HT 2006: Repräsentationen der Wohltätigkeit. Der Akt des Gebens und Nehmens im Bild Europas, 13.-20. Jahrhundert

Ort
Konstanz
Veranstalter
Lutz Raphael, Universität Trier; Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD)
Datum
19.09.2006 - 22.09.2006
Von
Katrin Marx, SFB 600, Universität Trier

Der Diskussionsleiter Lutz Raphael (Trier) lud die Zuhörer der Sektion „Repräsentationen der Wohltätigkeit“ zu einem Experiment ein – der Untersuchung der langen Dauer von Bildtraditionen über den Akt des Gebens und Nehmens vom 13. bis zum 20. Jahrhundert. Entstanden war die Idee in einem interdisziplinären Arbeitskreis im Rahmen des Trierer SFB 600 „Fremdheit und Armut. Wandel von Inklusions- und Exklusionsformen von der Antike bis zur Gegenwart“, dem die überwiegende Zahl der Teilnehmer angehörte. Hier wurden bildliche und textliche Repräsentationen von Armut und Fremdheit in Zusammenarbeit mit Kunsthistorikern, Medienwissenschaftlern und Literaturwissenschaftlern im Vorfeld intensiv diskutiert.

Folgende Fragen galt es zu erörtern: Wie gestaltet sich das Verhältnis zwischen der Visualisierung des Gebens und Nehmens, der beteiligten Akteure und dazu gehörenden Institutionen und Kontexte, und der tatsächlichen Vergabepraxis von Unterstützung an Arme? Dabei war im Besonderen die Wirkmächtigkeit von Bildprogrammen bei der Durchsetzung von Inklusionen und Exklusionen von Armen und die Beharrungskraft visueller Traditionen auch bei veränderten Semantiken und Praktiken der Fürsorge von Interesse: Machten etwa christliche Elemente im Lauf der Zeit säkularen Bildprogrammen Platz? Welche anderen Funktionen hatten die untersuchten Bildwerke wie etwa die Repräsentation von Herrschaft oder Herrschaftslegitimation? Und schließlich: Inwiefern können Bildwerke für einen historiografischen Ansatz nutzbar gemacht werden, wo liegen die Grenzen der Aussagekraft des bildlich Inszenierten?

Für die epochenübergreifende Analyse von visuellen Traditionen eignen sich insbesondere klassische christliche Bildkonzepte wie die Sieben Werke der Barmherzigkeit oder des barmherzigen Samariters. „Darstellungen der Mantelspende des Heiligen Martin als Indikator der Veränderung sozialer Praktiken“ im Zeitraum vom 13. bis zum 16. Jahrhundert war das Thema des ersten Beitrags der Kunsthistorikerin Philine Helas (Bibliotheca Hertziana, Rom – vormals SFB 600). In Mittelalter und Renaissance galt die Legende vom römischen Soldaten, der seinen Mantel teilte, um eine Hälfte einem Bettler zu geben, als das „Sinnbild der Mildtätigkeit schlechthin“. Die Kleiderspende des hl. Martin in seinem späteren Amt als Bischof, als Vertreter der kirchlichen Hierarchie, spiegelt die bis ins 12. Jahrhundert auf Klöster und Kirche beschränkte „institutionalisierte“ Form der Almosenvergabe wider.

