Frankreich und die DDR – Zivilgesellschaft und Kulturtransfer

Frankreich und die DDR – Zivilgesellschaft und Kulturtransfer

Organisatoren
Universität Potsdam
Ort
hybrid (Potsdam)
Land
Deutschland
Vom - Bis
06.12.2021 -
Von
Anne Pirwitz, Institut für Romanistik, Universität Potsdam

Denkt man an die deutsch-französischen Beziehungen der Nachkriegszeit, so sind es vor allem de Gaulle und Adenauer, der Elysée-Vertrag oder das Deutsch-Französische Jugendwerk, die einem in den Sinn kommen. Dass es neben diesen Beziehungen zwischen Frankreich und der BRD auch bedeutsame ostdeutsch-französische Kontakte gab, wird häufig erst bei einem genaueren Blick deutlich.

Diese ‚andere‘ Seite der deutsch-französischen Beziehungen stand im Fokus der bilateralen Lehrkooperation zwischen der Romanistik der Universität Potsdam und der Germanistik der Université Bordeaux Montaigne unter der Leitung von Anne Pirwitz und Charlotte Metzger. Im Rahmen des vom deutsch-französischen Bürgerfonds, dem International Office der Universität Potsdam und der Stadt Potsdam geförderten Projektes, fand die Tagung „Frankreich und die DDR – Zivilgesellschaft und Kulturtransfer“ in der Wissenschaftsetage im Bildungsforum Potsdam und online statt.

An dem hybriden Format nahmen 50 Gäste in Präsenz und weitere 40 Zuhörer/innen online teil. Unter den Teilnehmenden waren Studierende, Doktorand/innen, Professor/innen aus Deutschland und Frankreich und eine Vielzahl an Zeitzeug:innen mit persönlichem Bezug zum Projektthema. Dadurch wurde die Tagung zu einer Schnittstelle aus wissenschaftlichem Input und persönlichen Erfahrungen der Zeitzeug/innen.

Die Tagung wurde von der Projektleiterin ANNE PIRWITZ (Potsdam) eröffnet. In ihrem Vortrag stellte sie die Relevanz der Beziehungen zwischen Frankreich und der DDR heraus, wenngleich diese nicht mit den westdeutsch-französischen Kontakten zu vergleichen sind, da sie vor ganz anderen Herausforderungen standen, insbesondere bedingt durch die sehr eingeschränkte Reisefreiheit in der DDR und die Tatsache, dass die DDR bis 1973 von Frankreich nicht als Staat anerkannt wurde. Doch, wenngleich man bis 1990 kaum von Austausch sprechen konnte, so doch von Begegnungen. Begegnungen zwischen Frankreich und der DDR gab es auf verschiedenen Wegen. Insbesondere waren sie Städtepartnerschaften oder den Ferienlagern der DDR zu verdanken. Französischstudierende und Lehrer/innen wurden bei diesen Begegnungen häufig als Dolmetscher/innen eingesetzt. Dies stellte für die Beteiligten meist eine einmalige Gelegenheit dar, Kontakte nach Frankreich zu knüpfen. Auf diese Weise konnten ganze Biografien und Lebenswege verschiedenster Personengruppen geprägt werden.

Nach dem Einführungsvortrag von Anne Pirwitz über die zivilgesellschaftlichen Beziehungen zwischen Frankreich und der DDR, folgte ein Vortrag von DOROTHEE RÖSEBERG (Halle / Berlin) über das Frankreichbild in der DDR. In ihrer Präsentation ging sie auf die Problematik des Kulturtransfers in einer Diktatur ein und hinterfragte, inwiefern die deutsch-französischen Begegnungen in der DDR zu Orten der Entstehung von „Eigen-Sinn“ wurden und die ostdeutsch-französischen Beziehungen trotz aller Überwachung eine gewisse Eigendynamik entwickelten. Dorothee Röseberg erläuterte, wie es zur Entstehung eines offiziellen, legitimierten und verbreiteten Frankreichwissen und einem ihm teils gegenüberstehenden individuell angeeigneten und durch Eigen-Sinn geformten Frankreichbild kam. Dabei ging sie insbesondere auf die Rolle der Mittler, wie Westemigranten wie Gerhard Leo, Franz Dahlem oder Anna Seghers ein.

