Global Europe Underground

Global Europe Underground. Transnationale Netzwerke und globale Perspektiven europäischer Alternativmilieus ca. 1965-1985

Organisatoren
Detlef Siegfried, Professur für Neuere Deutsche und Europäische Geschichte, Universität Kopenhagen
PLZ
80539
Ort
München
Land
Deutschland
Fand statt
In Präsenz
Vom - Bis
29.06.2022 - 01.07.2022
Von
Dominik Aufleger, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München; Anna Greithanner, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München

Seit einigen Jahren sind die linksalternativen Milieus der 1970er- und 1980er-Jahre Untersuchungsgegenstand der Geschichtswissenschaft. Sven Reichardt betonte 2014, dass eine “ergiebige Betrachtung der transnationalen Verwobenheit des linksalternativen Milieus [...] sicher weitere transfergeschichtliche Untersuchungen” [1] erfordere. Mit dem Ziel, eben jene transnationalen Verknüpfungen des europäischen Alternativmilieus in den Blick zu nehmen, rief Detlef Siegfried ein international besetztes Kolloquium im Historischen Kolleg in München zusammen. Lebensweltliche wie politische Dimensionen der Transnationalität sollten dabei in den Blick genommen werden, um gegenseitige Wahrnehmungen, Transfers und Netzwerke zu identifizieren. Siegfried hatte bereits im Vorfeld Fragen formuliert, um sich dem Gegenstand zu nähern: Wie trugen transnationale Wahrnehmungen und Praktiken zur Konstruktion einer linksalternativen Subjektivität bei? Welche Rolle spielten sie im Verhältnis zum Regionalen/Lokalen einerseits und zum Globalen andererseits? Inwieweit wurden in den alternativen Milieus nationale Sozialisationsfaktoren reflektiert? Inwieweit konnten nationale Identität und post-nationales Selbstverständnis koexistieren? Sind hier nationalspezifische Mischungsverhältnisse festzustellen? Um diese Fragen zu beantworten und weitere Aspekte zu diskutieren, kamen internationale Expert:innen nach München. Corona-bedingte Absagen hatten zur Folge, dass osteuropäische bzw. weibliche Stimmen entgegen der ursprünglichen Planung unterrepräsentiert waren – sowohl inhaltlich als auch personell.

Das erste Panel, moderiert von NIKOLAOS PAPADOGIANNIS (St. Andrews), rückte die Fragen nach den transnationalen Verbindungen des alternativen Milieus mit Fokus auf die radikale Linke in den Blick. GERD-RAINER HORN (Paris) verdeutlichte am Beispiel der pluralistisch orientierten italienischen Zeitung „Re Nudo“, wie stark gegenkulturelle Milieus und radikale Linke in den 1960er-Jahren zusammenflossen, und stellte die Hypothese in den Raum, dass in Ländern mit einer weniger stark ausgeprägten radikalen Linken die Abschottung zwischen den beiden Strömungen stärker sei. So zeige das Beispiel der spanischen Maoisten, dass die hedonistischen Elemente der Alternativbewegung zu Konflikten innerhalb der radikalen Linken führten. BART VAN DER STEEN (Leiden) arbeitete am Beispiel der Niederlande und Westdeutschland zahlreiche Austauschprozesse und Gemeinsamkeiten bei den militanten Hausbesetzungen der 1980er-Jahre heraus, um im Anschluss daran die Fragen aufzuwerfen, ob diese Ähnlichkeiten tatsächlich Ausdruck von Wissenstransfer und Netzwerken seien, oder vielmehr der Dynamik ähnlicher Situationen geschuldet seien. LUCA PROVENZANO (Paris) wiederum argumentierte, dass die transnationalen Diskurse über Militanz Mitte der 1970er- bis Anfang der 1980er-Jahre starke Ähnlichkeiten im Agieren militanter Gruppen in Italien, Frankreich und Westdeutschland hervorriefen. Es habe sich eine transnationale militante Protestkultur herausgebildet. KNUD ANDRESEN (Hamburg) zeigte mit seinem Beitrag exemplarisch, dass der Blick hinter den „Eisernen Vorhang“ sich eignet, um die Differenzen innerhalb der europäischen Linken herauszuarbeiten. Die von ihm als „Gretchen-Frage der Neuen Linken“ bezeichnete Beurteilung der Oktoberrevolution und ihrer Folgen sowie die Beziehungen zu den Ländern des Ostblocks führten insbesondere in Westdeutschland zu scharfen Debatten und Abgrenzungsprozessen – wenngleich die Beschäftigung mit Osteuropa in der Neuen Linken stets marginal blieb.