Besonders in der Darstellung des Bettlers ließen sich Erkenntnisse über die Beziehung zwischen der Praxis der Armenfürsorge und ihrer Visualisierung formulieren: Sind in Beispielen aus Italien, etwa der 1250 geschaffenen Statuengruppe am Dom von Lucca (Martinspatrozinium), Martin und der Bettler als in Statur und Aussehen fast gleichberechtigte Figuren dargestellt, denen ein gleich großer Bildraum eingeräumt wird, so fällt in Bildern aus dem nordalpinen Raum (etwa Vita Sancti Martini, Trierer Stadtbibliothek, 1102-1124) die Darstellung physischer Gebrechen und Entstellungen des Bettlers (leprös anmutender Ausschlag, Beinprothese o.ä.) auf. Die Visualisierung gibt insofern Hinweise auf die unterschiedliche Ausprägung der Armenfürsorge dies- und jenseits der Alpen, als dass im Norden der „unwürdige Arme“ eine stärkere Verurteilung zu finden schien als im Süden, mithin der Bettler, sollte er als „würdiger“, arbeitsunfähiger Armer eindeutig zu erkennen sein, mit Krankheit und Behinderung behaftet sein musste. In Italien war im Gegensatz dazu die Unterstützung von Armen weniger exklusiv auf die Alten und Kranken beschränkt, sondern umfasste auch andere „verschämte Arme“, die poveri vergognosi, weshalb der Bettler als körperlich unversehrter Mann dargestellt werden konnte. Zudem zeigt sich in den italienischen Bildwerken stärker die Tendenz, im Bettler Christus als Adressaten der Mantelspende sichtbar zu machen.

Eine weitere Entwicklung, die sich in den Bildern aus der Zeit vom Hochmittelalter bis in die Frühe Neuzeit abzeichnet, war die Ablösung der direkten, persönlichen Gabe von Almosen an Bedürftige durch eine im Spätmittelalter einsetzende kontrollierte Almosenvergabe über kommunale Einrichtungen oder – wie es eine Zierseite der Statuten der Scuola di San Martino in Ferrara von 1490 eindrucksvoll zeigt – bruderschaftliche Organisationen. In dieser Darstellung wird der Bettler durch einen Angehörigen der Bruderschaft ersetzt, anstatt der Mantelhälfte spendet der hl. Martin Geld in dessen Sammelbüchse.

Auf das Verhältnis zwischen „Religiösen Bildprogrammen der Armenfürsorge und exkludierenden Vergabepraktiken“ in der Frühen Neuzeit ging Sebastian Schmidt (SFB 600) in einer Untersuchung der geistlichen Fürstentümer im Alten Reich noch detaillierter ein, Bezug nehmend auf die kunsthistorischen Doktorarbeiten zu Almosen- und Barmherzigkeitsdarstellungen von Wolfgang Glüber und Ralf van Bühren.[1]

Schmidt ging es um die übergreifende Frage, inwieweit Bilder als Repräsentationen des Zeitgeistes, also als mentalitätsgeschichtliche Quellen zu fassen sind. Unterschiede zwischen protestantischen und katholischen Gebieten lassen sich insofern feststellen, als dass in den altgläubigen Territorien auch während der Konfessionalisierung, verstärkt sogar in der nachtridentinischen Zeit, die Visualisierung des Gebens und Nehmens traditionellen Bildprogrammen verhaftet blieb und auf den „höheren Zweck“ der Gabe, die heilsvermittelnde Wirkung des Almosens für den Spender und die „Werkgerechtigkeit“ verwies. Eine Darstellung der Sieben Werke der Barmherzigkeit an der Kanzel des Langhauses des Trierer Doms von Hans Ruprecht Hoffman (1570/72) kann nach van Bühren geradezu als „Modellfall gegenreformatorischer Programmatik“ gelten [2]; Christus ist hier beispielsweise in die Schar der Bettelnden miteinbezogen. Das vorgestellte Bildprogramm scheint die These zu untermauern, dass in den katholischen Territorien traditionelle Praktiken der Almosenvergabe beibehalten wurden und das Betteln erlaubt gewesen sei.

