Potsdam – Berlin. Unternehmertum, Kulturen, Lebensstile

Ort
Potsdam
Veranstalter
Berliner Netzwerk für Unternehmensgeschichte; in Zusammenarbeit mit dem Förderverein Berlin-Brandenburgisches Wirtschaftsarchiv e.V., dem Industrieclub Potsdam "Christian Peter Wilhelm Beuth" e.V. und dem Center for Metropolitan Studies, Berlin
Datum
10.11.2007 - 11.11.2007
Von
Martin Münzel, Fakultät für Geschichte, Universität Bielefeld

Am 10. und 11. November 2007 veranstaltete das Berliner Netzwerk für Unternehmensgeschichte (www.berlin-history.net) in Zusammenarbeit mit dem Förderverein Berlin-Brandenburgisches Wirtschaftsarchiv e.V., dem Industrieclub Potsdam "Christian Peter Wilhelm Beuth" e.V. und dem Center for Metropolitan Studies (Berlin) eine Tagung zum Thema "Potsdam – Berlin. Unternehmertum, Kulturen, Lebensstile". Gegenstand der Veranstaltung, zu der sich in der Potsdamer Villa Arnim rund 55 Teilnehmerinnen und Teilnehmer einfanden, waren die Geschichte und die historische Bedeutung von Unternehmerpersönlichkeiten in Potsdam und Berlin im 19. und 20. Jahrhundert. Fokussiert wurde dabei ein biografischer Ansatz, der die Wechselwirkung zwischen dem soziokulturellen, wirtschaftlichen und politischen Leben in beiden Städten berücksichtigt.

In ihrem Eingangsvortrag zog MARIA BORGMANN (Berlin) vielfältige Verbindungslinien zwischen den Biografien und Leistungen Christian Peter Wilhelm Beuths (1781-1853) sowie August Borsigs (1804-1854) und stellte sie in den Kontext der Industrialisierung Preußens. Beuth, eine der profiliertesten Persönlichkeiten der preußischen Industriegeschichte, schuf als pragmatisch orientierter Handelsbeamter entscheidende Voraussetzungen für die industrielle Entwicklung. Mit dem 1821 gegründeten "Verein zur Beförderung des Gewerbefleißes" und auf dem Gebiet der technischen Ausbildung forciert er die Gestaltung der preußischen Gewerbeförderung. Unter Ausnutzung der Beuthschen Maßnahmen wurde Borsig, dessen "Lehrer im Geiste" und Förderer Beuth war, zu einem frühen Beispiel eines modernen Unternehmers. Als wagemutiger, aber nicht verwegener Firmengründer avancierte er mit expandierender Produktion zum "Lokomotivkönig" und trug wesentlich zum Ausbau Berlins als Industriestandort bei. Zudem vermochte er mit prestigeträchtigen Aufträgen, etwa im Zusammenhang mit Schloss Sanssouci, sein Renommee zu steigern und demonstrierte mit seiner neben dem Fabrikgelände errichteten Villa seinen gesellschaftlichen Aufstieg. Im Übrigen zeigte sich schon im Falle Beuths und seiner Kontakte zu Alexander von Humboldt, Unternehmern und Künstlern die Relevanz persönlicher Netzwerke.

