HT 2004: Kirchenräume in der Frühen Neuzeit

Ort
Kiel
Veranstalter
Renate Dürr, Peter Burschel
Datum
16.09.2004
Von
Martin Szameitat, Bergische Universität Wuppertal

Weshalb sollte der Kirchenraum als konkret erfahrbare Dimension Gegenstand allgemeinhistorischer Forschung sein, wo sich doch bereits Kunst- und Kirchengeschichte intensiv mit ihm auseinandergesetzt haben? Kann ein solcher Forschungsgegenstand dazu beitragen, eine Epoche wie die Frühe Neuzeit überhaupt zu erhellen? Diese Fragen zu beantworten setzte sich die Sektion "Kirchenräume" auf dem diesjährigen Deutschen Historikertag zum Ziel. Geleitet wurde sie von den beiden Frühneuzeithistorikern Renate Dürr (Frankfurt) und Peter Burschel (Freiburg), die auch selbst referierten. Ferner sprachen der Tübinger Kirchenhistoriker Andreas Holzem sowie die Hallenser Kunsthistorikerin Eva-Maria Seng.

Renate Dürr machte in ihrer Einleitung anhand eines Konflikts zwischen Pfarrer und Ratsherren im Hildesheim des 17. Jahrhunderts auf die Verortung der Sakristei als "Raum" der Obrigkeit und des Kirchenschiffs als "Raum" des Pfarrers aufmerksam. Am anschaulichen Beispiel der Kirchenkerzen zeigte Dürr die Bedeutung der Kirche als "gestalteter Raum" nicht nur in religiöser, sondern auch in weltlicher Hinsicht. Den vier Referenten sollte nun die Aufgabe zukommen, zum einen das Verhältnis von Kirchenraum und Selbstverständnis der darin befindlichen Menschen zu klären und zum anderen daraus resultierende politische Folgen aufzuzeigen. Sinnvollerweise wurde dabei den konfessionellen Unterschieden in der Frühen Neuzeit Rechnung getragen, sodass katholische (Andreas Holzem), lutherische (Renate Dürr) und calvinistische (Peter Burschel) "Kirchenräume" jeweils eigens thematisiert wurden. Ausgehend von der kunsthistorischen Perspektive des (evangelischen) Kirchenbaus griff der Vortrag von Eva-Maria Seng mit dem Schwenk ins 19. Jahrhundert zeitlich über die "Grenzen" der Frühen Neuzeit hinaus.

Andreas Holzem stellte in seinem Vortrag Die sieben Hauptkirchen Roms in Schwaben lediglich eine Kirche in den Mittelpunkt: die Franziskanerkirche St. Luzen, die am Ende des 16. Jahrhunderts von den katholischen Hohenzollern als Vorposten des alten Glaubens im lutherisch geprägten württembergischen Umland gegründet worden war. Bedeutsam im Hinblick auf den Sektionstitel war vor allem das, was der Referent das "Gestalten im Raum" nannte: Konkret für St. Luzen zielte er auf die dominierende Rolle des Glaubensbekenntnisses der Apostel im Hauptschiff der Kirche ab, das für die Laien reserviert war. Der Chorraum, der den Klerikern vorbehalten war, wurde laut Holzem hingegen vom Ablass und den "letzten Dingen" bestimmt. Der Referent machte überzeugend deutlich, dass beides, Glaubensbekenntnis und Ablass, anhand eines strikt getrennten "Bildprogramms" wie den Apostelfiguren im Hauptschiff ins Werk gesetzt wurde. Wozu dieses "Gestalten im Raum" diente, führte Holzem sodann den Zuhörern vor Augen, die nunmehr deutlich erkannten, dass diesem franziskanischen Bildprogramm eine dezidiert (religions-)politische Intention zugrunde lag. So sollte den Kirchgängern gemäß dem Beschluss der Konstanzer Diözesansynode von 1567 das Glaubensbekenntnis der Apostel eingeschärft werden, sodass erst das Wissen darum eine Inkorporation der Laien in die Kirche ermöglichte. Der Ablass hingegen habe im Mittelpunkt der franziskanischen Religiosität gestanden und sei als frommer Dienst interpretiert und eben nicht der landläufigen heutigen Meinung entsprechend als Gewinnstreben gesehen worden. Dabei betrachteten die Franziskaner gerade den Portiuncula-Ablass als ihr Privileg. Die Portiuncula-Kirche war nämlich die Urkirche des bekehrten Franziskus und mit dem für sie vorgesehenen Ablass sollte in frühfranziskanischer Zeit die Aufhebung der Sündenstrafen, die ausschließlich in Rom zu erhalten war, nach Assisi übertragen werden. Der Portiuncula-Ablass wurde in der Zeit, die Holzem interessierte, also im späten 16. Jahrhundert, auf die Kirche von St. Luzen übertragen, die daher in franziskanischer Sichtweise zu einem "Raum des Heils" avancierte. Daneben stellte die Kirche einen "Kommunikationsraum" mit transzendenten Mächten dar, genauer einen Schutzraum, in dem Franziskus als zentraler Heiliger zum Patron wurde. Der Ablass manifestierte die Trennung zwischen Gott und Sündern und kam denjenigen zugute, die die christliche Ketzerei eindämmen sollten. So konnte es nicht überraschen, dass in St. Luzen am Ende des 16. Jahrhunderts die Texte vorreformatorischer Ablasspredigten herangezogen und gegen Protestanten verwendet wurden.

