Sachbuch und populäres Wissen im 20. Jahrhundert

Ort
Berlin
Veranstalter
Forschungsprojekt: Das populäre deutschsprachige Sachbuch im 20. Jahrhundert
Datum
03.11.2006 - 04.11.2006
Von
Tim Sparenberg, Berlin

Die Kategorie Wissen ist ein Schlüssel zum Verständnis kultureller Ordnungen: Wissen bestimmt darüber, wie wir uns selbst definieren, Wissen fungiert als Distinktionsmittel, Wissen kann Kriege entscheiden, Wissen gibt vor, was fremd und was eigen ist. Die interdisziplinäre Tagung Sachbuch und populäres Wissen im 20. Jahrhundert, die am 3. und 4.11.2006 vom Forschungsprojekt Das populäre deutschsprachige Sachbuch im 20. Jahrhundert an der Humboldt-Universität zu Berlin ausgerichtet wurde, widmete sich den Fragen, welche Funktion faktografische Erzählformen bei der Erschließung und Vermittlung von Wissen einnehmen, in welchem Umfang sie Wissenskulturen konstituieren und wie sich das Populäre und das Popularisieren zueinander verhalten. Hybridformen zwischen Faktizität und Fiktionalität wie das populäre Sachbuch, Ratgeber, Essays und Reiseberichte gehören aufgrund ihrer Auflagenstärke zu den zentralen Medien von Wissensspeicherung, -distribution und -vermittlung im späten 19. und im 20. Jahrhundert. Historiker, Germanisten und Ethnologen stellten Möglichkeiten vor, wie man sich diesem wichtigen Quellenkorpus konzeptuell annähern und ihn für kulturwissenschaftliche Fragen erschließen kann.

In seinem Eröffnungsvortrag fragte David Oels (Berlin) danach, was „ein Sachbuch eigentlich ist“. Trotz des großen Leserinteresses am Sachbuch sei die Unsicherheit in der Bestimmung seines „eigentlichen“ Wesens groß und die Verwendung des Begriffes Sachbuch wenig kohärent. Weder der Versuch, das Sachbuch über die Differenz von Faktizität/Fiktion zu bestimmen, noch die Untersuchung der pragmatischen Verwendung des Begriffs würden zu einem eindeutigen Ergebnis führen. Sowohl paratextuelle Zuschreibungen als auch die Zuordnung in Bestellerlisten wie der Warengruppensystematik seien häufig durch Willkür und marktstrategische Überlegungen geprägt. Oels plädierte daher dafür, den Versuch einer essentialistischen Bestimmung des Sachbuchs zu suspendieren und stattdessen bei der Analyse von Hybridtexten die Unsicherheiten im Definitorischen sowie die Genealogie der bisherigen Definitionsversuche stets mitzudenken.

Der Sprachwissenschaftler Manfred Krifka (Berlin) thematisierte in seinem Vortrag die Darstellung linguistischer Forschungsfelder in der populärwissenschaftlichen Literatur. Er stellte fest, dass die verbreitete Wahrnehmung der Sprachwissenschaft als Hilfsdisziplin sich mit der Auswahl von sprachlichwissenschaftlichen Themenfeldern deckt, die in Sachbüchern angesprochen werden. Die Linguistik sei im Sachbuch nicht als eigenständige Disziplin repräsentiert, sondern stets als Mittel zum Zweck, z.B. zum Erlernen eines guten Stils, zur Beantwortung kognitionswissenschaftlicher Fragen oder der Sprachkritik. Dabei gäbe es durchaus Rückkopplungseffekte von Sachbüchern mit linguistischen Inhalten auf die universitäre Forschungspraxis. Sachbücher helfen der Disziplin nicht zuletzt dabei, soziale Relevanz zu markieren und Forschungsgelder zu requirieren.

Die essayistische Rundschaupublizistik Ernst Haeckels, Friedrich Ratzels und Wilhelm Wundts wurde von Erdmut Jost (Bielefeld) als Strategie der Entdifferenzierung in einer Zeit zunehmender funktionaler Ausdifferenzierung vorgestellt. Die Rundschauen seien ein Ort der Reflexion, ein imaginärer Spiegel des „gesamten deutschen Kulturlebens“ gewesen. Hier sei der Versuch einer Integration von geistes- und naturwissenschaftlichem Wissen unternommen worden, um eine geschlossene Weltanschauung wiederherzustellen. Da für die Rundschaupublizistik lange nur eine „Minimalpoetik“ formuliert worden sei, käme ihr die Funktion eines Experimentierfeldes in der Entwicklung unterschiedlicher Darstellungsformen des Wissens zu.

