Geschlecht Macht Arbeit! Arbeit, Wissen und Expert:innentum in der archäologischen Geschlechterforschung

Geschlecht Macht Arbeit! Arbeit, Wissen und Expert:innentum in der archäologischen Geschlechterforschung

Organisatoren
Julia Hochholzer / Melanie Janßsen-Kim / Jutta Leskovar / Ulrike Rambuscheck / Sophie Rotermund / Clara Schaller / Katja Winger, FemArc – Netzwerk archäologisch arbeitender Frauen e.V.; Oberösterreichische Landes-Kultur GmbH
Veranstaltungsort
Schlossmuseum Linz
PLZ
4020
Ort
Linz
Land
Austria
Vom - Bis
02.07.2022 -
Von
Susanne Moraw, Klassische Archäologie, Universität Augsburg

Die komplexen Beziehungen zwischen Arbeit, Geschlecht und Archäologie waren das Thema dieser Tagung. Untersucht wurden zwei zeitliche Ebenen. Die erste Ebene betraf die Gegenwart, mit Fragen zur geschlechtsspezifischen Repräsentation von Archäolog:innen und zu den Möglichkeiten der Vermittlung von Ergebnissen der archäologischen Geschlechterforschung. Die zweite Ebene betraf die Vergangenheit, mit Fragen zur konkreten geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung in prähistorischen oder antiken Gesellschaften und mit Fragen zur Repräsentation dieser Arbeit in modernen bildlichen Rekonstruktionen, sogenannten Lebensbildern.

Nach einer konzisen Einführung in das Tagungsthema durch ULRIKE RAMBUSCHECK (Hannover) widmete sich der erste Themenblock modernen Rekonstruktionen prähistorischer Lebenswelten und deren Inszenierung von Arbeit und geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung. BRIGITTE RÖDER (Basel) begann mit Gemälden aus dem 19. Jahrhundert, die das Leben in prähistorischen Schweizer Pfahlbausiedlungen als eine erotisierte Idylle präsentieren. Arbeit findet dort nur ganz am Rand statt und immer eingebettet in andere soziale Aktionen. Ganz anders verfahren Rekonstruktionen neueren Datums. Hier handelt es sich um „Wimmelbilder“, auf denen zahlreiche Menschen beiderlei Geschlechts und jeden Alters einer Tätigkeit nachgehen. Eskapismus und Erotik, wie sie (neben anderem) für das 19. Jahrhundert charakteristisch waren, werden abgelöst vom kapitalistischen Arbeitsethos des 20. Jahrhunderts. Noch einen chronologischen Schritt weiter ging KATHARINA REBAYSALISBURY (Wien) mit ihrer Analyse ganz aktueller Rekonstruktionen prähistorischer Arbeits- und Geschlechterverhältnisse in Filmen und Publikationen. Sie kritisierte das Umschlagen des Pendels weg von unhinterfragten, pauschalisierenden traditionellen Geschlechterrollen[1] und hin zu gleichfalls zu wenig hinterfragten, pauschalisierenden Neuentwürfen: Alle prähistorischen Frauen wären demnach Jägerinnen, Kriegerinnen und Anführerinnen gewesen – während der anthropologische und archäologische Befund dies nur für eine Minderheit nahelege. Was bei dieser „Vermännlichung“ unterginge, sei die Vielfalt der anderen Rollen, die prähistorische Frauen einnehmen konnten (z. B. Beeren sammeln, Kinder stillen). In der den Themenblock abschließenden Diskussion waren sich alle darüber einig, dass archäologische Rekonstruktionen (sogenannte Lebensbilder) immer ideologische Konstrukte ihrer jeweiligen Entstehungszeit sind und diese Ideologien historisieren und archaisieren. Einig waren sich alle weiterhin, dass auch weibliche Tätigkeiten dargestellt werden sollten, die als wenig prestigeträchtig gelten und galten: also auch das sozial niedrig bewertete Sammeln und nicht nur das einst zu den Adelsprivilegien gehörende Jagen. Ebenso sollte die archäologische Forschung wohl stärker ihre eigenen impliziten Wertungen von Tätigkeiten hinterfragen. Allerdings fand sich keine Mehrheit für die Auffassung, dass Bilder von Frauen in nicht-traditionellen Rollen nicht mehr benötigt würden. Ganz im Gegenteil seien Darstellungen von beispielsweise Jägerinnen immer noch dringend notwendig, um vorherrschende Stereotypen innerhalb und außerhalb des wissenschaftlichen Diskurses zu zerstören und um zu Diskussionen anzuregen.[2]

