HeimatPraktiken. Aneignungsformen und alltägliche Konstruktionen von Heimat in historischer Perspektive

HeimatPraktiken. Aneignungsformen und alltägliche Konstruktionen von Heimat in historischer Perspektive

Organisatoren
DFG-Projekt „Polyphonie der Heimat“, Technische Universität Dresden; Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde e.V. Dresden; Professur für Zeitgeschichte, Universität Bielefeld
PLZ
01069
Ort
Dresden
Land
Deutschland
Vom - Bis
19.05.2022 - 20.05.2022
Von
Marius Luzay / Lewin Ott, Institut für Geschichte, Technische Universität Dresden

Der Begriff „Heimat“ ist bereits seit geraumer Zeit umstritten. Einerseits wird betont, dass er sich durch Inklusion und Pluralität auszeichne, andererseits wird sein exklusiver Charakter herausgestellt. Auch in der historischen Forschung ist der Zugang zum Konzept „Heimat“ divers. Um die bis dato vorherrschende ideengeschichtliche Fokussierung zu erweitern, nahm der Workshop „HeimatPraktiken“ praxeologische Zugänge in den Blick.

JOHANNES SCHÜTZ (Dresden) und ANNA STROMMENGER (Bielefeld) führten mit einer Kritik an einem essentialistischen „Heimat“-Begriff in die Thematik ein und erläuterten, auf welche Weise die Auseinandersetzung mit alltäglichen Herstellungsformen von „Heimat“, im Sinne von „Heimat-Praktiken“, die Forschungen zum Begriff sinnvoll erweitern kann. Daran anknüpfend gab JAN-HENDRYK DE BOER (Duisburg-Essen) einen Impuls zur Praxeologie, die er handlungstheoretischen Zugängen gegenüberstellte. Der Fokus der Praxistheorie liege auf Routinen und kollektiven Handlungsmustern. Außergewöhnliche Ereignisse und akteursspezifischer Eigensinn seien dabei methodisch zu untersuchen, ohne sie als „falschen“ Praxisvollzug zu deuten.

Die erste Sektion „Institutionen und die Institutionalisierung von ‚Heimat‘“ begann mit einem Vortrag von DIETER HERZ (Dresden). Er veranschaulichte, wie „Heimatschützer:innen“ in Sachsen zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch Bauberatung versuchten, traditionelle Bauweisen zu bewahren. In ihrer Gegnerschaft zum „architektonischen Historismus“ wandten sie sich dem ab 1900 aufkommenden „Heimatstil“ zu, der sich an eine ländliche Bauweise anlehnte.

MAXIMILIAN BERKEL (Wuppertal) verglich die Heimatfeste von Elberfeld 1910 und Barmen 1908 im Kontext der jeweiligen Stadtjubiläen. Während in Elberfeld das Heimatfest lediglich Teil einer ganzen Festwoche war, wurde es in Barmen hingegen als das zentrale Ereignis vorbereitet, inszeniert und betrachtet.

Anhand der zwei Vorträge konnten die praktische, alltägliche Arbeit der Heimatschutzvereine gegenübergestellt werden: Auf der einen Seite die Gestaltung der eigenen Lebenswelt, auf der anderen Seite die Planung eines außeralltäglichen Ereignisses, wie es die Heimatfeste waren.

LENA HEERDMANN (Duisburg-Essen) eröffnete die zweite Sektion „‘Heimat‘-Räume und ‚Heimat‘-Wissen“, wobei sie sich mit der Aneignung von „Heimat“ durch Heimatforscher:innen befasste und die Wissensproduktion von „Laien“ und Akademiker:innen thematisierte. Im Fokus stand das Rheinische Wörterbuch, welches als Sammelprojekt maßgeblich von nicht-akademischen Akteur:innen getragen wurde.

SABINE STACH (Leipzig) lenkte den Blick auf Wandern als Praktik des „Erlaufens der Heimat“ in der polnischen Heimatkundebewegung. Dabei ging sie der Frage nach, wie sich patriotische Gefühle und wanderndes Erkunden zusammen denken ließen, und machte gleichzeitig auf eine Lücke in der empirischen Forschung hierzu aufmerksam. Mit ihren Beiträgen konnten die Referent:innen beispielhaft aufzeigen, wer „Heimat“-Wissen wie produzierte und in welchen Räumen dieses zirkulierte.

