HT 2006: Bilder der „Linken“. Beispiele einer transnationalen Kulturgeschichte des Politischen in den 1960er und 1970er Jahren

Ort
Konstanz
Veranstalter
Sven Reichardt, Universität Konstanz; Petra Terhoeven, Universität Göttingen; Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD)
Datum
19.09.2006 - 22.09.2006
Von
Anja Bertsch, Universität Konstanz

Ob die provokante Kommune-I-Fotografie „kahle[r] Maoisten vor einer kahlen Wand“ [1], die Aufnahmen von Hanns Martin Schleyer als „Sträfling“ im „Volksgefängnis“ oder das mittlerweile zum Popkultur-Accessoire geronnene Portrait eines baskenbemützten Che Guevara: Die Neue Linke der 1960er und 1970er Jahre hat Bilder hervorgebracht, die teils mit nationaler, teils mit internationaler Strahlkraft bis zum heutigen Tag im „inneren Bildgedächtnis“ (Bernd Weisbrod, Göttingen, im Sektionskommentar) der westdeutschen bzw. der westlichen Gesellschaft verankert sind und „kollektive Gedächtnismarkierungen“ darstellen. Die von Sven Reichardt (Konstanz) und Petra Terhoeven (Göttingen) konzipierte Sektion hatte es sich zum Ziel gesetzt, Funktion und Bedeutung eben solcher Bilder, visueller Elemente und Motive in der und für die Geschichte der Neuen Linken auszuleuchten.

Den konzeptionellen Ausgangspunkt der Sektion bildete die Überlegung, dass die linken Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre in einer stark bildorientierten Mediengesellschaft agierten, deren spezifische Funktionslogik sie denn auch ganz wesentlich beeinflusste. Für die Fragestellung der vier Referate rückte hiermit zunächst die bewusste Dienstbarmachung dieser Funktionslogik durch die linken Akteure bei der eigenen Repräsentation gegenüber der „Außenwelt“ ins Blickfeld – durch eine gezielt provozierende Selbstinszenierung etwa, oder durch eine bewusst demütigende Zurschaustellung von Entführungsopfern des Linksterrorismus.

Als fruchtbar erwies sich insbesondere der Blick auf die ungemein wirkmächtige Eigendynamik medial verbreiteter und zirkulierender Bilder und der derart transportierten Images: Die Produktivkraft der Bilder verschaffte sich zum einen wiederum in der Außenwahrnehmung der Bewegungen Geltung, war aber gerade auch hinsichtlich ihrer Rückwirkungen auf Selbstwahrnehmung und Identitätskonstruktion der linken Akteure selbst von elementarer Bedeutung. Weit jenseits textgestützter linker Theoriedebatten waren es, so die Kernthese der Einführung Terhoevens in die Materie, v.a. Bilder und Symbole, die innerhalb der linken Bewegungen Identität stifteten und das Bewusstsein der Zugehörigkeit zu einer geschichtsmächtigen Bewegung konstituierten.

Für eine Annäherung an die sektionsübergreifende Fragestellung nach der Entstehung und Wirkungsweise von Images, nach identitätsstiftenden visuellen Elementen und Symbolen der linken Bewegungen erwies sich angesichts der internationalen Vernetzung der Bewegungen wie der internationalen Zirkulation von Darstellungen und Bildprogrammen die Anreicherung der Perspektive um eine transnationale Dimension als ausgesprochen fruchtbar – so geschehen im ersten Referat von Belinda Davis (Rutgers University/USA). Grundsätzlich stellt die Erkenntnis, dass die Protestbewegungen seit ’68 Sprache und Kommunikation zentrale Bedeutung beimaßen, keine Neuigkeit dar. Aufschlussreich und bislang kaum systematisch gewürdigt ist jedoch der Umstand, dass diese „Logorrhöe“ (Davis) sich auch auf symbolischer Ebene stark niederschlug.

