15. Bohemisten-Treffen

Ort
München
Veranstalter
Collegium Carolinum e.V.
Datum
04.03.2011
Von
Arnošt Štanzel, Collegium Carolinum München

Am 4. März 2001 fand in München das 15. Bohemisten-Treffen statt. In Ihrem Grußwort erinnerte die Vertreterin des tschechischen Generalkonsuls in München, Frau Konsulin Zuzana Otčenášková an die traumatischen aber auch an die guten Erinnerungen, die für die Tschechen mit der Stadt München verbunden seien: auf der einen Seite symbolisiere diese die Zerstörung der Ersten Tschechoslowakischen Republik durch das Münchener Abkommen, auf der anderen Seite sei sie positiv konnotiert als Sitz von Radio Free Europe und seit mehr als zehn Jahren nun als Veranstaltungsort des vom Collegium Carolinum organisierten Bohemisten-Treffens. Mit dem Ziel, insbesondere jungen Forscherinnen und Forschern und ihren laufenden bzw. geplanten Projekten zu tschechischen und slowakischen Themen ein Forum zu bieten, leiste dieses einen besonders wichtigen Beitrag zur deutsch-tschechischen Verständigung.

MARTIN SCHULZE WESSEL (München), der Leiter des Collegium Carolinum, wies in seiner Einführung darauf hin, dass noch nie so viele Anmeldungen und Exposés für das Bohemisten-Treffen eingereicht wurden, wie 2011 und zeigte sich erfreut über das dauerhaft hohe Interesse an der tschechischen und slowakischen Geschichte und Gegenwart. Arbeiten aus dem Bereich der Kommunikations- und Literaturgeschichte bildeten in diesem Jahr einen Schwerpunkt – so auch des ersten, von ROBERT LUFT (München) moderierten Panels zur Kommunikations- und Literaturgeschichte.

Den Anfang machte hier CHRISTOPH MARX (Regensburg) von der Universität Regensburg mit seinem Vortrag über die „Diskursive Konstruktion von Verständigung in deutsch-tschechischen Organisationen“. Im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekts „Übersetzungsfunktionen der Geisteswissenschaften“ erforscht Christoph Marx in einer sprachwissenschaftlichen Arbeit über die Verständigung von Organisationen im deutsch-tschechischen Grenzgebiet die sprachlichen Methoden und Praxen der beidseitigen Kommunikation. Er geht davon aus, dass die grenzübergreifende Interaktion spezifisch geisteswissenschaftliche Expertise hervorgebracht hat. Sein Zugang basiert vor allem auf Ideen der Organisationskommunikation und der Sprachplanung, diesen Ansatz ergänzt er um interaktionsorientierte Ansätze der Organisationsforschung. Ziel der ethnomethodologischen Arbeit ist es herausfinden, mit welchen Mitteln die Akteure die grenzüberschreitende Kommunikation herstellen. Als Untersuchungsgrundmenge dienen ihm dabei sieben Organisationen aus dem kulturellen, politischen, sozialen und ökonomischen Bereich, in denen unter anderem Interviews geführt und teilnehmende Beobachtungen bei Empfängen oder internen Besprechungen unternommen werden.

Als Beispiel für aktives Sprachmanagement präsentierte Marx die Wortschöpfung „Pexmory“ für ein Kartenaufdeckspiel, die eine Mischung aus der tschechischen und deutschen Bezeichnung Pexeso und Memory für dieses darstellt. In der Diskussion wurde deutlich, dass der Sprachgebrauch nicht gleichberechtigt ist, sondern dass Interaktionen überwiegend auf Deutsch stattfinden.

Der zweite Vortrag des Panels von TILMAN KASTEN (Freiburg) hatte den Wallenstein-Stoff bei Alfred Döblin und Jaroslav Durych zum Thema. Anhand der ersten von vier Vergleichsebenen, der Frage nach der „Geschichte und Typologie“ diskutierte der Kant-Stipendiat und Doktorand an der Universität Freiburg den literarischen Gattungstyp der beiden Romane. Döblins Fassung stelle einen Bruch mit dem realistischen Gattungsparadigma dar. Weiterhin auffällig seien der expressionistische Sprachstil, sowie der laxe Umgang mit historischen Fakten. Ganz anders der tschechische und im katholischen Milieu verankerte Autor Jaroslav Durych, der sich eng an die historischen Fakten gehalten habe und sich gar dafür entschuldigt habe, wenn er manche Fakten beim Quellenstudium nicht beachtet hätte.

