Neuhes Wyssen: Quellen und Forschungen zur Kirchenpolitik Kurfürst Friedrichs und Herzog Johanns von Sachsen um 1520

Neuhes Wyssen: Quellen und Forschungen zur Kirchenpolitik Kurfürst Friedrichs und Herzog Johanns von Sachsen um 1520

Organisatoren
Arbeitsstelle „Briefe und Akten zur Kirchenpolitik Friedrichs des Weisen und Johanns des Beständigen 1513 bis 1532. Reformation im Kontext frühneuzeitlicher Staatswerdung“ an der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig
PLZ
04107
Ort
Leipzig
Land
Deutschland
Vom - Bis
15.11.2022 -
Von
Lucas Wölbing, Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig

Zwei Brüder und die Reformation: Der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise (1463–1525) gilt als in der mittelalterlichen Kirche verwurzelter Regent und Förderer des Humanismus. Er war offen für Reformen und ist heute vor allem bekannt als Protektor Martin Luthers und damit Wegbereiter der Reformation. Sein Bruder Johann der Beständige (1468–1532) folgte ihm 1525 als deren eigentlicher Vollender in Kursachsen und Verteidiger im Reich. Das Editionsprojekt, welches das kirchenpolitische Handeln beider Fürsten abbildet, legte 2022 seinen zweiten Band vor. Mehr als 1.100 Quellen sind darin versammelt, die einen detaillierten und neuen Blick auf das Agieren beider Brüder im Zeitabschnitt von 1518 bis 1522 und damit auf eine ereignisreiche Phase der Frühreformation erlauben.[1] Anlässlich der Veröffentlichung präsentierten die Mitarbeitenden des Projekts im Rahmen eines Workshops herausragende Quellenfunde, gaben Einblick in ihre eigenen Forschungen und zeigten Perspektiven zur Nutzung der Edition für zukünftige Arbeiten auf.

MANFRED RUDERSDORF (Leipzig) verortete als Projektleiter zunächst das Editionsvorhaben nicht nur in der Landesgeschichte, sondern auch innerhalb der gesamteuropäischen Reformationsgeschichte. Anhand Kursachsens gelinge es exemplarisch, kirchliche Transformationsprozesse vor dem Hintergrund der sich im 16. Jahrhundert herausbildenden Staatlichkeit nachzuzeichnen. Er verwies auf eine Vielzahl thematischer Aspekte aus dem zweiten Band, die inhaltlich weit über das Verhältnis der Fürsten zu Martin Luther oder den bekannten Reichstag zu Worms 1521 hinausgingen. So ließen die im Volltext oder als Regest gebotenen Quellen erkennen, wie die neue Lehre sich im ernestinischen Territorium auf verschiedenen Ebenen durchgesetzt habe. Deutlich werde das nicht nur in der Kommunikation zwischen beiden Fürsten, ihrem Austausch mit gelehrten Theologen und dem Einfluss ihrer Berater wie Georg Spalatin (1484–1545), sondern auch durch eine Vielzahl anderer Themen, etwa den städtischen Reformbewegungen der frühen 1520er-Jahre, den ersten Wellen von Klosteraustritten sowie den rechtlichen Auseinandersetzungen mit der Kurie und den religiösen Fragen auf den Reichstagen.

BEATE KUSCHE (Leipzig) widmete sich auf neuer Quellengrundlage den wettinischen Ordnungen gegen Gotteslästerung zwischen 1513 und 1531, ausgehend von deren Planungsphasen bis hin zur nicht immer erfolgten Realisierung. Dabei thematisierte sie die engen Absprachen zwischen Kurfürst Friedrich und Herzog Johann und untersuchte deren Kommunikation über ein 1521/22 geplantes Ausschreiben gegen missbräuchliches Fluchen und Gotteslästerung – einer der seltenen Fälle, in dem beide Brüder voneinander abweichende Meinungen äußerten. Vor dem Hintergrund der Bemühungen um eine Polizeigesetzgebung auf Reichsebene, welche harte Strafen beim Delikt der Gotteslästerung vorsah, und der Blasphemievorwürfe, die einerseits Luther und seine Anhänger gegen den Papst und die römische Kirche erhoben, die aber andererseits auch gegen die Lutheraner vorgebracht wurden, strebte Herzog Johann ein neues Ausschreiben für Kursachsen mit einem milden Strafkatalog an. Kurfürst Friedrich bestand hingegen auf einer Verständigung mit seinem Vetter Herzog Georg von Sachsen zugunsten einer gemeinsamen Erneuerung der Ordnung von 1513. Da diese scheiterte, plädierte Kurfürst Friedrich schließlich unter Berücksichtigung der kirchenpolitischen Entwicklungen im Reich für ein Aufschieben des Ausschreibens, bis genauer einzuschätzen sei, in welche Richtung sich die Sache entwickeln würde.

