Künstlerische Alternativen zum antiziganistischen Blick

Künstlerische Alternativen zum antiziganistischen Blick

Organisatoren
Forschungsstelle Antiziganismus, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Ort
digital (Heidelberg)
Land
Deutschland
Vom - Bis
01.11.2021 - 02.11.2021
Von
Verena Meier, Forschungsstelle Antiziganismus, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Das Medium Film hat zur Verbreitung und Popularisierung von antiziganistischen Darstellungsweisen und Stereotypen beigetragen. Im Mittelpunkt dieses internationalen Workshops stand jedoch die Frage, wie dieses Medium genutzt werden kann, um künstlerische Alternativen zu den klischeeüberladenen Sichtweisen zu entwickeln. Film kann Gegen-Narrative schaffen und hat damit ein emanzipatorisches Potential, mit dem der andauernden Diskriminierung von Sinti und Roma entgegengetreten werden kann. Der Workshop arbeitete an der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis, da wissenschaftliche Erkenntnisse diskutiert und Berichte aus der künstlerischen und kuratorischen Praxis gegeben wurden. Neben der Analyse von stigmatisierenden Darstellungen wurden gelungene Beispiele mit Gegenstrategien präsentiert. Ziel des interdisziplinären Workshops war es, gemeinsam ein Toolkit für die praktische Arbeit von Filmschaffenden zu entwickeln.

Drei Bereiche wurden mit den Vorträgen abgedeckt: Theoretische Zugänge, Analyse von Fallbeispielen und Einblicke in die künstlerisch-kuratorische Praxis. Einige Beiträge widmeten sich theoretischen Überlegungen zur Begegnung von Antiziganismus im Film. DINA IORDANOVA (St. Andrews, UK) hob in ihrem Einführungsvortrag das breite Feld zur Analyse des Mediums Film hervor. So zeigen sich Antiziganismus sowie Strategien gegen Antiziganismus auf allen Ebenen von der Produktion über die Distribution zur Rezeption. Für die Forschung sei es daher wegweisend, über die Ebene des Textes hinauszugehen und den Kontext stärker einzubeziehen. So offenbarten insbesondere Interviews oder Pitch-Verfahren die Motivation der Filmschaffenden. Diese wiederum verweise darauf, ob Unterhaltung im Vordergrund stehe – und so antiziganistische Motive eher reprodoziert werden – oder ob es gezielt um Gegen-Narrative gehe. Darüber hinaus sei es für die zukünftige Entwicklung von Gegenstrategien zielführend, Archive und einen Kanon an Filmen zu etablieren sowie diese Strategien auf allen Ebenen des Films zu fördern. Außerdem sei es wichtig, langfristige Partizipationsmöglichkeiten für Schauspielerinnen und Schauspieler sowie andere Filmschaffende aus dieser Minderheit zu schaffen.

MATTHIAS BAUER (Flensburg) stellte die Phase der Produktion und Rezeption in den Vordergrund und argumentierte, dass Filmschaffende und Zuschauende gemeinsam an Konnotationssemantiken arbeiten sollten. Die Verständnisrahmen könnten moduliert und reframed werden. Seine theoretischen Ausführungen illustrierte er anhand des Fallbeispiels „Le gitan“ (1975), in dem beispielsweise die Trope des Lagers eine signifikante Modulation erfuhr.

MICHAEL HAUS (Heidelberg) betonte die Rezeption und verwies darauf, dass es keine machtfreien Medienräume gebe und dass critical media literacy zu Souveränität und kritischer Mediennutzung beitragen könne. Er machte anhand seiner Beispiele des Filme-Zeigens und -Diskutierens in der breiten Öffentlichkeit deutlich, dass Filme auch als Anstoß für eine demokratische Praxis gesehen werden können.

