Umweltgeschichte als Verflechtungsgeschichte. Potentiale der Mediävistik

Ort
Kassel
Veranstalter
Margit Mersch, Universität Kassel
Datum
05.02.2014
Von
Eva Bretón Pérez, Seminar Umweltgeschichte des Mittelalters, Universität Kassel

Ist die Umweltgeschichte in Deutschland schon seit längerem etabliert, in der öffentlichen Diskussion jedoch kaum sichtbar, wird sie in anderen Ländern hingegen, wie zum Beispiel Frankreich, wesentlich lebendiger diskutiert. Zudem ist die Umweltgeschichte in viele Einzelfächer verlagert, was es schwierig macht, über „DIE Umweltgeschichte“ zu sprechen. Deshalb wurde bei der Tagung in Kassel die Frage nach den einzelnen Beiträgen dieser Einzelfächer zur Umweltgeschichte gestellt.

Die Tagung stand am Anfang einer Reihe von Workshops, die in Zukunft in Kassel stattfinden werden. Ziel der Veranstaltungen soll es sein, auszuloten, welche spezifischen Beiträge die historischen Fächer zu Inhalten und Analyseansätzen des interdisziplinären Forschungsfeldes Umweltgeschichte erbringen können. Deshalb sind für die Zukunft weitere Workshops aus Sicht der Alten Geschichte, der Frühneuzeitlichen sowie der Neuesten Geschichte geplant.

Die Histoire croisée (Verflechtungsgeschichte) ist ein Ansatz für multiperspektivistische Geschichtsschreibung und gilt auch für die Umweltgeschichte. Verflechtung steht für gewachsene und produzierte komplexe Beziehungsmuster: etwas mit etwas verflechten, etwas verbinden, eng in Beziehung setzen, einen Zusammenhang herstellen. Um einen ganzheitlichen Blick zu bekommen, ist es erforderlich, dass die Umweltgeschichte mit anderen gesellschaftswissenschaftlichen und naturwissenschaftlichen Disziplinen zusammenarbeitet, eine Verbindung schafft. So wurden in dieser ersten Veranstaltung die verschiedenen Ansätze zum Thema aus den Perspektiven der Historischen Anthropologie, Historischen Geographie, Katastrophengeschichte, Medizingeschichte und Stadtgeschichte diskutiert und die Potentiale und Widerstände der Analyse mittelalterlicher Daten- und Quellenbestände im Hinblick auf umwelthistorische Fragen erörtert.

Da Lehrstühle für Umweltgeschichte rar sind und ein eigener Studiengang in Deutschland nicht existiert, ist nach Bernd Herrmann die Umweltgeschichte auch mehr ein interdisziplinäres Wissensfeld als eine Disziplin oder ein Fach. Deshalb, so MARGIT MERSCH (Kassel) in ihrem Einführungsbeitrag, stelle der Untertitel der Tagung die Frage nach den Potentialen der Einzelwissenschaften und nach den Modi der Zusammenarbeit. Zwar gebe es an ein paar Universitäten in Deutschland im Bereich der Neueren Geschichte Schwerpunkte mit Bezug zur Umweltgeschichte, andererseits müsse man bei umweltgeschichtlicher Forschung auch bei den Anthropologen, Geographen, usw. nach Anknüpfungspunkten suchen. Es stelle sich die Frage, wodurch sich ein spezifischer umwelthistorischer Zugang auszeichne und was einzelne Fachgebiete / Disziplinen zu dem Thema leisten können. Eine gegenseitige Ergänzung in interdisziplinärer Zusammenarbeit sei hier das Mittel der Wahl, um stets drohende thematische und analytische Beschränkungen in der Umweltgeschichte zu überwinden.

Abschließend stellte Mersch die Frage nach den Begrifflichkeiten, die durchaus schwierig seien. Im Hinblick auf eine gemeinsame Definition sei zumindest soweit Einigkeit zu konstatieren, dass es bei Umweltgeschichte „irgendwie“ um Mensch-Umwelt-Beziehungen ginge. Stehen sich hier begrifflich scheinbar der Mensch und die Umwelt gegenüber, so muss andererseits daran erinnert werden, dass der Mensch Teil der Natur ist und deshalb nur die Wechselwirkungen zwischen den Teilen der Natur das Erkenntnisobjekt der Umweltgeschichte sein könne.

