Mobile Kriegergruppen in Europa und Afrika. Transkulturelle Perspektiven

Ort
Erlangen-Nürnberg
Veranstalter
DFG-Projekt „Gotische Kriegergruppen im spätrömischen Reich“ (FOR Gewaltgemeinschaften); Hans-Ulrich Wiemer / Guido M. Berndt (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg)
Datum
13.04.2012 - 14.04.2012
Von
Sabina Viefhaus / Guido M. Berndt, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Die DFG Forschergruppe „Gewaltgemeinschaften“ hat im Sommer 2009 ihre Arbeit aufgenommen; mehrere Tagungen und Workshops haben bereits stattgefunden.[1] In diesen Forschungszusammenhang gehört auch der Workshop, über den hier zu berichten ist: „Mobile Kriegergruppen in Europa und Afrika. Transkulturelle Perspektiven“. Als Veranstalter des Workshops, der am 13. und 14. April 2012 in Erlangen durchgeführt wurde, trat das Teilprojekt „Gotische Kriegergruppen im spätrömischen Reich“ [2] auf. Ziel des Workshops, an welchem neben Mitgliedern der Forschergruppe auch eine Reihe auswärtiger Referenten teilnahmen, war es, wissenschaftliche Disziplinen miteinander ins Gespräch zu bringen, die sich aus verschiedenen Perspektiven und in verschiedenen Kontexten mit mobilen Kriegergruppen beschäftigen, dieses Phänomen aber selten, wenn überhaupt, epochen- und kulturenübergreifend analysieren. Zu diesem Gespräch waren einerseits Vertreter verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen eingeladen, die sich mit Europa und Nordafrika in Spätantike und Frühmittelalter beschäftigen (Vor- und Frühgeschichte, Alte und Mittelalterliche Geschichte), andererseits Vertreter/innen verschiedener Fächer, deren Gegenstandsbereich das subsaharische Afrika zumindest mit umfasst (Neuere Geschichte, Ethnologie und Soziologie). Der Konzeption des Workshops lag die Annahme zugrunde, dass sich bei den für den Workshop ausgewählten Gruppen trotz der zeitlichen und räumlichen Entfernung strukturelle Gemeinsamkeiten feststellen lassen, die dazu berechtigen, sie über kulturelle und epochale Grenzen hinweg als Ausprägungen ein und desselben Typs von Vergemeinschaftung zu betrachten, der im Sprachgebrauch der Forschergruppe als Gewaltgemeinschaft bezeichnet wird. Gemeint sind soziale Gruppen, für deren Konstitution und Reproduktion die Fähigkeit und Bereitschaft zur Ausübung von Gewalt von wesentlicher Bedeutung ist.

Solche Personenverbände bilden nicht nur spezifische Formen der Aneignung von Gütern aus – von Raub und Plünderung bis hin zu Schutzgelderpressung, Subsidien und Tribut –, sondern zeichnen sich auch häufig durch hohe Fluktuation und instabile Autoritätsbeziehungen aus. Die Anführer sind hohem Leistungsdruck unterworfen, weil andere Legitimitätsgründe für ihre Akzeptanz keine oder nur gering Bedeutung haben. Die Loyalität ihrer Gefolgschaft hängt insbesondere davon ab, ob sie in der Lage sind, den Bedarf an Versorgungs- und Prestigegütern zu befriedigen. Die Stellung des Anführers ist daher häufig umkämpft und nicht auf Dauer gesichert. Die im Workshop thematisierten Gewaltgemeinschaften zeichnen sich darüber hinaus durch ein hohes Maß an Mobilität aus, das ihre soziale Existenzform maßgeblich beeinflusst. Mobile Kriegergruppen operieren in der Regel in Grenzräumen zwischen einer staatlichen oder imperialen Herrschaftsordnung und vergleichsweise locker strukturierten Personenverbänden, wo unterschiedliche Niveaus ökonomischer und kultureller Entwicklung aufeinander stoßen. Ihre Mobilität kann sehr verschiedene Formen annehmen: Für Kriegergruppen, die von einer festen Basis aus operieren, gilt, dass ihr Verhalten am Ausgangsort von anderen Normen bestimmt wird, als das Handeln in den Gebieten, die zum Zweck der Gewaltausübung aufgesucht werden. Bei Kriegergruppen hingegen, die keine festen Wohnsitze haben oder auf der Suche nach neuen Siedlungsgebieten sind, verschwimmt die Grenze zwischen Siedlungsraum und Gewaltraum.

