Arbeit – Alltag – Ausbeutung. Gesellschaftsgeschichte der Arbeiterinnen

Arbeit – Alltag – Ausbeutung. Gesellschaftsgeschichte der Arbeiterinnen

Organisatoren
Kirsten Heinsohn, Hamburg; Anja Kruke, Bonn; Katja Patzel-Mattern, Heidelberg; Hedwig Richter, München; Sebastian Voigt, München; in Kooperation mit der Reichspräsident Friedrich Ebert-Gedenkstätte
PLZ
69120
Ort
Heidelberg
Land
Deutschland
Fand statt
In Präsenz
Vom - Bis
28.09.2023 - 29.09.2023
Von
Vincent Dold, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Gesellschaftsgeschichtlich nach Arbeiterinnen zu fragen, öffnet unser Verständnis von Arbeit um die Erfahrungsräume und Handlungsformen von Frauen zwischen Reproduktions-, Care- und Lohnarbeiten. Der Konferenz in der Heidelberger Reichspräsident Friedrich-Ebert-Gedenkstätte gelang es vor diesem Hintergrund ein Tagungsprogramm zu konzipieren, das verschiedene Wissenschaftsgenerationen und Expertisen der (neuen) Arbeits- und Gewerkschaftsgeschichte vereinte. Der Gehalt der einzelnen Beiträge beschränkte sich nicht auf den Zuschnitt der Sektionen, denen sie thematisch zugeordnet waren. Äußerst produktiv waren die zahlreichen Verbindungslinien, die sich auch zwischen Vorträgen ergaben, die nicht einer gemeinsamen Sektion angehörten. Das Zusammenspiel von detaillierten Einzelvorträgen und tiefenschärfenden, eigenständigen Kommentaren von Mitgliedern des wissenschaftlichen Beirats der Gedenkstätte führte zu einer intensiven Diskussion über Stand, Selbstverortung und Aufgaben einer geschlechtergeschichtlichen Arbeitsgeschichte. Der folgende Tagungsbericht resümiert die Beiträge daher im Licht dreier exemplarischer, übergeordneter Fragehorizonte, in denen sich die Vorträge beider Tage bewegten.

1) Die Frage nach der Geschlechtergeschichte als Oppositionswissenschaft zur traditionellen Arbeitsgeschichte
Einerseits boten zahlreiche Vorträge empirisches Material, das ein solche Charakterisierung rechtfertigte: ALICIA GORNY (Bochum) präsentierte Material und Befunde aus ihrer Dissertation zur bisher wenig beachteten Gewerkschaft Textil-Bekleidung. Zwar konnten 1984 56 Prozent der Betriebsratsmandate von Frauen besetzt werden, was ihrem Belegschaftsanteil entsprach. Im Hauptvorstand und in der Geschäftsführung jedoch blieben Frauen deutlich unterrepräsentiert. Auf Oral History und Ego-Dokumente gestützt, konnte sie das Beharren der männlichen Gewerkschaftselite gegenüber der mehrheitlich weiblichen Belegschaft als seit den 1960er-Jahren etablierte handfeste männerbündische Struktur nachweisen. Damit rückten erfahrungsgeschichtlich interne Konflikte und informelle patriarchale Machtstrukturen in den Blick.

Eine geschlechtergeschichtliche Revision sächsischer Gewerbeordnungen, Arbeitskarten und Lohnstatistiken ermöglichte MANUEL SCHRAMM (Chemnitz) eine geschlechtlich differenzierte – und ursprünglich gar nicht angedachte – Analyse von Jungen- und Mädchenarbeit im Kaiserreich. Die Verbreitung war zwischen beiden Geschlechtern ähnlich hoch, aber von polarisierten Tätigkeitsfeldern geprägt. Ein Vergleich der Löhne, Arbeitszeiten und Schutzbestimmungen zeigte geschlechterspezifische Auswirkungen. Für die weiblich geprägte landwirtschaftliche und Heimarbeit hatten Nachtarbeitsverbote kaum Konsequenzen, die weibliche Arbeitszeit war insgesamt vermutlich länger, der Lohn geringer, auch weil sie seltener in Trinkgeld-Berufen arbeiteten.

