Doktorandenseminar zur Homöopathiegeschichte

Ort
Stuttgart
Veranstalter
Martin Dinges; Robert Jütte; Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung
Datum
09.02.2007 - 10.02.2007
Von
Birgit Lochbrunner, Essen

Am 09./10.02.07 fand das Doktorandenseminar zur Homöopathiegeschichte unter der Leitung von Professor Dr. M. Dinges und Professor Dr. R. Jütte am Institut für Geschichte der Medizin in Stuttgart statt. Teilnehmer waren 15 Vertreter aus den Disziplinen Geschichte, Pharmazie, Human- und Veterinärmedizin, die im Rahmen ihrer Dissertation Themen zur Homöopathiegeschichte bearbeiten, sowie drei Gasthörer. Professor Dinges leitete die Tagung mit dem Wunsch ein, dieses Forum als Möglichkeit zum regen Austausch zu nutzen.

Die Sektion 1 (Praxis) wurde von Bettina Brockmeyer eröffnet. Sie stellte aus ihrer Dissertation „Schreibweisen des Selbst. Zur Geschichte der Wahrnehmungen und Darstellungen von Körper und Gemüt um 1830“ den Aspekt „(Selbst) Konstitutionen und Körperwahrnehmungen in den Briefen von Patientinnen und Patienten an Samuel Hahnemann“ vor. Brockmeyer kommt zum Schluss, dass Veränderungen der Thematisierung von Sexualität im Zusammenhang mit der Eheschließung zu verzeichnen sind: Frauen äußern sich gegenüber dem Arzt erst nach der Heirat über Sexualität. Männer sprechen dagegen nach der Eheschließung nicht mehr über Onanie bzw. über Prostitution, was sie vorher durchaus taten. Diskutiert wurde u. a. das normative Verständnis und die praktischen Realitäten von Sexualität im 19. Jahrhundert sowie Hahnemanns Haltung dazu.

Als nächstes stellte Jutta Backert-Isert ihre Dissertation „Theoretischer Anspruch und praktische Wirklichkeit der homöopathischen Tierbehandlung“ vor. Anhand von Bönninghausens Journal über Tierheilungen untersuchte sie, wie „der getreueste Schüler Hahnemanns“ Tiere behandelte. Die Dokumentation in der Tierbehandlung war deutlich kürzer gefasst als die Notizen zur humanmedizinischen Praxis. Bönninghausen verwendete insgesamt 82 Mittel u. a. in Hochpotenzen, teilweise in Reihen – wie auch in der Humanbehandlung. Das Gemüt der Patienten spielte in der Veterinärpraxis eine wesentlich geringere Rolle. Als Veterinärmedizinerin bestätigte die Vortragende die Umsetzbarkeit und Aktualität von Bönninghausens Therapiekonzept bei Tieren.

Marion Baschin befaßt sich in ihrer Arbeit „Die Patienten des Clemens von Bönninghausen“ mit der Frage „Wer lässt sich vom Homöopathen behandeln?“ Der Hahnemann-Schüler dokumentierte während seines Lebens ca. 14.000 Patientenkonsultationen. Hierbei besteht für die Historikerin die Schwierigkeit, die Hauptleiden/-symptome zu identifizieren und zu klassifizieren. Die bisherige Untersuchung zeigt ein breites Spektrum an Erkrankungen und Symptomen, wie Krätze, Wechselfieber oder Leistenbruch. Die Patienten kamen teilweise enttäuscht von der damaligen Medizin zu Bönninghausen bzw. nutzten die Homöopathie parallel.

Der abschließende Vortrag in der Sektion „Praxis“ von Miriam Schriewer stellte den Stand ihrer Dissertation „Weibliche Gemüts- und Nervenleiden in der Patientenkorrespondenz Hahnemanns“ vor. Dabei untersucht sie, inwieweit sich zeitgenössische psychosomatische Beschwerden als Symptomkomplexe zeigen und inwiefern sich Praktiken und Vorstellungen aufzeigen lassen, die man später als Psychosomatik bzw. Schmerzdifferenzierung bezeichnete. Im 18. Jahrhundert wurden Nervenleiden als heterogenes Gebilde gesehen: Vapeurs (Kopfweh, Blähung, Atemnot); Hypochondrie (im Mittelalter zunächst Flatulenz, Völlegefühl, Gähnen, übertriebene Angst) sowie Hysterie (wandernde Gebärmutter, Vergären des Menstrualblutes). Die strikte medizinische Trennung von Soma und Psyche entstand erst im 19. Jahrhundert, so dass die „ganzheitliche Sicht des Patienten“ keine Besonderheit Hahnemanns war. Dieser hat in seiner Gesamtpraxis vergleichsweise wenige schwere psychiatrische Erkrankungen behandelt.