HANS-ULRICH WIEMER (Erlangen-Nürnberg) nannte in seiner Einleitung zunächst eine Reihe von Gründen dafür, weshalb mobile Kriegergruppen bislang kaum jemals epochen- und kulturenübergreifend betrachtet worden sind: (1) das eurozentrische Geschichtsbild, das der Fächerstruktur nicht nur deutscher Universitäten zugrunde liegt, (2) die überkommene Epocheneinteilung in Altertum, Mittelalter und Neuzeit, die auf einer radikalen Selektion beruht und den größeren Teil des Globus aus der Betrachtung ausschließt, (3) die institutionelle Zersplitterung der Afrika-Studien selbst, die von verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, insbesondere der Ethnologie und der Soziologie, nur selten jedoch von der Geschichtswissenschaft, betrieben werden, (4) das vom Mainstream geschichtswissenschaftlicher Forschung lange Zeit anerkannte Individualitätsprinzip, wonach jede historische Erscheinung aus sich selbst heraus verstanden werden kann und muss, und (5) die in der deutschen Mediävistik bis die in die 1970er Jahre hinein forschungsleitende Annahme einer germanischen Kontinuität von Tacitus’ Germania bis ins hohe oder gar späte Mittelalter. Umso erfreulicher sei das in jüngerer Zeit zu beobachtende Aufbrechen von Fächergrenzen und Epocheneinteilungen zugunsten eines offenen Austauschs, der dazu anregen könne, voneinander zu lernen. Der Vergleich strukturell ähnlicher Phänomene in Spätantike und Frühmittelalter einerseits, dem subsaharischen Afrika andererseits stelle scheinbar Vertrautes in ungewohnte Zusammenhänge und eröffne daher die Chance, Aspekte, Dimensionen und Kausalitäten zu erfassen, die in der disziplinär gebundenen Forschung bislang nicht oder zu wenig beachtet wurden.

GUIDO M. BERNDT (Erlangen-Nürnberg) zeichnete in seinem Beitrag die Geschichte gotischer Kriegergruppen von den sogenannten Seezügen des 3. Jahrhunderts bis zu dem verheerenden Krieg, der in den 550er Jahren mit der Zerstörung des Gotenreichs in Italien endete. Er arbeitete dabei insbesondere die Rolle der territorialen Mobilität in den unterschiedlichen Zeiträumen für Erfolg oder Misserfolg der einzelnen Verbände heraus. Gleichzeitig betrachtete er die wechselhaften Beziehungen der Kriegergruppen zu ihren jeweiligen Gegnern, sei es der römische Kaiser, seien es andere, mit ihnen konkurrierende Kriegergruppen.

TIMO STICKLER (Jena) schlug vor, die gängige Sichtweise, der zufolge die Hunnen seit dem Ende des 4. Jahrhunderts eine Bedrohung für das Römische Reich gewesen seien, einmal umzukehren: Es sei vielmehr die starke Zentralmacht Rom gewesen, die reiternomadische Kriegergruppen in ihrer Existenz unmittelbar bedroht habe. Er argumentierte, dass man die Auswirkungen hunnischer Raubzüge in den betroffenen Gebieten gewiss nicht unterschätzen dürfe, sie allerdings als Auslöser für den Fall Roms nicht ausschlaggebend gewesen seien. Das Gewalthandeln der Attila-Hunnen habe in der Mitte des 5. Jahrhunderts allerdings immer drastischer ausfallen müssen, insbesondere um den ständig steigenden Bedarf an Gütern zu decken, bis eine Deeskalation des Konfliktes mit den Römern schließlich unmöglich geworden sei.

