Der Holocaust in Ungarn - 60 Jahre danach in europäischer Perspektive

Ort
Budapest
Veranstalter
Holocaust Dokumentationszentrum und Gedenksammlung, Budapest und Ungarische Akademie der Wissenschaften, Budapest
Datum
16.04.2004 - 18.04.2004
Von
Hans-Hermann Dirksen, Bad Camberg

Anlässlich der Einweihung des ersten osteuropäischen Holocaust Dokumentationszentrums und der dazugehörigen Gedenksammlung in Budapest [1] wurde in Zusammenarbeit mit der Ungarischen Akademie der Wissenschaften in deren Zentralgebäude vom 16.-18. April 2004 eine interdisziplinäre Konferenz mit zahlreichen Teilnehmern aus verschiedenen Ländern durchgeführt. Der gewählte Zeitpunkt weist auf den Beginn des ungarischen Shoah hin, in der mehrere hunderttausend Angehörige des jüdischen Volkes in Ungarn zunächst in Gettos gesperrt und anschließend in die Vernichtungslager deportiert wurden. Das Ziel der Konferenz war die Sammlung und Weiterverbreitung der Forschungsergebnisse über den ungarischen Holocaust und die damit verbundene Entwicklung in Gesamteuropa. Als Redner wurden nicht nur hochkarätige Historiker eingeladen, sondern auch Nachwuchs-Wissenschaftler, die über ihre Forschungsergebnisse berichten sollten. Aufgrund der großen Anzahl von über 50 Rednern wurde die Konferenz in neun Sektionen durchgeführt, die sich mit den Themen: (1+2) Vorgeschichte des Holocaust, (3) Juden und ihre Retter, (4) Holocaust in Rumänien und Nord-Transsylvanien, (5) Vergessene Verfolgte, (6) Ungarn - 1944, (7) Erinnerung und Interpretation des Holocaust, (8) Vergeltung und Entschädigung sowie der (9) Holocaust in der ungarischen Literatur und im Unterricht auseinandersetzten. Ihren Abschluss fand die Konferenz mit einem Besuch der sehr beeindruckenden Ausstellung im Holocaust Dokumentationszentrum. Es sollen im Folgenden einige wichtige Ergebnisse der Konferenz referiert werden.

Der Holocaust in Ungarn wird erst seit einigen Jahren intensiver erforscht und diskutiert. Dabei sind sich Historiker darüber einig, dass die Auslöschung der ungarischen Juden noch kurz vor dem Sieg der Alliierten, eine der großen Tragödien des Zweiten Weltkrieges ist. Im Rahmen der Eröffnungsveranstaltung reflektierte Randolph L. Braham, einer der Gründerväter der Erforschung des Holocausts in Ungarn und Direktor des Rosenthal Instituts for Holocaust Studies, New York, in seinem Einführungsvortrag über die Bedeutung des Holocausts und ging der Frage nach, ob die Gesellschaft hieraus eine Lehre gezogen habe. Gewalttaten, Massenmorde und andere menschliche Katastrophen lassen Gegenteiliges befürchten.

Der Antisemitismus in Ungarn hatte sich schon vor der deutschen Besetzung 1944 entwickelt. Erste Ansätze fanden sich beispielsweise in der zeitweiligen Einführung eines Numerus Clausus, der in den Zwanziger Jahren Juden den Zugang zum Hochschulstudium versagte (Mária M. Kovács, Central European University, Budapest). Die Fortsetzung davon sind die durch das Horthy-Regime verabschiedeten antijüdischen Gesetze, die speziell ab 1938 vielfache Beschränkungen im zivilen und öffentlichen Leben festlegten. 1941 wurden zusätzlich umfangreiche Rassegesetze erlassen. Dabei ist kein äußerer Druck aus dem nationalsozialistischen Ausland zu erkennen (László Karsai, Universität Szeged). Die politischen Parteien spielten eine wichtige Rolle (Jenö Gergely, Eötvös Loránd Universität, Budapest). Die zunehmende Zahl hochqualifizierter Berufsangehöriger innerhalb des Judentums trug zur Verstärkung des Antisemitismus bei (Tibor Hajdu, Ungarische Akademie der Wissenschaften, Budapest). Andere gesellschaftliche Strömungen, die die Juden für wirtschaftliche und nationale Fehlentscheidungen verantwortlich machten, sind ebenfalls als wichtige Schrittmacher der antijüdischen Einstellung zu betrachten (Krisztián Ungváry, 1956er Institut, Budapest). Aber auch exponierte Persönlichkeiten, wie Bischof Prohászka von Székesfehérvár, der "das jüdische Element" in der ungarischen Gesellschaft zurückdrängen wollte, bewirkten die allgemeine Akzeptanz der Gesetze (Máté Gárdonyi, Erzbischöfliche Theologische Hochschule, Veszprém).