Zur Überleitung in die erste Diskussionsrunde hielt Anne Pirwitz einen Impulsvortrag über die Bedeutung von Städtepartnerschaften für die Beziehungen zwischen Frankreich und der DDR. Die ersten ostdeutsch-französischen Städtepartnerschaften entstanden 1959, neun Jahre nach der ersten westdeutsch-französischen, aber 27 Jahre vor der ersten deutsch-deutschen Städtepartnerschaft. Diese Partnerschaften hatten zunächst erst einmal das Ziel, die Anerkennung der DDR voranzutreiben und den bundesdeutschen Alleinvertretungsanspruch zu unterwandern. Auf kommunaler Ebene wollte sich die DDR als besserer deutscher Staat präsentieren. Anne Pirwitz legte dar, dass, wenngleich das Ziel dieser Partnerschaften zunächst rein politisch war und sie Mittel zum Zweck waren, es doch falsch wäre zu glauben, dass Städtepartnerschaften nur der Propaganda dienten, da auch einige Bürger/innen von ihnen profitieren konnten. Anschließend berichtete Anne Pirwitz über die Entstehung und Entwicklung der Städtefreundschaft und Städtepartnerschaft zwischen Potsdam und den französischen Städten Rouen (seit 1965) und Bobigny (seit 1974). Es folgte eine Diskussionsrunde mit Zeitzeuginnen, die sich im Bereich Städtepartnerschaften engagierten, oder den ost-deutsch-französischen Städtepartnerschaften langjährige Freundschaften zu verdanken haben. An dieser Diskussionsrunde nahmen Regina Gerber, Nicole Bary, Annette Schiller und Karin Rieger teil.

NICOLE BARY (Paris) war zu DDR-Zeiten Leiterin der Buchhandlung „Le Roi des Aulnes“ in Paris, Übersetzerin und Begründerin des Kulturvereins „Les Amis du Roi des Aulnes“, der sich für ostdeutsche Literatur und deren Verbreitung in Frankreich einsetzte. Später war sie als Präsidentin der EFA, der „Échanges Franco-Allemands“ tätig, die 1958 in Frankreich gegründet wurde und sich seither für die Wahrnehmung des zweiten deutschen Staates einsetzte. In ihrem Eingangsstatement berichtete Nicole Bary von der Bedeutung der EFA, insbesondere im Hinblick auf die Unterstützung von Städtepartnerschaften.

REGINA GERBER (Cottbus / Potsdam), ANNETTE SCHILLER (Halle) und KARIN RIEGER (Zeulenroda / Berlin), die alle auf unterschiedlichen Wegen in die Städtepartnerschaften zwischen Frankreich und der DDR involviert waren, berichteten von ihren Erfahrungen und Begegnungen in diesem Rahmen und machten deutlich, wie stark Städtepartnerschaften deren persönliche und berufliche Lebenswege prägten.

Nach der Mittagspause hielt die über Zoom zugeschaltete FRANZISKA FLUCKE (Metz) einen Vortrag über den Französischunterricht in der DDR und das in den Lehrbüchern vermittelte Frankreichbild. Daran knüpfte die nächste Podiumsdiskussion an. An dieser Gesprächsrunde nahmen Regina Gerber, Gerda Haßler, Annette Schiller, Françoise Bertrand, Sigrid Melchert, Heidrun Hintze, Jutta Nest und Sylvie Mutet teil. SYLVIE MUTET (Potsdam / Berlin) berichtete über ihre damalige Arbeit als Mitarbeiterin im „Centre culturel français“ Ost-Berlins und stellte die Bedeutsamkeit dieses Kulturzentrums für die Verbreitung französischer Kultur in der DDR heraus. SIGRID MELCHERT (Potsdam), HEIDRUN HINTZE (Potsdam) und JUTTA NEST (Michendorf), die bereits zu DDR-Zeiten Französisch lehrten, erzählten, wie sie dazu kamen, die Sprache eines Landes zu lernen, dass sie nicht bereisen durften und wie es für sie war, als sie nach 1989 das erste Mal nach Frankreich fahren konnten.