DAVID JÄGER (Tübingen) stellte die Verhältnisse in Gallien während und nach dem Eindringen der Franken unter Chlodwig dar, der Menschen aus eigentlich agrarisch geprägten Siedlungsgemeinschaften zur Plünderung nach Gallien bewegt und damit gewissermaßen in einen „Kriegermodus“ versetzt habe. Auf diese Weise seien Plünderungen zu einem Erwerbsmittel aller Beteiligten geworden. Mit Hilfe der Plündergemeinschaften hätten sich die Könige zunächst die Herrschaft über gallische civitates verschafft, aus denen sie dann Abgaben beziehen konnten. Da verschiedene merowingische Könige aber um diese Städte konkurrierten und ihre Truppen nicht an Mobilität verlieren durften, gleichzeitig deren einziges Erwerbsmittel die Plünderung blieb, sei es zu Gewaltakten ohne königliche Erlaubnis gekommen, wobei wiederum Teile der sesshaften Bevölkerung in den „Kriegermodus“ gezwungen worden seien.

PHILIPP VON RUMMEL (Rom) bot einen breiten Überblick zu verschiedenen Gewaltgemeinschaften im Nordafrika der Spätantike. Zunächst ging er auf die Gruppe der Circumcellionen ein, die ihre Gewalt vorwiegend religiös zu legitimieren suchten. Eine gänzlich andere Motivation zur Gewalt sei bei kollektiv agierenden Sklavenhändlern wie den Mangones festzustellen, denen ihr Gewalthandeln vorwiegend als Erwerbsquelle gedient habe. Darüber hinaus stellte er mobile maurische Verbände wie die Austoriani, Frexen und Laguatan vor, um abschließend nach den Gründen für eine Zunahme von Gewalt im 5. und 6. Jahrhundert zu fragen. Als maßgebliche Ursache machte er die schwindende Kontrolle durch das Imperium in Verbindung mit einem Rückgang des überregionalen Austauschs und der Siedlungsdichte aus.

STEPHANIE ZEHNLE (Kassel) thematisierte in ihrem Beitrag den sogenannten Dschihad von Sokoto, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts zur Entstehung von verschiedenen Emiraten und eines Kalifats im Norden des heutigen Nigeria führte. Sie arbeitete die bedeutende Rolle heraus, die Mobilität in diesem religiös und sozial motivierten Krieg spielte: Mobilität sei in dieser Region Teil der religiösen Praxis gewesen (Wanderpriester, Reisen zu Sufis, Pilgerfahrten), und diese Praxis habe sich auch bei den ständig neu formierten Einheiten bewährt, die ihre Kriegstaktik nicht zuletzt nach der Versorgungslage ausrichten mussten und einerseits besiegte Einheiten integrierten, andererseits Zivilisten in Fluchtbewegungen trieben oder verschleppten.

CHRISTINE HARDUNG (Siegen) legte am Beispiel der im 19. Jahrhundert im Grenzgebiet zwischen der Kapkolonie und dem heutigen Namibia agierenden Gruppen der Nama-Orlam die These dar, dass die kriegerische Aktivität als Bindeglied fungierte zwischen den Orlam, die mit modernen Waffen ausgestattet gewesen seien und über Kenntnisse des Kap-Holländischen verfügt hätten, und den Nama, die eine raubkriegerische Tradition besessen hätten. Diese Verbindung sei die Grundlage für Lern-, Gestaltungs- und Vermischungsprozesse in der Kriegsführung gewesen und habe den Nama-Orlam ein erhebliches, von den Kolonialherren gefürchtetes militärisches Potential verschafft. Die Beweglichkeit dieser Gruppen sei ebenso variabel gewesen wie ihre Größe: Das Spektrum habe von schnellen Kleinstkommandos mit nur drei oder vier Mann für den Guerillaeinsatz bis zu 2000 Mann starken, aber deutlich trägeren Großkommandos gereicht.

