HT 2021: Denationalisierung als Gegenstand und Perspektive der Zeitgeschichte

HT 2021: Denationalisierung als Gegenstand und Perspektive der Zeitgeschichte

Organisatoren
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Ort
hybrid (München)
Land
Deutschland
Vom - Bis
05.10.2021 - 08.10.2021
Von
Lars Urbanski / Naomi Niemann, Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte, Universität Mannheim

Anlässlich des 53. Historikertags vom 5. bis 8. Oktober 2021 in München befassten sich Julia Angster (Mannheim), Almuth Ebke (Mannheim) und Silke Mende (Münster) mit „Denationalisierung als Gegenstand und Perspektive der Zeitgeschichte“. So näherte sich die Sektion dem Überthema „Deutungskämpfe“ über die Neujustierung nationaler Ordnungsvorstellungen in liberaler Demokratie, nationaler Identität und Geschichtsschreibung. ANDREAS WIRSCHING (München) betonte dabei mit seinem Kommentar die Zeit- und Standortgebundenheit der Thematik und verwies mit seinen Fragen auf die zentrale Leitlinie der Denationalisierung: Was kommt nach dem Nationalstaat?

Als „Denationalisierung“ bezeichneten JULIA ANGSTER und ALMUTH EBKE einleitend in ihrer Sektion den Verlust der Selbstverständlichkeit des nationalen Denkrahmens, nicht aber das Ende des Nationalstaats als solchem. Seit den 1990er- und 2000er-Jahren sei ein Umbruch spürbar geworden, welcher die nationale Rahmung von Politik und Gesellschaft begründungsbedürftig mache. Damit seien der Nationalstaat wie auch die um ihn konstruierten Ordnungsvorstellungen in eine „Hegemoniekrise“ geraten, an die sich ein anhaltender Aushandlungsprozess anschloss. Verantwortlich, so die Vortragenden weiter, zeichnete man zeitgenössisch wirtschaftliche und kulturelle Transnationalisierung, Migration, die Kommunikationsrevolution und die neuen Medien, kurz: die als einheitlich und exogen wahrgenommenen, ortsunabhängigen Strukturprozesse der „Globalisierung“. Diese Wahrnehmung habe breite gesellschaftliche wie politische Debatten über Chancen und Risiken der Entwicklung im gesamten Westen hervorgerufen.

Nach Angster und Ebke schlug sich dieser Diskurs in den nachfolgend analysierten Konzeptionen von Gesellschaft, Demokratie und Geschichte seit den 1990er-Jahren nieder. Durch Erklärung und Historisierung dieser „Hegemoniekrise“ werde „Denationalisierung“ hier gleichzeitig Gegenstand und Zugang der Zeitgeschichte: Veränderungen in wirtschaftlichen, staatlichen und gesellschaftlichen Strukturen hatten Auswirkungen auf das Denken und Handeln historischer Akteure und auf die Perspektiven der Geschichtswissenschaft.

JULIA ANGSTER analysierte in ihrem Beitrag die „Bedeutung des nationalen Rahmens für die liberale Demokratie“ anhand von „Krisendiagnosen und -szenarien“. Als „liberale Demokratie“ verstand sie nicht nur eine Regierungsform, die durch „Rechtsstaatlichkeit, freie Wahlen, die Repräsentation der Staatsbürger:innen im Parlament, das Zusammenspiel und die Gegenüberstellung von Regierung und Parlament“ gekennzeichnet war, die politische Willensbildung sowie die an ihr beteiligte Öffentlichkeit. Auch umschließe der Begriff eine Wertordnung: den Schutz des Individuums und des Eigentums, die Menschen- und Bürgerrechte sowie den Pluralismus.

Nachfolgend skizzierte die Vortragende Krisendiagnosen der liberalen Demokratie in westlichen Ländern, die in drei Wellen auftraten: erstens in der Mitte der 1970er-Jahre, zweitens in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren und drittens in den mittleren 2010er-Jahren. Während erstere die liberale Demokratie durch „die wachsende Komplexität der Gesellschaften und deren Anforderungen an den Staat“ bedroht sah, habe die zweite vor allem die „Globalisierung“ als Bedrohung der Demokratie wahrgenommen: Der nationale (Sozial-)Staat und die Frage nach seiner Handlungsautonomie erregten vor allem bei britischen und deutschen Autoren Besorgnis, welche die Demokratie als nur durch einen handlungsfähigen Staat organisierbar und somit in Gefahr sahen. Demgegenüber habe sich die dritte Welle in ihrer Problemlage und ihren Protagonisten anders abgezeichnet; die repräsentative Demokratie selbst sei nun Ziel der Ablehnung geworden. Denn die gewählten Repräsentant:innen seien von Vertreter:innen des linken wie des rechtspopulistischen Spektrums als Vertreter von Partikularinteressen gesehen worden, die dem „Volkswillen“ entgegenstanden. Besonders auf rechter Seite sei die repräsentative Demokratie folglich als „undemokratisch“ verworfen und ihr ein um direkte Demokratie und Referenden konzipiertes, „rousseauistisches Demokratieverständnis“ gegenübergestellt worden.