ALEXANDER MAYER (München) postulierte auf weibliche Autobiografien und lebensgeschichtliche Interviews gestützt eine Kritik des Konzepts individueller sozialer Mobilität. Er argumentierte, dass (Arbeiter-)Frauen auch abseits persönlicher Berufsaspirationen eine zentrale Rolle in den familiären Strategien sozialen Aufstiegs spielten, die als gemeinsame Projekte von Ehepartnern zu verstehen seien. Eine Selbsterzählung entlang beruflichen sozialen Aufstiegs sei dagegen selten vorhanden. Bezüglich der familiären Prägung und Förderung von Mädchen plädierte Mayer für einen emotionshistorischen Blick auf die Geschichte sozialer Mobilität. So hätten sich die weiblichen Hoffnungen auf individuellen Aufstieg erst in der Zwischenkriegszeit verstärkt, deren zunächst häufige Enttäuschung dann später in Erwartungen an die folgende Generation übertragen wurden.

Auch der von SOPHIA KUHNLE (Bochum) präsentierte Blick auf Gewerkschafts- und Arbeitsgeschichte durch die Zeilen der feministischen Bewegungszeitschriften „Courage“ und „Emma“ zielte auf eine geschlechtergeschichtliche Revision. Exemplarisch stellte sie sexistische Ausschlusserfahrungen, aber auch eigenständige politische Praxen der Ehefrauen streikender Männer vor. Auch die Betonung weiblicher Streiks von Reinigungskräften in 1977 und 1978 verdeutlichte bestehende Lücken der Arbeits- und Streikgeschichte.

Die bisher resümierten Vorträge zeigen stellvertretend: Das Potential von und der Bedarf an Geschlechtergeschichte als subersives Korrektiv scheint noch lange nicht ausgeschöpft. Diese Grundfrage wurde die Tagung begleitend an verschiedenen Stellen teils konträr diskutiert. Einige Aspekte seien hier angerissen.

KAREN HAGEMANN (North Carolina) kritisierte diese Stellung der Geschlechtergeschichte in ihrem Kommentar vor dem Hintergrund der nunmehr jahrzehntelangen Forschungsgeschichte. Den Beginn der Gender Labour History in den 1980er-Jahren (bspw. Alice Kessler-Harris oder auch die, teils eigenen, Arbeiten der Bielefelder Sozialgeschichte) setzte sie in Kontrast zu einem immer noch additiv konnotierten Status der Geschlechtergeschichte in Deutschland. Beim abendlichen Roundtable pointierte sie ihre Kritik, dass die Anfänge und frühe internationale Vorreiterrolle der deutschsprachigen Gender Labour History mittlerweile oftmals vergessen seien, und die neueren Forschungen somit alte Ergebnisse zu wiederholen drohten. Ein Punkt, der auch von GISELA LOSSEFF-TILMANNS (Düsseldorf) angesprochen wurde. JOHANNA GEHMACHER (Wien) ermutigte dazu, sich vom Duktus der „Bewegungsgeschichtsschreibung“ zu lösen. Dieser habe eine Rhetorik des Vergessenen und Übergangenen etabliert, die selbst wiederum dazu verleite, bereits geleistete Forschungen falsch einzuschätzen. Hagemann betonte zudem, dass sich die empirischen Untersuchungen (wieder) stärker in übergreifende Forschungsdebatten und größere Deutungen einschreiben.

Dafür plädierte tags darauf auch DIETMAR SÜẞ (Augsburg), wenngleich er das Defizit nicht in einer mangelhaften Integration von Gender in die Arbeitsgeschichte sah. Er verwies stattdessen auf einen zentralen Aspekt des Tagungstitels selbst, die Ausbeutung, die nicht ohne Klassenbegriff verstanden werden könne. Süß forderte eine Begriffschärfung gerade hinsichtlich des Kontinuums weiblicher Arbeiten zwischen Produktions- und Reproduktionsbereichen. Unter Einbezug von Josef Moosers These der Entproletarisierung und Eric Olin Wrights Betonung der Klassenfrage stellte er somit die Frage nach dem Begriff von Arbeit und Arbeiterin selbst in den Raum.

