Neue Perspektiven auf historisch-politische Bildung in ehemaligen Gefängnissen

Neue Perspektiven auf historisch-politische Bildung in ehemaligen Gefängnissen

Organisatoren
Agentur für Bildung – Geschichte, Politik und Medien e.V. (Lernort Keibelstraße); Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam; Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
Ort
Berlin
Land
Deutschland
Vom - Bis
05.09.2022 - 05.09.2022
Von
Hendrik Wehling, Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Oranienburg

Im November 2021 wurde erstmalig im Rahmen eines interdisziplinären Online-Workshops eine kritische Bestandsaufnahme der Bildungsarbeit zu Strafvollzug und Untersuchungshaft in der DDR geleistet. In den Diskussionen wurde deutlich, dass eine zeitgemäße historisch-politische Bildung an ehemaligen Haftorten vor der Herausforderung steht, neue inhaltliche und didaktische Perspektiven zu integrieren, um die Auseinandersetzung mit den historischen Themen erkenntnisreich und ansprechend zu gestalten und damit die gesellschaftliche Relevanz der Erinnerungsorte in ehemaligen DDR-Gefängnissen hervorzuheben. Ausgehend von diesen Denkanstößen widmete sich knapp zehn Monate später ein zweiter Workshop neuen Perspektiven auf historisch-politische Bildung in ehemaligen Gefängnissen.[1] In vier Vorträgen und einer Podiumsdiskussion verfolgte die Veranstaltung zwei übergeordnete Fragestellungen: Einerseits sollte der Frage nach den Spezifika von DDR-Gefängnissen durch eine vergleichende Perspektive nachgegangen, andererseits eine Reflexion der Bildungsarbeit an Gedenkstätten in ehemaligen DDR-Haftanstalten geleistet werden.

KATHARINA HOCHMUTH (Berlin) betonte zur Begrüßung die Bedeutung der zweiten Auflage des Workshops mit dem Schwerpunkt auf der Bildungsarbeit in ehemaligen DDR-Gefängnissen und skizzierte exemplarische Fragestellungen, denen mit Hilfe einer Perspektiverweiterung um einen europäischen und deutsch-deutschen Vergleich nachgegangen werden könnte. Daran anschließend deutete BIRGIT MARZINKA (Berlin) die neuen Impulse des ersten Workshops als Ausdruck eines Wandels der DDR-Gedenkstättenlandschaft, der in der Bildungsarbeit sichtbar werde, und explizierte die unterschiedlichen Perspektiven und Leitfragen, die im Rahmen des Workshops diskutiert und in der abschließenden Podiumsdiskussion vertieft werden sollten.

KLÁRA PINEROVÁ (Prag) präsentierte die Forschungsergebnisse des Institute for the Study of Totalitarian Regimes zu Gefängnissen in der ehemaligen Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik und erweiterte damit die Debatte über die Spezifika des DDR-Strafvollzugs um eine europäische Perspektive. Das Projektteam des Instituts untersuchte mit Hilfe eines narrativen Ansatzes die Veränderungen des tschechoslowakischen Strafvollzugssystems und den Wandel im Umgang mit Strafgefangenen im Zeitraum zwischen 1945 und 1989. Dabei wurden gesellschaftliche Masternarrative ermittelt, die das Haftregime in den tschechoslowakischen Gefängnissen in vier unterschiedlichen Entwicklungsphasen geprägt haben: eine „quasi-demokratische“ Entwicklung des Strafvollzugs (1945–1948), eine Sowjetisierung des Strafvollzugssystems (1948–1960), eine vorübergehende Humanisierung (1960–1969) und die Rückkehr der Repression (1969–1989). In der anschließenden Diskussion skizzierte die Referentin zwei zentrale Unterschiede im Gefängniswesen von ČSSR und DDR der 1950er-Jahre. Während die Haftbedingungen in der Tschechoslowakei durch die Herausbildung eines Arbeitslagersystems nach sowjetischem Vorbild geprägt worden seien, habe in der DDR das Ministerium für Staatssicherheit größeren Einfluss auf den Strafvollzug genommen als im sozialistischen Nachbarstaat, wo der Geheimdienst in allen historischen Phasen dem Innenministerium unterstellt blieb. Im Anschluss entwickelte sich unter den Teilnehmer:innen eine Kontroverse über die Definition und die Kriterien von politischer Haft und ihrem Mehrwert bei der Analyse von Haftgründen und -bedingungen in der DDR.

