“All stories at least are not the same”. Dis:connectivities in global knowledge production

“All stories at least are not the same”. Dis:connectivities in global knowledge production

Organisatoren
Nikolai Brandes / Burcu Dogramaci, Käte Hamburger Kolleg global dis:connect, Ludwig-Maximilians-Universität München
PLZ
80539
Ort
München
Land
Deutschland
Fand statt
In Präsenz
Vom - Bis
11.10.2023 - 13.10.2023
Von
Dogukan Akbas / Peter Seeland, Student Assistant, Käte Hamburger Kolleg global dis:connect, München

„All stories are at least not the same“, schrieb die Schriftsteller:in Bernadette Mayer in ihrem Werk Story (1968). In diesem sind verschiedene Novellen miteinander verflochten, womit die Pluralität von Wissensproduktion thematisiert wird. Wie kann man diese Pluralität greifen und erforschen? Wie wird Wissen vermittelt und angewendet und welchen (globalen) Dynamiken folgt es? Diesen Fragen nahm sich die von Nikolai Brandes und Burcu Dogramaci organisierte und eingeführte Jahrestagung 2023 des Münchener Käte Hamburger Kollegs global dis:connect (fortan KHK) an: Ausgehend von Konnektivität und Diskonnektivitäten in Globalisierungsprozessen, dem Forschungsschwerpunkt des KHK, widmete sich die Tagung Dis:konnektivitäten in globalen Prozessen der Wissensproduktion. Ein Fokus auf die diversen Formen von Unterbrechungen, Abwesenheiten und Abschweifungen in Wissensproduktionen sollte ein differenziertes Bild liefern und sich von dem Narrativ einer linearen, grenzenlosen und allgemeinverfügbaren Globalisierung distanzieren. Hierbei baute die Tagung auf die methodisch orientierte Jahrestagung 2022 auf.1 Das KHK lud nicht allein Wissenschaftler:innen ein und legte Wert auf Diversität und Multidisziplinarität. Somit sprachen auch Künstler:innen und Aktivist:innen. Ein Filmscreening und Museumsbesuche führten heraus aus dem Konferenzraum. Die Jahrestagung folgte einer thematischen Dreiteilung bestehend aus Erschließung, Träger:innen und Herausforderungen von Wissen und seiner Produktion.

Die Tagung begann mit einem Filmscreening des Films „Queer Gardening“ (2022). Die Stadtplaner:in, Filmemacher:in und Gärtner:in ELLA VON DER HAIDE (München) fängt in ihrem Dokumentarfilm die Geschichten verschiedener queerer, in den USA lebender Menschen ein und bietet ihren individuellen Erfahrungen mit der Gärtnerei einen Raum. Die Akteur:innen versuchen durch linguistische, etymologische, spirituelle oder historische Auseinandersetzung mit dem Gärtnereikonzept ihren Widerstand gegenüber der von hetero-cis Persönlichkeiten geprägten normativen Praxis des Gärtnerns und der damit einhergehenden Diskriminierung in der Gärtnerei auszudrücken. Ziel ist es, Gärtnerei als gesellschaftliches Konzept zu verstehen und durch queere Perspektiven neu zu denken, aber auch zur Produktion von Lebensmitteln und Heilpflanzen einzusetzen. Ökologisches Wissen, bisher dominiert von einer heteronormativen Vorstellung von Reproduktion, kann so umgedeutet und revidiert werden. Gärtnern kann somit als Reflektion queerer Identitäten queeres Wissen schaffen und vermitteln.

Über Herausforderungen queerer Wissensproduktion sprach die Exilschriftstellerin und Gender Forscherin STELLA NYANZI (Berlin). Sie verstehe sich als knowledge producer und identifiziere sich mit drei Identitäten: Als Akademikerin, Poetin und Aktivistin. Sie fokussierte sich auf die Kriminalisierung von Wissensproduktion in Uganda und machte anhand von visuellem Aktivismus die Herausforderungen queerer Wissensproduktion deutlich. Denn in Uganda werden queere Menschen durch sogenannte Anti-Homosexuellen Gesetze kriminalisiert, durch die Presse diffamiert und oft auch körperlich angegangen. Körperliche und psychische Gewalt verhindern ein angstfreies und würdevolles Leben für queere Menschen in Uganda. Ohne abschließende Konklusion stellte Nyanzi einige Fragen für die Zukunft von Forschung und Aktivismus: Wie können Wissensproduzent:innen mit solchen Gefahren umgehen und wie kann queeres Wissen zu einer Gesellschaft ohne Unterdrückung beitragen?