Die Rolle des Kurfürsten im Umfeld der Leipziger Disputation von 1519 untersuchte KONSTANTIN ENGE (Leipzig). Blickte die Forschung bisher auf das akademische Streitgespräch zwischen Martin Luther und dem Theologen Johannes Eck (1486–1543), habe Luthers Landesherr Kurfürst Friedrich kaum eine Rolle gespielt. Während dessen Vetter Herzog Georg das Ereignis persönlich verfolgte, nahm der Kurfürst aufgrund reichspolitischer Verpflichtungen nicht daran teil. Anhand einiger Neufunde zeigte Enge, dass Friedrich der Weise dennoch regen Anteil nahm. Sein Interesse wird durch die Berichte belegt, die er im Nachgang von seinen Kontaktmännern in Leipzig forderte. Auch für die Beteiligten, die vor und nach der Disputation mit dem Kurfürsten und seinem Berater Georg Spalatin korrespondierten, sei der Kurfürst von Bedeutung gewesen. Er achtete hier selbst aber auf Distanz. Enge fasste zusammen, dass Friedrich der Weise vor dem Hintergrund seiner Politik wohl auch nicht an der Disputation teilgenommen hätte, wenn es ihm zeitlich möglich gewesen wäre: Als umsichtiger Politiker vermied er es, öffentlich Position für Luther zu beziehen.

ALEXANDER BARTMUß (Leipzig) stellte, nach einer Problemanzeige, das gegenseitige Verstehen von Informatik und Geisteswissenschaft betreffend, die Entwicklung der wichtigsten Auszeichnungssprachen für digitale Dokumente vor. Anschließend stellte er die projektspezifischen Auswirkungen der skizzierten Entwicklungen dar und widmete sich der Forschungsdatenmanagement-Software FuD, die das digitale Grundgerüst der Edition bildet. Er arbeitete heraus, dass sich das Projekt seit seiner Entstehung den Herausforderungen einer zunehmenden Digitalisierung stellt. So werden alle Quellen in der FuD-Datenbank erfasst und bearbeitet. Die Daten werden im TEI-Format gespeichert und sind so langfristig auf verschiedensten Plattformen nutzbar und archivierbar. Das Projekt setze auf eine hybride Publikationsform: Zusätzlich zur Druckfassung werden online zunächst die Metadaten der einzelnen Dokumente und nach Ablauf einer Frist schließlich auch die Volltexte im Open Access über die Website des Vorhabens zugänglich gemacht.[2]

ULRIKE LUDWIG (Leipzig) blickte auf das Verhältnis Kurfürst Friedrichs zu den Bischöfen von Meißen und Merseburg. 1522 hatte ein Mandat des Reichsregiments diese verpflichtet, gegen reformatorische Neuerungen in ihren Gebieten vorzugehen. Da sich ihre Bistümer ins ernestinische Territorium erstreckten, baten Adolf von Merseburg (1458–1526) und Johann VII. von Meißen (um 1470–1537) den Kurfürsten um Unterstützung, etwa bei Maßnahmen gegen reformatorische Geistliche. Ludwig wertete die Korrespondenz zwischen Friedrich dem Weisen und den beiden Bischöfen sowie zwischen dem Kurfürsten und seinem Bruder Herzog Johann aus. Zusätzlich zu bereits aus älteren Editionen bekannten Schreiben konnten Neufunde zum Thema geboten werden. Ludwig ging zum einen auf die unterschiedlichen Reaktionen der beiden Bischöfe auf das Regimentsmandat ein, zum anderen auf die enge Abstimmung der Brüder Kurfürst Friedrich und Herzog Johann wegen ihrer Antworten an die Bischöfe. Dabei zeigte sie auf, wie die beiden Fürsten taktierten, um den Bischöfen zwar entgegenzukommen, ihnen jedoch nicht zu viele Zugeständnisse zu machen.

Die Quellen der frühen 1520er-Jahre zu den Klosteraustritten in Kursachsen wertete SASKIA JÄHNIGEN (Leipzig) aus und blickte dabei exemplarisch auf die Männerklöster. Im Fokus standen die Fragen nach der sozialen Bedeutung des Austritts für die ehemaligen Mönche, aber auch die Herausforderungen, die sich dadurch in den Jahren 1521 und 1522 für die landesherrliche Politik ergaben. Im genannten Zeitraum kam es ausgehend von Wittenberg zur ersten Austrittswelle aus mitteldeutschen Klöstern, die in den ersten Monaten vor allem innerhalb des Augustiner-Eremitenordens ihre Bahnen zog. Während einige ausgetretene Mönche vorerst als Handwerker tätig wurden, traten andere auf der Suche nach neuen Perspektiven als Prediger auf und verbreiteten die reformatorischen Botschaften im Land. Im Umgang mit diesen Männern wurde von Kurfürst Friedrich genauso eine Reaktion gefordert, wie in der Frage der wirtschaftlichen Versorgung der immer zahlreicher werdenden ehemaligen Klosterpersonen. Selten, so stellte Jähnigen fest, habe sich der Landesherr dazu klar positioniert, wodurch er die Austrittsbewegung einerseits förderte, die ehemaligen bzw. austrittswilligen Ordensmänner aber andererseits in eine ungewisse Lage verwies.