Die dritte Sektion „‘Heimat‘ bei / durch Grenzüberschreitung“ thematisierte das Spannungsfeld „Heimat“ – Migration. Wie die Heimatpraktiken von Auslandsdeutschen in den 1930er-Jahren aussehen konnten, zeigte SÖNKE FRIEDREICH (Dresden) indem er sogenannte „Heimatbriefe“ des Vereins für das Deutschtum im Ausland (VDA) vorstellte. Im Ausland lebende Deutsche berichteten in diesen, wie sie ihr „Deutschtum“ in der Ferne „erkämpften“ und „bewahrten“. Beispielsweise das Transferieren heimischer Feste und Bräuche oder das Aufsuchen von Wahllokalen auf deutschen Schiffen, um an Volksabstimmungen teilnehmen zu können. Friedreich bewertete das Schreiben dieser Briefe als Emotionspraktik zum Zwecke der „Vergemeinschaftung“.

Mit der Methode der Bilddiskursanalyse veranschaulichte VERONIKA LICHTENWALD (Siegen), wie und in welchem Kontext die Migrationserfahrungen Russlanddeutscher ab 1980 sichtbar werden. Dabei stellte sie das Narrativ von der „Heimkehr“ in die „Urheimat“ Deutschland heraus, welche einer „Rückkehr“ aus der „Wahlheimat“ Russland entspräche. Bildern, die auf den krisenhaften Entstehungskontext von „Heimat“ verweisen, wurden private Aufzeichnungen gegenübergestellt, die den Lebensortwechsel thematisieren; diese ästhetische Verarbeitung bewertete Lichtenwald als „andauernde Praxis der Neubeheimatung“.

Die in beiden Beiträgen thematisierten „Heimat-Praktiken“ resultierten aus „Heimatverlust“, bieten aber unterschiedliche Reaktionen an: entweder die Schaffung einer „neuen Heimat“, oder die Konstruktion diverser Erinnerungsbilder an „Heimaträume“ durch den „Export“ altbekannter Gebräuche und Rituale.

Das Panel „Inszenierungen von ‚Heimat‘“ eröffnete CORNELIUS GOOP (Wien) mit einem Einblick in den Heimatdiskurs Liechtensteins um 1900. Am Beispiel zeitgenössischer Akteure der Heimatliteratur wurde das Heimatgedicht als reflexive Praktik und zugleich als politisch-symbolischer Schreibakt eingeordnet sowie die Bedeutung von Gedichtbänden zur Bildung einer kollektiven Identität und emotionalen Aufladung des Territoriums betont.

Im Anschluss befasste sich JULIANE BRAUER (Wuppertal) mit dem Singen von Heimatliedern in der frühen DDR als Emotionspraxis. Ein bestimmter Kanon an Kinder- und Jugendliedern wurde im Gesangsunterricht gemeinschaftlich gesungen, wovon sich die pädagogischen Ratgeber ebenso wie die ausführenden Fachkräfte eine positive Einflussnahme auf die Gefühlsbildung der Heranwachsenden erhofften. Am Beispiel des Musikstücks „Lied der jungen Naturforscher“ zeigte sie, wie „Heimatliebe“ mit einem Aufruf zur Verteidigungsbereitschaft verknüpft wurde.

NADINE KULBE (Dresden) charakterisierte fotografische Abbildungen von Nahräumen als Versuch visueller Ordnung. Am Beispiel von Postkartenserien der Stadt Freiberg, gefertigt von Mitgliedern des Amateurfotoclubs „Freiberger Fotofreunde“, konnte plausibilisiert werden, wie mittels architektonischer Motive, Landschaftsaufnahmen und Verweise auf die Bergbaugeschichte diverse „Heimaträume“ visualisiert werden konnten. Anhand von Gedichten, Liedern und Fotografien stellte die Sektion diverse Ästhetisierungs-, Inszenierungs- und Rezeptionsformen von „Heimat“ dar.

Die Sektion „Medien der ‚Heimat‘“ startete mit einem Vortrag von ANDREAS RUTZ und HENRIK SCHWANITZ (beide Dresden) zu Heimatkonstruktionen im DEFA-Film. Obwohl sich das Verhältnis von Film und „Heimat“ in der DDR als ein ideologisch problematisches bewerten lasse, sei dennoch eine Neukonstruktion des „Heimat“-Begriffes nachzuweisen. Am Beispiel des Filmes „Einmal ist keinmal“ wurde „Heimat“ weniger als Idylle denn als politischer Handlungs- und Erfahrungsraum definiert, wobei die Integration des Fremden einen zentralen Erzählstrang darstellte. Das zweite, dokumentarische Filmbeispiel „Erinnerung an eine Landschaft“ verhandelte die sozialen Verwerfungen im Kontext des Braunkohleabbaus und veranschaulichte neben dem Wechselspiel aus Auf- und Abbruch auch „Heimatverlust“ und den Wandel von „Heimat“.