2) Was und wer ist eine Arbeiterin?
Dass diese Frage nicht so banal ist, wie sie klingt, verdeutlichte CHRISTOPH CORNELIẞEN (Frankurt am Main) in seiner Anmoderation des Roundtables. Sein kurzer lexikalischer Überblick pointierte die traditionelle Schwierigkeit von Soziologie und Geschichte, der Arbeiterin Gestalt und Repräsentation zu verleihen. Für einen breiten Arbeitsbegriff, der häusliche, nichtentlohnte sowie von verschiedensten Altern erbrachte Tätigkeiten umfasst, leistete die Konferenz wichtige Beiträge. Wiederum exemplarisch seien einige Vorträge resümiert.

MAREIKE WITKOWSKI (Oldenburg) betrachtete Hausgehilfinnen ab den 1920er-Jahren und damit eine Situation, in der Arbeitsplatz, Haushalt und Wohnort häufig ebenso in eins fielen wie unterschiedliche, als weiblich konnotierte Praxen der Betreuung, Pflege, Sorge und Reproduktion. Eine Untersuchung dieser mit in der Zwischenkriegszeit um die eine Millionen Arbeiterinnen lange Zeit zweitgrößten und vorrangig sehr jungen weiblichen Berufsgruppe zeige, dass die Arbeiterin nicht fälschlich als Industriearbeiterin verallgemeinert werden kann. Anhand von Berufsschulaufsätzen konnte sie eine erfahrungsgeschichtliche Perspektive einnehmen. Ein wichtiger Aspekt der Ausbeutung traf die Hausgehilfinnen in der zeitlichen Entgrenzung ihrer Arbeit bei gleichzeitig teils naturalisierter Entlohnung und schwacher gewerkschaftlicher Vertretung.

Spezifische Frauenbilder prägten wiederum die Industriearbeit selbst, worauf ANNA HORSTMANN (Hamburg) anhand der Konstruktionen weiblicher Vulnerabilität aufmerksam machte. Nachtarbeitsverbote und nur für Frauen geltende Schutzstandards kreierten ein Spannungsfeld aus Fürsorge und Diskriminierung, wie sie am Beispiel der Chemiearbeiterinnen im 20. Jahrhundert zeigte. Auch abseits der rechtlichen Situation, in der BRD deutlich restriktiver als in der DDR, bedingten moralische und gesundheitliche Diskurse Ausschlussmechanismen. Mehr weibliche Krankheitstage wurden als biologisches Argument für eine spezifische körperliche Anfälligkeit genutzt, obwohl schlicht Mutterschutztage hier mit eingerechnet waren. So war die Chemikantin in der bundesdeutschen Geschichte (mit Ausnahme der Kriegswirtschaften) ein nur schwer zugängliches Berufsfeld der Arbeiterin.

Abseits von der Frage nach Arbeit zwischen privaten und öffentlichen Räumen sowie zwischen entlohnter Erwerbsarbeit und als weiblich naturalisierten Tätigkeiten, war die Sprache und Vorstellung der Arbeiterin immer auch ein politisches Unterfangen. KENA STÜWE (Berlin) fokussierte den Konflikt der sozialistischen Frauenbewegungen zwischen den 1890er-Jahren und 1920er-Jahren um die Politisierung der Frau als Arbeiterin einerseits, als Mutter und Hausfrau andererseits, auf das Feld der Haus- und Sorgearbeiten. Die Lösungsideen für die zeitgenössischen Ausschlüsse, Mehrfachbelastungen und Zeitprobleme schwankten zwischen technologischem Pragmatismus und der Hoffnung auf einen revolutionären Überschuss in der Reorganisation der Reproduktionsarbeiten. Sie konnte bei sozialdemokratischen wie auch anarchistischen Akteuren Überlegungen nachweisen, in denen Haus- und Sorgetätigkeiten nicht mehr als quasi-natürliche Frauentätigkeit sondern als Lohnarbeit verstanden wurde.