CHRISTINE GRAEBSCH (Dortmund) warf aus kriminologischer Perspektive einen kritischen Blick auf die Rechtslage von Häftlingen im Strafvollzug der Bundesrepublik Deutschland in den letzten dreißig Jahren und veranschaulichte eindrücklich die systemübergreifende Wirkung von Freiheitsentzug auf die Gefangenen. Auf Grundlage der jahrzehntelangen Datenerhebungen des Strafvollzugsarchivs der Fachhochschule in Dortmund zeichnete sie ein widersprüchliches Bild des Strafvollzugs in Westdeutschland. Einerseits sei den Häftlingen trotz des massiven Eingriffs in ihre Grundrechte ein individueller Rechtsschutz garantiert worden, andererseits seien sie durch ihre Haftsituation weitgehend von den Möglichkeiten zur Durchsetzung dieses Rechts abgeschnitten gewesen. Die strukturellen Gründe für die nachweislich niedrigen Erfolgsaussichten von Gefangenen in Verfahren und bei Beschwerden führte sie auf Schwierigkeiten wie die lange Verfahrensdauer zurück, die dafür charakteristisch gewesen seien. Im Anschluss problematisierte sie die Konstruktion der wirkmächtigen Kategorien „politischer“ und „krimineller“ Häftling in der DDR-Aufarbeitungslandschaft und erklärte, dass es sich um simplifizierende und moralische Zuschreibungen von außen handele. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich eine lebhafte Debatte über die Kriterien für politische Haftgründe sowohl unter diktatorischen als auch unter demokratischen Verhältnissen. Es bestand wesentliche Einigkeit darin, dass der Vergleich von DDR-Haftbedingungen mit einem idealisierten Bild von der Haftsituation in der BRD obsolet sei und nur ein informierter Vergleich aufschlussreiche Erkenntnisse über die Haftbedingungen in Ost und West liefern könne.

HELGE HEIDEMEYER (Berlin) referierte zu Narrativen über Opfer und Täter am Beispiel der Dauerausstellung in der Gedenkstätte Hohenschönhausen. Dabei wurde ersichtlich, dass die ehemaligen Häftlinge als Zeitzeug:innen die Deutungshoheit über die Darstellung des Gefängnisses besitzen und die gefangenenzentrierte Ausstellung in Hohenschönhausen die Zusammensetzung der Gefängnisgesellschaft korrekt abbildet. Bei der Darstellung der Häftlinge und des Gefängnispersonals dominiere jedoch eine Opfer-Täter-Dichotomie. Die Verwendung dieser Begrifflichkeiten reduziere die Häftlinge auf ihren Opfer-Status und das Wachpersonal auf seine Funktion, sodass eine Differenzierung unter Berücksichtigung der modernen Motiv- und Täterforschung für das Verständnis der Handlungsspielräume im DDR-Strafvollzug notwendig sei. Der Referent resümierte, dass eine Täter-Opfer-Dichotomie in den Dauerausstellungen von Gedenkstätten moralisch legitim, aber aus wissenschaftlicher Perspektive teilweise überholt sei. Im Anschluss diskutierten die Teilnehmer:innen des Workshops über die Möglichkeiten und Grenzen einer opferzentrierten Vermittlung aus Gefangenensicht, die ein zentraler Auftrag der Gedenkstätten sei. Gleichzeitig fördere sie nur dann neben Empathie mit den Betroffenen auch das Erkenntnisinteresse der Besucher:innen, wenn sie von einer historischen Kontextualisierung der Haftorte flankiert werde. Es wurde deutlich, dass die Erinnerungs- und Gedenkorte in diesem Spannungsfeld divergierende Ziele und Methoden priorisieren. Zudem wurde vehement darüber gestritten, welche zentralen Unterschiede zwischen den Haftbedingungen in der BRD und DDR existierten und in welchen Bereichen der Diktaturcharakter im Strafvollzug der DDR sichtbar wird.