Christian Schärf (Mainz) erstaunte mit der subtil begründeten und am Beispiel von Rüdiger Safranskis Buch „Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie“ illustrierten These, dass der Essayismus im Sinne der kritischen Theorie heute ubiquitär und eine Verbindung mit dem populären Sachbuch eingegangen sei. Der Essay habe andere Genres infiltriert und damit einen neuen literarischen Wissenstyp etabliert, der allerdings, anders als der Essay, weder Anstoß errege, noch eine elitäre oder exklusive Funktion ausüben könne.

Die populärwissenschaftliche Vermittlung von naturwissenschaftlichem Wissen zwischen Dichtung und Wissenschaft im 19. Jahrhundert thematisierte Safia Azzouni (Berlin). Die Pioniere der Popularisierung hätten sich durch die Fachwissenschaft dem Vorwurf der Zweitrangigkeit ausgesetzt gesehen und daher ihrerseits Rechtfertigungsstrategien entwickeln müssen. Wilhelm Bölsche stehe dabei für den Versuch, Spezialwissen in eine „höhere Stufe der Kultur“ zu transformieren. Anschaulichkeit und Verständlichkeit wurden bei ihm als Wissensideale formuliert, an denen sich auch die Fachwissenschaft zu messen habe: In der Popularisierung werde überprüfbar, ob die Sache klar gedacht sei. Bölsche kalkulierte als Effekt dieser Rhetorik neben einer Nobilitierung der Popularisierung auch Rückkopplungseffekte auf die Fachwissenschaft ein. Bezogen auf den Leser machte Azzouni das Erleben eines Gefühls des „Erhabenen“ als vorrangiges ästhetisches Ziel bei Bölsche aus.

Dass die systematische Popularisierung einer pseudowissenschaftlichen Theorie eine wirkungsvolle Strategie sein kann, um auch von der Fachwissenschaft wahrgenommen zu werden, belegt die Geschichte von Hanns Hörbigers (1860-1931) „Glacial-Kosmogonie“. Robert Matthias Erdbeer (Münster) zeichnete die Popularisierungsschritte von Hörbigers Thesen vom Fachbuch mit wissenschaftlichem Anspruch über Sachbücher bis hin zu Science-Fiction-Literatur nach. Die Fachwissenschaft musste nach anfänglichem Desinteresse angesichts der Verbreitung der Theorie Hörbigers schließlich auf die „Irrlehre“ reagieren. Hörbiger wurde so letztlich die von ihm ersehnte „fachmännische Sanktion“ seiner Theorie zu Teil – auch, wenn diese nicht, wie von ihm erwartet, positiv ausfiel.

Martin Nissen (Berlin) versuchte anhand einer exemplarischen Untersuchung von Werken der populären Geschichtsschreibung (Werner Maser, Jürgen Thorwald und Golo Mann) Aufschluss über die Unterschiede von populärer und fachwissenschaftlicher Geschichtsschreibung zu gewinnen. Er kam zum dem Ergebnis, dass eine Grenzziehung nur graduell möglich sei, die Veröffentlichungspraxis (Rolle des Verlages, Finanzierung), die Selbsteinordnung der Autoren in den Forschungstand sowie die Stoffauswahl und -organisation allerdings Rückschlüsse auf die Zugehörigkeit zur Kategorie Fach- oder Sachbuch zulasse. Wenn Nissen auch an der Unterscheidung von professioneller Historiographie und Sachbuch festhalten wollte, so räumte er doch ein, dass populäre Geschichtswissenschaft durchaus innovativ sein könne.

Stephan Porombka (Hildesheim) stellte in seinem Vortrag die These vor, dass populäre Literaturgeschichtsschreibung (Schlaffer, Weidemann) nicht in erster Linie von interessierten Laien, sondern von Lehrern, Schülern und „gelangweilten Germanisten“ rezipiert werde. Dieser Leserkreis würde die Texte im spielerischen Umgang mit den „großen Thesen“ als Selbstexplikation nutzen. Von der „populären“ Literaturgeschichtsschreibung zu trennen sei die „popularisierende“ Literaturgeschichtsschreibung, die lange Zeit eine wichtige Funktion im bürgerlichen Selbstverständnis gespielt habe. Im Gegensatz zu popularisierenden Darstellungen, die von ihren Lesern als Repetitorium genutzt worden seien, hätten populäre Literaturgeschichten einen reinen Unterhaltungswert.