JÜRGEN WILKE (Berlin) stellte den Lebensweg Ludwig von Jacobs' (1794-1879) dar, der sich als einer der einflussreichsten Potsdamer Unternehmerpersönlichkeiten des 19. Jahrhunderts stets "auf der Höhe seiner Zeit" bewegte. Aus einer Domänenpächterfamilie stammend errichtete Jacobs in Potsdam die größte Zuckerraffinerie in der Provinz Brandenburg. Den Besuch einer französischen Musterfabrik in Arras in den 1820er-Jahren nutzte er für einen erfolgreichen Technologietransfer und bewies mit der Installation von vier Dampfmaschinen in dem verschachtelten Fabrikkomplex seine technologische Fortschrittlichkeit. Nach seinem von Beginn an gewinnbringenden Vorstoß in eine Marktlücke stellte Jacobs die Produktion mehr und mehr von Rohrzucker auf Rübenzucker um und erkannte zudem in der Errichtung neuer Eisenbahntrassen eine für die wirtschaftliche Entwicklung und nicht zuletzt den globalisierten Zuckermarkt entscheidende Basisinnovation. Als Großinvestor trug er daher mit zum Bau der Eisenbahnlinie Berlin – Potsdam – Magdeburg bei. Die unternehmerische Rolle Jacobs' verband sich mit verschiedenen politischen Positionen auf lokaler und preußischer Ebene, seiner mäzenatischen Tätigkeit und seiner Unterstützung ärmerer Bevölkerungsschichten. Seine – jüngst wieder aufgebaute und teilweise rekonstruierte – Villa in der Potsdamer Bertinistraße diente zudem als Vermittlungsinstitution zwischen Vertretern des Adels und des Bürgertums.

Mit dem Club von Berlin untersuchte ARIANE KNACKMUSS (Berlin) eine der spätestens in der Weimarer Republik zentralsten unternehmerischen Institutionen der Reichshauptstadt. 1864 nach englischem Vorbild gegründet, entwickelte sich der Club von einem Sammelpunkt des Beamtentums zunehmend zu einem Treffpunkt der deutschen Finanz- und Wirtschaftselite. Dieser bot nicht allein Gelegenheit für ein erholsames Beisammensein, sondern die Chance, eine hochexklusive Umgebung für die Anbahnung geschäftlicher Vorgänge zu nutzen und von einer stark verdichteten Informationskanalisierung zu profitieren. Mit dem NS-Regime wurde der Charakter des Clubs von Berlin als ein solcher Netzwerkknotenpunkt dahingehend zerstört, dass seine Mitglieder jüdischer Herkunft, die rund 20 Prozent ausmachten, ausgeschlossen wurden. Dass nach 1933 rund 90 Prozent der ursprünglichen Mitglieder ausschieden, war indes auch Ausdruck der Tatsache, dass mit dem regulierenden staatlichen Eingriff in die privatwirtschaftliche Autonomie die Spielräume, aber auch die Notwendigkeiten für eine unternehmerische Vernetzung sichtbar eingeschränkt wurden. Ausführlicher wurde schließlich am Beispiel des Clubmitglieds Paul Wallich (1882-1938) vom Bankhaus J. Dreyfus & Co. das Schicksal der antisemitischen Verfolgung nachgezeichnet, das mit dem Tod Wallichs endete, der sich 1938 im Rhein ertränkte.

Den Mittelpunkt des Vortrags von CELINA KRESS (Berlin) bildeten die Villenkolonien zwischen Potsdam und Berlin im 19. und frühen 20. Jahrhundert mit ihren Architekten und Bauherren. Am Großen Wannsee wurde 1870, initiiert durch den Bankier Wilhelm Conrad, die erste Villa in der Colonie Alsen errichtet. Die weitere Besiedelung vor allem durch Bankenvertreter, Industrielle und Verleger spiegelte das erstarkende bürgerliche Selbstbewusstsein wider und orientierte sich an den Vorstellungen eines baulichen und städteplanerischen Gesamtkonzepts. Die Villenbebauung in Potsdam wurde mit Blick auf Neubabelsberg entlang des Griebnitzsees sowie auf die Nauener und die Berliner Vorstadt erläutert. Anders als am Wannsee zeigte sich hier ein engerer Bezug der Bewohner zur Regentenfamilie, zum Adel und zum Militär. Zugleich fehlten gesamtheitliche Konzeptionen, was auch die Frage nach möglicherweise schwächeren sozialen Vernetzungsstrukturen aufwarf. Indes wurde einmal mehr gerade für Unternehmer die Bedeutung der Villen als Stätte der repräsentativen Begegnung und des informellen Austausches deutlich gemacht.