Die Historikerin STEPHANIE ZLOCH (Dresden) verstand Bildung als zentralen Pfeiler der Wissensproduktion. Sie widmete sich dabei den Herausforderungen von Wissensproduktion durch (globale) Migration. Im Besonderen thematisierte sie die Bildungsumstände in Deutschland im Rahmen der großen Migrationen nach 1945. Sie betrachtete dabei Displaced Persons, das Nachkriegsbildungssystem, Sprachschulen für Migrant:innen, islamischen Religionsunterricht in Deutschland und „Ausländerklassen“ an deutschen Schulen. Zloch untersuchte, wie Wissen durch Unterbrechungen und Umwege, politische Auseinandersetzungen und Nationalinteressen rekontextualisiert und zu neuen Formen synthetisiert werden kann.

München ist schon seit langem eine Stadt der Migration, von den Arbeitsmigrant:innen des 19. und 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Dies verdeutlichte die Führung des Historikers SIMON GOEKE (München) durch die Sammlung des Münchner Stadtmuseums. In der ausgestellten Collage Transtopischer Teppich (2016) schafft etwa die Soziologin und Künstlerin Tunay Önder eine Mindmap zur Migrationserfahrung in München.2 Die collagierten Objekte mischen Migrationskultur, bilden Hybride aus deutscher und türkischer Sprache und Erinnerungskultur. Es entstehen Begriffe wie „Migrantenstadl“ oder ein Migrationswörterbuch. Durch Migration, so zeigte die Ausstellung, können sich Kultur und Wissen ändern und so Neues entstehen.

Die Historikerin LUCIE MBOGNI NANKENG (Dschang) stellte am Beispiel von traditionellen kamerunischen Tänzen einen intergenerationellen, aber auch globalen Transfer von Wissen vor. Der Tanz werde so zu Verkörperung von Wissen und vermittele Identität, kulturelles und faktisches Wissen, so etwa über das Leben mit der Natur oder Traditionen.

MARIANA SADOVSKA (Köln) schloss mit ihrer Konzert-Lecture an diese Idee von Wissenstransfer durch Tradition an. Durch das forschende Zusammentragen von Liedgut aus der Ukraine hat Sadovska Anteil an der Bewahrung und Vermittlung von oft nur mündlich überlieferten Gesängen. Ihr Konzert, das ausdrücklich innerhalb der Vortragssektion und nicht als Beiprogramm eingeplant war, führte mit Stimme und Harmonium durch die multikulturelle Musiklandschaft der Ukraine, in der unter anderem jüdische, albanische, aber auch griechische oder schwedische Einflüsse zu finden seien. Die meist polyphonen Stücke können so metaphorisch für die diverse ukrainische Volkskultur stehen. Auch durch den gegenwärtigen Krieg erfuhr Sadovskas Verbindung von Kunst und Wissenschaft eine besondere Relevanz. Bewahrung und Wiederbelebung von Wissen durch persönliche Aneignung seien dabei ihre Strategie.

Die Künstlerin LIZZA MAY DAVID (Berlin) berichtete von ihrem Archivprojekt, in dem sie philippinische Kolonialgeschichte durch Kolonialfotografie aufarbeitet. Westliche Kolonialmächte entwarfen Foto-Archive, die ihren eigenen Vorstellungen folgten. Nachdem diese westlichen Ideen auf die Philippinen gelangten, sich in den Fotos niederschlugen und wieder zurück nach Europa kehrten, arbeitet David mit ihnen und sendet ihre Arbeit zurück nach Indonesien. Dabei wird ein globaler und dis:konnektiver Aspekt von Wissensdynamik deutlich.

Die Choreografin YOLANDA GUITÉRREZ (Hamburg) schloss an das Thema des Archivierens durch ihre Urban Bodies Projects an. Die Projekte funktionieren als postkoloniale Stadtführungen, in denen choreographische Performances auf die Präsenz der Kolonialisierung in europäischen Städten aufmerksam machen und eine dekolonisierte Zukunft durch den Tanz formen. Dabei ist der Körper Träger von kolonialer Erfahrung. Außerdem findet über die Körperlichkeit Produktion und Vermittlung von Wissen um die Kolonialgeschichte statt. Körper versteht sie also als Wissensarchiv.

Durch die Ausstellung Archiv 451 des Trikont-Verlags im Haus der Kunst (München) führte der Schriftsteller FRANZ DOBLER (Augsburg). Das autonome Verlagsarchiv funktioniert als Wissensspeicher des Trikont-Verlags, der eine zentrale Rolle in der Münchner 68er-Bewegung innehatte. Als einer der ersten autonomen Verlage der BRD verbreitete er alternative Perspektiven auf neue soziale und ökologische Ideen im Sinne der Arbeiterbewegungen, so Franz Dobler, der in den späten Jahren des Verlags als Schriftsteller und Aktivist mitwirkte. Mit seinem Schwerpunkt auf Dekolonisierungsbestrebungen und Antifaschismus formte der Verlag Wissen auch gesamtgesellschaftlich mit. Das Archiv stellte nicht nur die publizierten Bücher, sondern auch Schallplatten und Dokumente des Musiklabels und Verlags aus.