Tilman Spreckelsen (Frankfurt) referierte über die Techniken der Wissensvermittlung in den Kinderbüchern von Herbert Paatz (1898-1944). In den auflagenstarken Büchern über „Doktor Kleinermacher“ erzählt Paatz von einem Wissenschaftler, der sich und zwei Kinder mit Hilfe eines Schrumpfungsmittels verkleinert und anschließend gemeinsam mit ihnen die heimische Tier- und Pflanzenwelt erkundet. Eingebettet in das Schema eines Abenteuerromans, sei das Ziel der Bücher weniger das Erlernen von Fachwissen gewesen, als eine durch besondere Anschaulichkeit vermittelte Faszination durch die Naturphänomene.

Das Weltbild esoterisch ausgerichteter Gesundheitsberater stellte Ingrid Tomkowiak (Zürich) vor. Gesundheitsratgeber propagierten Heilverfahren, die als „sanfte Alternative“ zur Schulmedizin inszeniert werden, bei den Rezipienten aber nicht selten zu sozialer Isolation, suchtähnlicher Abhängigkeit und der Infragestellung des öffentlichen Gesundheitssystems führen könnten. Ein Grund hierfür sei, dass Krankheit gemäß dem Gedankengebäuden der Ratgeber nicht auf medizinische Ursachen zurückzuführen sei, sondern auf die individuelle psychische Disposition oder, im Falle von Karma-Theorien, auf das „Fehlverhalten in früheren Leben“. Positives Denken gerate zum Zwang, da negatives Denken Krankheit nach sich ziehe. Damit seien die Ratgeber durchaus keine sanfte Alternative, sondern forcierten autoritäre Denkstrukturen und individuelle Kontrollphantasmen.

Julia Bertschik (Berlin) vertrat die Ansicht, dass das Textilsachbuch des ‚Dritten Reichs’ nicht nur in populärer Form über (natur)wissenschaftliche und technische Neuerungen des NS-Regimes informieren wollte, sondern dabei stets auch ideologische Versatzstücke transportiert habe. Besonders durch die Romantisierung ihres Gegenstandes und durch Einsatz von erzähltechnisch geschlossenen oder literarisch montierten Versatzstücken sollte das Sachbuch die Vermittlung einer spezifisch nationalsozialistischen Vorstellung von autochtoner Modernität, einer „Beseelung der Technik“, unternehmen. Weniger in der Popularisierung dieses speziellen Ideologems, als in der allgemein weltanschaulichen Orientierung des populären Sachbuchs seien deutliche Kontinuitäten zu den Konzeptionen des Nachkriegs-Sachbuchs zu erkennen.

Patrick Ramponi (Mannheim) skizzierte in seinem Vortrag die Anfänge des maritimen Sachbuchs. Dieses sei verknüpft gewesen mit imperialen Meeresträumen und der Flottenpolitik im Kaiserreich. Nach Ramponi wurde den Deutschen im Sachbuch das Meer als Lebensraum und nationales Interessengebiet vorgeführt. Nicht zuletzt die Aquarienliteratur habe in diesem Kontext zu einem „Transfer des Meeres ins bürgerliche Wohnzimmer“ geführt. Das Meer habe stets als Medium der Zusammenschau von Deutschtum und Welt gewirkt, in und mit dem ein globaler Herrschaftsanspruch artikuliert wurde.

Carsten Kretschmann (Stuttgart) betonte in seinem Vortrag den Konnex von Wissenspopularisierung und sozialem Wandel. Kollektive mentale Krisen zögen das Bedürfnis nach populären Erklärungen nach sich. Am Beispiel der Bismarckdarstellung von Sebastian Haffner zeigte Kretschmann, dass die Popularisierung von Wissen nie als reine Übersetzung anzusehen sei, sondern immer auch eine Neukonstitution des Gegenstandes bedeute. Die Deutungen im geschichtspopularisierendem Sachbuch würden nicht nur die Vergangenheit thematisieren, sondern stets auch ein Vehikel für Fragen und Antworten auf Probleme der Gegenwart sein.