Tatsächlich ergibt die Untersuchung von Norm und Praxis der Armenfürsorge in den katholischen Fürstentümern ein anderes Bild: Ebenso wie in protestantischen Territorien wurde Betteln auch hier verboten, insbesondere der arbeitsfähige Bettler allgemein von einer Unterstützung ausgeschlossen, als faul gebrandmarkt und dem Vorwurf ausgesetzt, den „wahren Armen“ das Almosen wegzunehmen. Entgegen der bildlichen Darstellung einer legitimen Unterstützung des körperlich unversehrten Armen wurden „starke Bettler“ als „Geschwüre“ am Körper des Volkes bezeichnet, die es nach den zeitgenössischen Normtexten „auszumerzen“ gelte. Auch in der Praxis sollten in katholischen wie in protestantischen Territorien die Sammlung und Vergabe von Almosen zentral kontrolliert sein, was sich beispielsweise in der Einrichtung des Kirchenstockes in der Almosenordnung von Trier 1533 zeigt. Bettler und Vaganten suchte man im Erzstift Trier außer Landes zu schaffen, in im Lauf des 18. Jahrhunderts eingerichteten Spinnstuben und Arbeitshäusern sollten arbeitsfähige Arme zur Arbeit angehalten werden. Wurde in der Pfarrkirche von Hamm im Jahr 1330 noch dargestellt, wie der Teufel versucht, einen Spender von der persönlichen Almosengabe an den Empfänger abzuhalten, so muss man sich dieses Bild im 18. Jahrhundert geradezu spiegelverkehrt vorstellen: Diese Form der Armenunterstützung galt nun als Sünde. Der hl. Martin, so Sebastian Schmidt in einem Exkurs, hätte dieser Logik zufolge den um eine Gabe bittenden Bettler anzeigen oder gleich festnehmen müssen, statt ihm seine Mantelhälfte zu reichen – ansonsten hätte er selbst Sanktionen befürchten müssen.

Dass trotzdem Bildprogramme einer inkludierenden Versorgung auch „starker Bettler“ von denselben Herrschaftsträgern weiterhin propagiert wurden, lässt sich damit erklären, dass gerade in der Zeit der Gegenreformation nach außen traditionelle Repräsentationen der caritas propagiert werden sollten, die im Zusammenspiel mit der exkludierenden Norm und Praxis letztlich der Herrschaftsstabilisierung dienten. Die Bilder sind somit zwar als erstrangige Quellen zur Untersuchung von Herrschafts- und Konfessions-Repräsentationen zu interpretieren, nicht aber Ausdruck eines katholischen „Zeitgeistes“, verstanden als verallgemeinerbare Einstellung zu Bettelei und Armut.

Auch Gerhard Ammerer und Sabine Veits-Falk (Universität Salzburg) gingen in ihrem Beitrag zur „Visualisierung des Bettelns. Geben und Nehmen zwischen Mildtätigkeit und Sozialkritik (Österreich und Süddeutschland, 16.-19. Jahrhundert)“ auf die Unterschiede zwischen „würdigen“ und „unwürdigen“ Armen ein. So sind auf einer Martinsdarstellung der Bürgerspitalskirche von Bruck an der Mur (1518) die Empfänger der Mantelspende durch ihre Gebrechen und ihre Arbeitsunfähigkeit als „wahre Arme“ ausgewiesen. In einem Stich aus dem Jahr 1709 sind dagegen Bettler dargestellt, die das Almosensammeln betrügerisch mit Hilfe zur Schau gestellter falscher Gebrechen geradezu als Handwerk betreiben. Das Motiv des professionellen „falschen Bettlers“ stand in einer langen Tradition; im Liber Vagatorum (1510) waren die unterschiedlichen Betrugsmöglichkeiten ausführlich beschrieben.

Die Darstellungen spiegeln die zeitgenössischen Diskussionen über den Umgang mit den verschiedenen Gruppen von Armen im Spannungsfeld zwischen Fürsorge und repressiven Maßnahmen (Arbeitszwang) und um Zentralisierung und Institutionalisierung der individuellen Almosenvergabe wider. Symbole der institutionellen bzw. herrschaftlichen Instanzen konnten in der Darstellung mit traditionellen religiösen Bildprogrammen kombiniert werden: In einem Schmuckblatt des St. Johannes-Bruderhaus-Urbars (1679) sind neben den Sieben Werken der Barmherzigkeit auch das Passauer Stadtwappen und eine Sammelbüchse als Symbol einer kontrollierten Spendensammlung und -vergabe abgebildet.