Die anschließende Diskussion zeigte, dass eine transnationale Perspektive an mikrohistorische Fragestellungen rückgebunden werden muss. Wenngleich Kategorien wie Gender, Class, Nationalität/race oder Alter von zentraler Bedeutung für das Engagement im alternativen Milieu waren, fehlen soziokulturelle Erkenntnisse zu den transnationalen Dimensionen des Milieus. Zudem wurde die Frage aufgeworfen, inwiefern die radikale die etablierte Linke beeinflusste. Weiterhin plädierten die Diskutant:innen für eine breite Definition des alternativen Milieus, die auch die Lebenswelt maoistischer Aktivist:innen subsumiert und zudem die Fluidität des Milieus berücksichtigt.

Panel II, moderiert von DETLEF SIEGFRIED (Kopenhagen/München), fokussierte auf transnationale Netzwerke des alternativen Milieus, die insbesondere auf der Ausbreitung des alternativen Tourismus fußten. RICHARD IVAN JOBS (Portland) zeigte am Beispiel der “free capital of europe” Amsterdam, wie der zunächst individuelle Backpacker-Tourismus in der Stadt ab Ende der 1960er-Jahre zum Massenphänomen und damit zum Kontaktraum für ein transnationales Netzwerk Gleichgesinnter wurde. Der niederländische Staat reagierte mit gewaltsamen Räumungen öffentlicher Plätze aber auch mit Versuchen, den Ansturm durch die Bereitstellung von Infrastruktur wie z.B. Hostels zu regulieren. TOBIAS DE FØNSS WUNG-SUNG (Kopenhagen) verwies auf die Bedeutung von Austauschprozessen zwischen Dänemark und Westdeutschland für die homosexuellen Communities beider Länder und merkte an, dass dabei auch stereotype Wahrnehmungen des anderen Landes eine Rolle spielten. Zudem verwies er auf das Problem von Sprachbarrieren und wie diese umgangen wurden. NIKOLAOS PAPADOGIANNIS (St. Andrews) verdeutlichte, wie die Reisepraktiken von Angehörigen des westdeutschen alternativen Milieus nach Griechenland vom Phänomen der „Sexotisierung“ geprägt waren: Die Faszination für das südliche Land ging einher mit sexuell konnotierten Stereotypen, die die linke Gegenöffentlichkeit in den 1970er-Jahren zwar im Ansatz kritisierte, jedoch nicht aufzulösen vermochte.

Die folgende Diskussion verdeutlichte, dass bei der Untersuchung transnationaler Beziehungen die jeweiligen, zum Teil stereotypen Wahrnehmungen anderer Länder berücksichtigt werden müssen. Hinterfragt wurde weiterhin, inwiefern die transnationalen Austauschprozesse Ausdruck von Kosmopolitismus waren, oder vielmehr dem Austausch mit Gleichgesinnten und damit der Rückversicherung der eigenen Identität dienten. Zu berücksichtigen gilt es zudem den Aspekt der Sprache bzw. Sprachbarrieren, der die Austauschprozesse zwischen den Angehörigen der Alternativbewegung oftmals prägte bzw. erschwerte. Schließlich wurde angeregt, den heutigen Blick von Forschenden und Studierenden auf das alternative Milieu zu thematisieren.

