Nähe und Distanz in der Arbeit mit mündlichen Quellen. Treffen des Netzwerk Oral History

Nähe und Distanz in der Arbeit mit mündlichen Quellen. Treffen des Netzwerk Oral History

Organisatoren
Oral-History-Forschungsstelle der Universität Erfurt / Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg / Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung
Ort
Erfurt
Land
Deutschland
Fand statt
In Präsenz
Vom - Bis
21.03.2024 - 22.03.2024
Von
Elena Marie Elisabeth Kiesel / Jan Daniel Schubert, Historisches Seminar, Universität Erfurt

Das passende Verhältnis von Nähe und Distanz ist „eine der großen Herausforderungen der Oral History“, konstatierten STEFAN MÜLLER (Bonn) und LINDE APEL (Hamburg) bei ihrer Begrüßungsrede zum 12. Treffen des Netzwerks Oral History. Die Tagung mit ungefähr 70 Teilnehmenden aus insgesamt fünf Ländern gab Gelegenheit, Ambivalenzen in der Beziehung zwischen Interviewpartner:innen aus verschiedenen Blickwinkeln zu reflektieren. Um gehörlosen Forscher:innen die Teilnahme zu ermöglichen, wurde die gesamte Veranstaltung professionell geschriftdolmetscht. Passend zu den Projekten der diesjährigen Gastgeberin, der Oral-History-Forschungsstelle Erfurt (OHF), lag der thematische Schwerpunkt auf ostdeutschen Erfahrungen. Eingangs betonten AGNÈS ARP (Erfurt) und CHRISTIANE KULLER (Erfurt), dass Oral History einen partizipativen Prozess von Geschichtsschreibung bedeutet, bei dem wissenschaftliche Erkenntnisse, Methoden und Theorien mit den komplexen Erfahrungen, Erinnerungen und Deutungen der Interviewpartner:innen in Beziehung gesetzt werden. Dieser Ansatz ermöglicht, der Komplexität der gesellschaftlichen Entwicklungen nach 1989/90 methodisch und theoretisch gerecht zu werden. Erfahrungen mit politischem, sozialem oder kulturellem Bezug zur DDR und zur Transformationszeit sind stark divers; die idealtypische ostdeutsche Erfahrung gibt es nicht. Die alltagsgeschichtliche Herangehensweise der OHF, die Gewalt und Verbrechen nicht ausblendet, kann einen gewinnbringenden Dialog zwischen Forschung und Gesellschaft anstoßen. Dabei werden einerseits alltägliche Lebenswelten in der Diktatur und historische Graustufen erkennbar sowie andererseits Kontinuitäten und Traditionslinien über gesellschaftspolitische Zäsuren wie 1945 und 1990 hinweg begreifbar. Damit ein solcher Dialog gelingt, müssen bestehende Machtverhältnisse sowie die Bedingungen von Partizipation stets kritisch reflektiert werden.

An die einführenden Worte schloss sich eine angeregte Diskussion zu aktuellen Debatten um eine ostdeutsche Identität an. Das Narrativ von „der:dem Ostdeutschen“ diene zwar oft als Erzählimpuls, übergehe jedoch die tatsächliche Diversität ostdeutscher Erfahrungen und lebensweltlicher Verflechtungen, wie Christiane Kuller berichtete. Als wichtigen Forschungsschwerpunkt betonte Agnès Arp migrantische und marginalisierte ostdeutsche Erfahrungen, welche zu den öffentlichen Debatten zur DDR und Transformationszeit bedeutsame und wenig berücksichtigte Perspektiven beitragen. Ein weiterer Diskussionsschwerpunkt lag auf dem Einfluss der „Wende“ als Scharnierzeit, in der sich ein narrativer Bruch im Hinblick auf die retrospektive Interpretation ostdeutscher Erfahrungen vollzieht. In diesem Zusammenhang regte Alexander von Plato an, Interviewpartner:innen, mit denen in der DDR lebensgeschichtliche Interviews geführt wurden, in einem neuen Projekt erneut zu interviewen und dadurch eine einzigartige Vergleichsperspektive zu eröffnen. Daran schlossen Debatten zur glokalen Verwobenheit des Forschungsschwerpunktes zur „ostdeutschen Erfahrung“ an: Verschleiert der Begriff „Postsozialismus“ Unterschiede zu anderen postsowjetischen Staaten? Ist es nicht sinnvoller, eine verschränkte „deutsch-deutsche Geschichte“ zu untersuchen, anstatt die partikulare „DDR-Geschichte“ zu betonen? Oder ist es gerade die besondere Singularität ostdeutscher Erfahrungen jenseits des westdeutschen Blicks, der wir unsere Aufmerksamkeit schenken sollten?