Der nächste Themenblock galt archäologischen Fallbeispielen. Auch hier ging es weniger um Befunde, die einen Einblick in die tatsächliche damalige Arbeitsweise und Arbeitsteilung hätten geben können, sondern vor allem um Repräsentationen. CLARA SCHALLER (München) konnte anhand der Situlenkunst (7.–4. Jahrhundert v. Chr.) zeigen, dass die dort dargestellten Tätigkeiten eine deutliche geschlechtsspezifische Zuordnung aufweisen – und dass Männern ein weitaus größeres Spektrum an Tätigkeiten zugestanden wurde. Gleicht man die Darstellungen auf Situlen mit anderen Darstellungen desselben Kulturkreises oder mit dessen Grabbeigaben ab, wird jedoch deutlich, dass es auch andere, auf den Situlen nicht thematisierte Tätigkeiten gab und dass die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung wohl komplexer war als dort präsentiert. Die auf den Situlen verewigten Geschlechterrollenbilder sind Ausdruck einer bestimmten (elitären und regional differenzierten) Ideologie, keine quasi-photographischen Dokumentationen.[3] Um Fragen von Repräsentation und Interpretation kreiste auch der Vortrag von JULIA KATHARINA KOCH (Glauberg) und EVA-MARIA MERTENS (Stralsund). Anhand der hallstattzeitlichen Befunde sogenannter Fürstengräber (6.–5. Jahrhundert. v. Chr.) fragten sie nach den methodischen Möglichkeiten, den Grabinhaber oder die Grabinhaberin (auch) als Priester:in zu identifizieren. Welche Beigaben können entsprechend interpretiert werden? Und gibt es in der Forschung Unterschiede bei der Interpretation, je nach Geschlecht der bestatteten Person? Wie würde eine derartig charakterisierte Person dann im heutigen Sprachgebrauch genannt werden? Hilft der Vergleich mit dem antiken Griechenland und seiner schriftlichen Überlieferung?

Neuzeitliche Archäologinnen und ihre Arbeit waren Thema des letzten Vortragsblocks. Selbst hier überwog der Aspekt der Repräsentation. DANIELA HELLER (Kassel) analysierte 43 Ausgaben der Zeitschrift „Archäologie in Deutschland“, von 2015 bis 2020, bezüglich zweier Fragestellungen: Erstens, wie werden auf (insgesamt 336) Grabungsfotos Archäologen und Archäologinnen bei der Arbeit inszeniert? Eine tabellarische Auswertung ergab, dass Männer mehr als doppelt so häufig abgebildet wurden wie Frauen; dass Männer in der Regel die Bilder dominieren, auf denen sie gemeinsam mit Frauen dargestellt werden; dass Männer (entgegen der Grabungsrealität) viel häufiger bei körperlichen oder technischen Arbeiten gezeigt wurden. Zweitens, wie werden die Geschlechter auf (insgesamt 92) gezeichneten Lebensbildern zu prähistorischen Gesellschaften inszeniert? Das Ergebnis unterscheidet sich nur unwesentlich von dem, was Diane Gifford-Gonzalez vor mittlerweile 30 Jahren in Bezug auf Dioramen von Höhlenmenschen konstatiert hatte.[4] Die prähistorische Welt ist imaginiert als eine männliche, prähistorische Frauen (und Kinder) fehlen oder werden in den Hintergrund verdrängt. Damit widerfährt ihnen in der „Archäologie in Deutschland“ dasselbe Schicksal wie den zeitgenössischen Archäologinnen.