Panel III, moderiert von MARKUS MOHR (Hamburg) und kommentiert von KNUD ANDRESEN (Hamburg), widmete sich dem Blick der westeuropäischen Alternativbewegung auf die sogenannte “Dritte Welt”. CAROLINE MOINE (Paris/Berlin) zeigte anhand der Biografie des lutheranischen Pastors Helmut Frenz und seines Einsatzes für die Solidaritätsbewegung in Chile auf, welche Chancen und Grenzen biografische Untersuchungen transnationalen Engagements mit sich bringen. Dieser ermögliche es, eine Agency von unten herauszuarbeiten, sei aber gleichzeitig immer Ausdruck individueller Lebenssituationen und müsse entsprechend vorsichtig interpretiert werden. SEBASTIAN JUSTKE (Hamburg) referierte, wie sehr die Idee einer christlichen Ökumene mit einer Politisierung bzw. in der Folge auch Polarisierung des Christentums einherging. Dies zeigte sich insbesondere im Engagement für die sogenannte “Dritte Welt” und der Annahme eines Nord-Süd-Konflikts, der als Erklärungsmodell in christlichen Kreisen – so die Hypothese – weitaus länger wirkmächtig war als anderswo. Das Paper von DAVID TEMPLIN (Osnabrück) – vorgetragen von Detlef Siegfried – verwies auf die vielfältigen Beziehungen zwischen Migrant:innen und westdeutschem linksalternativen Milieu, die von Fremdzuschreibungen geprägt waren: Sie bewegten sich zwischen einer Heroisierung ausländischer Revolutionär:innen, promigrantischen Protestbewegungen und rassistischen Stereotypen. Templin bekräftigte, dass Untersuchungen unter dem Gesichtspunkt race weiterhin ein Desiderat darstellen. Anschließend wurde in Anlehnung an Andreas Reckwitz’ “kulturellen Kosmopolitismus” die Frage aufgeworfen, inwiefern das linksalternative Milieu der 1970er-Jahre prägend für die heutige Gesellschaft ist – eine Frage, die nur fächerübergreifend beantwortet werden kann. Zudem diskutierte das Plenum die Frage, welche Folgen die Konfrontation mit Diversität im Zuge der transnationalen Kontakte der Alternativbewegung hatte. Der Begriff des “kulturellen Kosmopolitismus” kann nur einzelne Bereiche der Alternativbewegung charakterisieren; nationale bzw. regionale Bezugspunkte blieben weiterhin vorherrschend.

Panel IV, moderiert von TOBIAS DE FØNSS WUNG-SUNG (Kopenhagen), nahm “transnationale Körper- und Emotionspolitiken” in den Blick. JOACHIM HÄBERLEN (Berlin) interpretierte die Praktiken von “Desire” und “Imagination” innerhalb des alternativen Milieus verschiedener Länder als Ausdruck eines spezifischen Politikverständnisses, das – mitunter humoristisch – sowohl Autoritäten als auch die Ernsthaftigkeit innerhalb linker Kreise infrage stellen sollte. Diese politische Dimension des Begehrens habe sich über transnationale Kontakte und Ideentransfer entwickelt. KRISTOFF KERL (Kopenhagen) demonstrierte anhand europäischer Sektionen der US-amerikanischen “White Panther Party”, deren Revolutionskonzept Drogenkonsum, „freie“ Sexualität und Marxismus-Leninismus kombiniert, wie unterschiedlich mit der Verbindung von Politik und Drogen umgegangen wurde. An der Frage des Drogenkonsums zeige sich, wie die radikale Linke den Hedonismus linksalternativer Milieus bewertete. Die Ausführungen von EVA LOCHER (Fribourg) verwiesen einerseits auf die Besonderheiten der Entwicklungen in der Schweiz, aufgrund der dortigen Multilingualität sowie der starken Kontinuitäten durch die fehlende Zäsur des 2. Weltkriegs. Andererseits zeigte sie, dass alternative Lebensentwürfe nicht allein Kennzeichen der linken Milieus der 1970er- und 1980er-Jahre waren, sondern bereits früher und auch in rechten Kreisen eine Rolle spielten. Somit fanden die Transfers nicht nur auf transnationaler Ebene statt, sondern auch zwischen verschiedenen Generationen Alternativlebender.

In der Abschlussdiskussion regte JOACHIM HÄBERLEN (Berlin) an, geografische Fragestellungen in die Untersuchung des alternativen Milieus einzubeziehen: Die Selbstverortung der Personen sowie der Referenzrahmen ihrer politischen Ideen und Ziele sei von großer Bedeutung für die Analyse. GERD-RAINER HORN (Paris) plädierte dafür, die zyklische Dynamik von Protestbewegungen (“Cycles of Protest”) zu berücksichtigen und damit auch Fragen nach Alter und Generation in den Blick zu nehmen. DETLEF SIEGFRIED (Kopenhagen) fragte nach der Agency der transnationalen Kontakte, die Forscher:innen anhand von Reisen, Medien, persönlichen und institutionellen Kontakten sowie Wissenstransfers rekonstruieren können. Die Transnationalität des Alternativmilieus habe sich zwischen den Polen der Wertschätzung und der Zurückweisung des “Anderen” bewegt; auch die Bedeutung des Internationalismus habe sich im zeitlichen Verlauf bzw. vor dem jeweiligen nationalen Hintergrund unterschiedlich entwickelt.