Vom katholischen Kirchenraum ging es weiter zum protestantischen, oder genauer gesagt zum lutherischen. Renate Dürr klärte nämlich in ihrem Vortrag Zur politischen Kultur im lutherischen Kirchenraum darüber auf, dass dieser strenger von dem der Reformierten unterschieden war als von dem der Katholiken. Insgesamt vier Thesen bildeten das Gerüst des Vortrags, die Dürr im Laufe ihrer Ausführungen plausibel machen konnte. Stets stand dabei die Sakralität des lutherischen Kirchenraums im Vordergrund. Zunächst machte die Referentin anhand von Beispielen aus der Hildesheimer Andreaskirche deutlich, dass der lutherische Kirchenraum im Laufe der gesamten Frühen Neuzeit tatsächlich als "sakraler Raum" betrachtet worden ist. Denn ähnlich wie im Katholizismus begriffen auch die Lutheraner die Kirche als "Haus Gottes". Und die Sakralität des Kirchenraums hat nicht nur auf die Gegenstände, die mit diesem in Zusammenhang gebracht wurden, sondern auch auf den dort handelnden Geistlichen ausgestrahlt. So interpretierte Dürr konsequent das Verweigern der Absolutionserteilung durch mehrere Pfarrer der Andreaskirche während der Frühen Neuzeit als Folge der Sicht von der Kirche als "Haus Gottes", also als Wohnstätte des Herrn, die man folglich zu schmücken habe. Dementsprechend wurde auch die Andreaskirche in Hildesheim während des 16. und 17. Jahrhunderts mit einem Taufbecken und einer neuen, vergoldeten Kanzel versehen. Die Referentin zeigte ferner, dass sich Sakralität im Luthertum immer wieder neu konstituieren musste. Geschehen konnte dies nur durch Handlungen, die die Beteiligung von Geistlichen und Gemeinden voraussetzten. Entscheidend für das aktive Mitwirken lutherischer Gemeinden war laut Dürr das Festhalten der Lutheraner am reformatorischen Grundsatz des "Priestertums aller Gläubigen". Die Verwirklichung dieses Grundsatzes konnte die Referentin bis weit ins 18. Jahrhundert hinein feststellen, was sie vor allem stichhaltig an der hohen Zahl von Laienpredigern im Alten Reich belegte. Hierin ist gleichzeitig der wohl bedeutsamste Aspekt des Vortrags, der die in der Einleitung geforderten politischen Konsequenzen aus dem Verhältnis von Kirchenraum und darin handelnder Menschen einlöste, zu sehen: Die lutherischen Gemeinden waren eben keine passiven Objekte, sondern handelnde Subjekte, die ihr Mitbestimmungsrecht durchaus ausschöpften. Dies ließ sich Dürr zufolge wiederum am Kirchenraum als Raum der Gemeinde feststellen. So fanden beispielsweise die Pfarrerwahlen stets in der Nähe zum Altar statt, um zu dokumentieren, dass die Kirche nicht nur der Raum des Pfarrers, sondern auch der der gesamten Gemeinde war.