Sektion 2 (Theorie) begann mit dem Vortrag von Inge Heinz „Zum Problem retrospektiver Diagnostik und Prognostik am Beispiel der Hahnemann-Patientin Luise von Preußen“. Die Prinzessin hatte nach Hahnemann ein hypochondrisches Gemüt, aus heutiger Sicht eine Depression. Das Krankheits- und Gesundheitsverständnis ist gesellschafts- und kulturabhängig und dem historischen Wandel unterworfen. Heinz sieht bei homöopathischen Krankheitsbeschreibungen allerdings eine geringere Diskrepanz zwischen retrospektiver Sicht und damaliger Anamnese, da in der Homöopathie die Symptome, hingegen nicht die Krankheitsnamen im Vordergrund stehen.

Peter Emmrich bearbeitet anhand des Nachlasses und der Werke von Richard Haehl (1873-1932) die Frage: „Was vermag die Homöopathie bei gynäkologischen Erkrankungen zu leisten?“ Haehl behandelte u. a. Regelstörungen, Wechseljahresbeschwerden, Gebärmuttersenkung, benigne Tumore und Dysurie. Er scheint dabei nicht die Hochpotenzhomöopathie aus den USA, wo er längere Zeit lebte, übernommen zu haben.

Anschließend stellte Birgit Lochbrunner die Ergebnisse ihrer Dissertation „Der Chinarindenversuch von Samuel Hahnemann (1790): Seine Folgen und seine Bedeutung für die Homöopathie“ vor. Im Streit um die Homöopathie wird der Chinarindenversuch immer wieder als Zankapfel erwähnt. Eine Rezeptionsgeschichte – vorwiegend im deutschsprachigen Raum – konnte jedoch zeigen, dass er von untergeordneter Bedeutung und eher als Teil eines kreativen Schöpfungsprozesses zu sehen ist.

Gertraud Appel-Helmer begann die Sektion 3 (Homöopathen) mit „Leben und Werk von Josef Benedikt Bucher“. Der gebürtige Landshuter lebte von 1813-1879 und hatte sich der Integration von Homöopathie in die Schulmedizin verschrieben: Als Honorarprofessor lehrte er bis 1860 an der Universität und kann somit als akademischer Bannerträger betrachtet werden.

Josef Haslbeck stellte am nächsten Morgen die Ergebnisse seiner Biografie des homöopathischen Arztes Jakob Friedrich Baumann (1818-1879) vor. Im Gegensatz zu Bucher war Baumann ein Vermittler zwischen Schulmedizin und Homöopathie und legte Wert darauf, andere medizinische Errungenschaften nicht zu verwerfen. So bezeichnete er sich selbst mit Stolz als „Bastardhomöopath“.

Den Abschluss der Sektion 3 machte der Vortrag von Cornelia Fischer mit der „Biographie des homöopathischen Arztes Dr. Arnold Lorbacher (1818-1899)“.
Er hielt an Hahnemanns Thesen fest, was sich in seiner Redaktion der Allgemeinen Homöopathischen Zeitung (AHZ) niederschlug. Er setzte sich für das Selbstdispensieren und das amerikanische Prinzip von homöopathischen Colleges statt der Institutionalisierung von Lehrveranstaltungen zur Homöopathie an den bestehenden Universitäten ein. Nach dem Tod Lorbachers hielt man in der AHZ weniger strikt an Hahnemanns Kriterien fest.