Beim „thematischen Vergleich“ griff der Referent Themen der Forschung, Rezeption und des kulturellen Hintergrunds auf und verwies unter anderem auf die verschiedenen Deutungen von Wallensteins Nationalität. So konnte František Palacký zwar nachweisen, dass der berühmte Heerführer aus einer tschechischen Familie stammte, doch sei er „ein großer Soldat, aber ein kleiner Tscheche“ gewesen, für andere war Wallenstein ein Verteidiger deutscher Positionen. Auf der dritten Vergleichsebene, der „literarischen Übersetzung“, falle auf, dass beide Texte recht zeitnah übersetzt worden sind, Titel und Struktur von Durychs Werk jedoch stark modifiziert wurden, was zu einer veränderten Gesamtinterpretation geführt habe. Insbesondere in der Diskussion stellte sich danach die Frage, weshalb und von wem diese massiven Eingriffe in den Text ausgegangen waren. Beim vierten komparativen Zugang, der Frage nach der „Rezeption der Romane in der zeitgenössischen Literaturkritik“ habe Alfred Döblins Roman in vergleichenden Rezensionen besser abgeschnitten, als sein tschechisches Pendant, so Tilmann Kasten.

Auf das erste Panel folgten die von MARTINA NIEDHAMMER (München) moderierten Kurzinformationen zu Einrichtungen und Institutionen. JOACHIM BRUSS (Prag) stellte die Arbeit des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds vor und ging dabei auf die Fördermöglichkeiten und Modalitäten der Antragsstellung ein. ARPINE MANIERO (München) präsentierte „OstDok“, das Fachrepositorium für osteuropäische Geschichte (http://www.ostdok.de/ostdok), und konnte die Anwesenden mit der umfangreichen Funktionalität des digitalen Projekts beeindrucken, so etwa der Durchsuchbarkeit ganzer Monografien nach Stichworten. Anschließend gab INGRID SAUER (München) vom Bayerischen Hauptstaatsarchiv einen fundierten Einblick in die Forschungsmöglichkeiten im Sudetendeutschen Archiv, das in den letzten 40 Jahren verschiedenste Archivalien wie Korrespondenzen und Nachlässe gesammelt hat. Schließlich führte STEFAN ZWICKER (Bonn) in das DFG-Netzwerk Sportgeschichte Osteuropas ein, das die Geschichte des Sports in allen Staaten östlich der DDR unter sozial- und kulturgeschichtlichen Gesichtspunkten untersucht.

MARTIN ZÜCKERT (München) übernahm die Moderation der etwa 40 eingereichten Exposés. In dieser Sektion nennen die Bearbeiterinnen und Bearbeiter lediglich kurz ihr Thema und ihre leitende Fragestellung. Das Ziel ist einerseits, bereits am Rande der Veranstaltung mit Interessierten ins Gespräch zu kommen, andererseits auf die Projektpräsentationen aufmerksam zu machen, die auf der Homepage des Collegium Carolinum langzeitarchiviert werden (http://www.collegium-carolinum.de, hier unter „Forschung“ – laufende bohemistische Forschungsvorhaben).

Nach der Mittagspause ging es mit dem von VOLKER ZIMMERMANN (München) moderierten Panel zu „Gesellschaftlichen Gruppen der 1930er bis 1950er Jahre“ weiter. Im ersten Vortrag von STANISLAVA KOLKOVÁ (Gießen) zu „Eliten in der Slowakei 1938-1945“ stand die Beziehung gesellschaftlicher Eliten zum politischen System im Mittelpunkt. Im Zuge der Unabhängigkeit und des wirtschaftlichen Aufschwungs durch die Kooperation mit dem nationalsozialistischen Deutschland wurde eine Reihe von Institutionen und Organisationen gegründet, die die Slowakisierung vorangetrieben hätten. Kolkovás Leitfrage ist, inwiefern dabei ein Elitenwandel und eine Slowakisierung stattfanden. Die Doktorandin bezieht sich dabei auf einen funktionalistischen Ansatz der Elitenforschung und untersucht Eliten in den Bereichen Politik, Kultur, Wissenschaft und Pädagogik. Durch die Untersuchung von 10-15 Personen an der Schnittstelle von zwei Funktionskategorien sollen zentrale Fragen beantwortet werden: Wie sahen die Handlungs- und Verhaltensweisen der Eliten aus? Was waren ihre Interessen und Motive, welche Handlungsspielräume hatten sie? Inwieweit veränderten sich ihr Verhalten im Lauf der Zeit und warum? Und welche Einstellung hatten sie gegenüber der Staatlichkeit bzw. dem Regime? Als Quellenbasis sollen vor allem Nachlässe und Korrespondenzen dienen.