Ein antikapitalistisches Selbstbild führte auch in späteren Bewegungen zu einer intensiven Beschäftigung mit der „Arbeiterin“. Dies argumentierte JESSICA BOCK (Kassel) anhand der filmischen wie publizistischen Dokumentationen über Arbeiterinnen im „Roten Jahrzehnt“, das von einer stärkeren aktivistischen Zusammenarbeit von Arbeiterinnen und Studentinnen geprägt sei, als bisher angenommen. Das zeitgenössische Credo „Frauen gemeinsam sind stark“ war, so Bock, durch klassen- und milieuübergreifende Allianzen fundiert. Ob in Köln, Dortmund oder München, ob gegen den Paragraph 218 oder vor den Werkstoren, Studentinnen und Arbeiterinnen trafen sich tatsächlich in gemeinsamer Aktion. Das Beispiel der Heinze-Frauen ab 1979 sowie die zentrale Rolle der migrantischen Arbeiterinnen im Pierburg-Streik 1973 zeigten die Arbeiterin als politisches Subjekt.

Es waren nicht zuletzt sich als sozialistisch verstehende Frauen selbst, die die Realität migrantischer, proletarischer Arbeiterinnen ans Tageslicht holten, wie VOJIN SAŠA VUKADINOVIĆ (Berlin) anhand ins Vergessen geratener Texte Marianne Herzogs betonte. Auf den Text „Von der Hand in den Mund. Frauen im Akkord“ (1976) und die Herausgeberschaft des autobiografischen Berichts der Gastarbeiterin Vera Kamenko („Unter uns war Krieg“, 1978) fokussiert, kritisierte Vukadinović eine nachfolgende linke Ignoranz gegenüber den von Herzog hergestellten Wissen über und Kontakt mit der westdeutschen Arbeiterinnenrealität.

Die Geschichte der „Arbeiterin“ ist somit immer auch eine der erhofften – teils realisierten – Allianz zwischen Frauen. Dass die Arbeiterin aber auch als „Sehnsuchtsklientel“ autonomer wie sozialistischer Feministinnen dechiffriert werden sollte, mahnte BERNHARD GOTTO (München/Berlin) an. Nicht nur sei das Verhältnis von Klasse und Geschlecht ein ständiger Reibungspunkt der zweiten Frauenbewegung geblieben, das Entstehen einer eigenständigen migrantischen Frauenbewegung verweise zudem auf vorhandene diskursive wie praktische zeitgenössische Leerstellen. Eine Gesellschaftsgeschichte der Arbeiterinnen muss somit ebenso für die Brüche, Distanzen und Fremdheiten zwischen Frauen aufmerksam bleiben.

3) Frauenhierarchien, -differenzen & Intersektionalität
JOHANNA GEHMACHER (Wien) fasste pointiert die in vielen Vortragsthemen vorhandenen Reibungen und Konflikte als Problemfeld der Unterschiede und Hierarchien zwischen Frauen zusammen. Für den theoretischen Umgang mit dieser Differenz rückt auch in der deutschsprachigen Forschung immer mehr der Intersektionalitätsansatz ins Zentrum (der gleichwohl manchem Zuhörer immer noch ein stilles Stirnrunzeln verursachte). SEBASTIAN VOIGT (München/Berlin) rief als frühes intersektionales Dokument das Combahee River Collective Statement in Erinnerung.

