es zu untersuchen gelte, inwiefern der Nationalsozialismus den deutschen Umgang mit politischer Gewalt beeinflusst habe. Die Sektion frage, im Unterschied zu bisherigen Studien beispielsweise zur Erinnerungskultur, nach globalen Praktiken, bei denen humanitäre, ökonomische, militärische, innenpolitische Ziele aufeinanderstießen. Der Begriff der politischen Gewalt werde dabei breit gefasst, von der Tötung Einzelner bis hin zu Genoziden.

Anschließend präsentierte FRANK BÖSCH im ersten Vortrag einzelne übergreifende Ergebnisse seines aktuellen Buchprojekts über den bundesdeutschen Umgang mit weltweiten Autokratien seit den 1950er-Jahren. In den 1950er- und 1960er-Jahren habe demnach ein wenig reflektierter Umgang mit antikommunistischen Diktaturen dominiert: Die ersten Staatsoberhäupter, die die Bundesrepublik ab 1954 besuchten, seien meist Autokraten gewesen, die oft sogar positive Bezüge zur NS-Zeit gehabt hätten. Gegenüber Franco-Spanien setzte die internationale Erinnerung an die NS-Zeit Grenzen bei der Kooperation. In den 1960er-Jahren sei es dann in mehrfacher Hinsicht zu einem Wandel gekommen. Insbesondere Migrant:innen, etwa aus Spanien, dem Kongo, Griechenland oder Südkorea, hätten eine neue kritische Auseinandersetzung mit Diktaturen in der Bundesrepublik vorangetrieben, die eine opferzentrierte Perspektive und Bezüge zum NS in den Diskurs trugen, indem beispielsweise Haftlager in ihren Heimatländern als KZs bezeichnet wurden. Besonders die Gewerkschaften unterstützten diese Proteste früh, während die Bundesregierung sie rechtlich, mit Verboten und Abschiebungen unterdrückte. Diese Straßenproteste und besonders die mitgliederstarken deutschen Amnesty International-Gruppen beeinflussten seit Ende der 1960er-Jahre maßgeblich das Handeln der Bundesregierung gegenüber Diktaturen. Während sich in der Bundesrepublik ein im europäischen Vergleich besonders starkes zivilgesellschaftliches Engagement gebildet habe, so Bösch abschließend, seien die Reaktionen der Bundesregierung schwach und stark selektiv geblieben, und hätten eine Doppelstrategie der bürokratischen Unterstützung der Regierungen bei gleichzeitiger Hilfe für die Opposition über halbstaatliche Institutionen aufgewiesen.

Im nächsten Beitrag stellte ANDREW PORT (Detroit) sein Buchprojekt über die deutschen Reaktion auf die Völkermorde in Kambodscha, Ruanda und Bosnien vor, wobei Port aus zeitlichen Gründen nur auf Kambodscha einging. Die Parameter des Möglichen, innerhalb derer sich Deutschland angesichts der eigenen Vergangenheit und seiner internationalen Position bewegt habe, hätten eine militärische Intervention unmöglich gemacht, weshalb verschiedene Akteure in Politik und Zivilgesellschaft auf eine „Vergangenheitsbewältigung der Tat“ zurückgegriffen hätten, beispielweise in Form der Rettung von 14.000 geflüchteten kambodschanischen „Boat People“. In der Bundesrepublik habe dies, analog zur heutigen Situation, zu ambivalenten Reaktionen geführt, die sich in überschwänglicher Hilfsbereitschaft seitens zivilgesellschaftlicher Organisationen, Gleichgültigkeit in der Politik bis hin zu scharfer Ablehnung in Teilen der Bevölkerung niedergeschlagen hätten. Die Vertreibung der Roten Khmer habe darüber hinaus in Verbindung mit der gleichzeitigen Ausstrahlung der Fernsehserie „Holocaust“ 1979 zu ähnlichen Reaktionen in der Bundesrepublik und der DDR im Kontext der NS-Vergangenheit geführt. Der Vergleich von „Asiens Auschwitz“ mit dem Holocaust sei in beiden Fällen aus einem Gefühl der Betroffenheit heraus gezogen worden, Praktiken und Täter des Genozids seien vergleichbar mit denen des Nationalsozialismus. Das Fazit des Vortrags sei daher, so Port, dass Erbe und Lehre aus dem Nationalsozialismus immer zweideutig zu betrachten seien: „Nie wieder Auschwitz“ und „Nie wieder Krieg“ seien im Spannungsverhältnis einer moralischen Pflicht zu helfen und einer Linie der Nichteinmischung zu betrachten, welches keine eindeutigen Trennlinien im Umgang mit der NS-Vergangenheit zulasse.