Der Übergang von der Bewältigung der Gegenwart zur Geschichtsschreibung ist selten so direkt wie in dem Interviewprojekt, das NATALIA OTRISHCHENKO (Lviv) vorstellte. Vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs in der Ukraine führt sie zusammen mit einem interdisziplinären Team Interviews mit Personen in Kriegsgebieten sowie mit Geflüchteten und Displaced Persons. Das Projekt zielt darauf, diese Erfahrungen langfristig zu archivieren und zugänglich zu machen. Dabei stellen sich besondere forschungsethische und methodologische Fragen: Wie kann ein sensibilisierter Umgang mit Interviewpartner:innen aussehen? Otrishchenko schlägt einen intensivierten Austausch mit den Interviewten vor, um ihre informierte Zustimmung sicherzustellen. Daher verzichten die Interviewenden beispielsweise auf Interviews mit Personen im Augenblick ihrer Flucht. Weitere Fragen stellen sich im Hinblick auf die Archivierung, insbesondere aufgrund der weiterhin volatilen Kriegssituation. Kann sichergestellt werden, dass Interviews nicht zum Nachteil der Interviewten verwendet werden, falls sich die Situation für die Ukraine radikal verschlechtert? Zwar seien sie und ihre Kolleg:innen bestrebt, größtmögliche Sicherheit zu gewährleisten, doch sei diese nicht absolut und das müsse transparent gemacht werden, betonte Othishchenko. Im Weiteren erläuterte sie die vielfältigen Motivationen der Interviewpartner:innen, ihre Erfahrungen mitzuteilen und archivieren zu lassen: So habe das Gespräch für manche einen therapeutischen Effekt und biete einen wichtigen Raum für Reflexionen. Viele betonten aber auch ein Pflichtgefühl, ihre Erfahrungen weiterzugeben und archivieren zu lassen, auch um die Beweisführung von Kriegsverbrechen zu ermöglichen.

Nach diesem bedrückend aktuellen Einblick in die Zeitgeschichtsschreibung rückte das nachfolgende Panel den Fokus wieder nach Ostdeutschland in die etwas weiter zurückliegende Vergangenheit. ANJA SCHADE (Hildesheim) berichtete aus ihrem 2022 publizierten Dissertationsprojekt zu Perspektiven ehemaliger Exilant:innen des African National Congress (ANC) auf ihr Zufluchtsland, die DDR. Als politisch Verfolgte im südafrikanischen Apartheidsregime erinnerten viele ihren Aufenthalt in der DDR sehr positiv. Die ostdeutsche Solidarität empfanden sie als ehrlich. Entgegen der dominanten weiß-ostdeutschen Perspektive nahmen sie die Mauer tatsächlich als „Schutzwall“ wahr, der sie vor dem Zugriff des südafrikanischen Geheimdiensts bewahrte. Die Öffnung der Grenze mündete für sie vielfach in eine Bedrohungslage, während ihre Unterstützungsstrukturen in der DDR erodierten. Schade plädierte abschließend für eine Diversifizierung migrantischer Perspektiven auf die DDR und die Wende, da migrantische Erfahrungen über das Narrativ der Diskriminierung hinausgehen.

CORDIA SCHLEGELMILCH (Berlin) kontrastierte diese transnationalen Perspektiven mit einem Bericht über ihre Langzeitforschung in der Kleinstadt Wurzen in den 1990er-Jahren. Sie berichtete sehr plastisch über ihre Begegnungen mit den Wurzener:innen als westdeutsche Wissenschaftlerin und die langlebigen Beziehungen, die sie im Laufe ihrer Arbeit aufbaute. Bei ihrer Arbeit verband sie ethnographische, soziologische und journalistische Vorgehensweisen und erschuf damit eine umfangreiche Material- und Quellensammlung, die auch Fotografien umfasst. Sie betonte die Vielfalt an Blickwinkeln ihrer Gesprächspartner:innen sowohl auf das Leben in der DDR als auch die Öffnung der Mauer, welche sie in ihrem Buch „Eine Stadt erzählt die Wende“ publiziert hatte. Heutzutage wollen viele der damaligen Interviewpartner:innen keine erneuten Interviews geben, was möglicherweise am veränderten politischen Klima liegt, wie Schlegelmilch vermutet.