Mit den Arbeitskämpfen im Textilunternehmen Nordwolle von 1927 thematisierte ANDA NICOLAE-VLADU (Bochum) einen vergessenen Streik migrantischer Arbeiterinnen. Insbesondere auf die von ihr entdeckten betrieblichen Arbeitskarten gestützt, konnte sie eine zentrale Beteiligung ostmitteleuropäischer migrantischer Frauen am Streik ausmachen (bis zu 46 Prozent der Beteiligten). Konträr zu deren widerständigen Praxen dominierte die zeitgenössische, auch sozialdemokratische Presse die Figur der streikbrechenden, nicht-organisierbaren jungen schlesischen Frau. Die Konzernleitung selbst sah im hohen Anteil migrierten Frauen Gründe für die ökonomischen Schwierigkeiten. Nicolae-Vladu plädierte somit dafür, Gender, Rassismus und Armut in ihren Verflechtungen zu rekonstruieren.

Gleichwohl muss der stark auf Unterdrückung und Ausbeutung fokussierende Intersektionalitätsansatz besonders aufmerksam bleiben für die Nuancen und Graustufen weniger scharf umrissener Kategorien. Eine derart gelagerte weibliche ost-west-deutsche Konfliktgeschichte beschrieb MARCEL BOIS (Hamburg) entlang der Eisenbahnerinnen in der Transformationsphase nach 1989. Ein (Oral History-)Blick auf die Bundesfrauenleitung und Bundesfrauenkonferenz der Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands zeigte vielfache Konflikte. Diese betrafen die Dominanz von Frauen aus der Bundesbahn in den höheren Gremien und Posten gegenüber den mehrheitlich ostdeutschen Mitgliedern, alltägliche Abwertungen und Differenzerfahrungen, aber auch deutlich unterschiedliche Rollenbilder von Weiblichkeit. So wunderten sich die Ostfrauen anfangs über die Kinderbetreuungs-Probleme ihrer westdeutschen Kolleginnen. Der einsetzende massive Stellenabbau in der Reichsbahn allerdings betraf doch vor allem Frauen – eben auch weil die Kinderbetreuung in Ostdeutschland ab 1989 rapide nachließ und Frauen somit verstärkt Care-Arbeiten außerhalb ihres Berufes übernehmen mussten.

Eine frühe Überkreuzung agrarischer, geschlechtlicher und klassenbezogener Emanzipationsansprüche identifizierte ESZTER VARSA (Budapest) bei der ungarischen, aus einer bäuerlich-sozialistischen Familie stammenden Aktivistin Mariska Várkonyi (1878-1924). Várkonyi verband rurale wie urbane Perspektiven und beleuchtete wechselseitig Geschlechter- und Klassenpositionen. Ihre Politikformen und -räume fanden sich sowohl in öffentlichen Tätigkeiten wie Publizistik und (als erste Frau aus den Unter- und Mittelschichten) Redaktionsarbeit für die Zeitschriften „Földmivelö“ und „Egyetértés“, wofür sie zeitgenössisch attackiert wurde. Nicht zuletzt formulierte sie explizit einen weiblichen Sehepunkt als privilegierten Erkenntnisstandpunkt geschlechtlicher Ungleichwertigkeit. Gerade ihre „prekäre Verortung“ (so Johanna Gehmacher in ihrem Kommentar) stand in Verbindung mit dem besonderen Theorieangebot, dass sie ihren Zeitgenoss:innen machte.

Die Frage des Familienstands und der Familiengebundenheit wäre ein weiterer und mehreren Debattenpunkt, auf den hin die reichhaltigen Tagungs- und Diskussionsbeiträge hätten resümiert werden können. Zu nennen wären auch die Hinweise darauf, Gewerkschaftsgeschichte verstärkt als Geschichte von Männlichkeiten und Geschlechterbeziehungen in den Blick zu nehmen. Die Bandbreite der aktuellen Arbeiterinnengeschichte und ihre Herausforderungen präsentierte die Tagung der Reichspräsident Friedrich-Ebert-Gedenkstätte jedenfalls eindrücklich. Dabei gilt es, die internationale Theoriediskussion im Blick zu behalten. Es muss auch die umfangreiche Lektürearbeit geleistet werden, um sich auf die Schultern der nunmehr jahrzehntelangen deutschsprachigen geschlechtergeschichtlichen Arbeitsgeschichte zu stellen. Der Roundtable brachte allerdings auch zur Sprache, dass sich die materiellen Forschungsbedingungen hierfür angesichts gestrichener Professuren und prekärer akademischer Berufswege insgesamt verschlechterten. Wer sich dennoch im Feld der neuen Arbeitsgeschichte bewegt, wird sich in einem revitalisierten Forschungsfeld wiederfinden. Dies machte die Heidelberger Arbeiterinnen-Konferenz mehr als deutlich.