Sektion 4 widmete sich der „Homöopathie im 20. Jahrhundert“. Den ersten Vortrag hielt Roswitha Haug zum Thema „Inhaltliche Änderungen in Fachzeitschriften nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten am Beispiel der Deutschen Apotheker Zeitung“. Ab 1933 wurde die Zeitung gleichgeschaltet. Der Verkauf von in Deutschland hergestellten Phytopharmaka wurde bevorzugt, Präparate wie „Kamillosan“ aus „jüdischer Produktion“ sollten gemieden werden. Jüdische Mitglieder wurden aus der Redaktion ausgeschlossen. Auch in der Allgemeinen homöopathischen Zeitung fand eine starke Politisierung statt. Auf diese „unglücklichen Jahre“ wurde nach Ende des Zweiten Weltkrieges nicht weiter eingegangen. In der Apothekerzeitung wurde hingegen eine Stellungnahme der 1933 abgesetzten Redakteure abgedruckt.

Edda Hoffmann öffnete dann einen Blick in die „Werbung für Naturheilverfahren und Homöopathie in populärmedizinischen Zeitschriften von 1900 – 1930“. Die Analyse der Zeitschriften „Der Naturarzt“ und „Homöopathische Monatsblätter“ zeigte, dass vorwiegend Apotheken und Hersteller, seltener Einzelpräparate wie Biocitin (Lecitin) beworben wurden. Hoffmann wird mit einem Analyseschlüssel (Emnid Factorielle Anzeigenanalyse/Imapactverfahren) die Anzeigen auf Form und Inhalt untersuchen.

Die letzte Sektion: „Homöopathie weltweit“ begann mit Bhaskar Poldas, der „Homöopathie in Indien (1839-1943)“ vorstellte. Gründe für die die große Anerkennung der Homöopathie in Indien lagen in der Verbreitung durch Erfolge in der Cholera-Behandlung, ganz allgemein in der therapeutischen Wirksamkeit, der Möglichkeit zur „Do it yourself-Therapie“, den günstigeren Behandlungsgebühren und den geringeren Arzneimittelkosten sowie der Tatsache, dass die Homöopathie als nicht verbunden mit der Kolonialregierung wahrgenommen wurde. Es gab keine Konflikte zwischen Anbietern von Ayurveda und Homöopathie.

Anne Nierade stellte ihre Arbeit „Homöopathie in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR“ vor. In den 50er Jahren hatte die Homöopathie, unterstützt durch den Berliner Verein homöopathischer Ärzte, eine Blütezeit in der DDR. Erklärte Kritiker waren später die Professorengebrüder Otto und Ludwig Prokop, die mit ihren in beiden deutschen Staaten wahrgenommenen Publikationen die Homöopathie „ad absurdum“ führen wollten. Die Partei erließ kein Behandlungsverbot, es gab jedoch ein Fortbildungsverbot. Von Laien und Heilpraktikern wurde v.a. Komplexhomöopathie und D-Potenzen eingesetzt. Homöopathische Ärzte arbeiteten in Polikliniken und Praxen.

Lena Sarah Dörries beendete die Vortragsreihe mit ihrem „Historischen Vergleich der deutschen und französischen Homöopathie – Unterschiede und Parallelen in der Ausbildung zum Homöopathen.“ Eine mögliche Erklärung für die unterschiedliche Art homöopathischer Therapie - trotz gemeinsamen Ursprungs - ist die Ausbildung: Zwischen 1860-1900 herrschte in Deutschland Kurierfreiheit, in Frankreich durften nur approbierte Ärzte praktizieren. Im Gegensatz zu Frankreich gab es hier anfangs noch einen Lehrstuhl für Homöopathie. In den Jahren 1979-1990 wurde in Deutschland eine weitgehende Zentralisierung der Ausbildung durch den Zentralverein homöopathischer Ärzte erreicht.

In seinem Schlusswort fasste Professor Dinges nochmal die verschiedenen Themenkomplexe zusammen und betonte, wieviel die Vertreter unterschiedlicher Disziplinen voneinander lernen konnten. Die Referenten hätten inhaltlich neue Akzente für die Homöopathiegeschichte gesetzt und methodisch teilweise Neuland betreten. Die regen Diskussionen wurden insgesamt als sehr hilfreich eingeschätzt. Das Seminar war ein weiterer Beiweis, dass eine innovative Homöopathiegeschichte für die Medizingeschichte insgesamt relevant ist.

Zitation
Tagungsbericht: Doktorandenseminar zur Homöopathiegeschichte, 09.02.2007 – 10.02.2007 Stuttgart, in: H-Soz-Kult, 21.02.2007, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1495>.
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Veröffentlicht am
21.02.2007
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