In der anschließenden Diskussion wurde zum einen nach den unterschiedlichen Generationen der slowakischen Elite gefragt, zum anderen der Vorschlag formuliert, Institutionen der Elitenbildung ebenfalls in den Blick zu nehmen. Diese hätten aber keine Rolle gespielt, so die Referentin, da die Ausbildung noch außerhalb der Slowakei, vor allem in Prag und Wien, stattgefunden habe.

KATEŘINA ČAPKOVÁ (Prag), die derzeit Humboldt-Stipendiatin am Osteuropa-Institut der FU Berlin ist, beschäftigte sich unter dem Titel „Hoffnung nah der Grenze“ mit jüdischen Siedlungen in Niederschlesien und Nordwestböhmen nach dem Zweiten Weltkrieg, die sich vor allem aus jüdisch-orthodoxe Migranten aus Ostpolen bzw. der Karpato-Ukraine bestanden. Als Ausgangsbeobachtung diente ihr die Feststellung, dass sich die rechtliche Stellung der Juden in Polen und der Tschechoslowakei in dieser Zeit deutlich unterschied. Doch obwohl es in Polen verschiedene Förderansätze für die jüdische Kultur gab und in der Tschechoslowakei das Projekt des national homogenen Staates verfolgt wurde, seien die Juden in der Tschechoslowakei besser integriert gewesen, hätten nicht unter Pogromen zu leiden gehabt und hätten mit Hilfe weitverzweigter Netzwerke ihre jüdisch-orthodoxe Lebensweise beibehalten können.

Aus der Perspektive des Zusammenlebens suchte die Forscherin nach den Formen der sprachlichen, kulturellen und nationalen Vernetzung, Unterschieden zwischen alteingesessenen und neuen jüdischen Gemeinden, sowie nach dem Umgang des Kommunismus und seiner Propaganda mit diesen. Ferner wurden die unterschiedlichen Mythen in Polen und der Tschechoslowakei betrachtet: Auf der einen Seite der Nachkriegsantisemitismus und die Flucht jüdischer Bürger, auf der anderen Seite die Hilfe für jüdisch-polnische Flüchtlinge.

Die Diskussion konzentrierte sich auf das Verhältnis zwischen autochthonen und nach Kriegsende zugezogenen Juden. Dieses sei, so Čapková, in der Tschechoslowakei gut gewesen, weil man das Gefühl hatte, „im selben Boot zu sitzen“. Lediglich von Seiten der Prager Juden habe es gewisse Vorurteile gegenüber den Neuankömmlingen gegeben.

Im letzten Panel des Tages zu Tschechischen Migranten in Deutschland konnte die Moderatorin CHRISTIANE BRENNER (München) ANNA BISCHOF (München) willkommen heißen, deren Vortrag den Titel „Transnationale Wissensmittler. Tschechoslowakische Journalisten bei Radio Free Europe (RFE) in München 1950-1970“ trug. Das im Bereich der Migrationsgeschichte angesiedelte Projekt stehe bislang recht alleine da, so gebe es weder entsprechende transnationale Ansätze der Medienforschung noch entsprechende Arbeiten zu RFE, berichtete die Referentin. Als Untersuchungsgegenstand dienen Anna Bischof tschechoslowakische Journalisten, die nicht nur als Wissensmittler in ihre Heimatländer hinein fungierten, sondern auch für Deutschland bzw. die USA eine wichtige Quelle darstellten und beispielsweise ein Anlaufpunkt für deutsche Journalisten gewesen seien.

Als Leitfragen der Arbeit wurden folgende Zugänge genannt: Wer waren die Journalisten, welchen Hintergrund hatten sie? Wie war das Verhältnis zum US-amerikanischen Management, zu den Deutschen und die Wahrnehmung der Emigranten durch die deutsche Bevölkerung? Erste Ergebnisse des seit einem Jahr laufenden und auf Archivmaterialien, Sendemitschnitten, autobiografischen Quellen und Leitfadeninterviews basierenden Forschungsprojektes liegen bereits vor: So sei zum einen eine Deaktualisierung des Wissens zu beobachten gewesen, das nur noch auf Medien- und Reiseberichten und nicht eigenen Erfahrungen basiert habe. Ferner könne man zwei Generationen von Journalisten ausmachen, eine nach 1948, die andere nach 1968. Die erste habe kaum über Erfahrungen im Journalismus verfügt und habe sich mehrheitlich aus der Intelligenz der Ersten Republik rekrutiert, sei jedoch eine politisch heterogen Gruppe gewesen, die lediglich der Antikommunismus geeint habe. Die zweite Generation dagegen habe den Alltag im Staatssozialismus gekannt und sei durch professionell ausgebildete Journalisten charakterisiert.