Zum Abschluss des Panels gab MIRIAM BRÄUER-VIERECK (Freiburg) Einblick in ihr Dissertationsprojekt zum Lebensstil von Studierenden im deutsch-deutschen Vergleich zwischen Jena und Freiburg/Breisgau von 1949 bis 1968. Als besondere Herausforderung stellte sich die Suche nach ostdeutschen Interviewpartner:innen heraus. Als „Westfrau“, wie sie bezeichnet worden war, begegneten ihr ehemalige Jenaer Student:innen zunächst mit Skepsis und unterstellten ihr eine gewisse Voreingenommenheit. Gleichzeitig war es für sie von Vorteil, als vermeintlich ahnungslose „Nachwende-Geborene“ zu gelten. Im Hinblick auf Studienrichtungen erläuterte Bräuer-Viereck, dass sich aus Jena vor allem Naturwissenschaftler:innen interviewen ließen. Waren Geisteswissenschaftler:innen weniger gesprächsbereit, da sie auf ideologischer Ebene stärker in den SED-Staat eingebunden waren und eine Konfrontation fürchteten?

Anschließend endete der erste Tagungstag mit zwei Kurzpräsentationen: CORD PAGENSTECHER (Berlin) skizzierte das abgeschlossene Interviewprojekt zu 40 Jahren Kirchenasyl und KATHARINA SCHARF (Graz) umriss ihr Habilitationsprojekt über Natur- und Umweltaktivist:innen aus frauen- und geschlechterhistorischer Perspektive.

Den zweiten Tag begann CHRISTIANE WEBER (Mainz), die die Tagung mit einem Infostand begleitete, mit einer Kurzpräsentation von NFDI4memory (Nationale Forschungsdateninfrastruktur) als wichtigen Baustein zur weiteren Digitalisierung der Geschichtswissenschaften in Deutschland. Einen weiteren gut besuchten Infostand betreute HERDIS KLEY (Berlin), die den Teilnehmenden einen Einblick in die Möglichkeiten der Interviewplattform Oral-History.digital gewährte. Zwei parallele Panels mit einer Interpretations- und einer Forschungswerkstatt folgten der Kurzpräsentation.

In der Interpretationswerkstatt von AGNES ARP (Erfurt) stellte CHRISTINE BERTRAM (Konstanz) ihr Interviewprojekt „Generation 1975“ zur Diskussion. Unter Berücksichtigung einer größtmöglichen Varianz an Lebenserfahrungen in Ost- und Westdeutschland wählte Bertrams Team aus 70 Bewerber:innen 24 Interviewpartner:innen für dieses Projekt aus. Der Fokus lag auf den Deutungen der Interviewten im Hinblick auf die deutsch-deutsche Geschichte. Bertram erläuterte das interpretative Vorgehen hierfür: Orientiert an der Grounded Theory vollzog ihr Team eine Typenbildung; die Interviews wurden zunächst offen und später axial codiert. Die Anwesenden konnten diese Praktik der Codierung gemeinsam erproben, denn Bertram forderte sie auf, eine Auswahl von acht Interviews zunächst im Hinblick auf ihre Ost- bzw. Westsozialisierung und dann anhand der zwei Achsen (1) emotional nah – fern und (2) durchdacht – intuitiv einzusortieren. Das gemeinsame Interpretieren in Kleingruppen zeigte, wie die von Forscher:innen empfundene Nähe bzw. Distanz zu Interviewpartner:innen auch einen unmittelbaren Einfluss auf die Interpretationsmöglichkeiten von ost- bzw. westdeutschen Erfahrungen ausüben. In der anschließenden Diskussion über den Nutzen der axialen Codierung kritisierten einige, dass damit bestimmte Widersprüche der Aussagen verloren gingen. Andere bestätigten das zwar, hoben jedoch den Erkenntnisgewinn hervor, zu dem das Herausarbeiten typischer Erzählweisen beitragen würde. Bertram ergänzte, dass sich einige Interviews gar nicht einordnen ließen und ihr Team auch Wechsel zwischen typisierten Erzählweisen innerhalb eines Interviews festgestellt habe.