Im Gegensatz zur Norm der zentralen Armenversorgung fällt auf, wie auf Bildern auch vom Ende des 18. Jahrhunderts die individuelle Almosengabe als vergleichsweise positiv, als Akt der Barmherzigkeit und Nächstenliebe dargestellt wird. Dies findet seinen Ausdruck auch auf Bildern aus der Zeit des Biedermeier, auf denen die Hilfe von Armen für Arme dargestellt ist. Werke beispielsweise von Georg Ferdinand Waldmüller zeigen in geradezu idyllischem Ambiente Szenen der Mildtätigkeit unter „rechtschaffenen“ Armen. Auf den ersten Blick sind diese fast nicht als Arme zu dechiffrieren; zu lieblich und rotbäckig sind etwa die Kinder dargestellt. Bildunterschriften wie „Eine reisende Bettlerfamilie wird am Heiligen Christabend von armen Bauersleuten beschenkt“ geben jedoch eindeutige Hinweise.

Zur gleichen Zeit schuf etwa Josef Danhauser unter dem Titel „Der Pfennig der Witwe“ ein Werk, in dem auf satirische Art Protest gegen soziale Ungleichheiten ins Bild gesetzt wurden. Mit dem Aufkommen der „sozialen Frage“ mehrten sich die kritischen Auseinandersetzungen mit dem Armutsproblem und einer unzureichenden kommunalen Fürsorge in der Malerei.

In der anschließenden Diskussion wurde die Begriffsgeschichte des „würdigen“ und „unwürdigen“ Armen thematisiert; abschließend beantwortet werden konnte die Frage nach dem Auftauchen und der Verbreitung dieser Termini nicht. Sie stellten für die Teilnehmer der Sektion vielmehr Chiffren für eine Trennung von gesellschaftlich anerkannten und nicht anerkannten Armengruppen dar, deren wichtigstes Unterscheidungskriterium die Arbeitsfähigkeit darstellte. Daneben konnten jedoch auch weitere Zuschreibungen treten, die sich auf den Lebenswandel des Armen bezogen (etwa Alkoholismus, moralisch-sexuelles Verhalten usw.). Die Antwort auf die Frage, wie diese Zuschreibungen vorgenommen wurden und welchen Zweck sie letztlich erfüllten, stellt sicherlich ein Forschungsdesiderat dar.

Sabine Veits-Falk deutete am Ende ihres Vortrags eine Entwicklung auf Armutsdarstellungen des 20. Jahrhunderts an, dass die Wohltäter zugunsten der „Objekte der Fürsorge“ in den Hintergrund treten – eine Einschätzung, die in beiden Beiträgen zu diesem Zeitraum Bestätigung fand.

Von den traditionellen, religiösen Bildprogrammen der Unterstützung von Armen waren die von Inga Brandes (SFB 600) präsentierten Fotografien im Rahmen ihres Beitrags „Wohltätige Fremdherrschaft und ihre Inszenierung“ weit entfernt: Man sah instand gesetzte Häuser, neu angelegte Straßen oder Brücken, kaum die Empfänger einer Unterstützung oder Wohltäter. Die Fotografien, entstanden in den Jahren 1906 bis 1914, sollten die Arbeit des 1891 im Rahmen der Landreformgesetzgebung eingerichteten Congested Districts Board (im Folgenden CDB) dokumentieren, einer Institution der britischen Strukturhilfe für irische Armutsregionen. Wer konkret von den Unterstützungen des CDB profitierte, kann aufgrund (noch) gesperrter Quellen nicht abschließend beantwortet werden. Bestimmte Regionen Irlands, so viel kann festgehalten werden, wurden anhand von Einkommensgrenzen u.ä. als „überbevölkerte Gebiete“ definiert, die von einer englischen Gutsbesitzer-Gesellschaft in eine irische Kleinbauerngesellschaft umgewandelt werden sollten, was mit Hilfe von Meliorationen in der Landwirtschaft oder dem Landankauf und fairem Wiederverkauf geschah. So sollte langfristig der Lebensstandard der Bewohner dieser Gebiete verbessert werden.

In einer Ausstellung in Dublin führten die Fotografien der irischen Öffentlichkeit die Erfolge des CDB eindrucksvoll vor Augen, indem nicht nur das verbesserte „Nachher“, sondern auch das „Vorher“ – strohgedeckte Behausungen mit kleinen Fenstern und ohne Schornstein – gegenübergestellt wurden. Die Bildunterschriften unterstützten die Aussagen der Bilder durch Adjektive wie „unsanitary“ (Vorher) und „new“ oder „improved“ (Nachher).