Mit ihren Überlegungen zum Bildprogramm des „verschlossenen Mundes“ nahm die Referentin ein visuelles Element ins Visier, das in den 1960er und 1970er in zahlreichen Variationen durch Protestbewegungen in ganz Westeuropa in Dienst genommen und mit enormer symbolischer Bedeutung aufgeladen wurde. Zu Prominenz gelangte die sinnreiche Visualisierung einer gestörten bzw. unterdrückten Kommunikation erstmals während der Pariser Mai-Proteste des Jahres 1968 durch ein Plakat des „Atelier Populaire“, das den gefühlten „Mundtod“ drastisch visualisierte. Im deutschen Kontext kam das Motiv eines gewaltsam verschlossenen Mundes verstärkt seit den 70ern, u.a. bei den Protesten gegen den Radikalenerlass oder den Paragrafen 218 zum Einsatz. Tatsächlich, so Davis, war die Neue Linke die erste Protestbewegung, in der das Motiv des Mundes – anders beispielsweise als das bereits früher verwendete Kampfsymbol der geballten Faust – explizit zum Symbol erhoben wurde.

Verbale Kommunikation, die „persönliche Erfahrung des Sich-Mitteilens“, das Bekenntnis zu wie das laute Einfordern der eigenen Bedürfnisse waren, so argumentierte Davis, für die linken Akteure elementarer Beitrag zur Selbstvergewisserung und unabdingbar für die Konstitution der eigenen Identität. Vermittelt einerseits durch die – innerhalb der Neuen Linken so groß geschriebene – enge Verknüpfung von Privatem und Politischem, andererseits durch das „Primat der Praxis“, das die direkte Umsetzung der anvisierten Veränderungen im persönlichen wie im politischen Bereich zur zentralen Kategorie erhob, geriet die anvisierte Veränderung der kommunikativen Praxis zum Sinnbild der persönlichen wie der politischen Befreiung. Hatte der im Gegenzug erhobene Vorwurf einer von „der Gesellschaft“ unterdrückten und verweigerten Kommunikation in der Bundesrepublik mit der Sprachlosigkeit in Bezug auf die nationalsozialistische Vergangenheit einen besonders prominenten Bezugspunkt, so war die diagnostizierte Störung der Kommunikation in den Augen der linken Akteure innerhalb wie außerhalb Deutschlands doch weit umfassender und allgemeiner. Vor diesem Hintergrund übernahm die Darstellung gewaltsam verschlossener Lippen, so Davis, die Funktion der eindringlichen visuellen Kommunikation einer von den linken Akteuren als gestört empfundenen verbalen Kommunikation und geriet zum Sinnbild einer als umfassend empfundenen Entmündigung und Ohnmacht im privaten wie im politischen Bereich. In dieser Konnotation wurde das Bildprogramm zu einem Metasymbol, das geeignet war, über nationale Grenzen hinweg Identität innerhalb der Neuen Linken zu schaffen.

Wurde die Verknüpfung von Gedanken, Kommunikation und politischer Aktion als zentrale Kategorie der Neuen Linken bereits im ersten Referat thematisiert, so griff der Vortrag von Ingrid Gilcher-Holtey (Bielefeld) dieses Motiv unter anderen Vorzeichen wieder auf. In den Mittelpunkt ihrer Ausführungen stellte Gilcher-Holtey die Person Régis Debrays, der, aus wohlanständig-großbürgerlichen Verhältnissen stammend, zeitweilig die Rolle eines „revolutionären Intellektuellen“ im Dienste Fidel Castos und Che Guevaras einnahm, bevor er in den 1990er Jahren an der Sorbonne den medientheoretischen Wissenszweig der Mediologie begründete. Treibendes und durchgängiges Motiv dieses bewegten Lebensweges: Die Frage danach „wie […] man jemanden zum Denken [bringt], um ihn zum Tun zu veranlassen.“[2] Dieses Interesse wiederum war durch die innerhalb der Neuen Linken weit verbreitete Überzeugung motiviert, „dass neue Vorstellungen von der Welt den Zustand der Welt verändern können.“ Die Ausführungen zu den Konstanten im Wirken Debrays hoben das Thema der Sektion – Bilder der Linken – durch die Deutung von Bildern im Sinne von Vorstellungen, Wahrnehmungen, „Weltbildern“ fruchtbar auf eine von manifesten Bildern abstrahierende Ebene.