Im nächsten Beitrag stellte JOSEPH BEN PRESTEL (Berlin) Ergebnisse seines Habilitationsprojekts vor, in dem er das Verhältnis zwischen der radikalen Linken in Deutschland und den Palästinensern 1970-1982 mit besonderem Fokus auf Perspektiven aus Palästina untersucht. Prestel konstatierte, dass jüdische Menschen und Einrichtungen ab dem Ende der 1960er-Jahre vermehrt Ziel von Anschlägen geworden seien, was neben diplomatischer Bemühungen und dem Aufbau internationaler Palästina-Solidaritätsbewegungen auf eine Internationalisierung des israelisch-palästinensischen Konflikts hinweise. Im Zuge der Solidarisierung westdeutscher Studenten mit Palästina sei politische Gewalt von beiden Seiten ähnlich gerechtfertigt worden, vor allem mit dem Verweis auf den Vietnamkrieg als Legitimation für den nationalen Befreiungskampf. Vergleiche mit dem Nationalsozialismus im westdeutsch-palästinensischen Kontext, die die Bundesrepublik, die USA oder den Iran einschlossen, hätten im Fall Israels zu einer Täter-Opfer-Umkehr geführt, die den Kampf gegen Israel als antifaschistischen Kampf stilisiert habe. Die Gruppierungen der radikalen Linken wie auch der Palästinenser hätten allerdings, je nach politischer Ausrichtung, durchaus unterschiedliche Sichtweisen auf politische Gewalt gehabt, weshalb man die Verbindungen zwischen ihnen differenziert betrachten müsse. Ab dem Ende der 1970er-Jahre sei es dann zu einer Entfremdung zwischen den bundesdeutschen Linken und den Palästinensern gekommen, die aus der beginnenden Abgrenzung ersterer von revolutionärer Gewalt aufgrund von Ereignissen wie der Flugzeugentführung in Entebbe, aber auch einer zunehmenden Auseinandersetzung mit der Geschichte des deutschen Antisemitismus innerhalb der Linken resultiert habe. Zusammenfassend ließen sich, so Prestel, zwei Erkenntnisse gewinnen: Einerseits wiesen die Quellen aus dem Nahen Osten auf die Bedeutung wechselseitiger Beziehungen für die Rezeption politischer Gewalt hin, andererseits veranschaulichten solche Quellen, dass Kategorien wie „innen“ und „außen“ ins Schwanken geraten konnten, da die Verflechtung zwischen Gruppierungen die Wahrnehmung von politischer Gewalt (im Nahen Osten) bis zum Ende der 1970er-Jahre als von „außen“ kommend erschwert habe.