Die Kunsthistorikerin MONA SCHIEREN (Bremen) beschäftigte sich mit der körperlichen Erfahrbarkeit von Wissen. Dabei stellte sie das Körperverständnis der brasilianischen Künstlerin Lygia Clark vor. Diese versuchte in ihrem Project Structuring the Self (1989-88) durch Berührungen und Objekte Prozesse der körperlichen Erinnerungen bei unterschiedlichen Menschen anzustoßen. Das Erinnern, Wiederbeleben und damit die Erweiterung von Wissen verbindet sie mit einer transzendental körperlichen Wissenserfahrung.

Körperlichkeit von Wissen wird in der Performancearbeit Non Aligned Movement (2020) des Künstlers Christian Guerematchi spürbar. Ein schwarzer Mann mit schwarzer Maske, den Allüren und der Uniform des jugoslawischen Präsidenten Josip Tito entkleidet sich tanzend.3 Die Kunsthistorikerin JASMINA TUMBAS (Buffalo) ordnete diese Performance als eine afro-europäische Identitätssuche ein: der aus dem ehemaligen Jugoslawien stammende Künstler dekonstruiert die Person Tito als Symbol für eine rassistische, patriarchale und heterosexuelle Gesellschaft durch seinen tanzenden Körper. Körperlichkeit als Wissensträger und Wissensproduzent kann hier Paradigmen aufbrechen und neu formen.

ANA DRUWE (São Paolo) berichtete von institutioneller Wahrung und Produktion von Wissen im Kulturzentrum Casa do Povo in Sao Paulo. Das Zentrum wurde 1946 von jüdischen Einwander:innen als Erinnerung an die Shoa ins Leben gerufen. Als lebendiges Monument bietet Casa do Povo Raum für Bildungseinrichtungen, Künster:innen, Kollektive und soziale Projekte. Die diversen Praktiken und die prinzipielle Offenheit machen es zu einem Zentrum des Antifaschismus, des interkulturellen Dialogs und der sozialen Verständigung. Durch die hauseigene Zeitschrift schafft Casa do Povo ein gesellschaftliches Kommunikationsmedium. „Sharing the Key of the Building”, ist das Motto, nach dem sich die Nutzer:innen des Hauses vertrauen und gemeinsam an der Wissensproduktion arbeiten.

Die Architektin, Architekturtheoretikerin und Aktivistin NILOUFAR TAJERI (Berlin) widmete sich ebenfalls Gebäuden und setzte sich kritisch mit den Problemen architektonischen Wissens auseinander. Architektur manifestiere unterschiedliche Ebenen des Wissens in gebautem Raum – direkt und indirekt. Wer sieht also was in Architektur und wie wirkt sie auf die Menschen, deren direkte Umwelt sie ist? Am Beispiel der aktuellen Planungen für den Hermannplatz in Berlin zeigte sie rassistische Strukturen, das Potential zur Ausgrenzung und den hohen Stellenwert der individuellen Erfahrung in der Architektur auf. Die Produktion von Wissen ende nicht mit der fertigen Architektur. Denn die Nutzer:innen und Bewohner:innen schaffen ein dynamisches Wissen in und mit dieser. Architektur funktioniere als Archiv des Wissens, das sich dieser Herausforderung bewusster werden muss, denn: „At least everbody doesn’t see the same in Architecture”, so Tajeri.

Mit der Einladung internationaler Doktorand:innen zu einer Poster-Session, für die Dogukan Akbas und Peter Seeland verantwortlich waren, verfolgte das KHK die Idee, junge Wissenschaftler:innen zum Dialog einzuladen. CHIARA DI CARLO (Rom) sprach über Pilgerreisen ins Heilige Land im 16. Jahrhundert und Dis:konnektivitäten in der Übertragung von Wissen und sozio-kulturellen Vorstellungen. YUNTIN XIE (Uppsala) und JIE YANG (München) stellten ihre Forschung zu globalem Wissenstransfer im China des 20. Jahrhunderts vor. SABRINA HERRMANN (Kassel) referierte über zeitgenössisch-künstlerische Versuche Widerstand gegen geschlechtsbezogene Menschenrechtsverletzungen zu leisten. Sie untersuchte dabei, wie mexikanische und kolumbianische Künstler:innen Bewusstsein und Aufmerksamkeit dafür in (globaler) Wissensproduktion schaffen können. SCOTT BLUM-WOODLAND (Cambridge) sprach über die Rezeption russischer Nachkriegsliteratur im Vereinigten Königreich des späten 20. Jahrhunderts. Blum-Woodland formulierte die These, dass Wissensproduktion hier unausweichlich lokal sei und von komplexen, gesellschaftlichen (und nationale) Vernetzungen abhänge.