Dem 1909/10 in Neu Fahrland am Potsdamer Lehnitzsee in eher abgeschiedener Lage errichteten Herrenhaus "Heinenhof" und seinem Erbauer Carl Friedrich von Siemens (1872-1941) widmete sich FRANK WITTENDORFER (München). Das für klassische Unternehmervillen in seinen Ausmaßen bemerkenswerte Gebäude wurde von einem Wirtschaftshof mit Pferdeställen und einer Gärtnerei sowie Wohneinheiten für das Personal, Sportanlagen und einem Sportboothafen flankiert. Als Chef des Hauses Siemens vermochte Carl Friedrich von Siemens hier durch den Empfang von Staatsoberhäuptern mit ihren Wirtschaftsdelegationen oder etwa durch ein Gartenfest für 400 Gäste der 2. Weltkraftkonferenz 1930 wichtige Kontakte herzustellen und zu festigen. Nach seinem Tod diente das Anwesen dem Unternehmen für Forschungs- und Experimentierzwecke und wurde zu Kriegsende schließlich zum Zufluchtsort für Mitglieder des Siemens-Vorstands bis zu ihrer Verhaftung durch sowjetische Truppen.

ANDREAS HANSERT (Frankfurt) vermittelte am Beispiel des Frankfurter Industriellen Carl Schleussner (1868-1943) einen Einblick in die Berlin-Potsdamer Filmgeschichte. Als Besitzer einer Frankfurter Foto-Gesellschaft erwarb Schleussner die 1899 gegründete Deutsche Bioscop(e) in Berlin und engagierte sich in der Stummfilmindustrie des ausgehenden Kaiserreichs. Dabei markierte insbesondere der 1910 produzierte Film "Abgründe" mit dem dänischen Schauspielstar Asta Nielsen einen sensationellen Erfolg und, als erster Langfilm, eine Wende in der Geschichte des europäischen Films. Neben weiteren Produktionen mit Nielsen war es die Gründung der Filmstadt Babelsberg 1911/12 und deren Expansion, die Schleussner zu einem maßgebenden Pionier der Filmindustrie machte. Mit Filmen wie "Der Student von Prag" (1913) befand sich die Deutsche Bioscop künstlerisch und kommerziell auf einem guten Weg, bis der Kriegsausbruch und Probleme des Frankfurter Mutterunternehmens Schleussner zum Verkauf der Filmgesellschaft zwangen. Nach Umgründungen und Fusionen ging diese 1921 auf die Ufa über.

Ebenfalls mit Blick auf einen Teilbereich der deutschen Filmindustrie schilderte JOCHEN MÜCKENBERGER (Potsdam) als ehemaliger Studiodirektor der Deutschen Film AG die Anfangsjahre der DEFA. Ihren Ursprung hatte diese in einer innerhalb der Zentralverwaltung für Volksbildung 1946 entstandenen Filmabteilung und der Bildung eines aus sechs zum Großteil remigrierten Regisseuren und Schauspielern bestehenden "Filmaktivs", dem späteren DEFA-Vorstand. Mit der Produktion zahlreicher Spiel-, Dokumentar- und Animationsfilme, der Herstellung von Wochenschauen und der Synchronisation entwickelte sich Potsdam-Babelsberg zum Zentrum des DDR-Films. Als sowjetische AG mit 25 Millionen Mark Kapital gegründet, war die DEFA – mit dem stellvertretenden Minister für Kultur als Leiter der Hauptverwaltung – ein Staatsbetrieb, der inhaltliche Eingriffe durch die DEFA-Kommission hinnehmen musste. Nach fruchtbaren Anfangsjahren mit Filmen wie "Die Mörder sind unter uns", "Ehe im Schatten" oder "Der Untertan" wurde Ende der 1950er-/Anfang der 1960er-Jahre ein Tiefpunkt erreicht, der sich in sinkenden Produktionszahlen und einer Abwendung des Publikums äußerte. Um dies abzuwenden wurden neue Leitungsstrukturen und ein Prämiensystem eingeführt. In der anschließenden Diskussion gab Michael Müller (Bundesarchiv Berlin) Hinweise auf Nutzungsmöglichkeiten der DEFA-Bestände im Bundesarchiv.