STEFFI BRÜNING (Rostock) rückte die Bildungsarbeit in der Dokumentations- und Gedenkstätte Rostock in den Fokus, die nach umfangreichen Sanierungen im Mai 2021 unter der Trägerschaft der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern wiedereröffnet wurde. Brüning explizierte die Geschichte der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt der Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit in Rostock und gewährte einen Einblick in das Konzept der historisch-politischen Bildung an der Gedenkstätte. Das Bildungsprogramm zeichne sich durch eine zielgruppenspezifische und reflektierte Ausrichtung aus. Das pädagogische Angebot umfasse nur wenige standardisierte Workshopformate und passe in individuellen Absprachen mit den diversen Zielgruppen Umfang, Inhalt und Methoden des Gedenkstättenbesuchs auf die Interessen und die soziale Zusammensetzung der Gruppen an. In der anschließenden Diskussion unterstrichen die Pädagog:innen die Bedeutung der Vor- und Nachbereitung des Gedenkstättenbesuchs und nahmen die schwierige Rolle der Lehrkräfte in den Blick. Der Austausch im Vorfeld des Besuchs ermögliche neben einer Verständigung über Erwartungen und Interessen der Besucher:innen auch eine Erläuterung zu den inhaltlich-didaktischen Grundsätzen der Bildungsarbeit. Anknüpfend an die Debatte zu den Begriffen Opfer und Täter erörterten die Teilnehmer:innen des Workshops, wie das Gefängnispersonal als eigenständiger Akteur des Strafvollzugs in der Bildungsarbeit in den Fokus gerückt werden könnte.

Die abschließende Podiumsdiskussion sollte die angeschnittenen Themen und Fragen der Diskussionen vertiefen. AMÉLIE ZU EULENBURG (Berlin) reflektierte einleitend, dass die Debatte über die Bildungsarbeit im Vergleich zum ersten Workshop fortgeschritten sei und fragte nach dem Umgang mit den neuen Perspektiven in der Bildungsarbeit in den Gedenkstätten. JANNA LÖLKE (Wolfenbüttel) betonte die Bedeutung von Multiperspektivität in der historisch-politischen Bildung in der Gedenkstätte Wolfenbüttel, die Gefangene und andere Akteur:innen der verschiedenen Zeitschichten des Gefängnisses ohne einen Rückgriff auf die Begriffe Opfer und Täter betrachte. Dabei werde die gegenwärtige Nutzung des Gefängnisses als Ausgangspunkt der Bildungsarbeit berücksichtigt, um die systemspezifischen Differenzen der jeweiligen Haftsysteme zu akzentuieren und aktualitätsbezogen über die Funktion von Freiheitsentzug zu diskutieren. Daran anschließend explizierte JUDITH MAYER (Erfurt) die Probleme bei der Vermittlung komplexer historischer Inhalte an Schüler:innen, die meist mit wenig Motivation zum Pflichtbesuch in die Gedenkstätte Andreasstraße in Erfurt kämen. Die Gedenkstätte begegne dieser Herausforderung mit einem neuen künstlerischen Bildungsformat unter Einbeziehung von Graphic Novels. SILKE KLEWIN (BAUTZEN) räumte selbstkritisch ein, dass sie das Kernanliegen der Bildungsarbeit lange in der Vermittlung von Faktenwissen gesehen habe, mittlerweile aber die Initiierung von Denkprozessen mit Jugendlichen in ergebnisoffenen sowie partizipativen Projekten priorisiere. Daran anschließend problematisierte GERHARD SÄLTER (BERLIN) die Fokussierung zahlreicher Ausstellungen auf die exakte Abbildung der umfangreichen Repression in der DDR, die dadurch keinerlei Raum für Interaktivität, Komplexität und Irritationspotenziale schaffen würden, um das Nachdenken und Interpretieren der Besucher:innen zu fördern. Darüber hinaus plädierte er für einen informierten deutsch-deutschen Vergleich in der Bildungsarbeit, der die Realität der westdeutschen Gefängnisse in den Blick nehme und den Umgang mit Ausgrenzungsmechanismen in der Diktatur unter Einbeziehung der Gewaltgeschichte des Kalten Kriegs reflektiere. In der Abschlussdiskussion wurde deutlich, dass eine Historisierung der Debatten über die Ausrichtung der Gedenkstätten der letzten dreißig Jahren ein Forschungsdesiderat darstellt und eine selbstkritische Verortung der eigenen Institutionen notwendig ist, um einen Wandel im Selbstverständnis der Gedenk- und Erinnerungsorte zu „lernenden Institutionen“ voranzutreiben.