Im Mittelpunkt des Referates jedoch stand eine emphatische Bild-Spuren-Suche, die sich bemühte, den Weg Debrays vom Sprössling einer Großbürgerfamilie zum Philosophen wie vor allem die Wandlung zum linksbewegten Aktivisten und revolutionären Intellektuellen anhand fotografischer Belege nachzuvollziehen. Die ersten Aufnahmen, die die Zeitungen mangels aktuellen Fotomaterials 1967 direkt nach der Gefangennahme Debrays wegen revolutionärer Umtriebe in Bolivien veröffentlichten, zeigten einen erfolgreichen Klassenprimus; später aufgenommene Fotografien belegen die auch im Äußeren markierte Orientierung Debrays an seiner Leitfigur Fidel Castro. Insbesondere während seiner Haft war Debray bemüht, so Gilcher-Holteys Argument, seinen Status als überzeugter, selbstgewisser Linksaktivist durch die den Fotografen gegenüber eingenommenen Posen nach außen zu signalisieren. Dass es sich bei dieser Selbstinszenierung im Laufe der Zeit nurmehr um eine für die Außenwelt eingenommene Pose handelte, belegte Gilcher-Holtey durch die Kontrastierung der Fotografien mit verbalen Äußerungen Debrays: Bezeichnet Debray in der Rückschau seine Überzeugungen hinsichtlich einer bewaffnen Revolution ganz explizit als nicht mehr erklärbare „Vergiftung“, dokumentieren bereits die im Gefängnis verfassten Tagebüchern Selbstzweifel und die Ablösung vom bewaffneten Kampf. Die anhaltende Wirkmacht von Images schließlich zeigte Gilcher-Holtey in Zusammenhang mit der Abwendung Debrays von der Rolle des „revolutionären Intellektuellen“ auf: Wird er in Chile, der ersten Station nach seiner Freilassung im Jahre 1971, weiterhin als „von der Aura der Revolution umgeben“ wahrgenommen, so zeigen Bilder aus den 1970ern, „dass er wieder die Denker-Pose eingenommen hat.“

Die immense Bedeutung von via Bildern medial vermittelten Imageproduktionen für die Fremd- wie v.a. auch für die Selbstwahrnehmung des alternativen Milieus stellte Sven Reichardt in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Das alternative Milieu – „quantitativ wie qualitativ der folgenreichste Teil der bundesdeutschen Linken nach 1968“ – lässt sich, so der konzeptionelle Ansatz Reichardts, primär über die kulturelle Dimension fassen: Gemeinsame(r) Wertehorizont, Lebensstil und soziokulturelle Verkehrsformen konstituierten demnach die „Alternativen“ – trotz organisatorischer und politischer Vielgestaltigkeit – als eng zusammengehöriges Milieu. Zentrale Kategorie bei einem derartigen Zugriff ist v.a. auch die Wahrnehmung einer kollektiven Identität durch die linksalternativen Akteure selbst – eine Rückversicherung in einem kulturellen Kontext, so eine der Kernthesen Reichardts, die ganz wesentlich durch mediale Kommunikation produziert wurde.

Wie prägend die durch Bilder evozierten Imaginationen für das Milieu waren, führte Reichardt anhand zweier Beispiele exemplarisch aus. Bezeichnend in Zusammenhang mit dem „Kultbild der Bewegung“[3] – die eine Razzia imitierende Ablichtung nackter Kommune I-Mitglieder aus dem Jahre 1967 – ist zunächst die intermediale Zirkulation: Ein erstes Mal im Spiegel reproduziert, kam es auch in den Eigenveröffentlichungen des Milieus zu etlichen Variationen über dieses Motiv. Die Imaginationen, die das Bild evozierte, hatten mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung die der Linken eigentümliche dichotomische Gegenüberstellung von wahrgenommener staatlicher Repression und Entmündigung einerseits sowie sexueller Befreiung andererseits zum Inhalt. So sah etwa Rudi Dutschke in der Abbildung v.a. das „Gaskammermilieu des Dritten Reiches“ reproduziert und folgerte, dass „die Kommune-Mitglieder [sich] als Unterdrückte und Ausgestoßene dieser Gesellschaft [begreifen]“.[4]