Den zweiten Konferenztag, der sich zuerst auf drei Bankenvertreter konzentrierte, eröffnete SEBASTIAN PANWITZ (Potsdam/Berlin) mit einem Vortrag über Otto von Mendelssohn Bartholdy (1868-1949). Der in der bisherigen historischen Forschung weitgehend unbeachtet gebliebene, aus einer weit verzweigten Bankiers- und Industriellenfamilie stammende Mendelssohn Bartholdy wurde nach seinem Eintritt bei Robert Warschauer & Co. zunächst Prokurist und schließlich Teilhaber der Berliner Privatbank. Auch in der Chemieindustrie aktiv, lebte der 1906 in den Adelsstand erhobene und in ein breites Verbands- und Vereinsnetzwerk eingebundene Unternehmer nach der Übertragung des Bankhauses auf die Darmstädter Bank seit 1905 als Rentier, betrieb jedoch zwischen 1919 und 1925 auch eine eigene Kleinbank. Von seiner zu den bedeutendsten Potsdamer Häusern gehörenden Villa "Casa Bartholdy" in der Bertinistraße musste Mendelssohn Bartholdy nach dem Tod seiner Ehefrau 1943 in das Gärtnerhaus umziehen und war aufgrund seiner jüdischen Herkunft von der Deportation bedroht. Nach seiner Verhaftung wurde er auf Intervention Gottfried Graf von Bismarck-Schönhausens wieder freigelassen; er überlebte das Kriegsende und wanderte, nachdem sein Besitz an die sowjetischen Besatzer verloren gegangen war, kurz vor seinem Tod in die Schweiz aus.

Mit Jakob Goldschmidt (1882-1955), mit dem sich MICHAEL JURK (Frankfurt) befasste, wurde eine der schillerndsten Bankenpersönlichkeiten der Weimarer Republik in den Vordergrund gestellt. Aus einfachen Verhältnissen stammend gelang Goldschmidt nach einer Banklehre ein beispielloser unternehmerischer und sozialer Aufstieg, der ihn über die Privatbanken Emil Wechsler & Co. und Schwarz, Goldschmidt & Co. 1918 in den Vorstand der Nationalbank für Deutschland führte. Nach der Fusion mit der Darmstädter Bank platzierte Goldschmidt, der stets gegen seinen Ruf als Parvenü zu kämpfen hatte, die so entstandene Darmstädter und Nationalbank (Danat-Bank) in der Reihe der deutschen Großbanken. Schließlich Inhaber von gleichzeitig über 100 Aufsichtsratsmandaten, musste Goldschmidt in der deutschen Bankenkrise des Jahres 1931 den Zusammenbruch der Danat-Bank und ihre Fusion mit der Dresdner Bank miterleben. Während in der älteren Literatur die Ursache der Finanzkatastrophe häufig in der spekulativen Geschäftspolitik Goldschmidts einerseits und möglichen Racheabsichten der Deutschen Bank andererseits gesehen wird, wird heute mit Blick auf die allgemeine Konkurrenzsituation im Bankgewerbe der ausgehenden Weimarer Republik der insgesamt verringerten Disziplin und der größeren Neigung zu riskantem Vorgehen verstärktes Gewicht beigemessen. Goldschmidt musste nach Beginn der NS-Diktatur in die USA emigrieren, wurde 1944 amerikanischer Staatsbürger und gehörte verschiedenen US-Industrieunternehmen an.