Nur auf wenigen Fotos sind die Wohltäter zu sehen, die zudem in einem wenig distanzierten Verhältnis zu den Empfängern dargestellt sind. Eher erkennt man ein Miteinander, das gemeinsame Arbeiten an der guten Sache: So sind auf einem Foto Mitglieder des CDB zu sehen, die Einheimische nach dem Weg fragen. Auch die Bewohner der congested districts sind nicht in einem traditionellen Sinne als dankbare, gar demütige Empfänger dargestellt. Die Akzeptanz der britischen Wohltätigkeit wurde vielmehr durch Fotografien illustriert, auf denen die Besitzer der modernisierten Häuser in selbstbewusster Pose stolz vor ihrem Eigentum stehen; in den Bildunterschriften sind sie durch Angabe der Namen eindeutig ausgewiesen.

Die Mitglieder des CDB wollten nicht sich selbst als Wohltäter in Szene setzen, sondern die Erfolge ihrer Arbeit. Vor dem Hintergrund einer konfessionell und politisch gespaltenen Gesellschaft war die Inszenierung der neutralen „Gabe“ sicherlich unverfänglicher als die Darstellung von Wohltätern, die devot blickenden Iren eine Unterstützung britischer Herkunft zukommen ließen. So konnten die vorgestellten Fotos in ihrer objektiven und neutralen Präsentation der strukturellen Verbesserungen auf subtile Weise der britischen Herrschaftslegitimation dienen.

Der hl. Martin kehrte im letzten Vortrags der Sektion wieder, auf einem Plakat der Caritas, mit dem die katholische Hilfsorganisation 1951 um Spenden für ihre Arbeit warb. Gabriele Lingelbach (SFB 600) arbeitete anhand der relativ geschlossenen Quellengruppe der sogenannten Sammlungsplakate die Darstellung der Geber und Empfänger von Spenden heraus, für die seit Kriegsende die katholischen und protestantischen Wohltätigkeitsorganisationen Caritas, Innere Mission und Evangelisches Hilfswerk als vermittelnde Institutionen auftraten. Das Untersuchungssample wurde durch Sammlungsplakate der 1959 neu gegründeten kirchlichen „Drittweltinitiativen“ Misereor und Brot für die Welt ergänzt.

Die Motive der Plakate, die vom Betrachter schnell erkannt und verstanden werden mussten, blieben in der Nachkriegszeit zunächst traditionellen christlichen Bildprogrammen verhaftet. Insbesondere die katholischen Wohltätigkeitsorganisationen bildeten mit der Darstellung von Heiligen – Martin, Nikolaus oder Elisabeth – geradezu idealtypische Wohltäter ab, die dem Betrachter als Vorbilder dienen sollten. Daneben wurden auch Symbole der sammelnden Organisationen und der Kirchen auf den Plakaten abgebildet als Ausdruck des „Selbstbewusstseins der beiden christlichen Kirchen und ihrer Organisationen, die für sich eine zentrale Rolle in der deutschen Nachkriegsgesellschaft reklamierten“, so Gabriele Lingelbach.

Zudem verwendeten die Organisationen in der direkten Nachkriegszeit Mitleid erweckende Darstellungen von Elend und Leid. Anknüpfungspunkte an die Alltagserfahrungen der potentiellen Spender bot etwa das Bild einer weinenden Frau vor einer Trümmerlandschaft auf einem Plakat des Evangelischen Hilfswerkes 1949, das den Betrachter an die Gefahr gemahnte, ihm könne das gleiche Schicksal widerfahren und an sein Gewissen appellierte: Gerecht wäre es, vom eigenen relativen Wohlstand etwas abzugeben. Dieses Grundmuster des Kontrastes zwischen der schlechten Situation des dargestellten Bedürftigen und der eigenen vergleichsweise besseren Situation des Betrachters taucht in den Sammlungsplakaten immer wieder auf. Besonders in den Plakaten von Misereor und Brot für die Welt wurden Mitleid erregende Bilder, etwa von ausgemergelten Kindern aus Ländern der „Dritten Welt“, verwendet.