Aus ethnologischer Perspektive problematisierte Timo Heimerdinger (Mainz) den Quellenwert von Ratgeberliteratur für kulturanthropologische Fragestellungen. Die in Ratgeberliteratur praktizierte Vermittlung von unmittelbar handlungsrelevantem Wissen sowie die hohen Auflagezahlen dieser Bücher verführten leicht dazu, sie als Spiegel von sozialen Handlungen zu sehen. Heimerdinger warnte allerdings davor, von den Texten direkte Rückschlüsse auf die soziale Praxis zu ziehen. Ratgeber seien eher Abbilder von Normvorstellungen und Kondensat kultureller Idealbilder als mimetische Widerspieglungen der Wirklichkeit. Wie sehr soziale Praxis und die Empfehlungen in Ratgebern auseinander fallen können, zeigte er anhand der abnehmenden Säuglingsstillquote in den 70er Jahren. Während in Ratgebern durchgehend zur natürlichen Säuglingsernährung geraten wurde, griffen die Eltern dennoch zunehmend auf künstliche Säuglingsnahrung zurück.

Hans-Otto Hügel (Hildesheim) schlug vor, zwischen dem Popularisieren und dem Populär-Machen zu unterscheiden, da es sich um verschiedene Vorgänge handle. Während das Popularisieren Inklusions-/ Exklusionsprozesse bedenke, ziele das Populär-Machen auf Unterhaltung ab. Als ‚Populär’ in diesem Sinne definierte Hügel kulturelle Artefakte, die unterhalten ohne gesellschaftlich funktionalisiert zu werden.
Bereits im 19. Jahrhundert sei die Ausbildung einer Kultur der Unterhaltung im Zusammenspiel von Intention, ästhetischer Qualität und öffentlicher wie privater Rezeption zu beobachten.

Katrin Völkner (Evanston, Illinois) untersuchte die von Karl Robert Langewiesche (1874-1931) herausgegebene Sachbuchreihe „Die Blauen Bücher“ als Phänomen zwischen Kultur-Konsum und Konsum-Kultur. Um seinen Absatz zu steigern, arbeitete er mit Werbetechniken wie Scheibenplakaten, einem einheitlichen Markencharakter durch einheitliche Umschlagsgestaltung sowie mit Klappentext, als dessen Erfinder er gilt. Trotz serieller Produktion und relativ niedriger Verkaufspreise seiner Bücher habe er es vermocht seinen Lesern den Eindruck zu vermitteln, durch den Erwerb der Bücher kulturelles Kapital zu akkumulieren. „Die Blauen Bücher“ seien somit zu „vornehmen Massenartikeln“ geworden, die besonders für die Angestelltenschicht ein beliebtes Medium sozialer Distinktion darstellten.

Oliver Hochadel (Wien) ging es um Paläoanthropologen als Sachbuchautoren. Sachbücher böten den Anthropologen Raum für umfassende Darstellungen bis hin zur Spekulation. Die Autoren von Sachbüchern würden diesen Freiraum nutzen, um weitreichende Thesen zu entwickeln und Forschungsperspektiven zu eröffnen. Fachliche wie persönliche Divergenzen zwischen den Forschern würden deshalb bevorzugt in Sachbüchern ausgetragen, der jeweilige Gegner auch gelegentlich aus der Fachgeschichte ausgeschnitten. Gleichzeitig habe das Sachbuch eine wichtige Funktion in der Außendarstellung der Disziplin: Über Sachbücher ließe sich soziales Kapitals akkumulieren und sie seien damit, zumindest indirekt, ein Instrument des Fundraising.

Die pragmatische Perspektive auf eine Sachbuchforschung und die Bestimmung ihres Gegenstandes, die David Oels in seinem einleitenden Vortrag vorstellte, wurde gegen Ende um einen ebenso pragmatischen Blick aus der verlegerischen Praxis ergänzt. „Listenplätze werden häufig getauscht, wenn man den Verdacht hat, dass sich das Buch dann besser verkauft“, räumte die Lektorin des DVA-Verlags Hanna Leitgeb (Berlin) ein und belegte damit eine These, die David Oels am Anfang der Tagung formuliert hatte: Verlage ordnen Bücher oft sehr willkürlich dem Label ‚Belletristik’ oder ‚Sachbuch’ zu. Ausschlaggebend für die Zuordnung sei nicht, was das Buch „eigentlich“ ist, sondern die Frage, auf welchem Listenplatz dem Buch mehr Aufmerksamkeit zuteil wird.

Die Vorträge der Tagung werden in einer Publikation dokumentiert.

Zitation
Tagungsbericht: Sachbuch und populäres Wissen im 20. Jahrhundert, 03.11.2006 – 04.11.2006 Berlin, in: H-Soz-Kult, 14.12.2006, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1411>.
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Veröffentlicht am
14.12.2006
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