Gleichzeitig präsentierte ELENA M. E. KIESEL (Erfurt) ihr Dissertationsprojekt über freiwilliges Mitmachen in der DDR in der Forschungswerkstatt bei FELICITAS SOEHNER (Düsseldorf). Dabei ging sie auf das heterogene Quellenkorpus des Projekts und die sowohl kontrastierende als auch bereichernde Beziehung zwischen schriftlichen und mündlichen Quellen ein. Ihre Auseinandersetzung mit den lebensgeschichtlichen Interviews war von der Frage nach der Funktion von freiwilligem Mitmachen in der biographischen Selbsterzählung und subjektiven Sinnbildung geleitet. Bei der Diskussion über die Generierung narrativer Biographien stand die Beziehung zwischen Interviewerin und Interviewten im Vordergrund; als ostdeutsche Nachwendegeborene empfand sie eine gewisse Nähe zu ihren Gesprächspartner:innen. Eine ähnliche Beobachtung machten auch MURIEL LORENZ (Freiburg), ELENA MAYERES (Heidelberg) und STEFF KUNZ (Heidelberg) im Kontext ihres gemeinsamen Forschungsvorhabens über frauenliebende* Frauen im deutschen Südwesten zwischen 1945 und 1980. Da sie in den Interviews sehr intime Themen ansprachen, plädierten sie für ein gewisses Maß an Selbstoffenbarung, um ein Vertrauensverhältnis auf Augenhöhe zu ermöglichen. Angesichts des aktuellen politischen Klimas und des Erstarkens rechter Strömungen äußerten viele Gesprächspartnerinnen Skepsis gegenüber der Archivierung der Interviews. Als marginalisierte Personengruppe mit Diskriminierungserfahrung fürchteten sie Anfeindungen und Verfolgung und äußerten ein besonderes Schutzbedürfnis. Die Forscher:innen betonten, dass ein sensibler Umgang mit den individuellen Bedürfnissen der Interviewpartner:innen notwendig gewesen war.

Bei der Präsentation ihres Dissertationsprojektes über Erfahrungen von Schüler:innen in den Gehörlosenschulen Halle/Saale und Leipzig zu DDR-Zeiten thematisierte PAULA MUND (Erfurt) die Herausforderungen lebensgeschichtlicher Interviews mit gehörlosen Menschen als eigene kulturelle Minderheit mit visueller Sprache (Gebärdensprache). Als vermeintlich integrative Maßnahme war es in den Gehörlosenschulen (nicht nur) in der DDR verboten, Gebärdensprache zu verwenden; die Schüler:innen wurden lautsprachlich unterrichtet. Nichtsdestotrotz widersetzten sich die Betroffenen dem Verbot und brachten sich Gebärdensprache in vielfältigen Varietäten gegenseitig bei. Bei Interviews müssen sowohl die kommunikative Grenze zwischen gebärdensprachlichen Gehörlosen und hörenden Menschen überwunden, als auch Vorbehalte der gehörlosen Community gegenüber Hörenden infolge der jahrzehntelangen Diskriminierungserfahrung ernstgenommen werden. Weiterführend thematisierte Mund die finanziellen und technischen Voraussetzungen sowie methodologischen Herausforderungen. Vertrauensaufbau sei sehr wichtig, doch bleibt die Problematik, dass die Ergebnisse historischer Forschung in verschiedenen Formaten meist nicht barrierearm sind. Ihr Forschungsinteresse begründete sie damit, dass es bisher kaum Aufzeichnungen Betroffener über ihre Geschichte und Erfahrungen gäbe und dadurch die historische Rekonstruktion aus ihrer Perspektive sehr eingeschränkt sei. Paula Mund hob hervor, dass sie in ihrer Arbeit auch einen Beitrag zur Geschichte einer Gehörlosenkultur in Deutschland leisten wolle, die methodisch ganz besondere Anforderungen an den Umgang mit Nähe und Distanz stelle.

ALEXANDER WEIDLE (Leipzig) diskutierte Dimensionen des (Un)Sagbaren im Kontext seiner Dissertation über „Buchenlanddeutsche“. Er betonte die Bedeutung von Interviewunterbrechungen, Auslassungen und Störungen, die allesamt Einfluss auf den weiteren Gesprächsverlauf als auch auf die spätere Interpretation des Materials ausübten. So habe ein Interviewpartner darum gebeten, das Aufnahmegerät kurz auszuschalten, um dann rassistische Verschwörungserzählungen anzusprechen. Der Rekorder habe dabei als ein Brennglas des (Un-)Sagbaren fungiert, formulierte Weidle. Die nachfolgende Diskussion problematisierte den Umgang mit derartigen Einstellungen: Jochen Voit (Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße) sprach sich dafür aus, Interviewpartner:innen offen sprechen zu lassen und ihre Authentizität zu wahren. Anschließend läge es in der Verantwortung der Forschenden, Äußerungen kritisch einzuordnen, zu dekonstruieren und zu interpretieren. Im Weiteren stellte Alexander von Plato klar, dass die Herstellung eines Vertrauensverhältnisses zwischen Gesprächspartner:innen keine Zustimmung bedeute. In einer vierten Interviewphase könnten Interviewende in die Diskussion mit dem Gegenüber gehen und eine weitere Positionierung forcieren. Im Hinblick auf Interviewunterbrechungen betonte er, dass Protokollaufzeichnungen zur Rekonstruktion der Gesprächsumstände zentral seien und unbedingt archiviert werden sollten, um sie bei der Veröffentlichung der Forschungsergebnisse heranziehen zu können.