Während im ersten Workshop erstaunlich konsequent die Probleme und Defizite der Gedenkstätten- und Aufarbeitungslandschaft aufgedeckt worden waren, standen bei der Fortsetzung die übergeordneten Fragen nach neuen Perspektiven und ihrer Integration in die Bildungsarbeit im Mittelpunkt. Der Workshop zeichnete sich insbesondere durch die institutionen- und fachübergreifende Zusammensetzung der Teilnehmer:innen und die daraus entstandenen offenen Kontroversen zu vier zentralen Themenkomplexen aus: den Spezifika des DDR-Strafvollzugs, dem Mehrwert eines informierten deutsch-deutschen Vergleichs, den Kriterien von politischer Haft in der DDR und den Alternativen zu einer Opfer-Täter-Dichotomie bei der Darstellung der Gefängnisgesellschaft. In der Abschlussdiskussion wurden diese Konfliktthemen bedauerlicherweise kaum vertieft, sondern zugunsten der Selbstbestätigung ausgespart, in den Gedenkstätten auf dem richtigen Weg zu sein. Dennoch stellte der Workshop eine produktive Fortsetzung der Debatten über die inhaltliche und didaktische Ausrichtung der historischen Gedenk- und Lernorte in ehemaligen DDR-Gefängnissen dar. Wie im Titel angekündigt, wurden die Spezifika von DDR-Gefängnissen mittels einer historischen Kontextualisierung der Verhältnisse im Strafvollzug durch den Blick auf die historischen Nachbarstaaten der DDR expliziert und eine Ähnlichkeit der Haftbedingungen in BRD und DDR abhängig vom Hafttypus diagnostiziert. Dabei sind zwischen den Teilnehmer:innen aus unterschiedlichen Institutionen auch grundlegende Diskrepanzen in der Bewertung der Strafvollzugssysteme der beiden deutschen Staaten sichtbar geworden. Dagegen gab es bei der Reflexion der Bildungsarbeit weitgehende Einigkeit darüber, dass die Gedenkstätten als „lernende Institutionen“ sich zukünftig noch stärker an einer zielgruppenorientierter, aktualitäts- und gegenwartsbezogener Wissens- und Kompetenzvermittlung orientieren müssen, die Lernräume für notwendige Differenzierungen und Irritationspotenziale in der historisch-politischen Bildung schafft. Darüber hinaus verdeutlichten die aufgekommenen Kontroversen und offenen Fragen, dass in einer Fortsetzung des Nachdenkens über die Bildungsarbeit in ehemaligen DDR-Haftorten großes Potenzial für neue wissenschaftliche Forschungsfragen und produktive Debatten über eine zeitgemäße historisch-politischen Bildung liegt.

Konferenzübersicht:

Katharina Hochmuth (Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin) /
Birgit Marzinka (Lernort Keibelstraße, Berlin): Begrüßung und Einführung

Klára Pinerová (Institute for the Study of Totalitarian Regimes, Prag): Gefängnisse in der Tschechoslowakei nach 1945 – ein Vergleich

Christine Graebsch (Fachhochschule und Strafvollzugsarchiv Dortmund): Haftbedingungen und Menschenrechtsfragen in Westdeutschland

Helge Heidemeyer (Stiftung Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen): Nur Opfer und Täter? Narrative über Gefangene und Wachpersonal in Gefängnisgedenkstätten am Beispiel Hohenschönhausen

Steffi Brüning (Dokumentations- und Gedenkstätte Rostock): Historisch-politische Bildungsarbeit der Dokumentations- und Gedenkstätte Rostock (in Trägerschaft der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern)

Podiumsdiskussion

Silke Klewin (Gedenkstätte Bautzen), Janna Lölke (Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel), Judith Mayer (Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße, Erfurt), Gerhard Sälter (Stiftung Berliner Mauer)

Moderation: Amélie zu Eulenburg (Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin)

Anmerkung:
[1] Der Bericht über den ersten Workshop ist hier nachzulesen: https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/fdkn-127866; eine ausführliche Sammlung der Beiträge erschien im LAG-Magazin vom Dezember 2021: http://lernen-aus-der-geschichte.de/Lernen-und-Lehren/Magazin/15229.