Dreh- und Angelpunkt dieser konkurrierenden Demokratieverständnisse ist, so die Referentin, die Nation. Mangels „empirische[r], essentialistische[r] Kriterien“ zur Bestimmung ihrer Zugehörigkeit habe sich seit den 1960er-Jahren in der Politikwissenschaft „die Vorstellung von Demokratie als Selbststeuerung einer kohärenten, national gefassten Gesellschaft im territorialen Rahmen des Nationalstaats“ herausgebildet. Dieses Demokratieverständnis wurde im Zuge der gesellschaftlichen Veränderungen besonders seit den 1990er-Jahren herausgefordert. „Die Gesellschaft“ und „die Nation“ könnten nicht mehr ohne weiteres als synonym behandelt werden. Stattdessen würden nun gesamtgesellschaftliche Debatten um Definitionen von Nation, „Volk“ und politischer Willensbildung geführt. Daher verortete Angster abschließend die „eigentliche Bedrohung der liberalen Demokratie“ im Festhalten an der Vorstellung, diese „sei nur in einer kulturell homogenen nationalen Gesellschaft möglich.“

ALMUTH EBKE widmete sich den Diskursen und Prozessen dieser Neujustierung der nationalen Ordnung aus der Perspektive des Vereinigten Königreichs. Die explizite Suche nach einer britischen Identität in der Debatte um „Britishness“ in Politik, Wissenschaft und Öffentlichkeit in den 1990er- und 2000er-Jahren bot sich dabei als zentraler Gegenstand an. Bei der Analyse auf sowohl struktureller als auch diskursiver Ebene stellte sich heraus, dass die Suche nach „Britishness“ „am besten als ein Teilabschnitt im Prozess der Neujustierung des nationalen Rahmens innerhalb britischer Politik und Gesellschaft zu verstehen“ sei, dessen Konsequenzen noch offen seien.

Ebke gliederte die Diskussion um „Britishness“ in drei verschiedene Ebenen. Parteipolitisch nutzte New Labour die Debatte, um seine sozialdemokratischen Reformprojekte zu legitimieren. Strukturell zeigte sich diese besonders in der Übertragung von politischen Kompetenzen von den Houses of Parliament an die gewählten Vertretungen in Schottland und Wales – eine Verlagerung, die Ebke als „Devolutionsprozess“ beschrieb. Auf der gesellschaftlichen Ebene waren die Kritik und die Aufarbeitung des kolonialen Erbes zentral. Bereits anhand dieser drei Ebenen wurde klar, dass „Britishness“ eine breite Bedeutungsspanne besaß, die von „rigiden nationalen Charakteristika bis zu einer fluiden britischen nationalen Identität“ reichte.

Somit lässt sich anhand dieser Ebenen eine Neuaushandlung des nationalen Rahmens nachzeichnen. Zum einen zeigte die Debatte um „Britishness“ einen Umbau, eine Problematisierung und Anpassung der „Vorstellung einer britischen Nation an veränderte gesellschaftliche und politische Umstände“. Eine Neujustierung sei, so die Referentin, erforderlich gewesen, da der gedachte Rahmen der britischen Nation nicht mehr selbstverständlich war. Auch wenn zentrale Aspekte der Debatte wie koloniale und postkoloniale Migration und die Reform des britischen Regierungssystems bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren kontrovers diskutiert worden waren, wurden sie nun unter den gemeinsamen Nenner „Britishness“ verbunden. Die Debatte war also den Transformationsprozessen nachgelagert. Zudem sei die Debatte in ihren zentralen Parametern binnennational gewesen. Damit stellte die britische Wahrnehmung eine gegensätzliche Einschätzung der zeitgenössen sozialwissenschaftlichen Diagnosen dar, die von einer eingeschränkten Handlungsfähigkeit von Nationalstaaten durch die Globalisierung ausging. Die britische Perspektive biete daher die Möglichkeit, „die sozialwissenschaftlichen Deutungen der 1990er-Jahre vom Ende des Nationalstaats zu historisieren“. Prozesse der „Denationalisierung“ könnten räumlich und zeitlich neu vermessen werden. Zusätzlich seien die gesellschaftlichen Auswirkungen des Eingriffs in das britische Regierungssystem noch nicht absehbar. Vor allem Schottlands Unabhängigkeitsbestrebungen und der Brexit offenbarten, wie tiefgreifend die Debatte um „Britishness“ war und ist.

In ihrem Beitrag erläuterte SILKE MENDE anhand der Entwicklungen in der historischen Forschung und dem Beispiel der Zeitgeschichte der Demokratie in Europa den Begriff der „Denationalisierung“. Auch wenn der Begriff „Europäisierung“ aus den Politikwissenschaften übernommen wurde, zog Mende die erweiterte Beschreibung von Kiran Klaus Patel und Ulrike von Hirschhausen vor, die in „Europäisierung“ auch politische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Prozesse sowie integrierende Elemente einbezögen. „Denationalisierung“ werde derweil als ein präziserer Begriff für Globalisierung verstanden, da sich der Begriff konkret auf die Überwindung von nationalstaatlichen Grenzen beziehe. Auch wenn „Denationalisierung“ und „Europäisierung“ nicht deckungsgleich seien, teilten sie die Probleme der Linearität und Zielgerichtetheit. „Denationalisierung“ werde außerdem häufig mit dem Modus der Verneinung assoziiert: Etwas gehe zu Ende, ohne dass das Zukünftige schon näher konstruiert sei.

