Erst Überfluss, dann überflüssig? Erneuerungsdialoge zwischen Unternehmensgeschichte und (allgemeiner) Geschichtswissenschaft

Erst Überfluss, dann überflüssig? Erneuerungsdialoge zwischen Unternehmensgeschichte und (allgemeiner) Geschichtswissenschaft

Organisatoren
Arbeitskreis für Kritische Unternehmens- und Industriegeschichte (AKKU); Juliane Czierpka (Bochum); Boris Gehlen (Stuttgart); Nina Kleinöder (Bamberg); Christian Marx (München)
Ort
digital
Land
Deutschland
Vom - Bis
04.11.2021 - 05.11.2021
Von
Florian Staffel, Historisches Institut der Universität Paderborn

Die Jahrestagung 2021 des Arbeitskreises für Kritische Unternehmens- und Industriegeschichte hatte das Ziel, Erneuerungsdialoge zwischen der Unternehmensgeschichte und den weiteren geschichtswissenschaftlichen Disziplinen anzustoßen. Ausgehend von dem auf der Tagung nicht unwidersprochenen Befund der Selbstreferentialität und Innovationsträgheit der Unternehmensgeschichte seit dem NS-Aufarbeitungsboom der 1990er-Jahre sollten somit die wechselseitige Wahrnehmung der Fachdisziplinen, die jeweiligen potenziellen Beiträge zu Forschungsthemen, der Methodentransfer und die Erschließung gemeinsamer neuer Themenfelder reflektiert werden. Die Tagung und das zugehörige Buchprojekt folgten einem „dialogischen Prinzip“. So wurden die 17 Paper jeweils von einem Pärchen, bestehend aus Unternehmenshistoriker:in und allgemeiner bzw. fachspezifischer Historiker:in, verfasst.

Um Wiederholungen zu vermeiden und das Programm zu straffen, wurden die Paper nicht einzeln präsentiert, sondern jeweils im Sektionsverbund von den Moderator:innen zusammengefasst und kommentiert. Auf die Reaktion der Verfasser:innen folgte dann die offene Diskussion. Die 17 Paper und auch die entsprechenden Debatten können in ihrer Vielfalt und Verschiedenheit in diesem Tagungsbericht nicht angemessen dargestellt werden. Daher soll an dieser Stelle der Fokus lediglich auf die Schwerpunkte der jeweiligen Sektionsdiskussionen gelegt werden.

In der ersten Sektion kommentierte LUTZ BUDRASS (Bochum) die Paper, die das Verhältnis der Unternehmensgeschichte zur Wirtschafts-, Sozial-, Kultur- und Politikgeschichte behandelten. Zwei Schwerpunkte bestimmten dabei die Diskussion. Zunächst wurde die aus älteren Debatten bekannte Frage nach dem Kern der Unternehmensgeschichte aufgeworfen. Dabei wurde betont, dass sich die Unternehmensgeschichte als Disziplin weniger über eine einheitliche Methode als vielmehr über den interdisziplinär zu bearbeitenden Gegenstand definiere. Hierbei sollten neuere Ansätze der Kultur- und Politikgeschichte aber auch der Betriebswirtschaftslehre stärker berücksichtigt werden, um die dominierenden Interpretationen der Neuen Institutionenökonomik zu erweitern. Als potenziell ertragreicher Themenbereich wurde die internationale Dimension des Wirtschaftens näher durchleuchtet, die den zweiten Schwerpunkt der Diskussion bildete. Die Forderung nach dem Aufbrechen des nationalen Containers in der Unternehmensgeschichte wurde dabei konkretisiert, indem verschiedene zu bearbeitende Forschungsfelder aufgezeigt wurden. Neben der Beziehung zwischen Staaten und insbesondere multinationalen Unternehmen in der Diplomatie, Lobby- und Medienpolitik sollten letztere vermehrt als transnationale Orte aufgefasst werden. Die Wirkung von Unternehmen als Sozialisationsorten der Arbeitsmigrant:innen, die Folgen der Transnationalisierung der Belegschaften auf sämtlichen Ebenen der multinationalen Unternehmen, die sich damit wandelnden Unternehmenskulturen und Leitungsprinzipien aber auch rassistisch-koloniale Machtbeziehungen innerhalb der Unternehmen wurden als noch unzureichend bearbeitete Themen herausgestellt.

