HT 2021: Japan, Korea und Mitteleuropa. Sozialer Wandel in mittelalterlich-frühneuzeitlichen Gesellschaften im Vergleich

HT 2021: Japan, Korea und Mitteleuropa. Sozialer Wandel in mittelalterlich-frühneuzeitlichen Gesellschaften im Vergleich

Organisatoren
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Ort
hybrid (München)
Land
Deutschland
Vom - Bis
05.10.2021 - 08.10.2021
Von
Simon Siemianowski, Globalgeschichte der Frühen Neuzeit, Seminar für Neuere Geschichte, Eberhard Karls Universität Tübingen

Welche Gemeinsamkeiten liegen Prozessen sozialen Wandels in vormodernen Gesellschaften zwischen dem 11. und 18. Jahrhundert zu Grunde? Dieser Frage näherte sich die Sektion aus einer vergleichenden Perspektive mit je zwei Beiträgen zu Ostasien und Mitteleuropa. Anders als etwa in jüngeren Diskussionsbeiträgen zu den Global Middle Ages[1] ging es den Vortragenden also nicht um die Frage nach der longue durée globaler Verbindungen, sondern um die Suche nach grundsätzlichen strukturellen Ähnlichkeiten vormoderner Gesellschaften, die trotz großer regionaler Unterschiede und auch ohne direkte oder mittelbare Kontakte vergleichbare Prozesse sozialen Wandels produziert haben könnten. Diese Prozesse werden dabei mit den Soziologinnen Renate Mayntz und Brigitta Nedelmann als eigendynamisch verstanden, insofern sie sich „aus sich selbst heraus und ohne weitere externe Einwirkung weiterbewegen und dadurch ein für sie charakteristisches Muster produzieren und reproduzieren“[2]. Bestimmte Eigendynamiken, so die Prämisse der Beitragenden, sorgten demnach für Veränderungen, die durch ähnliche Muster letztendlich soziale Ordnung reproduzierten. Zur Diskussion stand damit eine neue theoretische Rahmung für eine global gedachte Vormoderne, die neue Vergleichsperspektiven zur Frage sozialen Wandels eröffnen soll, ohne dabei eurozentrische Sonderwegs- und Modernisierungserzählungen zu wiederholen.

FRANZ-JOSEF ARINGHAUS (Bielefeld) schlug einleitend drei gemeinsame Strukturelemente vor, die sowohl in Ostasien als auch in Mitteleuropa vergleichbare Eigendynamiken produziert hätten. Erstens habe ständische Hierarchie und Gruppenorientierung in beiden Weltregionen eine fortwährende Positionierung verlangt sowie die Bildung neuer Gruppen angeregt und damit zu Abgrenzungs- und Überbietungsformen geführt, die einen konstanten Wandel durch die Etablierung neuer Gruppen ermöglicht, nicht aber das Prinzip der hierarchischen Ordnung selbst verändert hätten. Diese Formen seien zweitens durch eine Präsenzkultur geprägt gewesen, die ähnliche Kommunikationsweisen ausbildete, zu der aber nicht nur bestimmte Rituale und Performanzen, sondern zunehmend auch elaborierte Formen der Schriftlichkeit gehört hätten. In diesem Kontext habe sich das Handeln der Akteur:innen drittens durch eine starke Konsensorientierung ausgezeichnet, was jedoch ausdrücklich nicht mit der Abwesenheit von Konflikten gleichzusetzen sei. Vielmehr sei Streit ein wesentlicher Teil des Strebens nach Konsens gewesen, habe jedoch unter den Bedingungen einer agonalen Gesellschaft mit geringen Spielräumen für abweichende Positionen spezifische Dynamiken hervorgebracht, auf die bereits Georg Simmel hingewiesen habe[3]. Alle drei Strukturelemente führten laut Arlinghaus aus sich selbst heraus immer wieder zu Veränderungen. Als Beispiel nannte er hier den Streit um Sitzordnungen. Die Veränderungen, so die Vermutung, hätten aber vor allem zur Ausarbeitung von Prinzipien geführt, auf der die Eigendynamiken selbst beruhten – beispielsweise zur Neuordnung der Sitzordnung durch architektonische Formen oder verschriftlichte Normen. Diese Eigendynamiken seien deshalb keine Modernisierungsmaschinen, sondern hätten vielmehr immer elaboriertere Formen vormoderner Kommunikation produziert, die sich weltweit an verschiedenen Orten beobachten ließen.