Als Herausgeberin eines jüngst erschienen Sammelbands über Herbert Gutmann (1879-1942) gab VIVIAN J. RHEINHEIMER (Potsdam) einen Überblick über Leben und Wirken des Bankdirektors. Den Schwerpunkt bildeten zunächst die beruflichen Leistungen Gutmanns, der 1903 Leiter der Londoner Filiale der von seinem Vater Eugen gegründeten Dresdner Bank wurde, 1906 die Deutsche Orientbank in Berlin gründete und von 1910 bis zur Bankenkrise 1931 im Vorstand der Dresdner Bank saß. Im Rahmen seiner Zuständigkeit für das Auslandsgeschäft erwies sich sein weltmännisches Auftreten für die Knüpfung und Festigung internationaler Kontakte als großer Vorteil. Der Fokus wurde dann auf den "Herbertshof" des Orientliebhabers und Sportmäzens Herbert Gutmann in der Potsdamer Bertinistraße gerichtet. Die Villa am Jungfernsee zählte zu den wichtigsten Kontaktforen in- und ausländischer Unternehmer, Politiker und Diplomaten und gehörte mit seiner Architektur und der Kunstsammlung Gutmanns zu den prachtvollsten Anwesen der deutschen Wirtschaftselite. Abschließend wurde, mit einem Plädoyer gegen vorschnelle Schuldzuweisungen, die Rolle Gutmanns in der Bankenkrise dargestellt sowie seine Festsetzung während des so genannten "Röhm-Putsches" 1934 und seine Vertreibung nach London, wo er 1942 starb.

Paul Singer (1844-1911), über den URSULA REUTER (Köln) referierte, stellte das besondere Beispiel eines Unternehmers dar, der als aktiver Politiker zugleich zu den frühen Protagonisten der deutschen Sozialdemokratie zählte. Singer, der mit seinem Bruder Inhaber einer Berliner Konfektionsfirma war, zeigte seit den 1860er-Jahren zunehmendes Interesse für das politische Programm August Bebels und Wilhelm Liebknechts. Nach seiner – als Unternehmer und Jude spektakulären – Kandidatur für die Berliner Stadtverordnetenversammlung wurde er 1884 Mitglied des Reichstags, bevor er zwei Jahre darauf auf Druck der preußischen Regierung aus Berlin ausgewiesen wurde. Nach seinem Ausscheiden aus dem Unternehmen bot Singer seine finanzielle Unabhängigkeit die Möglichkeit, den Weg eines Berufspolitikers einzuschlagen und zu einer der Gallionsfiguren der Sozialdemokratischen Partei vor dem Ersten Weltkrieg aufzusteigen. Daneben engagierte er sich mit anderen Wirtschaftsbürgern insbesondere im "Berliner Asylverein für Obdachlose", der sich zu einer progressiven Institution der bürgerlichen Sozialreform entwickelte.

Den Abschluss der Tagung bildete ein Vortrag von GERHARD LEHMANN (Potsdam) über den Unternehmer und Politiker David Hansemann (1790-1864). Bereits die Gründung der Aachener Feuerversicherung 1824 bewies Hansemanns unternehmerische, aber auch soziale Progressivität. Darüber hinaus wurde er zu einer der Pioniere des deutschen Eisenbahnwesens; im Eisenbahnbau erkannte er dabei eine Aufgabe des Staates, die von diesem jedoch nicht ausreichend wahrgenommen werde und mithin durch privates Engagement voranzutreiben sei. Nicht zuletzt mit seiner für König Friedrich Wilhelm IV. verfassten Denkschrift "Über Preußens Lage und Politik am Ende des Jahres 1830" wurde Hansemann zu einem Vordenker des rheinischen Liberalismus. Nach politischen Ämtern als Abgeordneter des Rheinischen und des ersten Vereinigten Landtages in Preußen sowie als Preußischer Finanzminister ist David Hansemann mit der Leitung der Preußischen Staatsbank und mit der erfolgreichen Gründung der Disconto-Gesellschaft 1851 zu den bedeutendsten Bankfachmännern Preußens zu zählen.