Neben diese Interpretation trat die Imagination einer in den Räumen der K I exzessiv praktizierten sexuellen Freiheit. Wie sehr derartige medial vermittelte Images innerhalb des Milieus ihre Wirkung im Sinne einer vorgestellten Wirklichkeit taten, belegt pointiert der Kontrast: Den sexuellen Phantasien, die etwa in der Fanpost an die Kommune I aufscheinen, steht das Bekenntnis eines ehemaligen Kommunarden gegenüber, dass sich alle Kommune-Mitglieder anlässlich des Fotoshootings zum ersten Mal nackt gesehen hatten. Ähnlich bezeichnend das zweite Beispiel Reichardts: Ein an sich vernichtender Text über die „Jugendbewegung 71“ im Spiegel[5] wurde mit einer Bildserie illustriert, die in einer frappierend selektiven Auswahl des Bildmaterials den „Vorzeigehippie“ eher „erschuf“ (Reichardt) als dass er von den Spiegel-Journalisten tatsächlich vorgefunden worden wäre. Gelangte eine kleine Landkommune ob der hier lebenden vermeintlichen Parade-Hippies zu extremer Überrepräsentanz, so ergriffen die Spiegel-Reporter weitere Initiative, um die Szenerie abzurunden: Vermeintlich typische Accessoires wurden gegen Bezahlung eigens aufgestellt. Gleichwohl: Die derart produzierte Imagination von Ganzheitlichkeit, Natürlichkeit, Zusammengehörigkeit und Wärme tat ihre Wirkung. Wiederum belegen zeitgenössische Referenzen aus dem Milieu, dass die medial vermittelten Images geeignet waren, als kollektiver Referenzpunkt einer alternativen Identität zu dienen.

Tatsächlich also, so eine der Kernthesen Reichardts, bestimmten mediale Bilder „Selbstsicht und Identitätsbindung des Alternativmilieus in hohem Maße.“ Ist diese Erkenntnis im Hinblick auf die Produktivkraft von Bildern für sich genommen bereits äußerst erhellend, so ist sie umso bemerkenswerter angesichts der vorderhand expliziten Abwendung des alternativen Milieus von der Massenpresse. Geläufige Begründung: Die Absage an die „falsche Berichterstattung“ der „bürgerlichen Presse“, in der man sich „nicht repräsentiert“ sah.

Weitere Relevanz erhielten die Ausführungen Reichardts bezüglich medialer Identitätskonstruktionen durch einen detaillierteren Blick auf die konkreten Elemente linksalternativer Identität. Zentrale Kategorien waren hier v.a. Authentizität, Unmittelbarkeit, Selbstbestimmung – kollektive Identität im Zeichen der Selbstbestimmung. Gerade diese Maximen jedoch, so das Argument, erwuchsen eben nicht unmittelbar aus dem direkten alltagsweltlichen Kontext. Viel mehr wurde der Authentizitätsanspruch in einem Milieu, das durch den bewussten Verzicht auf institutionalisierte organisatorische Vernetzung v.a. kommunikativ strukturiert war, medial errichtet. Durch die Kultivierung vorgeblicher Unmittelbarkeit und Erfahrungsnähe in der Alternativpresse wurde somit ein Authentizitätsideal kommunikativ produziert und medial vermittelt, das von hier aus auf die alltagsweltliche Interaktion des linksalternativen Milieus zurückwirkte und „gouvernementale Kraft für die Lebenspraxis“ entfaltete.[6]

Als ausgesprochen ergiebig erwies sich der Ansatz Petra Terhoevens, die Kommunikationsstrategien der beiden wirkmächtigsten Terrorgruppen Europas – der deutschen RAF und der italienischen Brigate Rosse (BR) – aus dezidiert transfergeschichtlicher Perspektive zu untersuchen. Ausgangspunkt der Überlegungen: Mit den Aufnahmen von Hanns Martin Schleyer resp. der wenige Monate später entstandenen Fotografie des fünfmaligen italienischen Ministerpräsidenten Aldo Moro im „Volksgefängnis“ existieren diesseits wie jenseits der Alpen Bilder von Entführungsopfern des Linksterrorismus, die nahezu spiegelbildlich inszeniert waren und in ihrer Rhetorik zu Ikonen der „bleiernen Zeit“ gerieten.