Am Anfang von Peter Burschels Vortrag Kirchenraum und politische Kultur in den nördlichen Niederlanden im 16. und 17. Jahrhundert stand ein Bild. Genauer: ein Familienporträt aus den nördlichen Niederlanden von 1678, das der Referent in der Alten Pinakothek in München bemerkt und das ihm erst den Zugang zu seinem Vortragsthema eröffnet hatte. Burschel führte den Hintergrund seiner Herangehensweise rasch aus. Tatsächlich stand ein "Hintergrund" im Zentrum seines Interesses, und zwar ein Bild innerhalb jenes Bildes. Dieses zeigte den Raum einer Kirche, nämlich den der Amsterdamer "Oude Kerk". Und durch Nachforschungen ließen sich vor allem in den drei Jahrzehnten nach der Jahrhundertmitte eine große Zahl solcher gemalter Kirchenräume, und nicht nur als Bild im Bild, ermitteln. Allerdings existierten diese fast ausschließlich in jenem Gebiet, das hier im Mittelpunkt des Interesses stand, sodass Burschel von einer "nordniederländischen Obsession" sprach, die bisher weder Kirchen- noch Kunstgeschichte sonderlich interessiert hatte. Was aber waren Burschels Schlussfolgerungen aus den Betrachtungen dieser Bilder? Vor allem eine ist zu nennen: Die "Reformation" des Innenraums der Kirchen habe anstelle der Altäre die Kanzel und den "dooptuin", einen Taufgarten unterhalb der Kanzel etabliert. Dadurch wurde ähnlich wie im Beispiel aus Renate Dürrs Einleitung die Trennung in den für die Geistlichen und den für die Gemeinde reservierten "Raum" augenfällig, denn mit dem "neuen" liturgischen Zentrum entstanden zugleich zwei neue "Räume im Raum": die Predigt- und die Wandelkirche. Gerade die "Wandelkerk" sei ein nordniederländisches Spezifikum gewesen, ein Ort des Kommens und Gehens, ein Ort des Treffens, ein Ort des Sehens und Gesehenwerdens. Welche calvinistischen und/oder nordniederländischen Traditionen und Bedürfnisse spiegeln sich in den Bildern der Kirchenräume? Die ursprüngliche Vermutung des Referenten, dass die Häufung gemalter Kirchenräume auf bestimmte spirituelle Traditionen und Bedürfnisse zurückzuführen sei, bestätigte sich jedenfalls nicht. Vielmehr zeigte sich, dass die Bilder weder "Seelentrainer" oder kollektive Glaubensbekenntnisse noch politische Signale gewesen sind. Was aber waren sie dann? Anders als die gängige Meinung in der Architekturgeschichte behauptet, hätte laut Burschel bei den gezeigten Bildern keine Architekturmalerei im Vordergrund gestanden. Wichtiger seien die gemalten Personen gewesen, die immer bedeutender, weil konturierter und emblematisch aufgeladener wurden. Letztlich sei die Intention der Bilder eine spezifisch niederländische Gesellschaftsvision von der Rettung jener "Gemeinschaft" gewesen, die zu Beginn der niederländischen Republik bestanden hatte, die aber im 17. Jahrhundert längst in der Auflösung begriffen war.