Das zweite Panel unterschied sich von den Übrigen durch eine chronologische – statt disziplinäre – Perspektive. So stellte MARTIN LUTZ (Berlin) die Beiträge zur Unternehmensgeschichte in der Frühen Neuzeit, dem 19. Jahrhundert und der Zeitgeschichte vor. Die Diskussion knüpfte in vielerlei Hinsicht an das vorherige Panel an. Dabei wurde betont, dass Unternehmen im 19. Jahrhundert als Nutznießer und Triebkräfte der Transnationalisierung in Europa aufgetreten, entsprechende Kausalitäten beispielsweise durch Regressionsanalysen aber noch stärker zu untersuchen seien. Hinsichtlich der Zeitgeschichte nach 1945 wurde ein defizitärer Austausch der Fachteile diagnostiziert. Einerseits sollte geprüft werden, ob nicht die Auseinandersetzung mit den methodischen Herausforderungen der Gegenseite, wie der Umgang mit Studien der Sozialwissenschaften oder auch die Zeitzeugenschaft, die eigenen Forschungen voranbringen könnte. Andererseits sollten insbesondere die Rollen von Nationalität und Nationalismus sowie Migration und Ethnic Entrepreneurship in einer Phase der sich intensivierenden Globalisierung stärker untersucht werden. Die Frage nach dem Kern der Unternehmensgeschichte wurde nochmals durch die Debatte zum Beginn der unternehmensgeschichtlichen Betrachtung der Frühen Neuzeit aufgegriffen. Dabei wurde für eine pragmatische Unterscheidung zwischen Unternehmung und Unternehmen plädiert, die sich an Kriterien, wie Rechnungsbüchern, Mentalitäten des Vererbens und unternehmerischem Zukunftsdenken orientieren solle.

Im dritten Panel präsentierte FLORIAN TRIEBEL (München) die Beiträge zu den Gender Studies, der Biographieforschung und der Public History. Bei den beiden letzteren wurde vor allem der Methodentransfer als große Bereicherung diskutiert. Mit Hilfe der Oral History könne man den partiellen Quellenmangel beheben und damit zum einen bestimmte Forschungsfragen zu Entscheidungsprozessen, Schattenstrukturen und Unternehmenskulturen neu beleuchten und zum anderen den Fokus auf kleinere Unternehmen erweitern, die aufgrund einer oftmals mangelhaften Archivüberlieferungen bislang nicht angemessen untersucht werden konnten. Zudem könnten Methoden der Behörden- und Biographieforschungen – durchaus auch kombiniert mit der Oral History – dazu beitragen, Karrierewege in Unternehmen besser zu verstehen. Besonders intensiv wurde der Beitrag zu den Gender Studies diskutiert. Zwar widersprach ein Teil des Plenums der These, dass die Kategorie „Geschlecht“ in der Unternehmensgeschichte bisher gar nicht präsent wäre. Einigkeit herrschte jedoch mit Blick auf die Relevanz und Potenziale entsprechender Analysen. Ausgehend von der Prämisse, dass Unternehmen von Machtverhältnissen geprägte Orte und Institutionen seien, eröffne sich ein breites noch zu untersuchendes Themenspektrum, das von mithelfenden Familienangehörigen, über die Rolle von Frauen in Stiftungen bis zu hegemonialer Männlichkeit in Führungsetagen reiche.