Die analoge Kampfstrategie der Personenentführung wie v.a. die frappierende Parallelität der von den Aktivisten verbreiteten Fotografien der Entführungsopfer war bereits den Zeitgenossen ins Auge gestochen; die Vermutung eines Transfers terroristischer Strategien wurde früh artikuliert. Allerdings: Entgegen der Deutung der Moro-Entführung als „Terror nach deutscher Art“, die in der Bundesrepublik vorgenommen wurde, nahm der Transfer im Süden seinen Ausgang. Das Ritual der Entführung wie die in Zusammenhang mit der Fragestellung der Sektion v.a. interessierende Kommunikations- und Propagandastrategie einer gezielten massenmedialen Verbreitung von Aufnahmen der Entführungsopfer kam bei den italienischen Rotbrigadisten bereits in den frühen 1970er Jahren zur Anwendung. In der Folgezeit wurde dieses Vorgehen, so Terhoeven, zu dem Markenzeichen der BR. Mitte der 1970er Jahre dann wurde diese Praxis erstmals durch den deutschen Linksterrorismus adaptiert: Mit der Entführung von Peter Lorenz durch die „Bewegung 2. Juni“ kam es Anfang 1975 zur ersten politisch motivierten Geiselnahme der Bundesrepublik. Die Verbreitung der „zugehörigen“ Aufnahme, die Lorenz analog der italienischen Praxis als hilfloses Opfer seiner Entführer präsentierte, erzielte besonders perfide Wirkung vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Situation: Im seinerzeit auf Hochtouren laufenden Wahlkampf in Berlin hatte der CDU-Spitzenkandidat sich – u.a. auf den überall präsenten Wahlkampfplakaten – ausgerechnet mit dem Thema „Innere Sicherheit“ in Szene gesetzt.

Was nun hatten die Entführer mit ihrem Bildprogramm intendiert, und: Wie wurden die Botschaften von den Adressaten bzw. in der Öffentlichkeit rezipiert? Tatsächlich war die Produktion eines Bildes zur medialen Verbreitung im Dienste der Propaganda der eigentliche Zweck der ersten Personenentführung durch die BR im Jahre 1972: Unterlegt von Klassenkampfparolen zeigte das Foto die gestellte Hinrichtung des Opfers; dieses jedoch befand sich zum Zeitpunkt der Veröffentlichung bereits wieder in Freiheit – Beglaubigung der rein symbolischen Intention der Aktion. Wie weitere spektakuläre Symbolhandlungen in den Folgemonaten stellte die Entführung in ihrer Inszenierung den Bezug zu Aktionen des antifaschistischen Partisanenkrieges her und zielte auf die öffentliche Demütigung und die symbolische Unterwerfung eines Repräsentanten des „Klassenfeindes“ ab. Markierten die hier produzierten Aufnahmen einerseits eine „bildlich formulierte Kampfansage“ an die durch die Opfer repräsentierten „großen und kleinen Chefs“, so enthielten sie in Richtung der zum revolutionären Subjekt auserkorenen Arbeiterschaft die Aufforderung, sich mit den Entführern zu identifizieren und sich dem bewaffneten Kampf anzuschließen. Die „binäre Klassenkampfpropaganda“ und das Werben um Identifikation mit den Linksterroristen schienen anfangs zumindest teilweise zu wirken. Dennoch zeitigten sie nicht den gewünschten Erfolg einer tatsächlichen bewaffneten Mobilisierung der Arbeiterschaft. Die in der Folge zunehmende Brutalität der Rotbrigadisten, weiterhin bildreich dokumentiert, führten schließlich zur umfassenden Diskreditierung der BR auch unter vormaligen Sympathisanten; die bildgestützte Kommunikations- und Propagandastrategie der italienischen Terroristen, so Terhoeven, hatte ihr Ziel verfehlt.