Nach dem Zustandekommen der Inhalte gefragt, verwies Anna Bischof auf jährlich erschienene Handbücher mit Themenrichtlinien, aber teilweise auch zum Teil täglichen Direktiven der amerikanischen Sendeleitung oder auf Tabuthemen wie die Oder-Neiße-Linie.

Den letzten Vortrag des Tages hielt BEATE FELDMEIER (Regensburg) zu „Sprachkontakt und Anrede: Sprachwandel bei tschechischen Migranten“. Das Thema basierte auf der Tatsache, dass das sprachliche Anredeverhalten im Deutschen und Tschechischen vergleichbar ist, es also eine pronominale, zweigliedrige Anrede im Sinne von Du-Sie bzw. Ty-Vy und eine nominale durch die Nennung von Beruf, Stand oder Titel gibt. Diese sind somit rein formal gleich, aber es gibt eine unterschiedliche Frequentierung und Konnotierung. Aus eben dieser Diskrepanz ergibt sich der Forschungsgegenstand, nämlich die kontrastive Untersuchung des Anredeverhaltens bei tschechischen Migranten. Diesem liegen eine Reihe von Thesen zu Grunde: Es gibt unterschiedliche Ausprägungen in der Nutzung pronominaler und nominaler Anreden, Migranten assimilieren sich sowohl sprachlich als auch im Bezug auf ihr Anredeverhalten, jedoch erfolgt der zweite Prozess deutlich langsamer und hängt vor allem von der Dauer des Aufenthalts ab. Das methodische Vorgehen gliedert sich in drei Schritte: 1. Eine quantitative Umfrage über Fragebögen zur kontrastiven Untersuchung. 2. Eine Delphi-Studie mit qualitativem Zugang, bestehend aus einem Fragebogen, einem Interview, einer beobachtenden Untersuchung und einem Follow-Up-Interview. In einem dritten Schritt sollen dann die fünf Datensätze trianguliert werden und der Versuch der Generalisierung unternommen werden. In den Kommentaren der Diskussion wurde vor allem darauf hingewiesen, dass es kein einheitliches deutsches Anredeverhalten gebe. Es sei an Dialekte und soziale Gruppen gekoppelt und teile sich dabei eher in Nord und Süd, das österreichische Anredeverhalten würde dabei dem tschechischen durchaus ähneln.

Nach langen Jahren, in denen historische Themen eindeutig dominiert hatten, wurden auf dem diesjährigen Bohemisten-Treffen viele linguistische und literaturwissenschaftliche Forschungsvorhaben präsentiert. Die Vorträge, Kurzpräsentationen und die große Zahl an schriftlich vorgelegten Projektideen ergaben in der Zusammenschau einen beeindruckenden Überblick über die neuesten Entwicklungen im Bereich der Bohemistik.

Konferenzübersicht:

Teil 1: Tschechisch-deutsche Kommunikations- und Literaturgeschichte

Christoph Marx (Regensburg): Diskursive Konstruktion von Verständigung in deutsch-tschechischen Organisationen

Tilman Kasten (Freiburg im Breisgau): Der Wallenstein-Stoff bei Alfred Döblin und Jaroslav Durych

Teil 2a: Kurzinformationen von Einrichtungen

Joachim Bruss (Prag): Der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds

Arpine Maniero (München): OstDok – Fachrepositorium für osteuropäische Geschichte

Ingrid Sauer (München): Überraschendes und Unerwartetes: Forschungsmöglichkeiten im Sudetendeutschen Archiv

Stefan Zwicker (Bonn): Das DFG-Netzwerk Sportgeschichte Osteuropas

Teil 2b: Kurzvorstellungen der Exposés (ohne Diskussion)

Vorstellungen der einzelnen vorliegenden Exposés durch die anwesenden Forschenden – sowie weitere Kurzmitteilungen (vgl. unten)

Teil 3: Gesellschaftliche Gruppen der 1930er bis 1950er Jahre

Stanislava Kolková (Gießen): Eliten in der Slowakei 1938–1945

Kateřina Čapková (Berlin): Hoffnung nah der Grenze. Juden im polnischen und tschechoslowakischen Grenzgebiet nach dem Zweiten Weltkrieg

Teil 4: Tschechische Migranten in Deutschland

Anna Bischof (München): Transnationale Wissensmittler. Tschechoslowakische Journalisten bei Radio Free Europe in München 1950–1970

Beate Feldmeier (Regensburg): Sprachkontakt und Anrede: Sprachwandel bei tschechischen Migranten

Zitation
Tagungsbericht: 15. Bohemisten-Treffen, 04.03.2011 München, in: H-Soz-Kult, 15.04.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3618>.
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Veröffentlicht am
15.04.2011
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