Im ersten thematischen Vortrag der Tagung referierte GERRIT J. SCHENK (Darmstadt) über Chancen, Probleme und Grenzen des Lernens aus der Geschichte natürlich induzierter Katastrophen. Kulturgebundenheit sei als Schlüssel zum Verständnis aktueller Katastrophen zu nutzen. Es stelle sich jedoch die Frage, ob Erfahrungen und Erkenntnisse von mittelalterlichen Katastrophen auch heute noch zu einem „Lernen aus Katastrophen“ führen können bzw. ob dies noch sinnvoll sei. Denn es sei eher so, dass Zeitgenossen aus den Katastrophen ihrer Zeit lernen würden, während die direkte Übertragung auf die heutige Zeit schwer, wenn nicht sogar unmöglich sei, denn heutige / spätere (Wert-)Maßstäbe verhindern/-mindern das Lernen aus Katastrophen. So würden Katastrophen in der Vergangenheit oft als Zeichen Gottes gesehen und im den religiösen Bereich verortet und erklärt. Was zudem für uns heute nach Astrologie klinge, wurde früher unter dem Bereich Astronomie als Wissenschaft verstanden. Des Weiteren führte Schenk aus, dass historische Analysen nur Strukturen identifizieren und somit lediglich Orientierungswissen liefern würden, weshalb die historische Katastrophenforschung dringend Interdisziplinarität benötige, zum Beispiel die Zusammenarbeit mit der Archäologie. So könne etwa durch typische Gebäudeschäden Rückschlüsse auf Stärke, Epizentrum etc. von Erdbeben getroffen werden. Zudem müsse die Rekonstruktion durch historische Quellen mit Daten aus den naturwissenschaftlichen Disziplinen verglichen werden. Der Bau von Staudämmen, Dämmen etc. beruhe unter anderem auf der Grundlage historischer Erkenntnisse. Hochwassermarken zeigen uns heute einerseits die Reichweite der damaligen Flut, andererseits muss berücksichtigt werden, dass sich die meisten Orte durch Bebauung/Umbau stark verändert haben. Bestimmte Wasserstandsmarken an einem Haus zum Beispiel verlören für uns heute dadurch an Aussagekraft. Viel eher habe eine solche Inschrift (vermutlich auch schon damals) eine „didaktische“ Funktion als Mahnmal.

WINFRIED SCHENK (Bonn) behandelte die fachübergreifenden Zugänge und Arbeitsfelder der Historischen Geographie im Forschungsfeld „Historische Mensch-Umwelt-Beziehung“. In der Historischen Geographie, welche nur in Deutschland existiere, sei ein essentieller Bestandteil die Mensch-Umwelt-Beziehung. Vor allem beschäftige sie sich mit den Siedlungsbewegungen sowie dem Wandel bestimmter Räume und Landschaften. Dabei würden spezielle Teilsysteme beobachtet und aus besonderen Blickwinkeln auf Landschaften und Räume geschaut, die für bestimmte historische Ereignisse von Bedeutung waren. Das einzig Beständige dabei sei der Wandel. Je mehr Menschen in einem Raum lebten, desto größer sei der Zugriff auf die Natur, die Ressourcen. Dies schlüge sich unter anderem in Rodungen oder auch Wiederbewaldung nieder. Dadurch gebe es jedoch auch Probleme auf vergangene Landschaftszustände zurückzuschließen, da sich nicht sicher sagen lasse, welche Elemente, die wir heute sehen, noch „natürlich, ursprünglich“ seien, bzw. wann sie verändert wurden. Durch die Bodenbeschaffenheit könnten zum Beispiel viele Informationen gewonnen werden, jedoch sei der Wandel nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Vergangenheit zurück zu verfolgen. Auch das vorhandene Kartenmaterial reiche nicht bis ins Mittelalter zurück, zumindest nicht das für Mitteleuropa. Dennoch bietet die „Landschaft als Archivalie“ viele Rückschlüsse auf ehemalige Flussläufe, Kultur- und Siedlungslandschaften, regionale Artenvielfalt, die Bevölkerungsdichte einer Region etc. So sei die historische Geographie ein „Hybridfach“, in dem sowohl Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler als auch Naturwissenschaftler vertreten sind. Als besonderes analytisches Potential der historischen Wissenschaften wurde das Beispiel des Palimpsest genannt: die Landschaft lasse sich betrachten wie ein radiertes und überschriebenes Pergament.

KAY PETER JANKRIFT (Augsburg / Münster) verdeutlichte anschließend, dass auch die Medizingeschichte einen Beitrag zur Umweltgeschichte leisten könne. Zwar blicke die Forschung der Medizingeschichte eher selten auf die vormoderne Medizin, da Lehrstühle der Medizingeschichte sich überwiegend mit deren Geschichte ab dem 19. Jahrhundert beschäftigten. Dennoch ließen sich neben erzählende Textquellen, Sachquellen und Bildquellen der Medizin / Pathologie auch durch Knochen einige Erkenntnisse gewinnen. Anhand von Knochenfunden ließen sich Gewalteinwirkungen oder manche Krankheiten nachweise. Die Lepra, so Jankrift, hinterließe zum Beispiel Spuren am Körperskelett. So stellte in den 1960er-Jahren ein dänischer Wissenschaftler heraus, dass bei Leprakranken oft die Schneidezähne fehlten, die Nasenscheidewand eingefallen wäre, der Gaumen durchbreche und die Knochen durch die Verdickung der Nerven aufgerieben würden. Die Pest hingegen hinterließe keine Spuren am Skelett, jedoch könne heutzutage in den Zahnwurzeln menschlicher Überrest Resterreger mittels molekulargenetischer Untersuchungen nachgewiesen werden. Zu beachten gilt es außerdem, dass zum Beispiel die Krankheitsbilder des Mittelalters nicht identisch mit den Krankheiten von heute seien. Die überlieferten Textquellen benutzen das Vokabular ihrer Zeit und beziehen sich auf die Vier-Säfte-Lehre, sodass wir nicht einfach rückwirkend Diagnosen stellen oder Behandlungen kritisieren könnten. Ein weiterer Schwerpunkt der Medizingeschichte heutzutage sei der ethische Aspekt, so Jankrift. So würde es zum Beispiel für Museen einen Leitfaden zum ethischen Umgang mit menschlichen Überresten in Museen und Sammlungen geben, der sich für einen sensiblen und bewussten Umgang mit menschlichen Überresten beschäftige. In Deutschen Museen befände sich eine Vielzahl an Exponaten menschlichen Ursprungs (Skelettteile, Mumien, Instrumente aus menschlichen Knochen etc.).