TIRZA SEENE und LEA WOHL VON HASELBERG (Potsdam-Babelsberg) zeigten drei filmische Strategien gegen Antisemitismus auf und illustrierten diese anhand von zeitgenössischen Filmen. Erstens ging es um Selbstermächtigung, worunter neue Erzählungen und Bildsprachen entgegen der tradierten Motive verstanden werden können. Zweitens kann die Re-Lektüre von „ideologischen Signaturen“ in historischen Propaganda- und Unterhaltungsfilmen zu neuen und reflektierten Sehgewohnheiten beitragen. Drittens könne eine Konfrontation mit Antisemitismus im Film zu Dekonstruktion führen, wenn dies entsprechend kontextualisiert und diskutiert werde. Sie betonten, dass eine wirksame Strategie gegen Antisemitismus im Film sei, dieses Phänomen selbst zu thematisieren anstatt Gegenbilder zu den stereotypen Darstellungen zu schaffen.

Die meisten Vorträge widmeten sich der Analyse ausgewählter Fallbeispielen aus unterschiedlichen Regionen. NADJA GREKU (Wien) und HANS-RICHARD BRITTNACHER (Berlin) untersuchten die erfolgreiche BBC-Produktion und Netflix-Serie „Peaky Blinders“ (2013). Auf inhaltlicher Ebene zeichne sich die Serie vor allem dadurch aus, dass die Roma-Charaktere divers und mit fluiden Identitäten dargestellt werden. So könnten homogenisierende Darstellungen der Minderheit aufgebrochen werden. Die Handlungsfähigkeit der Akteure stehe im Vordergrund, und mit der Partizipation als Soldaten im Ersten Weltkrieg werden ihre Verdienste für den Staat betont. Brittnacher unterstrich, dass nichtsdestotrotz altbekannte antiziganistische und antisemitische Stereotype tradiert werden und dass der Faktor Klasse in den dargestellten Konflikten ebenfalls zentral sei. In ihrer Diskursanalyse bezog Greku auch Social-Media-Rezeptionen ein, die darauf verweisen, wie Gegenbilder angenommen werden.

RADMILA MLADENOVA (Heidelberg) führte den Film „Papusza“ (2013) ein, und SARAH HEINZ (Wien) analysierte „No Resting Place“ (1951). Diese Filme spielen in Polen bzw. in Irland. Auf inhaltlicher und gestalterischer Ebene zeige sich, dass die Charaktere stereotypisierend als Gegenfiguren zur imaginierten nationalen und kollektiven Identität dargestellt werden. Beide Referentinnen verwiesen auf technische und gestalterische Strategien, wie die Arbeit mit Licht zur Herstellung von Kontrasten insbesondere bei der Konstruktion von Hautfarben oder die mise en scène der Figuren in der Landschaft, die eine Verbundenheit der Charaktere mit dem Leben in der Natur unterstreichen soll und klassische antiziganistische Stereotype reproduziert.

JOHANNES VALENTIN KORFF (Heidelberg) weitete den globalen Blick auf den asiatischen Raum und analysierte den japanischen Animé-Film „Fullmetal Alchemist the Movie: Conqueror of Shamballa“ (2005). Er zeigte auf, wie europäische Geschichte und Motive im historischen Fantasyfilm integriert sowie adaptiert werden und dabei lokale Konventionen aufgreifen. Seine Analyse zeichnete sich dadurch aus, dass er eine intermediale Kontextualisierung vornahm. So konnten Differenzen zu traditionellen literarischen Darstellungen herausgearbeitet und Gemeinsamkeiten mit der Gaming-Culture akzentuiert werden.

Das dritte Panel widmete sich primär dem französischen und spanischen Raum. Die Referierenden zeigten anhand ausgewählter Fallbeispiele konkrete Strategien gegen Antiziganismus im Film auf. SARAH BURNAUTZKI (Heidelberg) hob in ihrer Analyse des Films „Prénom Carmen“ (1983) hervor, wie der Mythos der femme fatale durch fragmentarische Zusammenstellungen dekonstruiert wird. Bei den neuen Bildercollagen und Montagen konnten konventionelle antiziganistische Motive jedoch nicht gänzlich abgelegt werden.