Zum Abschluss der Sektion ging MARTIN MUNKE (Dresden) der „Heimatforschung“ als Citizen Science nach. In Deutschland lasse sich hierbei bis in die 1990er-Jahre eine Verwendung des Begriffes „Heimat“ nur im geringen Maße feststellen. Früher noch stark akademisch geprägt, stehe „Heimatforschung“ jedoch heute mehr und mehr für eine „nicht-professionelle“ Forschung. Gerade in den letzten Jahren sei eine Annäherung der beiden Forschungsbereiche festzustellen. Die Sektion beinhaltete somit neben dem praxeologischen Zugang zur Mediengeschichte am Beispiel zweier DDR- „Heimatfilme“ auch theoretische Überlegungen über den Stellenwert und die Entwicklung der Citizen Science im Sinne einer bürgerlichen Wissenschaftsproduktivität.

Den Abschluss der Tagung bildete eine Podiumsdiskussion mit ANJA OESTERHELT (Halle), UTA BRETSCHNEIDER (Leipzig) und THOMAS SCHAARSCHMIDT (Potsdam), moderiert von CHRISTINA MORINA (Bielefeld). In dieser wurde der „Heimat“-Begriff noch einmal angesichts seines Gemeinschaftsbezugs problematisiert, welchem neben einem integrativen Potential auch eine mögliche ausgrenzende Funktion zugeschrieben werden kann. Letztlich spiegele sich diese Ambivalenz auch darin wider, dass der Begriff mit allen seinen Schattierungen im gesamten Parteienspektrum genutzt wird. Daher biete es sich als weitere Forschungsperspektive an, stärker auf Kritik an „Heimat“ zu schauen, wobei etwa das Phänomen der „Heimatscham“ während des 20. Jahrhunderts als Beispiel dienen könne.

Konferenzübersicht:

Begrüßung
Andreas Rutz (Dresden) / Thomas Kübler ( Dresden)

Einführung
Johannes Schütz (Dresden) / Anna Strommenger (Bielefeld)

Impuls „Praktiken“
Moderation: Johannes Schütz

Jan-Hendryk de Boer (Duisburg / Essen)

Institutionen und die Institutionalisierung von „Heimat“
Moderation: Dagmar Ellerbrock

Dieter Herz (Dresden): Möblierung der Heimat. Aktivitäten des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Maximilian Berkel (Solingen): Das Heimatfest 1910 in Elberfeld als „Heimat-Praktik“

Heimat“-Räume und „Heimat“-Wissen
Moderation: Henrik Schwanitz

Lena Heerdmann (Kalkar): Lehrer zur Beobachtung und Sammlung des Sprachschatzes der Heimat […] ermahn[en]. Habituelle Heimat- und Wissenspraktiken am Beispiel der privaten und publizierten Aufzeichnungen eines rheinischen Volksschullehrers und „Gewährsmannes“ (1911-1938)

Sabine Stach (Leipzig): Das Land erfahren, das Land erlaufen. Wandern als epistemische Praktik der polnischen Heimatkundebewegung

„Heimat“ bei/durch Grenzüberschreitung
Moderation: Anna Strommenger

Sönke Friedreich (Dresden): „Ein Erobern der Heimat mitten in der Fremde.“ Heimatpraktiken von Auslandsdeutschen in den 1930er Jahren

Veronika Lichtenwald (Siegen): Heimatbilder. Perspektiven auf Heimat, Identität und Zugehörigkeit in visuellen Diskursen zur russlanddeutschen Migration in Deutschland ab 1980

Inszenierungen von „Heimat“
Moderation: Antje Reppe

Cornelius Goop (Wien): Heimat im Kleinen erschaffen: Die Praxis des Heimatgedichte-Schreibens im Fürstentum Liechtenstein, ca. 1860–1920

Juliane Brauer (Wuppertal): Und wir lieben die Heimat, die schöne: Heimatliebe singen und fühlen in der frühen DDR

Nadine Kulbe (Dresden): Bild und Heimat. Praktiken der Medialisierung und Ästhetisierung regionalen Wissens

Medien der „Heimat“
Moderation: Johannes Schütz

Andreas Rutz (Dresden) / Henrik Schwanitz (Dresden): Unsere Heimat? Heimat im frühen DEFA-Film

Martin Munke (Dresden): „Heimatforschung“ als Citizen Science? Theoretische Überlegungen und praktische Ansätze

Podiumsdiskussion Problem Heimat(en)?
Moderation: Christina Morina (Bielefeld)

Anja Oesterhelt (Halle) / Uta Bretschneider (Leipzig) / Thomas Schaarschmidt (Potsdam)

https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/heimatpraktiken
Redaktion
Veröffentlicht am
14.11.2022
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Land Veranstaltung
Sprache(n) der Konferenz
Deutsch
Sprache des Berichts