Im nachfolgenden Panel präsentierte THEO FLINT (Bielefeld) ein studentisches Interviewprojekt über das Kriegsgefangenenlager Stukenbrok. Er reflektierte seine Interviewerfahrungen mit Aktivist:innen der Erinnerungsinitiative und problematisierte den Umgang mit Widersprüchen und Inkonsistenzen sowohl innerhalb der Interviews als auch mit dem historischen Kontext.

FABIAN HEINDL (München) stellte das Projekt „Lernen mit digitalen Zeugnissen“ (LediZ) vor, das interaktive Biographien von deutschsprachigen Sinti:zze und Rom:nja zur politischen Bildung erarbeitet. Dafür wurden leitfadengestützte Interviews geführt, die anschließend in einzelne Interviewsequenzen geschnitten wurden. Nutzer:innen können nun KI-gestützt ein Interview mit dem:der Zeitzeug:in führen. Stefan Müller merkte an, dass dies aus zwei Gründen keine Oral History sei: Erstens fehle die Spontaneität der Interviewsituation und zweitens werde das Gesagte entkontextualisiert. Dennoch eigne sich das Format zur politischen Bildung.

Parallel dazu moderierten Agnes Arp und Felicitas Soehner ein Werkstattgespräch mit JOCHEN VOIT (Erfurt) über Zeitzeug:innenschaft und Geschichtsvermittlung. Grundlage der Diskussion bildete ein Interviewausschnitt mit einem MfS-Mitarbeiter, der darin über das eigene Erleben der Grenzöffnung am 9. November 1989 berichtete. Voit fragte, ob und wie ein derartiger Ausschnitt für die Bildungsarbeit verwendbar sei. Sei es nicht eine Art Heldengeschichte, die der ehemalige Stasimitarbeiter von sich erzählte, indem er den eigenen Beitrag zur Grenzöffnung betonte? Inwieweit kann dies in der Bildungsarbeit mit Jugendlichen aufgrund begrenzter Zeitkapazitäten kritisch reflektiert werden? Sollten wir nicht stattdessen nur die Lebenserfahrungen von Gegner:innen und Leidtragenden des SED-Staats fokussieren? Auf diese Fragen entspann sich eine Kontroverse, in der Skepsis gegenüber der pädagogischen Verwendung des Interviewausschnitts aber auch vielfältige Gründe dafür vorgetragen wurden. Anja Schade betonte, dass das Material Einblick in Erosionsprozesse von Macht gebe, deren Thematisierung wertvoll sein kann. Trotz einer anfänglichen Skepsis plädierte Christiane Kuller abschließend für eine neue Erinnerungskulturarbeit. Jugendliche lernten heute vor allem, sich mit Betroffenenbiografien zu identifizieren. Diese Perspektiven seien enorm wichtig, doch unterbinde ihre erinnerungskulturelle Alleinstellung auch eine kritische (Selbst-)Reflexion von Täter:innenperspektiven. Diese sei jedoch wichtig, auch wenn sich daraus Herausforderungen für eine neue Erinnerungskultur und Geschichtspädagogik ergeben.