Im vierten Panel stellte ALEXANDER ENGEL (Basel/Göttingen) die Paper zur (Post-)Kolonial- und Umweltgeschichte sowie zur Unternehmensgeschichte der staatssozialistischen Planwirtschaften Osteuropas vor. Er betonte, dass die Erforschung der Umweltbeziehungen und des Kolonialismus nicht nur aufgrund ihrer momentanen gesellschaftlichen Aufmerksamkeit als große künftige Aufgaben anzusehen sei. So könnte die Brückenfunktion zwischen (ehemaligen) Kolonien und unternehmerischen Heimatland genutzt werden, um wechselseitige Verflechtungen aber auch den Wissenstransfer zu analysieren. Im Sinne des Postkolonialismus als Epochenbezeichnung könnten somit gleichzeitig fortbestehende Abhängigkeiten aufgedeckt werden. Zudem böten die Theorien des Postkolonialismus Anknüpfungspunkte zur Analyse eben jener Abhängigkeiten und Wahrnehmungen. Darüber hinaus sei die Rolle von nicht-westlichen Unternehmen in Kolonien bislang zu wenig untersucht worden. Das Verhältnis der Unternehmens- zur Umweltgeschichte wurde ambivalent bewertet. Während die Umwelt in der Unternehmensgeschichte noch eher randständig betrachtet werde, beziehe sich die Umweltgeschichte häufig auf Unternehmen als Belastung der Umwelt. Dabei treten Unternehmen jedoch in der Regel als Blackbox auf, sodass eine Integration unternehmenshistorischer Perspektiven das Verständnis für die Energie-, Material- und allgemeine Ressourcennutzung deutlich verbessern würde. Auf der anderen Seite wurde diskutiert, ob es nicht eine der zukünftigen zentralen Aufgaben der Unternehmensgeschichte sei, den Ressourcenverbrauch zu analysieren. Bezüglich der staatsozialistischen Unternehmen wurde hervorgehoben, dass zwar das planwirtschaftliche System gescheitert, aber vielfach noch zu untersuchen sei, ob dies auch auf einzelne Unternehmen zutreffe. In diesem Zusammenhang sollte auch die Rolle des unternehmerischen Handelns im Staatssozialismus erforscht werden. Zudem wäre ein Vergleich der Arbeitsbiographien zwischen Ost und West ein lohnenswertes Unterfangen. Die übergreifende Relevanz bestünde somit u.a. in den potenziellen Erkenntnissen zu öffentlichen Unternehmen.

In der letzten Sektion referierte GISELA HÜRLIMANN (Dresden) die Beziehung der Unternehmensgeschichte zur Wissenschafts- und Technik-, Rechts-, Militär- sowie Globalgeschichte. Zwar würden disziplinäre Grenzen eine Hürde für die Beziehung der Wissenschafts- und Technikgeschichte zur Unternehmensgeschichte bilden, da beispielsweise branchenspezifisch erweiterte Kenntnisse aus der Chemie oder auch Elektrotechnik notwendig seien. Gleichwohl wurden durch die Schnittfelder „Ökonomisierung der Wissenschaft“, „Verwissenschaftlichung der Unternehmen“ aber auch durch das Zusammenspiel aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft verbindende Untersuchungsraster aufgezeigt. Das Paper zur Rechtsgeschichte wechselte den Modus zu einem Gelehrtengespräch und betonte, dass bislang ein gemeinsames Analyse- und Methodensetting fehle. Besonderes Potenzial wurde dabei in einem akteurszentrierten Ansatz ausgemacht, durch den zum einen Jurist:innen in Unternehmen aber auch die Rechtspraxis im Sinne von Kartellen, Syndikaten und allgemein die Selbstregulierung der Wirtschaft in den Blick geraten würden. Aufgrund fehlender dezidiert militärgeschichtlicher Methoden sei ein entsprechender Transfer in die Unternehmensgeschichte nicht möglich. Stattdessen sei eine Analyse der Schnittstellen zwischen Militär und Unternehmen besonders interessant. So würden Untersuchungen zum Austausch von Führungspersonal aber auch zum Militär als Unternehmen, wie beispielsweise durch den Fuhrparkservice, Hotels oder Wäschereien, spannende Einblicke in die Entwicklung von System- und Machtlogiken versprechen. Zuletzt wurde noch das Verhältnis der Unternehmens- zur Globalgeschichte thematisiert. Dabei wurde herausgestellt, dass Globalhistoriker:innen selten konkret in Unternehmensarchiven forschen, gleichwohl aber Unternehmen und unternehmerisches Handeln immer wieder als Gegenstände der Globalgeschichte fungieren würden, indem der Weg eines Akteurs oder einer Ressource auf dem Globus rekonstruiert werde. Eine intensivere Quellenarbeit könne somit helfen, die Logik globaler unternehmerischer Vernetzungsprozesse besser zu verstehen.