GEORG KLUTE (Bayreuth) zog eine Verbindung von den historischen Kriegergruppen zu den gegenwärtigen Aufständen der Tuareg in Mali und argumentierte, dass eine Affinität zwischen nomadischer Lebensweise und „kleinem“ oder Guerillakrieg bestehe, insofern diese Lebensweise den Tuareg die Fähigkeit zu schnellen und überraschenden Bewegungen vermittle, die es ihnen erlaube, sich dem Zugriff professioneller Soldaten zu entziehen und diesem immer wieder empfindliche Schläge zuzufügen. Außerdem verfügten sie über ein hohes Anpassungsvermögen sowie über die Fähigkeit, Hinterhalte zu legen, sich bei Gefahr schnell zurückzuziehen und bestimmte Räume zu infiltrieren. Zudem besitzen sie ein starkes Kriegerethos und die Bereitschaft, im Nahkampf „dem Feind ins Auge zu sehen“, was zusammen mit den Überraschungsangriffen und dem verlorenen Vertrauen der malischen Soldaten in ihre eigene Armeeführung zu einer Demoralisierung der Gegner geführt habe.

Die intensiven Diskussionen zu jedem einzelnen Vortrag zeigten, dass sich die mobilen Kriegergruppen tatsächlich als Thema eignen, Epochen- und Disziplinengrenzen zu überschreiten und bestimmte geschichtsmächtige Phänomene in nicht allein komparativer, sondern transkultureller Perspektive zu betrachten.

Konferenzübersicht:

Hans-Ulrich Wiemer: Einführung

Stefanie Dick: Die Schlacht von Adrianopel – Mobilität, Militarisierung und Hierarchiebildung bei den Goten (ausgefallen)

Guido M. Berndt: Aktionsradien gotischer Kriegergruppen

Timo Stickler: Das römische Reich als Gefahr für den Zusammenhalt der hunnischen Kriegerkoalition

Florin Curta: Avar Blitzkrieg, Slavic and Bulgar Raiders, and Roman Special Ops: Mobile Warriors in the Sixth-century Balkans (ausgefallen)

David Jäger: Plündern in Gallien im 6. Jahrhundert. Mobilität als konstruktiver und destruktiver Aspekt der merowingischen „Herrschaft“

Philipp von Rummel: Kriegergruppen im spätantiken Nordafrika

Stephanie Zehnle: Unter weißer Flagge. Mobilität und Dschihad in der Hausaregion (Westafrika), 1750-1850

Christine Hardung: Formen vorkolonialen Krieges im südlichen Afrika: Krieg, Jagd oder Wie man voneinander lernen kann

Georg Klute: Nomadische Kriegsführung und die „Kultur des Krieges“ bei den Tuareg

Hans-Ulrich Wiemer: Zusammenfassung

Anmerkungen:
[1] Ein erster Sammelband mit Ergebnissen: Horst Carl/ Hans-Jürgen Bömelburg (Hrsg.), Lohn der Gewalt. Beutepraktiken von der Antike bis zur Neuzeit, Paderborn 2011. Weitere Publikationen in Vorbereitung.
[2] <http://www.gotische-kriegergruppen.phil.fau.de> (Stand: 10.06.2012).

Zitation
Tagungsbericht: Mobile Kriegergruppen in Europa und Afrika. Transkulturelle Perspektiven, 13.04.2012 – 14.04.2012 Erlangen-Nürnberg, in: H-Soz-Kult, 26.06.2012, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4276>.