In ihrer Gesamtheit zeigten die zwei Jahrhunderte umspannenden Beiträge und die anschließenden Diskussionen das Potenzial eines vielschichtigen unternehmergeschichtlichen Ansatzes, wobei es sich als Vorteil erwies, dass die Tagung Raum für ein relativ breites Spektrum an Perspektiven ließ. Mochte man auch einen einführenden Überblick über die wirtschaftshistorische Entwicklung der Städte Potsdam und Berlin mit Angeboten einer analytischen Einbettung der nachfolgenden Fallbeispiele vermissen, so entwickelten sich gerade aus der Gegenüberstellung beider Städte mit ihren Parallelen und Gegensätzen gewinnbringende Fragestellungen. Und auch wenn ein Defizit darin gesehen werden kann, dass ein Unternehmen wie die Ufa, deren 90-jähriges Jubiläum jüngst gefeiert wurde, unberücksichtigt blieb, war gerade die Einbeziehung auch weniger prominenter Unternehmer lohnend. Insgesamt wurde die Bedeutung lokaler und regionaler Faktoren und Infrastrukturen und des ökonomischen und politischen Umfelds als Voraussetzungen unternehmerischen Erfolgs deutlich. Zu einem Leitbegriff der Tagung entwickelte sich aber auch derjenige des Netzwerks: Unternehmerpersönlichkeiten wurden nicht allein in Hinblick auf strategische Führungsfähigkeit und "schöpferisches" Leistungsvermögen, sondern in ihrer Abhängigkeit von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und solchen persönlichen sozialen Strukturen bewertet, innerhalb derer in besonderem Maße Informationen für gewinnbringende unternehmerische Entscheidungen erlangt werden können. Es machte den besonderen Reiz der Tagung aus, dass vor diesem Hintergrund den Unternehmervillen und der Topografie der Villenviertel besondere Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Dabei waren diese als Ausdruck bürgerlichen Selbstbewusstseins und Demonstration unternehmerischen Aufstiegs ebenso von Interesse wie als Orte ökonomischer Vernetzung und Foren des Informationsaustausches. Insofern verband sich die historische Perspektive auf das Unternehmertum in fruchtbarer Weise auch mit Aspekten einer interdisziplinär angelegten, sozial- und kulturgeschichtlich ausgerichteten Metropolen- und Urbanisierungsforschung.

Konferenzübersicht:

Maria Borgmann, Deutsches Technik-Museum Berlin: Beuth, Borsig und die Industrialisierung in Preußen

Jürgen Wilke, Berlin: Ludwig von Jacobs (1794-1879). Ein Potsdamer Unternehmer par excellence?

Ariane Knackmuß, Berlin: Der Club von Berlin

Celina Kress, Center for Metropolitan Studies (CMS), Berlin: Adressen am Wasser – Architekten und Bauherren der Villenkolonien zwischen Potsdam und Berlin

Frank Wittendorfer, Siemens-Archiv, München: Villa – Forschungslabor – Versteck: Carl Friedrich von Siemens (1872-1941) und der Heinenhof

Andreas Hansert, Frankfurt: Carl Schleussner (1868-1943) und der Aufbau des Filmstudios Babelsberg

Jochen Mückenberger, Potsdam: Die DEFA – ein Staatsbetrieb in Potsdam

Sebastian Panwitz, Moses Mendelssohn Zentrum, Potsdam: Otto von Mendelssohn Bartholdy (1868-1949)

Michael Jurk, Archiv der Dresdner Bank, Frankfurt/Main: Jakob Goldschmidt (1882-1955)

Vivian J. Rheinheimer, Potsdam: Herbert M. Gutmann (1879-1942). Bankier, Bauherr, Kunstsammler

Ursula Reuter, Köln: Paul Singer (1844-1911). Unternehmer und Sozialdemokrat

Gerhard Lehmann, Industrieclub Potsdam: Mein Ururgroßvater: David Hansemann (1790-1864)

Zitation
Tagungsbericht: Potsdam – Berlin. Unternehmertum, Kulturen, Lebensstile, 10.11.2007 – 11.11.2007 Potsdam, in: H-Soz-Kult, 12.12.2007, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1798>.