Konferenzübersicht:

Sektion 1: Gesellschaftsentwürfe
Kommentar: Gisela Losseff-Tillmanns
Moderation: Sebastian Voigt

Kena Stüwe (Berlin): Die Sozialisierung von Haus- und Sorgearbeit als emanzipative Möglichkeit – feministische Gesellschaftsentwürfe aus dem Deutschen Kaiserreich und der Weimarer Republik

Alicia Gorny (Bochum): „Die gläserne Decke durchbrechen“ – Darstellung der Strukturprobleme in weiblich dominierten Gewerkschaften am Beispiel der Gewerkschaft Textil-Bekleidung (1945-1998)

Sektion 2: Soziale Mobilität und Ungleichheiten
Kommentar: Karen Hagemann
Moderation: Alexandra Jaeger

Manuel Schramm (Chemnitz): „Bei Stücklöhnen leisten die Mädchen gewöhnlich mehr als die Knaben“. Formen der Erwerbsarbeit von Mädchen im Kaiserreich

Alexander Mayer (München): Hoffnungen und Strategien sozialen Aufstiegs bei Frauen aus der Arbeiterklasse, 1880-1939

Anda Nicolae-Vladu (Bochum): Kämpfe der Migration innerhalb der Nordwolle (NWK) in der Weimarer Republik. Der konzernweite Streik 1927

Roundtable: Unsichtbar und omnipräsent? Arbeiterinnen und Care-Arbeit in der Geschichtsschreibung und in aktuellen Diskussionen
Moderation: Christoph Cornelißen
Karen Hagemann und Gisela Losseff-Tillmanns im Gespräch mit Marcel Bois und Alicia Gorny

Sektion 3: Lebens- und Arbeitswelten
Kommentar: Dietmar Süß
Moderation: Katja Patzel-Mattern

Marcel Bois (Hamburg): „Haben Frauen hier weniger Rechte als Jugendliche?“ Der Wandel von Arbeits- und Lebenswelten ostdeutscher Eisenbahngewerkschafterinnen nach 1989

Mareike Witkowski (Oldenburg): Arbeitsplatz Privathaushalt. Städtische Haushaltsgehilfinnen im 20. Jahrhundert

Anna Horstmann (Hamburg): Die Konstruktion der Arbeiterin als vulnerabler Körper: Frauenarbeitsschutz zwischen Fürsorge und Diskriminierung in der chemischen Industrie des 20. Jahrhunderts

Sektion 4: Die Arbeiterin und die Frauenbewegung
Kommentar: Bernhard Gotto
Moderation: Anja Kruke

Jessica Bock (Kassel): Die Arbeiterin als politisches Subjekt in der neuen Frauenbewegung in der Bundesrepublik

Sophia Kuhnle (Bochum): Die zweite Frauenbewegung und der Arbeitskampf – Frauen, Streiks und Frauenstreiks im Spiegel feministischer Zeitungen 1976 – 1984

Sektion 5: Biografische Beobachtungen
Kommentar: Johanna Gehmacher
Moderation: Anja Kruke

Vojin Saša Vukadinović (Berlin): Frauen im Akkord. Marianne Herzog als Protokollantin westdeutscher Zustände

Eszter Varsa (Budapest): “Through the eyes of a woman:” Agrarian socialist labour activist Mariska Várkonyi in 1890s-1900s Hungary

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