Im ersten Beitrag analysierte DANIEL SCHLEY (Bonn) Veränderungen in den Ritualen des japanischen Hofadels im 11. Jahrhundert. Dieser habe durch die Berufung auf historische Präzedenzfälle Neuerungen stets als Rückkehr zur alten Ordnung präsentiert – ein auch der europäischen Mediävistik vertrautes Erklärungsmuster. Der Gebrauch der Präzedenzfälle in der japanischen Verwaltung sei bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts üblich gewesen, habe jedoch nie ein abgeschlossenes Regelsystem gebildet. Nicht der Regent allein, sondern Verwandte und ein politisch aktiver Teil des Hofadels seien besonders ab dem 11. Jahrhundert zunehmend an der Auswahl der Präzedenzfälle beteiligt gewesen. Diese Veränderungen ließen sich besonders gut in der höfischer Tagebuchliteratur beobachten, die genau über Abweichungen in Ritualen berichtete. An Beispielen aus dem Tagebuch Gonki von Fujiwara no Yukinari (972–1027) zeigte Schley, dass im 11. Jahrhundert neben Gesetzessammlungen zunehmend auch Geschichtswerke und andere Tagebücher zur Klärung von Protokollfragen herangezogen wurden. Diese Tagebücher hätten dabei die zuvor über drei Jahrhunderte geführte offizielle Reichsgeschichtsschreibung in ihrer Funktion abgelöst. Die Tagebücher tradierten damit ein Wissen über höfische Abläufe, das folgenden Generationen die einmal erreichte soziale Stellung am Hof garantieren sollte. Die Beschreibung aus der Perspektive eigendynamischer Prozesse sei besonders dazu geeignet, diesen zunächst eher unscheinbaren Wandlungsprozess sichtbar zu machen.

ANDREAS RÜTHER (Bielefeld) ging in seinem Beitrag methodologisch hingegen genau umgekehrt vor. Als Ausgangspunkt wählte er Klosterneugründungen und den Herrschaftsausbau in Ostmitteleuropa im 12. und 13. Jahrhundert und damit bereits bekannte Prozesse sozialen Wandels. Auf Grundlage von Urkundenbüchern und narrativen Quellen zu frommen Schenkungen adeliger Familien in Großpolen, Schlesien und Pommern suchte er gezielt nach Situationen, die einen eigendynamischen Charakter des sozialen Wandels der beteiligten Personenverbände belegen könnten. Insbesondere im Sinne der eingangs von Arlinghaus beschriebenen Konsensorientierung erkannte er dabei in den Begründungen für die Ausstattung und Privilegierung von Klöstern, beispielsweise durch den ostpommerschen Herzog Sambor II. (1208-1278), Hinweise auf einen wachsenden Wirkverbund zwischen Adel und Ordensklerus. Die zunehmende Abstimmung ihrer Meinungen und Ziele lasse sich dabei nicht als emergenter Wandel, sondern viel eher als Vertiefung und Rekombination bereits vorhandener Strukturen beschreiben. Jede fromme Schenkung einer Adelsgeneration habe sowohl die Schenkungslogik als auch das damit verbundene dynastische Konkurrenzverhalten und Rangkonflikte der folgenden Generationen bedingt. Der Kampf um Statusbehauptung innerhalb des Adels sowie das spannungsreiche Abhängigkeitsverhältnis zwischen monastischen und adeligen Lebensformen habe die Diversifizierung des Ordenswesens angetrieben. Die Beschreibung dieses Zusammenspiels als eigendynamisch ermögliche eine wesentlich genauere Erklärung für die Vielfalt der christlichen Ordensstände, als etwa Modelle eines durch äußere geistliche Autoritäten angeregten zyklischen Aufstiegs- und Niedergangs einzelner Gemeinschaften.