Seit den späten 1950er Jahren wurde auf religiöse Bildprogramme immer weniger zurückgegriffen, was mit einer allgemeinen Entkirchlichung der bundesrepublikanischen Gesellschaft zu erklären ist. Der potentielle Spender wurde hingegen weiter ins Zentrum der Darstellungen gerückt. Durch Appelle wie „Helfen macht dich nicht arm“ (Innere Mission, 1957) oder später „Helfen macht froh“ (Caritas, 1971) wurde mit einer eher argumentativen Strategie versucht, den Betrachter vom Spenden zu überzeugen und ihm sogar eine Gegenleistung in Form von Dankbarkeit, gar eines Glücksgefühls in Aussicht gestellt. Die Elendsdarstellungen verschwanden demzufolge seit den späten 1960er Jahren; auf den Plakaten abgebildet waren nun eher Personen, vor allem Kinder, denen offensichtlich bereits geholfen wurde. Diese Entwicklung ist auch mit einer zunehmenden Professionalisierung der Werbeabteilungen der Organisationen und dem verstärkten Einfluss von Markt- und Meinungsforschung zu erklären. Die kommerziellen Aspekte erlangten mit einer zunehmenden Konkurrenz auf dem „Spendenmarkt“ durch die Gründung neuer Organisationen wie Aktion Sorgenkind oder SOS-Kinderdorf immer mehr an Gewicht.

Das „Experiment“, zu dem der Diskussionsleiter eingeladen hatte, kann als gelungen bezeichnet werden, obgleich in der Sektion nur in sehr geraffter Form eine umfangreiche und einen langen Zeitraum umfassende Quellenbasis vorgestellt werden konnte. Die Untersuchung der Kontinuitäten vor allem christlicher Bildprogramme – so findet sich der hl. Martin auch auf einem Spendenplakat aus den 1950er Jahren wieder – führt den Gewinn dieser epochenübergreifenden Sektion plastisch vor Augen. Der Vergleich der auf Gemälden, Fotografien und Plakaten dargestellten Bildprogramme mit den jeweils aktuellen Normen und Praktiken der Unterstützung von Armen zeigt auf, inwiefern die Untersuchung bildlicher Darstellungen die Analyse textlicher Quellen erweitern und vertiefen kann, ohne diese als bloße Illustration des historischen Geschehens zu nutzen. Bilder können als Ausdruck zeitgenössischer Mentalitäten interpretiert werden, wie etwa der unterschiedlichen Wahrnehmung von „würdigen“ und „unwürdigen“ Armen dies- und jenseits der Alpen im Mittelalter. Eine sorgfältige Kontextualisierung der Bildquellen zeigte jedoch auch Diskrepanzen zwischen dem bildlich Dargestellten und der zeitgenössischen Norm und Praxis auf. Hier sind die Grenzen einer bildimmanenten Analyse festzustellen: Nicht immer bildeten die Darstellungen den „Zeitgeist“ eins zu eins ab; gerade vertraute Bildprogramme konnten strategisch eingesetzt werden und beispielsweise der Herrschaftslegitimation und -repräsentation dienen.

Anmerkungen:
[1] Glüber, Wolfgang, Darstellung von Armut und bürgerlicher Armenfürsorge im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit. Kunsthistorische Interpretation von Altargemälden, Almosentafeln und Illustrationen, Frankfurt am Main 2000; Bühren, Ralf van, Die Werke der Barmherzigkeit in der Kunst des 12.-18. Jahrhunderts. Zum Wandel eines Bildmotivs vor dem Hintergrund neuzeitlicher Rhetorikrezeption, Hildesheim 1998.
[2] Bühren (wie Anm. 1), S. 91.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2006: Repräsentationen der Wohltätigkeit. Der Akt des Gebens und Nehmens im Bild Europas, 13.-20. Jahrhundert, 19.09.2006 – 22.09.2006 Konstanz, in: H-Soz-Kult, 18.10.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1211>.