Die Reformation in der Mark Brandenburg

Ort
Berlin
Veranstalter
Verein für Berlin-Brandenburgische Kirchengeschichte; Lehrstuhl für mittlere und neuere Kirchengeschichte, Theologische Fakultät, Humboldt-Universität Berlin
Datum
11.05.2011
Von
Andreas Stegmann, Lehrstuhl für mittlere und neuere Kirchengeschichte, Theologische Fakultät, Humboldt-Universität zu Berlin

Ziel des Studientags zur brandenburgischen Reformationsgeschichte war es, zu Beginn eines bis zum Reformationsjubiläum 2017 laufenden Forschungsprojekts den Forschungsstand und die Quellenlage zu bilanzieren und den beteiligten Institutionen, Forscher/innen sowie weiteren Interessierten die Möglichkeit zu geben, sich über die Probleme, Perspektiven und Aufgaben der Forschung zur Reformation in der Mark Brandenburg auszutauschen.

ANDREAS STEGMANN (Berlin) gab einen Überblick und ein kritisches Resümee zur bisherigen Forschung. Auf Grundlage der bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts üblichen Reformations- und Landesgeschichtsschreibung entstand im Umfeld des 300. Jahrestags der ersten offiziellen evangelischen Abendmahlsfeier in der Kurmark 1839 eine an modernen geschichtswissenschaftlichen Maßstäben orientierte brandenburgische Reformationsforschung. Im produktiven Spannungsfeld von Kirchengeschichts- und Landesgeschichtswissenschaft bildete sich dann bis 1939 die große Erzählung von der Reformation in der Mark aus. Durch den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen gab es einen Bruch in der Forschungsgeschichte, und erst allmählich formierte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Forschung wieder neu. Bis heute zehrt sie von den Ergebnissen der älteren Forschung, befindet sich aber auch in einer Phase der Neuorientierung. Aufgaben der Forschung sind die Einbettung des Kerngeschehens der brandenburgischen Reformationsgeschichte von den 1520er- bis zu den 1570er-Jahren in die weiteren Zusammenhänge vom 15. bis zum 17. Jahrhundert und die gleichmäßige Berücksichtigung der territorialen wie der regionalen und lokalen Perspektive.

KLAUS NEITMANN (Potsdam) referierte über die reformationsgeschichtlichen Quellen in staatlichen und kommunalen Archiven, wobei er angesichts der Fülle des Materials nur exemplarische Annäherungen an die archivalische Überlieferungslage unternahm. Grundsätzlich gilt, dass sich in den staatlichen und kommunalen Archiven reichhaltige Quellenbestände zur Reformationsgeschichte befinden, die von der Forschung zum Teil noch nicht angemessen ausgewertet wurden. Drei Bereiche wurden vorgestellt: die Akten der kurfürstlichen Kanzlei, die sich im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz in Berlin-Dahlem befinden, die Akten ständischer Institutionen am Beispiel der Ballei Brandenburg des Johanniterordens, die sich im Brandenburgischen Landeshauptarchiv in Potsdam befinden, und die Urkunden und Akten der Städte am Beispiel von Beeskow und Prenzlau.

WOLFGANG KROGEL (Berlin) gab einen Überblick über die reformationsgeschichtlichen Quellen in kirchlichen Archiven. Die vorläufige Auswertung der Bestandsregister zeigt fast 400 reformationsgeschichtlich relevante kirchliche Bestände an (Visitationsberichte, Kirchenbücher, Kirchenrechnungen, Kirchenbibliotheken u.a.), die die Überlieferung in den staatlichen und kommunalen Archiven ergänzen. Sie befinden sich teils in den Gemeinde- und Superintendenturarchiven vor Ort, teils ausgelagert in schwer zugänglichen Sammelstellen, teils aber auch im Domstiftsarchiv Brandenburg an der Havel und im Evangelischen Landeskirchlichen Archiv in Berlin, wo sie nutzbar gemacht werden. Die kirchlichen Archivbestände sind unterschiedlich gut erschlossen, weshalb ein Überblick zur Quellenlage nur unter Vorbehalt möglich ist.

CHRISTIANE SCHUCHARD (Berlin) stellte das Projekt der Historischen Kommission zu Berlin zur Weiterführung der von Victor Herold und Gerd Heinrich begonnenen Edition der brandenburgischen Visitationsakten vor. Die von der älteren Forschung bis hin zu Herold benutzten Visitationsakten des 16. Jahrhunderts wurden im Zweiten Weltkrieg zum großen Teil vernichtet und sind nur noch in den Typoskripten und Manuskripten von Herolds Editionsprojekt erhalten. Ein Teil dieser Materialien soll nun zum Druck gebracht werden, was mit einer intensiven Einarbeitung sowohl in Herolds Editionsprojekt als auch in die Geschichte der Visitationen des 16. Jahrhunderts verbunden ist.

MATTHIAS DEUSCHLE (Berlin) beschloss den Studientag mit einem öffentlichen Vortrag zu den brandenburgischen Reformationsjubiläen im 19. Jahrhundert, in dem er die Feiern von 1839 und 1889 anhand kirchlicher, städtischer und staatlicher Quellenbestände beschrieb, in den Zusammenhang der zeitgenössischen kirchlich-politischen Situation einordnete und miteinander verglich. Es wurde deutlich, dass die Reformationserinnerung im 19. Jahrhundert weit über ein bloß geschichtliches Erinnern hinausging, indem sie für die eigene Gegenwart und unterschiedliche kirchliche und politische Interessen in Dienst genommen wurde, etwa für die innerkirchlichen Richtungskämpfe oder für die Auseinandersetzungen zwischen Berliner Magistrat und königlicher Regierung.

An den lebhaften Diskussionen im Anschluss an die einzelnen Vorträge beteiligten sich viele der etwa 50 Teilnehmer/innen. Aus der Perspektive unterschiedlicher Disziplinen gab es zahlreiche Einwendungen, Ergänzungen und Hinweise. Insgesamt zeigte der Studientag, dass sich die Forschung zur brandenburgischen Reformationsgeschichte in einer Phase der Neuorientierung befindet, dass sie aber auch von dem wachsenden Interesse an der Reformationsgeschichte im Vorfeld des Reformationsjubiläums profitieren kann.

Konferenzübersicht:

Karl-Heinrich Lütcke (Vorsitzender des Vereins für Berlin-Brandenburgische Kirchengeschichte): Begrüßung

Andreas Stegmann (Theologische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin): Die Erforschung der Brandenburgischen Reformationsgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert

Klaus Neitmann (Brandenburgisches Landeshauptarchiv in Potsdam): Quellen zur brandenburgischen Reformationsgeschichte in Staats- und Kommunalarchiven Berlin-Brandenburgs. Annäherungen an die archivalische Überlieferungslage

Wolfgang Krogel (Evangelisches Landeskirchliches Archiv Berlin): Quellen zur brandenburgischen Reformationsgeschichte in kirchlichen Archiven

Christiane Schuchard (Landesarchiv Berlin): Die Brandenburgischen Kirchenvisitations-Abschiede und -Register des XVI. und XVII. Jahrhunderts. Ein Editionsprojekt der Historischen Kommission zu Berlin

Matthias Deuschle (Theologische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin): Vergegenwärtigung der brandenburgischen Reformation im 19. Jahrhundert

Zitation
Tagungsbericht: Die Reformation in der Mark Brandenburg, 11.05.2011 Berlin, in: H-Soz-Kult, 07.10.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3846>.