Am 19. März 1944 besetzte Deutschland den unsicher gewordenen Verbündeten Ungarn. Am 16. April begann der Holocaust in Ungarn, als im Gebiet der Karpato-Ukraine die jüdische Bevölkerung in Gettos interniert wurde. Am 15. Mai fuhren die ersten Züge mit ungarischen Juden nach Auschwitz-Birkenau, wo die meisten sofort vergast wurden. Innerhalb von nur acht Wochen erlitten über 400.000 ungarische Juden dieses Schicksal. Horthy stoppte die Deportationen und wurde daraufhin abgesetzt. Im November 1944 pferchte man schließlich auch die Budapester Juden in ein Getto. Eine so umfangreiche Aktion konnte nur durch eine genaue Vorausplanung in enger Zusammenarbeit mit den ungarischen Behörden ermöglicht werden (Christian Gerlach, National University of Singapore). Auch die lokalen ungarischen Verwaltungen befolgten anstandslos alle diesbezüglichen Erlasse, wie beispielsweise die Studie über das Getto in Kaposvár aufzeigte (Tamás Kovács, Holocaust Documentation Center, Budapest). Nicht zuletzt war es aber auch die bereitwillige Zusammenarbeit der ungarischen Gendarmerie mit den deutschen Besatzern, die es durch ihre besondere Ortskenntnis möglich werden ließ, ganz Ungarn "judenfrei" zu machen. Aufschluss über die Verbrechen der Gendarmerie geben heute praktisch nur noch die Akten der Volksgerichte, die ihnen nach 1945 den Prozess gemacht haben (Judit Molnár, Universität of Szeged). Mit der Gettoisierung verfolgte die ungarische Regierung auch die Absicht, die jüdischen Besitztümer zu enteignen und der Wirtschaft einzuverleiben (Gábor Kádár, Universität Debrecen).

In der dritten Sektion wurde die Frage gestellt, wer den Juden zu Hilfe kam. Hier ist vor allem der Einsatz von 15 internationalen Diplomaten, wie des Schweden Raoul Wallenberg zu erwähnen. Allerdings hat die neuere Forschung auch andere Helfer und Retter entdeckt. Bisher sind beispielsweise sechshundert individuelle christliche Retter bekannt (Szabolcs Szita, Holocaust Documentation Center, Budapest). Weitere Forschungsergebnisse zeigen, dass sich in den besetzten ostpolnischen Gebieten jüdische Widerstandsgruppen bildeten, die sich vor der deutschen Besetzung 1941 auch schon gegen die sowjetischen Besatzer ab 1939 wandten (Bogdan Musial, Deutsches Historisches Institut, Warschau).

Parallel zum ungarischen Holocaust ist auch die Erforschung der Entwicklung in Rumänien von Bedeutung. Der dortige Holocaust erwies sich in den letzten Jahren immer wieder als äußerst umstrittenes Thema, so dass hier eine konsequente Quellenforschung nach wie vor ein Desiderat ist. Schätzungen schwanken noch immer zwischen 250.000 und 400.000 jüdischen Opfern. Thematisiert wurde in den Vorträgen dieser Sektion die Einstellung von Staatschef Ion Antonescus, die 1941 in einer Stellungnahme seiner Regierung zu erkennen ist: Rumänien sei "eine der Nationen […], die entschlossen ist, effektiv für die Endlösung der Judenfrage zu kooperieren, nicht nur lokal sondern in ganz Europa". Der erste Versuch 1941, die rumänischen Juden aus den Grenzen des alten Königreichs nach Transnistrien zu deportieren, wurde von den Nationalsozialisten gestoppt. 1942 vereinbarte der rumänische Außenminister Mihai Antonescu in Geheimgesprächen mit der Administration Himmlers die Deportation der rumänischen Juden in das Vernichtungslager Belzec. Dort sollten 300.000 Juden in 140 Tagen ermordet werden. Doch im Oktober 1942 stoppte Antonescu den Plan, weil er realisierte, dass seine nationalen Interessen nicht mehr mit denen Hitlers übereinstimmten (Jean Ancel, Yad Vashem, Jerusalem). Historiker bestätigen zudem verschiedene Massaker sowie den Holocaust, der in den von Rumänien besetzten Gebieten wie der Bukowina und Bessarabien stattfand, wo 1941/42 die dort lebenden Juden nach Transnistrien deportiert und ermordet wurden. Dieser Holocaust kann durch zahlreiche Dokumente belegt werden (Radu Ioanid, United States Holocaust Museum, Washington).