Gegen tradierte Erklärungsmodelle des Wandels wandte sich auch MARION EGGERT (Bochum) in ihrem Vortrag zu Konfliktbewältigungsstrategien am koreanischen Königshof der mittleren Chosŏn-Zeit (ca. 1550-1700). Zwei Praktiken der Konfliktbewältigung seien in der Historiographie Koreas seit langem zu Unrecht als gegenläufige Prozesse gelesen worden. Auf der einen Seite stünden die Massenpetitionen auf Grundlage von lokalen Unterschriftensammlungen, die in einem Protestzug in Seoul übergeben wurden und als wegweisend für die lebhafte Demonstrationskultur des heutigen Südkoreas gelten. Auf der anderen Seite seien die Fraktionskämpfe, die zeitgleich zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert die koreanische Halbinsel prägten, klassischerweise als Hemmschuh für die Modernisierung angesehen worden. Tatsächlich handele es sich bei diesen scheinbar entgegengesetzten Phänomenen jedoch weder um Symptome einer stagnierenden Vormoderne, noch um Zeugnisse einer Modernisierung, sondern um Resultate des gleichen politischen Prozesses. Die Dynamik beruhe dabei auf grundlegenden strukturellen Spannungen. So habe beispielsweise durch den Aufstieg einer meritokratischen höfischen Elite die wachsende Aristokratie auf dem Land zunehmend um Einfluss kämpfen müssen. Um in der ebenfalls nach Konsens strebenden Streitkultur des Hofes gehört zu werden, bedienten sie sich daher zunehmend schriftlicher Petitionen, die durch den damit verbundenen Protestzug weiterhin Präsenzcharakter besaßen. Das verbindende dynamische Element dieser und weiterer Aushandlungsprozesse sei dabei die Auslegung des für die neo-konfuzianische Staatsideologie zentralen kongnon-Begriffes gewesen. Kongnon lasse sich sowohl als öffentliche Meinung im Sinne von ‚Mehrheitsmeinung‘, als auch mit ‚Gemeinwohlorientierung‘ übersetzen. Gerade die Polysemie des Begriffes habe nun immer neue Auslegungen und dynamisierende Bedeutungsverschiebungen ermöglicht.

Während Marion Eggert ein verbindendes Element aller drei eingangs postulierten eigendynamischen Strukturelemente fand, beschrieb ULLA KYPTA (Hamburg) in ihrem Vortrag zur Verlegung des Hansekontors von Brügge nach Antwerpen abschließend einen eigendynamischen Prozess, der primär auf Effekten der Konsensorientierung und der Präsenzkultur beruht. Schon seit der Mitte des 15. Jahrhunderts sei Antwerpen das wichtigere Handelszentrum gewesen. Da Entscheidungen auf Hansetagen, den Treffen der Gesandten der Hansestädte, jedoch nur einstimmig getroffen werden konnten, habe es noch hundert Jahre gedauert, bis die Hanse ihr Kontor ebenfalls dorthin verlegte. Die Uneinigkeit auf den Hansetagen sei gerade deshalb schwer aufzulösen gewesen, da zwischen den Städten keine hierarchischen Unterschiede im Sinne der ständischen Ordnung bestanden. Der späte Umzug gelte bis heute in Handbüchern als Zeichen einer unbeweglichen und damit dem Untergang geweihten Hanse. Diese Erzählung des Niedergangs sei angesichts des langen Fortbestands der Hanse bis zum letzten Hansetag 1669 wenig überzeugend. Bei genauerer Analyse zeige sich, dass gerade die Uneinigkeit der Hansetage den sozialen Wandel angetrieben habe. Während das Gebäude zwar in Brügge verblieb, seien seine Kompetenzen trotzdem nach Antwerpen verlagert worden, wo die Vorsitzenden nun im Namen des Brügger Kontors residierten und entschieden. Aus dem Kontor als Wohn- und Gemeinschaftsgebäude der Kaufleute wurde Kypta zufolge somit eine vom Gebäude selbst unabhängige diplomatische Vertretung. Statt ein mittelalterliches Kontor umzuziehen, habe die durch Uneinigkeit freigesetzte Eigendynamik also ein ganz neues Konzept hervorgebracht, das den Bedürfnissen der Zeit eher gerecht geworden sei und es dem Kontor in seiner neuen Funktion und Bedeutung ermöglicht habe, in seiner späteren Form des Konsulats von Hamburg, Bremen und Lübeck in Den Haag sogar noch weitere dreihundert Jahre fortzubestehen.