Der Frage, ob die Verflechtung von Stadt und Land ebenfalls als Perspektive der Umweltgeschichte des Mittelalters gesehen werden könne, ging OLIVER PLESSOW (Kassel) nach. Die Stadt, so Plessow, sei keine Entität, die isoliert vom (Um-)Land betrachtet werden könne, sondern beide träten in Interaktion miteinander. Die Stadt verändere das Landschaftsbild. So sei vor allem Wasser von zentraler Bedeutung für Stadtgründungen, da es zum einen als Verteidigung (Wassergräben) und zum anderen als Energieträger (Mühlen) diente. Bäche wurden umgeleitet, um Stadtteile mit (fließendem) Wasser zu versorgen. Dies und die Erschließung neuer Landschaften durch Siedlungsbauten sowie die Landwirtschaft veränderten die Landschaft nachhaltig. Am Beispiel der Stadt Münster verdeutlichte Plessow, wie sich die umliegende Landschaft im Laufe der Siedlungsgeschichte veränderte.

Zuletzt referierte BERND HERRMANN (Göttingen) über die Begrifflichkeiten für die Umweltgeschichte des Mittelalters und begann mit dem Diktum von Richard White, man könne die Geschichte nicht ohne Umweltgeschichte verstehen und andersherum (Richard White, Organic Machine, New York 1995), um sogleich zu erklären, dass der erste Teil dieser Feststellung erkenntnistheoretisch richtig sei, jedoch trivial. Der zweite Teil jedoch sei ein Fehlschluss, da die Umweltgeschichte auch ohne den Menschen existieren würde. Dennoch, selbst im Fall der teilnahmslosen Betrachtung eines Ökosystems durch den Menschen, so Herrmann, würde dieser zu einem Bestandteil dieses Systems. So könne die Umwelt lediglich umschrieben werden. Dennoch sei die naturwissenschaftliche Herangehensweise, die nach Strukturen suche, essentiell und gerade auf Grund dessen könne eine Verflechtungsgeschichte bzw. die Konstruktion einer solchen nicht nötig / hilfreich sein, da sich die Historischen Wissenschaften hingegen auf individuelle Akteure stützen. Auf die Frage nach den Potentialen der Mediävistik antwortete Herrmann mit der Gegenfrage: wieviel Mittelalter strukturell in heutigen Umweltsituationen stecke.

Den Vorträgen schloss sich am Ende der Tagung eine Diskussionsrunde aller Teilnehmer an. Die lebhafte Resonanz bei Referenten und Publikum zeigt das große Interesse an mittelalterlicher Umweltgeschichte. Mit Spannung können deswegen weitere Veranstaltungen erwartet werden.

Konferenzübersicht:

Margit Mersch (Kassel), Begrüßung und Einleitung

Gerrit J. Schenk (Darmstadt), Aus der Geschichte lernen? Chancen, Probleme und Grenzen des Lernens aus der Geschichte natürlicher Katastrophen

Winfried Schenk (Bonn), Fachübergreifende Zugänge und Arbeitsfelder der Historischen Geographie im Forschungsfeld „Historische Mensch-Umwelt-Beziehungen“

Kay P. Jankrift (Münster / Augsburg), Knochen erzählen. Medizinische Aspekte der Umweltgeschichte

Oliver Plessow (Kassel), Verflechtung von Stadt und Land als Perspektive einer mittelalterlichen Umweltgeschichte?

Bernd Herrmann (Göttingen), 15 Minuten praktische Theorie: Mehr Begrifflichkeiten für die Umweltgeschichte (des Mittelalters)! Indikatoren eines fortschreitenden Verständnisses oder Camouflage für dessen Stagnation?

Kommentar/Schlussdiskussion

Zitation
Tagungsbericht: Umweltgeschichte als Verflechtungsgeschichte. Potentiale der Mediävistik, 05.02.2014 Kassel, in: H-Soz-Kult, 30.04.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5341>.
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Veröffentlicht am
30.04.2014