Insgesamt kann die Tagung sowohl auf der konzeptionellen als auch der inhaltlichen Ebene als gelungen bewertet werden. Die Kommentierung der Paper durch einzelne Moderator:innen hat das Programm entzerrt und gleichzeitig ertragreiche Diskussionen ermöglicht. Zahlreiche zu vertiefende Themenfelder sowie Methoden- und Theorietransfers wurden aufgezeigt, wobei insbesondere Fragen des globalen und transnationalen Wirtschaftens, der Umweltproblematik und der Genderforschung vielversprechende Potenziale bergen. Man darf auf die Publikation der ausgearbeiteten Beiträge und die damit verbundenen Impulse gespannt sein.

Konferenzübersicht:

Begrüßung und Einführung: Nina Kleinöder (Bamberg) / Boris Gehlen (Stuttgart)

Sektion 1: Unternehmensgeschichte in disziplinärer Perspektive

Moderation und Kommentar: Lutz Budraß (Bochum)

Sibylle Lehmann-Hasemeyer (Hohenheim) / Boris Gehlen (Stuttgart): Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte

Knud Andresen (Hamburg) / Ingo Köhler (Göttingen/Darmstadt): Sozial- und Unternehmensgeschichte

Martin Lutz (Berlin) / Simone Derix (Erlangen-Nürnberg): Kultur- und Unternehmensgeschichte

Andrea Rehling (Augsburg) / Silke Mende (Münster): Politik- und Unternehmensgeschichte

Sektion 2: Unternehmensgeschichte in epochaler Perspektive

Moderation und Kommentar: Martin Lutz (Berlin)

Ralf Banken (Frankfurt/Main) / Magnus Ressel (Frankfurt/Main): Unternehmensgeschichte in der Frühen Neuzeit

Felix Selgert (Bonn) / Guido Thiemeyer (Düsseldorf): Unternehmensgeschichte im 19. Jahrhundert

Christian Marx (München) / Sabine Pitteloud (Genf/Boston): Unternehmens- und Zeitgeschichte

Verleihung des AKKU-Nachwuchspreises an Falco Drießen (Konstanz)

Sektion 3: Untersuchungsfelder I

Moderation und Kommentar: Florian Triebel (München)

Alfred Reckendrees (Kopenhagen) / Isabel Heinemann (Münster): Gender Studies und Unternehmensgeschichte

Werner Plumpe (Frankfurt am Main) / Gunnar Take (Regensburg): Biografien und UnternehmerInnen-Geschichte

Christian Brunnenberg (Bochum) / Juliane Czierpka (Bochum): Public History und Unternehmensgeschichte

Sektion 4: Untersuchungsfelder II

Moderation und Kommentar: Alexander Engel (Basel/Göttingen)

Nina Kleinöder (Bamberg) / Kim Todzi (Hamburg): (Post)Kolonialgeschichte und Unternehmensgeschichte

Roman Köster (München) / Sebastian Haumann (Darmstadt): Umweltgeschichte und Unternehmensgeschichte

Ralf Ahrens (Potsdam) / Uwe Müller (Leipzig): Unternehmen vs. Betriebe? Potenziale und Grenzen einer Unternehmensgeschichte der staatssozialistischen Planwirtschaften Ost(mittel)europas

Sektion 5: Untersuchungsfelder III

Moderation und Kommentar: Gisela Hürlimann (Dresden)

Jaromir Balcar (Berlin) / Michael Schneider (Düsseldorf): Wissenschafts- und Technikgeschichte und Unternehmensgeschichte

Louis Pahlow (Frankfurt/Main) / Eva Roelevink (Mainz): Rechts- und Unternehmensgeschichte

Stefanie van de Kerkhof (Mannheim) / Frank Reichherzer (Potsdam): Militär- und Unternehmensgeschichte

Simone Müller (München) / Heidi Tworek (Vancouver): Globalgeschichte und Unternehmensgeschichte

Abschlussdiskussion und Verabredung zum Buchprojekt