Die Perspektive der „Denationalisierung“ schlug sich auch in den Geschichtswissenschaften nieder. Zum einen erinnere „Denationalisierung“ „gerade bei der gesellschaftlichen Dimension an Definition und Diskussion der transnationalen Geschichte“. Zum anderen sah Mende Parallelen zwischen der politikwissenschaftlichen Definition von „Denationalisierung“ und der gängigen Auffassung von Globalgeschichte. Darüber hinaus skizzierte sie ein „verstärktes Nachdenken über Aufstieg und Krise nationalstaatlich gedachter Konzepte von Territorialität“ um die Jahrtausendwende. Zusammenfassend beschrieben diese Trends eine Dekonstruktion der Kategorie „Nationalstaat“, welche eine „Erosion des nationalen Denkrahmens“ und der „gedachten Ordnung des Nationalen“ bewirke. Der Nationalstaat war, wie auch Angster in ihrem Beitrag deutlich machte, demnach nicht mehr selbstverständlich.

Den Einfluss der „Denationalisierung“ beschrieb Mende am Beispiel der Demokratie und des Nationalstaats in der Zeitgeschichte Europas. Obwohl Demokratiekonzepte und demokratische Praxis historisch besonders eng mit einem nationalstaatlichen Rahmen sowie Konzepten des Staatsterritoriums und der Staatsbürgerschaft verbunden seien, versuchten verschiedene Ansätze den „Container Nationalstaat“ zu überwinden. Neben einer Mehr-Länder-Analyse scheine eine Betrachtung Europas „von den Rändern“ her fruchtbar, wodurch sich nicht nur die Wahrnehmung von Peripherie und Zentrum veränderten, sondern auch die gängigen dichotomischen Gegenüberstellungen aufgelöst würden. Darüber hinaus plädierte Mende für eine Historisierung der Richtungs- und Bewegungsbegriffe. Eine „Verzeitlichung und Verräumlichung von Fortschritts- und Modernisierungsdiskursen“, wie sie von Christof Dejung und Martin Lengwiler beschrieben wurde, würde einer „doppelten Aufladung“ der Attribute „fortschrittlich“ und „modern“ sowie „demokratisch“ zuvorkommen. Statt abgeschlossene Nationalstaaten gegenüberzustellen, sollte eher nach transnationalen Allianzen, Vernetzungen und Grenzziehungen gefragt werden. Auch eine Geschichte des institutionellen Europas würde diesem Anspruch gerecht werden, da es die Bedeutung von Nationalstaaten und die europäische Integration vereine. Diese wiederum ließen sich in aktuellen Debatten um ein vermeintliches „Demokratiedefizit“ der EU oder die mangelnden Kompetenzen des EU-Parlaments wiederfinden.

Wie ANDREAS WIRSCHING festhielt, einte alle drei Beiträge die Ansicht, dass „das territoriale Modell als bevorzugter Gegenstand der Zeitgeschichte seinen Zenit überschritten hat“. Die Verflüssigung der Grenzen und die Entstehung neuer internationaler Eliten bewirkten den Eindruck einer dynamischen Veränderung der Zeit. Doch zeitgleich warnte er vor „optischen Täuschungen“ oder einer Krisenempfindung durch die Auflösung nationaler Ordnungen. Neben der zentralen Frage nach dem Ende des nationalen Denkrahmens warf Wirsching auch die Frage auf, ob das Modell des territorial gefassten Nationalstaats über das 19. Jahrhundert hinaus bis ins 17. Jahrhundert zurückzuverfolgen sei. Dabei hob er den gemeinsamen Tenor der Sektion hervor, methodische Fallstricke und teleologische Ansichten zu meiden.

Letztlich warf er auch den Aspekt der Renationalisierung auf: Sei vieles, was als „Denationalisierung“ betrachtet wird, nicht eigentlich Renationalisierung? Gerade diese Dialektik ebenso wie die Einbeziehung von Raumkonstruktionen in Form von mental maps scheinen ein zukunftsfähiges Forschungsfeld darzustellen.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Julia Angster / Almuth Ebke (Mannheim)

Almuth Ebke (Mannheim): „Die Debatte um die nationale Identität in Großbritannien und die Historisierung der Nation“

Julia Angster (Mannheim): „Die Krise der liberalen Demokratie als Krise der nationalen Ordnung“

Silke Mende (Münster): „‚Europäisierung‘ der Zeitgeschichtsschreibung als ‚Denationalisierung‘ der Perspektive?“

Andreas Wirsching (München): Kommentar


Redaktion
Veröffentlicht am
20.11.2021
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