Die Fragen während der zwei Diskussionsrunden in der Mitte sowie am Ende der Sektion orientierten sich weniger an den Fallbeispielen, sondern galten vor allem dem theoretischen Konzept selbst. Als mögliche Begriffsalternative für Eigendynamik wurde der Begriff Involution diskutiert. Arlinghaus wandte jedoch ein, Involution evoziere eher die Idee einer stagnierenden Entwicklung, eines „Sich-Selbst-im-Weg-Stehens“, während der Begriff Eigendynamik auf die Kreativität und Komplexität sozialen Wandels in der Vormoderne hinweise, ohne darin bereits die Moderne zu sehen. Nach dem Ende der von ihnen beschriebenen Eigendynamiken gefragt, verwiesen die Beitragenden vor allem auf die Zeit ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Marion Eggert beispielsweise ergänzte, dass das Phänomen der Massenpetitionen zwar im Verlauf des 19. Jahrhunderts fortbestehe, aber sich weit über Standesgrenzen hinweg ausgedehnt habe und entscheidend durch äußere Faktoren beeinflusst worden sei, weshalb es nicht länger als eigendynamisch beschrieben werden könne. Doch beschreiben damit die Eigendynamiken nicht trotzdem weiterhin eine zunehmende Komplexitätssteigerung gesellschaftlicher Systeme, die zwar nicht in die Moderne, aber zumindest zu ihrer eigenen Überlastung und Auflösung führen? Entgegen dieser These betonte Rüther, der durch Eigendynamik beschriebene Wandel habe in bestimmter Hinsicht auch komplexitätsreduzierend gewirkt, etwa bei der Territorialisierung im 15. und 16. Jahrhundert und Ulla Kypta bezweifelte, inwiefern sich Komplexitätssteigerung überhaupt messen lasse. Sie verwies auf unterschiedliche Komplexitäten, die sich je nach Perspektive mal innerhalb einer Struktur und ein anderes Mal im Zusammenspiel der drei Elemente ständische Hierarchie, Konsensorientierung und Präsenzkultur zeigten.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Franz-Josef Arlinghaus (Bielefeld) / Andreas Rüther (Bielefeld)

Franz-Josef Arlinghaus (Bielefeld): Einleitung

Daniel Schley (Bonn): Erzählen, wie es eigentlich gewesen? Anmerkungen zur Entwicklung der japanischen Geschichtsschreibung im 11. Jahrhundert

Andreas Rüther (Bielefeld): Der Adel macht die Klöster reich … Soziale Antriebe zur Differenzierung von Dynastie und Orden im spätmittelalterlichen nordöstlichen Europa

Marion Eggert (Bochum): Debatten, Konfliktbewältigungsstrategien und „öffentliche Meinung (kongnon)" am koreanischen Königshof der mittleren Chosŏn-Zeit

Ulla Kypta (Hamburg): Konsens unter Kaufleuten: Regeln und Normen für wirtschaftliches Handeln

Anmerkungen:
[1] Zuletzt: Catherine Holmes / Naomi Standen (Hrsg.), The Global Middle Ages, Past & Present Supplement 13, 2018.
[2] Renate Mayntz / Birgitta Nedelmann, Eigendynamische Soziale Prozesse. Anmerkungen zu einem analytischen Paradigma, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 39, 1987, S. 648–668, hier S. 648.
[3] Georg Simmel, Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Berlin 2013 (Erstauflage Berlin 1908), darin: Kapitel IV: Der Streit, S. 197–266.