Das Ende der Sektion leitete MARCIA C. SCHENK (Potsdam) mit einem Panel über Ostalgie in Mozambik und Angola ein. Die DDR habe nicht-intendierte Spuren in Afrika hinterlassen, die in der Erinnerungskultur der „Madgermanes“, aus der DDR zurückgekehrter Vertragsarbeiter:innen, bis heute eine wichtige Rolle spielten: Nicht die antirassistische oder antiimperialistische Politik, sondern materielle Vorteile und die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs seien demnach die zentralen Marker für die positive Rezeption der DDR. Nach der Wende und der Umstrukturierung der politischen Landschaft in Afrika ab dem Ende der 1980er-Jahre hätten die Betroffenen einerseits zwar eine doppelte Ausgrenzung erfahren, die in Deutschland durch die ungeplante Rückkehr ausgelöst worden sei und bei ihrer Ankunft in Angola/Mozambik dann in der Enttäuschung über die nicht erfüllte Hoffnung, eine sozialistische Gesellschaft nach dem Vorbild der DDR vorzufinden. Andererseits seien die „Madgermanes“ durch ihre Erfahrungen als Vertragsarbeiter:innen jedoch als „sozialistische Kosmopoliten“ am entschlossensten, politische Veränderungen und die Verbesserung der Lebensbedingungen einzufordern. Die Ostalgie habe daher eine politische Funktion, da der Sozialismus als Traum von Entwicklung, Versprechen für die Zukunft und Sprung in die Moderne nach wie vor so präsent sei, dass sogar politische Praktiken, wie beispielsweise die Montagsdemonstrationen, übernommen worden seien. Auch wenn politische Fragen für die „Madgermanes“ nur sekundär seien, so schloss Schenk den Vortrag, und die DDR hauptsächlich wegen der Konsummöglichkeiten und dem hohen Lebensstandard erinnert werde, sei durch die „migrantische Brille“ das Alltägliche in den Vordergrund gerückt und ein vielschichtiges Spektrum an Erinnerungen zugänglich, welches sich der regulären Archivarbeit entziehe.

In der anschließenden Diskussion wurde anhand der Frage, inwieweit die besprochenen Orte zu Kontaktzonen zwischen der Bundesrepublik, der DDR und Drittstaaten wurden, oder sie gar zu wirtschaftlichen Konkurrenzräumen im globalen Gefüge avancierten, das Problem der mangelnden globalen Perspektive in der deutschen Geschichtsschreibung verdeutlicht. Die wirtschaftlichen Interessen der Bundesrepublik seien beispielsweise nach 1973 in bilateralen Kooperationen durchgesetzt worden, die sich auch über etablierte internationale Organisationen und Bündnisse hinweggesetzt hätten, so etwa bei der Anerkennung der Roten Khmer als Vertretung Kambodschas vor der UN und dem darauffolgenden Abschluss von Wirtschaftsverträgen durch die Bundesregierung. Die in der Sektion besprochenen Themen hätten weiterhin gezeigt, dass die deutsche Geschichte nach 1945 nicht nur über den deutschen Raum konzipiert werden könne, sondern Außensichten, wie das Handeln und die Praktiken von Migrant:innen, miteinbezogen werden müssen. Überdies sei es notwendig, in der Untersuchung der Vergangenheitsbewältigung anderer Länder, wie Argentinien oder Chile, Rückbezüge für und wechselseitige Transformationsprozesse im Umgang mit politischer Gewalt im Kontext der nationalsozialistischen Vergangenheit in Deutschland aufzuspüren und in die historische Forschung einzubeziehen.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung und Moderation: Frank Bösch (Potsdam)

Frank Bösch (Potsdam): Selektive Annäherungen. Der bundesdeutsche Umgang mit Militärdiktaturen

Andrew Port (Detroit, MI): Die Deutschen und die neuen Genozide. Kambodscha, Ruanda und Bosnien

Joseph Ben Prestel (Berlin): Politische Gewalt zwischen München und Beirut. Palästinenser und die radikale Linke in Westdeutschland 1970-1982

Marcia C. Schenk (Potsdam): Antifaschistisches Erbe in Afrika. Ostalgie in Mozambik und Angola


Redaktion
Veröffentlicht am
30.10.2021
Klassifikation
Region(en)
Weitere Informationen
Land Veranstaltung
Sprache(n) der Konferenz
Deutsch
Sprache des Berichts