SABINE GIRG (Heidelberg) zeigte mit der Analyse der hybriden Dokumentation „Camelamos naquerar“ (1976) das subversive Potential des Kinos auf. Der Film wurde zu einem wichtigen Referenzpunkt der Bürgerrechtsbewegung der spanischen Roma-Minderheit. Er vermochte es außerdem, die mit der Diskriminierung verbundene Gewalt in einer Flamenco-Tanzszene künstlerisch zu visualisieren, ohne dabei auf stigmatisierende Darstellungen zurückzugreifen.

KIRSTEN VON HAGEN (Gießen) betonte mit Referenz auf Tony Gatlifs „Geliebter Fremder“ (1997) die hybride Darstellung von Charakteren und die Auflösung von binären Identitäts- und Alteritätskonzepten.

Die Charakterzeichnung zur Brechung von antiziganistischen Motiven zeigte sich ebenfalls in den drei von MARINA ORTRUD M. HERTRAMPF (Passau) analysierten Filmen. Sie unternahm eine geschlechterdifferenzierte Darstellung und hob die Bedeutung weiblicher Protagonistinnen und ihrer Handlungsfähigkeit hervor.

ALEXANDRA VINZENZ (Heidelberg) untersuchte László Moholy-Nagys Bildsprache in „Großstadt-Zigeuner“ (1932). Antiziganistische Darstellungen in seinem Werk wurden bisher kaum thematisiert, was die Referentin mit dem Status des Künstlers im deutschen Kunst-Kanon sowie seiner Filmtheorie über die Schulung des Sehens erklärte.

DANIELA GRESS (Heidelberg) analysierte Erzählperspektive und Selbstermächtigungsstrategie in den Holocaust-Filmen Melanie Spittas und Katrin Seybolds. Sie betonte, dass die Filme den antiziganistischen Blick konsequent aufbrechen, aber eine homogene und alteritäre Identitätskonstruktion vermitteln. Pluralität und Diversität von Selbstbildern könnten erst sichtbar werden, wenn die Filme zu weiteren Selbstdarstellungskonzepten in anderen Medienformaten in Bezug gesetzt würden.

Drei Vorträge gaben Einblick in künstlerische und kuratorische Praktiken und weiteten den Blick auf andere Medien aus. ANDRÉ RAATZSCH (Heidelberg) hob hervor, dass es vor allem an Institutionen fehle, die dezidiert Sinti und Roma-Künstlerinnen und Künstler fördern. Auch an öffentlichen Sammlungen mit kritischen Filmen gegen Antiziganismus mangle es. Strukturelle Teilhabehindernisse im künstlerisch-kulturellen Bereich offenbarten sich nicht nur in diesen institutionellen Leerstellen, sondern auch in der mehrheitsgesellschaftlichen Definitionshoheit sowie im Tokenismus.

JULIA FRIEDRICH (Köln) schilderte in ihrem Abendvortrag, wie das Museum Ludwig in Köln mit einem Gemälde des Expressionisten Otto Mueller umging, einer antiziganistischen und erotisierenden Darstellung von zwei Frauen. Um zur Auseinandersetzung mit Stereotypisierung und Stigmatisierung anzuregen, stellte das Museum dem Bild einen der ersten kritischen Dokumentarfilme zum NS-Völkermord an Sinti und Roma von Peter Nestler gegenüber. Durch diesen neuen Kommunikationsraum zwischen Bild und Gegenbild könne mit antiziganistischen Sehgewohnheiten gebrochen werden.

FRANK REUTER (Heidelberg) hob den intermedialen Transfer von antiziganistischen Darstellungen hervor und betonte, dass private Fotografien sich als passende Gegenbilder zu den verzerrten und stereotypen Repräsentationen eigneten.