Mit einer anderen Art von "Auflösung" beschäftigte sich Eva-Maria Seng in ihrem Vortrag Kirchenbau zwischen Säkularisierung und Resakralisierung im 18. und 19. Jahrhundert. Die Referentin trat nämlich der berühmten und gerade in den letzten Jahrzehnten viel kritisierten These Max Webers von der "Entzauberung der Welt" und vom damit einhergehenden Prozess einer Entsakralisierung des öffentlichen Lebens anhand zweier Beispiele aus dem evangelischen Kirchenbau entgegen. Dazu führte Seng die Gründung zweier evangelischer Kirchen im mittleren 18. und im späten 19. Jahrhundert an: Die Kirche in Pretzschendorf in Sachsen und die St. Johannes-Kirche in Stuttgart. In beiden Fällen konnte Seng anhand zeitgenössischer Berichte über die Einweihung der Gotteshäuser zeigen, dass hier keineswegs die Rede von einer Auflösung des Religiösen aus dem alltäglichen Leben sein kann. Welche Sakralisierungskonzepte lagen dem evangelischen Kirchenbau des 18. und 19. Jahrhunderts zugrunde? Dazu widmete sich die Referentin zunächst dem evangelischen Kirchenbau in nachreformatorischer Zeit, also seinen Grundlagen. Der "Kirchenraum" habe dort - Luthers Ansichten dienten ihr als Beleg - keine besondere Rolle gespielt, denn eine gute Akustik, um die Predigten zu verfolgen, sollte genügen. Erst seit dem späten 17. Jahrhundert und vor allem im 18. Jahrhundert kam es zur Ausdifferenzierung des evangelischen in Abgrenzung zum katholischen Kirchenbau. Seng wies dabei auf die Bedeutung des mecklenburgischen Baumeisters Leonhard Christoph Sturm für die Entwicklung des evangelischen Kirchenbaus im gesamten 18. Jahrhundert hin. Sturm war es nämlich, der dezidiert für den schlichten protestantischen Predigtraum in Abgrenzung von der "Pracht" des Katholizismus und von katholischen Symbolen wie dem kreuzförmigen Kirchengrundriss eintrat. Im 19. Jahrhundert stellte die Referentin eine Umorientierung bei der Mehrheit der deutschen Lutheraner fest. Die "utilitaristischen" Bauten des vorhergehenden Jahrhunderts gerieten bei ihnen in die Kritik, denn die Gotteshäuser sollten auch in ihrer äußeren Form als ein Ort der Lebendigkeit erkennbar sein. Daher wurde zum Beispiel im "Evangelischen Kirchenblatt" von 1845 gefordert, den Altar neben der Kanzel wieder in den Mittelpunkt des "Kirchenraums" zu stellen. Besonders wichtig erscheint hierbei, dass Seng politische Ursachen dieser architektonischen Neuorientierung überzeugend nachweisen konnte. So wurde einhergehend mit dem wachsenden deutschen Patriotismus die Gotik als "deutscher Nationalstil" gerade bei solchen Kirchenbauten wiederbelebt, die für das Prestige des Vaterlands von besonderer Bedeutung waren.

Als Resümee der Sektion bleibt festzuhalten, dass die in der Einleitung gestellten Vorgaben, das Verhältnis vom Kirchenraum und dem Selbstverständnis der dort befindlichen Menschen zu klären und ferner politische Konsequenzen in den Blick zu nehmen, umfassend eingelöst worden sind. Alle Referate haben gezeigt, dass das Erforschen von "Kirchenräumen" als konkret erfahrbare Dimension von Nutzen für die allgemeine Geschichte sein kann, weil sich dem Historiker dadurch die Gelegenheit eröffnet, das Schnittfeld von "Religion", "Politik", "Mentalitäten" und "sozialen Hierarchien" zu analysieren und besser verstehen zu lernen. Die in der Sektion betriebene Interdisziplinarität durch Zusammenarbeit mit weiteren affinen Fächern wie Soziologie und Literaturwissenschaften sollte fortgeführt werden. Für die Geschichte der Frühen Neuzeit, die in dieser Sektion im Mittelpunkt stand, kann gerade die Erforschung konfessioneller Unterschiede und Gemeinsamkeiten innerhalb der Gestaltungen von Kirchenräumen den Blick für die in jüngerer Zeit viel diskutierte Konfessionalisierungsthese schärfen. Aber auch andere Forschungsfelder wie das in den lebhaften Diskussionen im Anschluss an die jeweiligen Vorträge angesprochene "symbolische Handeln" in Kirchenräumen sollten nicht ausgeschlossen bleiben.

Zitation
Tagungsbericht: HT 2004: Kirchenräume in der Frühen Neuzeit, 16.09.2004 Kiel, in: H-Soz-Kult, 14.10.2004, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-442>.
Redaktion
Veröffentlicht am
14.10.2004