Noch pointierter zeigt das Beispiel der Bundesrepublik auf, wie die vermeintlich souveräne Indienstnahme der Wirkmacht von Bildern durch die Linksterroristen sich eben wegen dieser Wirkmacht ins völlige Gegenteil des Intendierten verkehrte. Anders als in Italien war die bildgestützte Propagandastrategie in der Bundesrepublik nach der Lorenz-Entführung zunächst nicht in das Repertoire der Linksterroristen aufgenommen worden; erst im Fall Schleyer wurde sie durch die RAF wieder aufgegriffen. Angesichts der Inszenierung der Aufnahmen Schleyers bleibt kaum ein Zweifel an der Intention der Entführer, nach italienischem Vorbild neben Nachweis der körperlichen Unversehrtheit v.a. einen Beleg für die „geglückte Entthronisierung“ einer Schlüsselfigur der deutschen Wirtschaft zu liefern. Zu direkt jedoch, so das Argument Terhoevens, erinnerte die Inszenierung in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit an die Gewaltpraxis der NS-Zeit: Die Kennzeichnung so genannter „Volksfeinde“ mit Schildern und die „Perpetuierung ihrer Schande durch Fotos“ hatte in allen besetzten Staaten zur nationalsozialistischen Erniedrigungs- und Ausgrenzungspraxis gehört. Kehrte sich diese Praxis jedoch im übrigen Europa nach Kriegsende gegen die früheren Kollaborateure, gegen „Deutschenliebchen“ und Faschisten und erhielt sie somit den „Geschmack des gerechten Volkszornes“, so wurde ein solches Vorgehen in der Bundesrepublik weiterhin schlicht mit einer aggressiven Volksgemeinschaft assoziiert, so Terhoeven. Eine Assoziation, die gerade auch unter den vermeintlichen Sympathisanten innerhalb der deutschen Linken keineswegs dazu geeignet war, eine Identifikation mit der RAF herzustellen.

Bilder, so bilanzierte Bernd Weisbrod nach einem anerkennend-pointierten Kommentar die übergreifenden Ergebnisse der Sektion, „bilden Wirklichkeit nicht nur ab, sondern beeinflussen und erzeugen diese sogar.“ Im geschichtswissenschaftlichen Umgang mit Bildern sei daher insbesondere deren Produktivkraft ernst zu nehmen – eine Verpflichtung also zur Einbettung von Bildern in ihren Kontext unter Entschlüsselung der Bild-Zeichensysteme selbst wie unter Rekonstruktion des Zeitblicks, die in angemessener Weise nur durch die Geschichtswissenschaft geleistet werden kann.

Anmerkungen:
[1] „Kahle Maoisten vor einer kahlen Wand“, in: Der Spiegel, Nr. 27, 26.06.1967, S. 20.
[2] Debray, Régis, Einführung in die Mediologie, Bern 2003, S. 129.
[3] Herzog, Dagmar, Die Politisierung der Lust, München 2005.
[4] „Wir fordern die Enteignung Axels Springers.“ Spiegel-Gespräch mit Rudi Dutschke, in: Der Spiegel, Nr. 29, 10.07.1967, S. 29-33.
[5] Der Spiegel, Nr. 33, 09.08.1971, Titel.
[6] Vgl. zum Konzept der Gouvernementalität: Foucault, Michel, Geschichte der Gouvernementalität. Vorlesung am Collège de France 1977-1978, Bd. 1, Frankfurt am Main 2004.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2006: Bilder der „Linken“. Beispiele einer transnationalen Kulturgeschichte des Politischen in den 1960er und 1970er Jahren, 19.09.2006 – 22.09.2006 Konstanz, in: H-Soz-Kult, 18.10.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1192>.
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18.10.2006
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