Wie fruchtbar der Fokus auf transnationale Beziehungen in der Alternativbewegung jenseits nationaler Einzelfallstudien sein kann, zeigte die Tagung eindrücklich. Deutlich wurde jedoch auch, dass bestimmte Hemmnisse wie fehlende Sprachkenntnisse entsprechende Forschungen erschweren und sich die bisherigen Ergebnisse deshalb vor allem auf den westeuropäischen Raum beziehen. Entsprechend wird es zu untersuchen gelten, ob sich beim alternativen Milieu um ein Phänomen der westlichen Welt handelt. Gendersensible Studien sowie ost- bzw. außereuropäische Perspektiven auf die transnationalen Dimensionen des Milieus können substanzielle Erkenntnisse liefern. Für alle Fragestellungen, die die Transnationalität des Alternativmilieus in den Blick nehmen, ist der Kontakt zwischen internationalen Forscher:innen von zentraler Bedeutung. Tagungen wie diese ermöglichen eben diesen intensiven Austausch.

Konferenzübersicht:

Detlef Siegfried (Kopenhagen/München): Introduction

Panel I: Alternativmilieus und radikale Linke
Moderation und Kommentar: Nikolaos Papadogiannis (St. Andrews)

Gerd-Rainer Horn (Paris): Kulturelle Alternativmilieus und radikale Linke in den langen sechziger Jahren in Westeuropa: Ships Passing in the Night?

Bart van der Steen (Leiden): Travelling Barricades? Local Dynamics and Transnational Knowledge Transfer in the European Squatters’ Movement

Luca Provenzano (Paris): Street Fighting Men: Militant Protest Culture from the Extreme Left to the Autonomists, 1975–1982

Knud Andresen (Hamburg): Vom Sozialimperialismus zu Solidarnosc – maoistisches und linksalternatives Osteuropa-Engagement

Kommentar + Diskussion

Panel II: Tourismus und Netzwerke
Moderation und Kommentar: Detlef Siegfried (Kopenhagen/München)

Richard Ivan Jobs (Portland): The Magic Center of Vacation Hippies: Backpacking and Counterculture

Tobias de Fønss Wung-Sung (Kopenhagen): Neighborly Notions: Gay and Lesbian Connections between Denmark and West Germany in the “long 1970s”

Nikolaos Papadogiannis (St. Andrews): Post-national identities? Travel encounters between alternative West Germans and left-wing Greeks in the long 1970s

Kommentar + Diskussion

Panel III: „Dritte-Welt“-Projektionen und -Praktiken
Moderation: Markus Mohr (Hamburg) Kommentar: Knud Andresen (Hamburg)

Caroline Moine (Paris / Berlin): Dritte Welt-Bewegung und ökumenisches Engagement vor der Herausforderung der Chile-Solidarität

Sebastian Justke (Hamburg): Ökumenisch, alternativ, links? Westeuropäische Christen, der globale Süden und die Suche nach einer anderen Weltgemeinschaft. 1960er–1990er Jahre

David Templin (Osnabrück): Arbeitssklaven, Gastwirte, Revolutionäre? Perzeptionen von Migrant*innen und Felder der Interaktion im linksalternativen Milieu westdeutscher Großstädte, 1970–1990

Kommentar + Diskussion

Panel IV: Transnationale Körper- und Emotionspolitiken
Moderation und Kommentar: Tobias de Fønss Wung-Sung (Kopenhagen)

Joachim Häberlen (Berlin): Politics of Desire and Imagination across the Iron Curtain: Italy, France, Germany, Switzerland, and Poland
Kristoff Kerl (Kopenhagen): “Kick out the Jams”. White Panthers in Europe in the years around 1970

Eva Locher (Fribourg): Countercultural Muesli. Transnationales ernährungsreformerisches Wissen im Schweizer Alternativmilieu

Kommentar + Diskussion

Schlussrunde
mit Gerd-Rainer Horn (Paris), Joachim Häberlen (Berlin), Detlef Siegfried (Kopenhagen/ München), Moderation: Kristoff Kerl (Kopenhagen)

Anmerkungen:
[1] Sven Reichardt, Authentizität und Gemeinschaft. Linksalternatives Leben in den siebziger und frühen achtziger Jahren, Berlin 2014.

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