Etwas anders gelagert war die Inszenierung einer archäologisch arbeitenden Frau im Fall von Sophia Schliemann. Wie KATJA WINGER (Neubukow) und REINHART WITTE (Ankershagen) anhand von Archivmaterial, vor allem Briefen, aufzeigen konnten, wurde Sophia Schliemann (1852–1932) von ihrem berühmten Ehemann als wissenschaftliche Assistentin installiert und inszeniert. Das ging stellenweise so weit, dass Heinrich Schliemann in seinen Schriften ihre Anwesenheit bei Grabungskampagnen postulierte, bei denen sie nachweislich anderer Zeugnisse gar nicht anwesend war. Die Geschichte von der Bergung des trojanischen „Priamosschatzes“ in Sophias Schal ist eine solche Fiktion. Sophias eigene Begeisterung für archäologisches Arbeiten hielt sich in Grenzen, wie ihre weiteren Tätigkeiten nach Heinrichs Tod deutlich machten. Auch hier also keine reale Archäologin bei realer Arbeit, sondern eine Inszenierung, die in diesem Fall dem Ruhm des Ehemannes dienen sollte. JANA ESTHER FRIES (Oldenburg) und DORIS GUTSMIEDL-SCHÜMANN (Hamburg) schließlich stellten ihr aktuell laufendes Projekt zu archäologischen Geschlechterbildern und deren Vermittlung gegenüber einer breiteren Öffentlichkeit vor. Für dieses Projekt führen sie strukturierte Interviews mit Menschen, die in Museen, Bildungseinrichtungen, Journalismus und populären Medien arbeiten. Welche Medien und Methoden verwenden diese Expert:innen für die Vermittlung der Ergebnisse der Genderarchäologie? Was davon ist besonders erfolgreich? Wo liegen die Probleme? Ziel ist zum einen ein Überblick über den aktuellen Stand der Vermittlung von Genderarchäologie; zum anderen sollen best practice-Beispiele zusammengestellt und allen Interessierten verfügbar gemacht werden.

Die Abschlussdiskussion fokussierte auf Aspekte der Repräsentation. Es wurde noch einmal deutlich formuliert, dass jedes Bild – ob Grabungsfoto oder „Lebensbild“ einer prähistorischen Gesellschaft – ein Konstrukt ist. Damit ist es zwangsläufig auch Schnittstelle diverser zeitgenössischer Diskurse (beispielsweise zu Geschlecht) und Interessen (beispielsweise des male privilege). Aus diesem Befund ergaben sich in der Diskussion zwei Fragenkomplexe. Der erste betraf die Selbstinszenierung als Archäologin und die Inszenierung der Archäologie als wissenschaftliche Disziplin. Muss Archäologie der breiteren Öffentlichkeit zwangsläufig als Tätigkeit auf einer Grabung präsentiert werden? Warum nicht auch als Tätigkeit in der Bibliothek oder im Museum? Wenn ich als Archäologin von den Medien kontaktiert werde – wie schaffe ich es, eine eigene Inszenierung durchzusetzen anstatt mir eine fremdbestimmte aufdrängen zu lassen? Und wie soll diese Selbstinszenierung aussehen? Muss ich die männlich geprägte Selbststilisierung à la Heinrich Schliemann oder Indiana Jones übernehmen oder kreiere ich etwas Neues? Dazu kommt ein ganz anderes Problem: Manche Archäologinnen, Archäologiestudentinnen wollen gar nicht auf ein Pressefoto, aus Angst vor sexistischen Kommentaren und Anfeindungen.

Der zweite Fragenkomplex betraf das in Auftrag geben von Lebensbildern für populärwissenschaftliche Publikationen oder für das Museum. Auch hier muss zunächst geklärt werden, welches „Bild“ von der Vergangenheit vermittelt werden soll. Sollen die alten Stereotypen weitertradiert oder sich um innovative, geschlechtergerechte Darstellungsweisen bemüht werden? Für wie viele Lebensbilder reicht das Budget und was muss auf dieser begrenzten Anzahl an Bildern unbedingt gezeigt werden? Soll riskiert werden, eher emotionale, die Betrachter:innen zur Identifikation einladende Bilder zu zeigen – auch wenn das in der Fachwelt als „unwissenschaftlich“ und als „19. Jahrhundert“ gilt? Wie kann im Bild deutlich gemacht werden, was gesicherte Fakten sind und was Spekulation? Wie lassen sich Wissenslücken visualisieren?