An diese Diskussionsrunde knüpfte die Podiumsdiskussion zum Thema Kinder- und Jugendbegegnungen im Ferienlager an. Neben Françoise Bertrand, Sigrid Melchert, Heidrun Hintze und Jutta Nest, nahmen daran auch Agnès Wittner, Gabrielle Robein und Christian Scharf teil. AGNES WITTNER (Speyer) und GABRIELLE ROBEIN (Potsdam) verbrachten als Kinder und Jugendliche ihre Ferien in den Ferienlagern der DDR-Betriebe. Sie berichteten von ihren Erfahrungen und den Begegnungen mit den deutschen Kindern und machten deutlich, inwiefern es zu deutsch-französischen Begegnungen jenseits hochgradig politischer Bereiche kam. CHRISTIAN SCHARF (Magdeburg) erläuterte, wie er als Jugendlicher 1987 und 1988 nach ausführlicher Belehrung durch die Polizei dazu kam, eine französische Jugendgruppe aus der Partnerstadt seiner Heimatstadt Gräfenhainichen bei ihren Aktivitäten in der DDR zu begleiten. Diese Begegnungen haben ihn und seinen Lebensweg sehr stark geprägt. Heute setzt er sich als Leiter von GoEurope Sachsen-Anhalt und als Geschäftsführer des Bildungsnetzwerks Magdeburg für internationale Jugendarbeit ein.

Nach den Diskussionsrunden wurde per Zoom in den Klassenraum von CHARLOTTE METZGER (Bordeaux) an der Université Bordeaux Montaigne geschaltet, die gemeinsam mit ihren Studierenden deren Projektzwischenergebnisse präsentierte. Die Studierenden sprachen über die Zeitzeugen-Interviews, die sie in Bordeaux führten und stellten einige Ergebnisse einer Umfrage über das aktuelle Wissen in Frankreich über die DDR und die ostdeutsch-französischen Beziehungen vor, an der sich 350 Studierende der Université Bordeaux Montaigne beteiligt hatten.

Zum Ende der Tagung wurde der Fokus auf die Auswirkungen der DDR-Vergangenheit auf den heutigen Stand der (ost-)deutsch-französischen Beziehungen gelenkt. Dabei wurde angesprochen, dass nur 4 Prozent der Teilnehmer:innen an vom DFJW geförderten Jugendbegegnungen aus Ostdeutschland kommen und nur ein geringer Anteil der deutsch-französischen Städtepartnerschaften in Ostdeutschland verankert sind.[1] Die Tagungsteilnehmer:innen diskutierten darüber, woran dies auch über 30 Jahre nach dem Mauerfall liegen kann und ob es rein geografische Gründe hat und die zu große Entfernung nach Frankreich eine Rolle spielt, oder ob es daran liegt, dass in der DDR nur ein sehr geringer Anteil der Schüler:innen Französisch lernten und nur wenigen eine aktive Teilnahme an Begegnungsprojekten möglich war und entsprechend diese Erfahrungen nur von sehr wenigen Menschen aus Ostdeutschland an ihre Kinder und Enkelkinder weitergegeben werden konnten. Um die tatsächlichen Gründe für das geringere Frankreich-Interesse in den Neuen Ländern zu erforschen, bedürfte es aber einer weiterführenden Tagung.