Im Workshop wurde deutlich herausgestellt, dass sich Antiziganismus, Antisemitismus sowie andere Formen von Rassismus nicht nur auf den narrativen und gestalterischen Ebenen von Filmen finden, sondern dass diese in der Filmindustrie und im künstlerisch-kulturellen Bereich strukturell verankert sind. Um tiefgreifende Alternativen zu entwickeln, reiche es daher nicht aus, lediglich diese beiden Ebenen zu berücksichtigen. So wurde insbesondere die Rolle von Institutionen und Netzwerken zur Förderung von Strategien gegen Stereotypsierungen im Film und Diskriminierungen in der Filmbranche hervorgehoben. Kontrovers diskutiert wurde die Bedeutung von Kanons von Filmen und der bildenden Kunst. So wurde nicht nur der Umgang mit bereits etablierten Kanons besprochen, sondern auch das Schaffen eines neuen Kanons mit gelungenen Beispielen von Filmen, die Alternativen zum antiziganistischen Blick eröffnen. Darüber hinaus drehte sich die Diskussion um die eigene Positionalität von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie um die Erreichbarkeit von Filmschaffenden. Das Vorhaben, einen Toolkit für Filmschaffende zusammenzustellen, soll in einer den Workshop dokumentierenden Publikation realisiert werden.

Konferenzübersicht:

Frank Reuter (Heidelberg): Grußwort

Dina Iordanova (St. Andrews, UK): Representation and Complicity. From Exoticism to Vilification and Back

Panel 1

Nadja Greku (Wien): Peaky Blinders (2013). Rewriting the Narrative on Roma

Radmila Mladenova (Heidelberg): Bronisława Wajs in the black-and-white film Papusza (2013). A Case Study of Lighting, Framing and Facial Visibility

Sarah Heinz (Wien): Unsettling the State. Disturbing Sedentary Notions of Home in Irish Traveller Films

Johannes Valentin Korff (Heidelberg): Imagining the “Gypsy” and the Jew in Japanese Animation. The Gaze of Aikawa Shō and Mizushima Seiji

Panel 2

Hans-Richard Brittnacher (Berlin): Messerstecher und Schwarzbrenner. Die Zählebigkeit antiziganistischer und antisemitischer Stereotype in Steven Knights romantischer Ethnographie des Verbrechens

Tirza Seene / Lea Wohl von Haselberg (Potsdam-Babelsberg): Re-Lektüre, Dekonstruktion, Selbstermächtigung. Filmische Strategien gegen Antisemitismus

Matthias Bauer (Flensburg): Framing und Reframing als neuer Ansatz der Kritik von Stereotypen. Eine produktionsorientierte Beispielanalyse

André Raatzsch (Heidelberg): Antiziganismuskritische Ausstellungs- und Medienanalyse aus der künstlerischen und kuratorischen Praxis

Abendvortrag

Julia Friedrich (Köln): Bild und Gegenbild. Otto Mueller und Peter Eingekit im Museum Ludwig

Panel 3

Sarah Burnautzki (Heidelberg): Prénom Carmen (1983). Antiziganismus im französischen film d'auteur?

Sabine Girg (Heidelberg): Camelamos naquerar (1976). Wir wollen sprechen! – Filmische Strategien der Repräsentationskritik, des Empowerments und der Selbstrepräsentation

Kirsten von Hagen (Gießen): Geliebter Fremder (1997). Zur Konstruktion und Dekonstruktion von Stereotypen in Tony Galtifs Filmen

Marina Ortrud M. Hertrampf (Passau): Romnija zwischen Aufbruch und Emanzipation: Perspektivwechsel und Neubestimmungen von Romni-Darstellungen bei Arantxa Echevarria, Marta Bergman und Hüseyin Tabak

Panel 4

Alexandra Vinzenz (Heidelberg): László Moholy-Nagys Bildsprache in Großstadt-Zigeuner (1932)

Daniela Gress (Heidelberg): „…ihr habt euer Gefühl für Reue und Sühne vergessen“. Narrativität und Selbstermächtigung in den Holocaust-Filmen Melanie Spittas und Katrin Seybolds

Frank Reuter (Heidelberg): Der lange Weg zum Subjekt

Michael Haus (Heidelberg): (De)Othering in der anderen Realität. Anregungen für das Medium Film aus dem Diskurs zu Critical Media Literacy

Panel 5

Filmmakers Toolkit: Gruppendiskussion