Die Konferenz widmete sich auch den vergessenen Verfolgten, deren Schicksal bisher zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Der Holocaust der Sinti und Roma ist ein noch wenig erforschtes Thema, welches sich leider oft mit der Frage nach den Opferzahlen erschöpft. Die Zahl von 500.000 Opfern wird jedoch allenthalben als zu hoch betrachtet. Im Gegensatz zu den Juden wurden die Sinti und Roma in den Konzentrationslagern in der Häftlingskategorie der Asozialen eingruppiert, ein Ausdruck dafür, dass sie nicht als ethnische Feinde betrachtet wurden, sondern ihr kulturelles Anderssein als Bedrohung für das deutsche Volk definiert wurde (Michael Zimmermann, Ruhr Universität, Bochum). Die Quellenlage ist problematisch, da die meisten Sinti und Roma von Einsatzgruppen liquidiert und nicht in Konzentrationslager gebracht wurden. Minutiöse Recherchen vor Ort sind notwendig, um das Ausmaß des Schreckens zu dokumentieren (János Bársony, Roma Polgárjogi Alapítvány, Budapest).
Die Verfolgung der Homosexuellen erstreckte sich auch auf die von den Deutschen besetzten Gebiete, wobei sich zeigt, dass die Intensität der Verfolgung in den okkupierten Ländern geringer war als im Reich selbst. Allerdings kann festgestellt werden, dass die Betroffenen in den als "arisch" betrachteten Ländern wie den skandinavischen sehr viel schärfer bestraft wurden, als in "slawischen" Besatzungsgebieten (Geoffrey J. Giles, University of Florida, Gainesville).
Bezüglich der Zeugen Jehovas (Bibelforscher), die bereits 1933 als erste Religionsgemeinschaft im Deutschen Reich verboten wurde, muss zwischen der Verfolgung in Deutschland (ca. 25.000) und den von den Deutschen besetzten Ländern sowie der Verfolgung in den autonomen Diktaturen, wie Ungarn, Rumänien etc. unterschieden werden. Während die deutschen Zeugen Jehovas schon ab 1933 in die Konzentrationslager eingesperrt und unerbittlich auch in den besetzten Gebieten verfolgt wurden, erging ein Verbot in Ungarn erst 1939. Hier verfolgten die Behörden hauptsächlich die totale Wehrdienstverweigerung bzw. Wehrkraftzersetzung der ungarischen Zeugen Jehovas. Sie wurden in die Konzentrationslager verbracht und erhielten hier als Kennzeichen den lila Winkel der Bibelforscher (Kinga Bruhács, Janus-Pannonius-Universität, Pécs).

Die Konferenz fand ihren Abschluss mit der Frage, wie die Erinnerung gepflegt und wach gehalten werden kann. Immer noch glauben viele an die grundsätzlich unschuldige Nation, die von einigen verräterischen Wenigen betrogen wurde. Auch die schwierige Definition von Kollaboration und Widerstand erschweren klare Aussagen (István Deák, Columbia University, New York). In Ungarn verhält es sich nicht anders, als in vielen anderen europäischen Ländern, dass das Wissen über den Holocaust gering und das Interesse daran spärlich ist. Besonders in den osteuropäischen Ländern besteht ein erheblicher Nachholbedarf, da hier die Erinnerungskultur hauptsächlich auf den Sieg des Sozialismus ausgerichtet war. Diese Situation begründet die Gefahr des Vergessens und der Wiederholung. Daher müssen Wege gefunden werden, den Holocaust besser in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen. Lehrkonzepte für Schulen und Universitäten müssen entworfen werden, um insbesondere die Jugend zu erreichen. Hierin ist eine gesamteuropäische Aufgabe zu sehen (Mónika Kovács, Eötvös Loránd Universität, Budapest).

Die Holocaust-Konferenz in Budapest war eine würdige Gesamtschau der verschiedenen Aspekte des Holocausts in Ungarn und Osteuropa. Als gelungen muss dabei das Zusammentreffen langjährig auf diesem Gebiet tätiger Historiker mit jungen Nachwuchswissenschaftlern bezeichnet werden. Hieraus und aus der Erkenntnis, das für dieses Thema noch vielfache Forschungsmöglichkeiten bei guter Quellenlage bestehen, erwuchs der Wunsch der Konferenzleiterin Judit Molnár, auch zukünftig weitere Konferenzen zu einzelnen spezifischen Themen des Holocaust in Ungarn zu veranstalten.

Anmerkungen:
[1] Die Website der Gedenkstätte befindet sich noch im Aufbau: http://www.bphm.org. Die Konferenzankündigung findet sich unter der folgenden URL: http://www.bphm.org/conf/index_en.html.

Zitation
Tagungsbericht: Der Holocaust in Ungarn - 60 Jahre danach in europäischer Perspektive, 16.04.2004 – 18.04.2004 Budapest, in: H-Soz-Kult, 13.05.2004, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-421>.
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Veröffentlicht am
13.05.2004
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