In Gesprächen und E-Mails wurde von den Gästen der Wunsch nach Fortsetzung geäußert. Es gab viel Diskussionsbedarf und einige Themen konnten nur kurz angeschnitten werden. Das Bedürfnis nach Austausch war auch über 30 Jahre nach dem Mauerfall ungebrochen hoch. Der Erfolg der Tagung und die große Resonanz hat gezeigt, wie wichtig dieses Projekt ist. Die 'andere' Seite der deutsch-französischen Beziehungen ist noch viel zu unbekannt. Wenn die Beziehungen zwischen Frankreich und der DDR thematisiert werden, dann wird häufig nur über die daran beteiligten Akteur:innen gesprochen und viel zu selten mit ihnen. Oft interessiert sich die Forschung nur für die Kontrolle dieser Beziehungen durch die Staatssicherheit und den politischen Aspekt dieser Begegnungen. Doch, wenngleich die Beziehungen zwischen Frankreich und der DDR vor allem staatlich gewollt waren, um die Anerkennung der DDR voranzutreiben und sie damit Mittel zum Zweck waren, und wenngleich die Begegnungen der Menschen häufig überwacht wurden und nur im Einbahnstraßensystem funktionierten, so entwickelte sich doch ein gewisser „Eigen-Sinn“ (Dorothee Röseberg) dieser Beziehungen. Für diejenigen Bürger/innen, die mit ihnen in Kontakt kamen, waren sie stets sehr bedeutsam. All die Zeitzeuginnen, die bei dieser Tagung zu Wort kamen, sind dafür der beste Beweis. Dieses Projekt hat es geschafft, Wissenschaft und persönliche Geschichten zu vereinen und die ostdeutsch-französischen Beziehungen in ein neues Licht zu rücken. Die Podiumsteilnehmerin Françoise Bertrand fasste die Wichtigkeit dieser Tagung treffend zusammen mit den Worten: „L´aspect tout simplement humain était au coeur de cette rencontre et n´a laissé personne indifférent; elle a permis de rappeler que sans la petite histoire de chacun, il n´y a pas vraiment d´Histoire.“ [2]

Konferenzübersicht:

Anne Pirwitz (Univesität Potsdam): Begrüßung und Einführungsvortrag

Impulsvorträge

Dorothee Röseberg (Halle / Berlin): „Bastille, Emile Zola, Impressionisten, „Brust oder Keule“, François Villon. Welches Frankreich für die / in der DDR?“ (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg)

Anne Pirwitz (Potsdam): „Potsdam und seine französischen Partnerstädte“

Podiumsdiskussion: „Städtepartnerschaften zwischen Frankreich und der DDR“
Regina Gerber (Cottbus / Potsdam) / Nicole Bary (Paris) / Annette Schiller (Halle) / Karin Rieger (Zeulenroda / Berlin)

Impulsvortrag

Franziska Flucke (Metz): „Französischunterricht in der DDR: Indoktrinierung oder Fenster in den Westen?“

Podiumsdiskussion „Französisch lernen und lehren in der DDR“
Regina Gerber (Cottbus / Potsdam) / Gerda Haßler (Potsdam) / Annette Schiller (Halle) / Françoise Bertrand / Sigrid Melchert (Potsdam) / Heidrun Hintze (Potsdam) / Jutta Nest (Michendorf) / Sylvie Mutet (Potsdam / Berlin)

Podiumsdiskussion „Kinder- und Jugendbegegnungen im Ferienlager“
Françoise Bertrand / Sigrid Melchert (Potsdam) / Heidrun Hintze (Potsdam) / Jutta Nest (Michendorf) / Agnès Wittner / Gabrielle Robein (Potsdam) / Christian Scharf (Magdeburg)

Charlotte Metzger (Bordeaux) / Studierende der Université Bordeaux Montaigne: „Erinnerungen aus Frankreich an die DDR“

Anmerkungen:
[1] Vgl.: Samuela Nickel, DFJW will mehr Austausch mit dem Osten. 2021, in: Zeit.de, https://www.zeit.de/news/2021-06/07/dfjw-will-mehr-austausch-mit-dem-osten?fbclid=IwAR35SnYSe6F3WMZwQ2EnSqJSsWE2NKxtRGahHQ2nV8ykzYj833XA-hzNW8I (12.12.2021)
[2] Übersetzung: „Der menschliche Aspekt stand im Mittelpunkt dieser Veranstaltung und dieser ließ niemanden gleichgültig. Sie [die Tagung] hat uns daran erinnert, dass es ohne die kleinen Geschichten eines jeden, keine wirkliche Geschichte gibt."


Redaktion
Veröffentlicht am
25.01.2022
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Deutsch
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