Wie stand Friedrich der Weise also zur Reformation und zu Martin Luther? Diese Frage prägt nach wie vor die Forschungsdebatten rund um den sächsischen Kurfürsten. Um sie zu erhellen, widmeten sich die Vortragenden Einzelaspekten der landesherrlichen Kirchenpolitik, die das Handeln des Fürsten in der Phase unmittelbar nach Luthers Thesenanschlag von 1517 verdeutlichen. Dabei zeichneten sie anhand neuer Quellenfunde eine Zeit der Frühreformation nach, in der sich Neuerungen begannen durchzusetzen, wobei stets die Reaktionen und das Agieren der Fürsten Friedrich und Johann im Mittelpunkt standen. Kurfürst Friedrich bewerteten sie in ihren jeweiligen Fallstudien als einen umsichtigen und zunächst vorsichtigen Landesherrn, dessen Unterstützung der neuen Lehre sich um 1520 noch nicht eindeutig und öffentlich abzeichnete. Zwar nahm der Kurfürst aktiv an den religionspolitischen Debatten seiner Zeit teil, doch im betrachteten Zeitraum von 1518 bis 1522 vermied er es, öffentlich Stellung zu beziehen. Diese augenscheinliche Zurückhaltung bedeute – so ein Fazit – aber keinesfalls, dass er untätig gewesen sei und nicht auf die Veränderungen reagiert habe. Vielmehr habe Friedrich der Weise vor dem Hintergrund der Reichspolitik die Geschehnisse in seinem Territorium sorgsam beobachtet, seine Entscheidungen abgewogen und die Handlungsspielräume, die sich ihm boten, geschickt genutzt. Durch seine Haltung habe der Kurfürst wichtigen Transformationsprozessen überhaupt erst Raum gegeben. Vor allem der Briefwechsel mit seinem Bruder Herzog Johann, der sich durch gemeinsame Entscheidungsfindung und Absprachen in kirchenpolitischen Fragen auszeichnet, erlaubt Rückschlüsse auf die Position des Kurfürsten und dessen politisches Handeln. So ist etwa die sich immer deutlicher abzeichnende Schutzpolitik der Ernestiner gegenüber Martin Luther und der reformatorischen Lehre ein zentrales Thema, das sich in den edierten Quellen widerspiegelt. Die Vortragenden gaben zudem einen Ausblick auf die zukünftigen Bände des Editionsvorhabens, das die ernestinische Kirchenpolitik bis zum Tod Kurfürst Johanns 1532 abbilden wird. Bereits jetzt können zahlreiche neue Quellenfunde vermeldet werden, die es in Zukunft erlauben, ein noch klareres Bild der beiden „Reformationsfürsten“ Friedrich und Johann von Sachsen zu entwerfen.

Konferenzübersicht:

Moderation: Armin Kohnle (Leipzig)

Manfred Rudersdorf (Leipzig): Die Friedrich-Johann-Edition 1513–1532: Einführung in Konzeption und Idee eines aktuellen Reformations-Projekts der Sächsischen Akademie der Wissenschaften

Beate Kusche (Leipzig): sich eines ausschreibens halben vereinigen: Neue Quellen zu den wettinischen Landesordnungen gegen Gotteslästerung

Konstantin Enge (Leipzig): Zwischen Engagement und Distanz: Kurfürst Friedrich der Weise und die Leipziger Disputation

Alexander Bartmuß (Leipzig): Alte Briefe in neuer Zeit: Möglichkeiten und Grenzen der Edition frühneuzeitlicher Briefe mit digitalen Hilfsmitteln

Ulrike Ludwig (Leipzig): das können wir schwerlich ohne euer lieb zutun vollenden: Zur Umsetzung des Regimentsmandats vom Januar 1522 durch die Bischöfe von Meißen und Merseburg in Kursachsen

Saskia Jähnigen (Leipzig): dergleichen der monch zu Machern sein geystlich claydt abgelegt: Klosteraustritte und ehemalige Mönche in den frühen Reformationsjahren in Kursachsen.

Anmerkungen:
[1] Armin Kohnle / Manfred Rudersdorf (Hrsg.), Briefe und Akten zur Kirchenpolitik Friedrichs des Weisen und Johanns des Beständigen 1513 bis 1532. Reformation im Kontext frühneuzeitlicher Staatswerdung, Bd. 2: 1518 bis 1522, Leipzig 2022.
[2] Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig (Hrsg.), Briefe und Akten zur Kirchenpolitik Friedrichs des Weisen und Johanns des Beständigen 1513 bis 1532. Reformation im Kontext frühneuzeitlicher Staatswerdung: https://bakfj.saw-leipzig.de/ (05.12.2022).

Redaktion
Veröffentlicht am
06.01.2023
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Sprache(n) der Konferenz
Deutsch
Sprache des Berichts