Die Tagung zeichnete sich durch eine diverse, transdisziplinäre und multiperspektivische Herangehensweise an das weite Feld der Wissensproduktion aus, ohne dabei die gemeinsame Fragestellung zu vernachlässigen. Aus dem methodischen Ansatz im Sinne einer „Glokalisierung“4 konnte die Erforschung des Globalen in Kombination mit dem Lokalen in München verbunden werden. Mit einem multi- und interdisziplinären Ansatz schuf die Jahrestagung eine Plattform der Kommunikation zwischen Künsten und Wissenschaften. So wurde die Tagung selbst zu einem Ort der Wissensproduktion. Ein finales Statement mit konkreten Forschungsergebnissen scheint schwer möglich und war auch konzeptuell nicht zwingend vorgesehen. Der Gewinn liegt vielmehr in den Fragen und Forschungsansätzen, die gestellt wurden, in den Methoden, die angestoßen und präsentiert wurden und den Diskussionen und Gesprächen, die sich ergaben. Das einführende Zitat Bernadette Mayers scheint sich in dieser Fragestellung zu bestätigen, Wissen ist niemals „the same“ und damit umzugehen ist eine Herausforderung, der sich die Wissenschaft stellen muss.

Tagungsübersicht:

Arena Filmtheater, München: Film screening Queer Gardening (2022), a documentary on queer-feminist ecologies in North America, followed by a Q&A with director Ella von der Haide

Session 1: Unlocking knowledge
Chair: Valeska Huber (Munich)

Stephanie Zloch (TU Dresden): Multiple detours of migrant knowledge. Reflections on immigration and transnational contexts in Germany since 1945

Lucie Mbogni Nankeng (Dschang): (In)visibilising queer African knowledge in contemporary Uganda Stella Nyanzi (Writers-in-Exile, PEN-Zentrum Deutschland) Rites and heritage dances of a ‘periphery’: between situations and discontinuities in the globalised production-circulation of knowledge

Mariana Sadovska (Köln): Lecture and concert: Ukrainian traditional polyphony

Discussion

Session 2: Bodies of knowledge
Chair: Sabrina Moura (München)

Jasmina Tumbas (Buffalo): Black Yugoslav diaspora: queering Tito’s socialism in the performance works of Christian Guerematchi

Lizza May David (Berlin): mmmmmmm. Artistic interventions on Philippine colonial archives

Yolanda Gutiérrez (Hamburg): The body as an archive of memory and knowledge

Discussion

Poster Session, organised by Dogukan Akbas, Sophia Fischer, Peter Seeland (student assistants at global dis:connect)

Franz Dobler (Augsburg): The Trikont story – Music, riot and other fine arts Exhibition tour Archiv 451 (Haus der Kunst, München)

Simon Goeke (München): Introducing the migration collection of the Münchner Stadtmuseum (Münchner Stadtmuseum)

Session 3: Challenging knowledge
Chair: Nic Leonhardt (München)

Mona Schieren (Bremen): Peripheral knowledge of multitude. How to disconnect from epistemologies of art institutions?

Ana Druwe (São Paulo): Proliferation as institutional practice

Niloufar Tajeri (Berlin): Architectural knowledge and the avoidance of the racial: a case in Berlin-Neukölln

Discussion

Anmerkungen:
1 Siehe: Looking back on global dis:connect’s first annual conference: Dis:connectivity in processes of globalisation: theories, methodologies, explorations - global dis:connect (globaldisconnect.org), https://www.globaldisconnect.org/03/21/looking-back-on-global-disconnects-first-annual-conference-disconnectivity-in-processes-of-globalisation-theories-methodologies-explorations/ (08.01.2024).
2 Siehe: Sammlung Online Münchner Stadtmuseum - Tunay Önder, Kunstwerk/Collage "Transtopischer Teppich", 2016 (muenchner-stadtmuseum.de), https://sammlungonline.muenchner-stadtmuseum.de/objekt/kunstwerkcollage-transtopischer-teppich-10203686 (08.01.2024).
3 Siehe: NAM - Non Aligned Movement teaser - YouTube, https://www.youtube.com/watch?v=5dh991XPHFs (08.01.2024).
4 Robert Robertson, Glokalisierung – Homogenität und Heterogenität in Raum und Zeit, in: Ullrich Beck (Hrsg.), Perspektiven der Weltgesellschaft, Frankfurt am Main 1998, S. 192–220.

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