In der Bilanz zeigte sich, dass die Frage von Nähe und Distanz zu den grundlegenden Herausforderungen der Oral History gehört, denen aktuelle Projekte sich methodisch auf ganz unterschiedliche Weise nähern. In vielen Beiträgen stand die Bedeutung der persönlichen Nähe ein:er Interviewer:in zum:r Interviewpartner:in im Fokus, um ein Vertrauensverhältnis herzustellen, insbesondere, wenn es um Interviews mit Menschen aus marginalisierten und/oder vulnerablen gesellschaftlichen Gruppen geht. Besonders herausfordernd ist die Situation, wenn der/die Interviewer:in eine distanzierte Haltung zum:r Interviewpartner:in hat, sich womöglich durch Äußerungen herausgefordert sieht, und dennoch eine vertrauensvolle Gesprächssituation herstellen und bewahren muss. Die Diskussionen auf dem 12. Jahrestreffen des Netzwerks Oral History spiegelten damit auch aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und politische Debatten insbesondere im Hinblick auf die „ostdeutsche Erfahrung“. Infolge des Generationenwechsels, durch den die „Nachwendegeborenen“ nun zunehmend gesellschaftliche Schnittstellen besetzen, wissenschaftliche Forschung betreiben und beginnen Fragen zu stellen, erodieren vermeintlich festgesetzte Leitnarrative. Dieser Veränderung muss sowohl bei der Konzeption von Projekten als auch bei der Interpretation der Oral-History-Interviews Rechnung getragen werden, lautete das Ergebnis der Schlussdebatte.

Konferenzübersicht:

Christiane Kuller (Erfurt) / Agnès Arp (Erfurt) / Linde Apel (Hamburg) / Stefan Müller (Bonn): Begrüßung, Vorstellung des Programms, Vorstellung der Teilnehmenden

Agnès Arp (Erfurt), / Christiane Kuller (Erfurt): Die Oral-History-Forschungsstelle Erfurt stellt sich vor

Natalia Otrishchenko (Lviv): Living inside history. On motivations to give a testimony amid the war

Moderation: Stefan Müller (Bonn) / Linde Apel (Hamburg)

Panel: Ostdeutsche Erfahrungen

Anja Schade (Hildesheim): Der andere Blick auf die Mauer. (Exil-) Migrantische Narrative zum Leben in der DDR

Cordia Schlegelmilch (Berlin): Zwischen Neutralität und Anteilnahme. Erfahrungsbericht zu biographischen Interviews in einer sächsischen Kleinstadt (Wurzen) im Zeitraum 1990–1996

Miriam Bräuer-Viereck (Freiburg): Studierende in Ost und West – Lebensstil, Generation und gesellschaftlicher Wandel am Beispiel von Jena und Freiburg (1949–1968)

Moderation: Christiane Kuller (Erfurt)

Kurzpräsentationen

Cord Pagenstecher (Berlin): 40 Jahre Asyl in der Kirche: Biografische Interviews mit Akteur*innen einer politischen Bewegung

Katharina Scharf (Graz): Aktivist:innen. Natur- und Umweltschutzbewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts aus frauen- und geschlechterhistorischer Perspektive

Moderation: Stefan Müller (Bonn)

Kurzpräsentation

Christiane Weber (Mainz): NFDI4memory

Moderation: Almut Leh (Hagen)

Werkstätten

Agnès Arp (Erfurt): Interpretationswerkstatt mit Christiane Bertram (Konstanz): Generation 1975. Ost- und westdeutsche Perspektiven auf die deutsch-deutsche Geschichte

Muriel Lorenz (Freiburg) / Elena Mayeres (Heidelberg) / Steff Kunz (Heidelberg): Nachwirkungen Des Nationalsozialismus

Felicitas Söhner (Düsseldorf): Forschungswerkstatt mit Elena M. E. Kiesel (Erfurt): Freiwilligkeit in der DDR. Methodische Fragen zu einem Promotionsprojekt

Panel: zu/hören

Paula Mund (Erfurt): Stumm gemacht. Interviews mit gehörlosen Zeitzeug:innen

Alexander Weidle (Leipzig): „Mach mal kurz das Gerät aus!“. Dimensionen des (Un)Sagbaren in Oral History-Interviews mit „Buchenlanddeutschen“

Moderation: Anja Werner (Erfurt)

Panel: Varianten des Gedenkens

Theo Flint (Bielefeld): „Ach, die persönliche Ebene hat da schon eine Rolle gespielt.“ Kontakte zwischen dem Arbeitskreis „Blumen für Stukenbrock“ und überlebenden Kriegsgefangenen des „Stalag 326 VI K“ seit 1970

Fabian Heindl (München): Interaktive Biografien von deutschsprachigen Sinti und Roma

Moderation: Alexandra Jaeger (Bonn)

Werkstattgespräch

Agnès Arp (Erfurt) / Felicitas Söhner (Düsseldorf): Werkstattgespräch mit Jochen Voit (Erfurt)

Linde Apel (Hamburg) / Agnès Arp (Erfurt) / Christiane Kuller (Erfurt) / Stefan Müller (Bonn): Auswertung und Planung für 2025