Der Schwerpunkt der Veranstaltung auf den Aspekten Repräsentation und Imagination machte deutlich, wo in den archäologischen Wissenschaften die Forschungslücken liegen: bei der Analyse archäologischer und anthropologischer Befunde in Hinblick auf Fragen zu konkretem Arbeitsverhalten und zu geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung.[5] Das gilt auch für die Erforschung der Arbeitsteilung nach Alter, Status oder anderen sozialen Identitäten. Zu all diesen Fragen gibt es, wie ULRIKE RAMBUSCHECK (Hannover) in ihrer Einführung betonte, nur wenige wissenschaftliche Publikationen. Dazu gehören etwa die Forschungen zum prähistorischen Salzabbau in Hallstatt[6] und eine Monographie zu Geschlecht und Arbeitsteilung im Paläolithikum.[7] Dieses Desiderat aufgezeigt zu haben ist – neben der differenzierten Analyse und Problematisierung von archäologischen Repräsentationen im weitesten Sinne – das Verdienst dieser Tagung.

Konferenzübersicht:

Arbeit an der Theorie

Ulrike Rambuscheck (Hannover): Arbeit, Wissen, Expert:innen und Geschlecht: Einführung ins Thema

Geschlechtliche Arbeitsteilung – Theorie und Praxis

Brigitte Röder (Basel): Statt Müßiggang und Schäferstündchen die Mühsal des Alltags im Fokus: zur dominierenden Rolle der Arbeit in Rekonstruktionen urgeschichtlichen Alltagslebens

Katharina Salisbury-Rebay (Wien): Gendered labour division in later European prehistory: fact & fiction

Fallbeispiele

Clara Schaller (München): Aufgabenteilung in der Eisenzeit: zum Aussagewert der Situlenkunst

Julia Katharina Koch (Glauberg) / Eva-Maria Mertens (Stralsund): Omphalosschale und Opfermesser: eine archäologische Stellenbeschreibung für Priester*innen in der europäischen Eisenzeit

Archäolog:innen bei der Arbeit

Daniela Heller (Kassel): Archäologische Imaginationen: bildliche Darstellung weiblicher Arbeit in der Zeitschrift Archäologie in Deutschland von 2015 bis 2020

Jana Esther Fries (Oldenburg) / Doris Gutsmiedl-Schümann (Hamburg): Archäologie, Geschlechterbilder und Vermittlung: Expert*inneninterviews zur Öffentlichkeitsarbeit

Katja Winger (Neubukow) / Reinhart Witte (Ankershagen): Sophie Schliemann: zwischen Archäologin und Frau von

Abschlussdiskussion

Anmerkungen:
[1] Dazu weiter unten, zum Vortrag von Daniela Heller (Kassel). Eine gute Publikation zum Thema: Laura Coltofean-Arizancu / Bisserka Gaydarska / Uroš Matić (Hrsg.). Mit Illustrationen von Nikola Radosavljević, Gender stereotypes in archaeology. A short reflection in image and text, Leiden 2021; open access: https://www.sidestone.com/books/gender-stereotypes-in-archaeology (14.07.2022).
[2] Die Vertreter:innen von male privilege und white privilege verteidigen ihre Positionen durchaus hartnäckig. Die Stärke des gegenwärtigen Widerstands gegenüber einer Imagination von nicht-traditionellen Frauenrollen und von gesellschaftlicher Diversität lässt sich exemplarisch betrachten anhand der Diskussion zu Tolkiens „Herr der Ringe“ und dessen Rezeption: Christopher Lockett, Tolkien and the culture wars, Blogeintrag 29. Juni 2021, https://cjlockett.com/2021/06/29/3592/ (14.07.2022).
[3] Vgl. die Argumentation zu Bildern aus dem frühen Griechenland: Susan Langdon, Art and Identity in Dark Age Greece, 1100–700 B.C.E., Cambridge 2008.
[4] Diane Gifford-Gonzalez, You can hide, but you can’t run: Representation of women’s work in illustrations of palaeolithic life, in: Visual Anthropology Review 9 (1993), S. 3-21.
[5] Vgl. dagegen die Ethnologie und das grundlegende Werk: Gerd Spittler, Anthropologie der Arbeit. Ein ethnographischer Vergleich, Wiesbaden 2016.
[6] z. B. Doris E. Pany, Mining for the miners? An analysis of occupationally-induced stress markers on the skeletal remains from the ancient Hallstatt cemetery, Diplomarbeit Universität Wien 2003.
[7] Linda Owen, Distorting the Past. Gender and the Division of Labor in the European Upper Paleolithic, Tübingen 2005.

Redaktion
Veröffentlicht am
20.08.2022
Beiträger