Das Mittelmeer und der Tod. Mediterrane Mobilität und Sepulkralkultur

Ort
Bochum
Veranstalter
Zentrum für Mittelmeerstudien, Ruhr-Universität Bochum
Datum
18.06.2015 - 20.06.2015
Von
Pia Sentkowski, Ruhr-Universität Bochum

Vom 18. - 20. Juni 2015 richtete das Zentrum für Mittelmeerstudien die Konferenz „Das Mittelmeer und der Tod. Mediterrane Mobilität und Sepulkralkultur“ aus, die in Zusammenarbeit zwischen dem zentrumseigenen Forschungsfeld „Soziale Netzwerke – Wissensbestände und Transmediterranität“ unter Achim Lichtenberger, Jan-Marc Henke und Anne Riedel sowie der Archäologin Bärbel Morstadt und dem Historiker Alexander Berner unter der Frage nach dem Spannungsfeld zwischen Mobilität und Sepulkralkultur im Mittelmeerraum organisiert und konzipiert wurde.

Vielfältige kontradiktorische und interferierende Assoziationen und Attribute kennzeichnen das Mittelmeer und den aktuellen als auch historischen Umgang mit einem Gewässer, das sowohl trennendes sowie verbindendes Element ist, als Sehnsuchtsort konzipiert oder als Massengrab problematisiert wird. Dabei steht die hohe Mobilität von Personen und Gütern immer auch in Verbindung mit einem (potentiellen) Tod im Mittelmeer und damit einhergehend, der Auseinandersetzung von Gemeinschaften und Individuen mit dem (See-)Tod bekannter und unbekannter Personen. Dieses Spannungsfeld wurde im Rahmen der Tagung durch Vertreter unterschiedlicher Fachdisziplinen beleuchtet. In seinem Abendvortrag „Die Furcht vor dem Meer und der Tod im Nil. Wasserangst im alten Ägypten“ diskutierte JOACHIM FRIEDRICH QUACK (Heidelberg) umfassend das Verhältnis der alten Ägypter zum Wasser und differenzierte zwischen dem Umgang mit dem Meer und dem für das Leben in Ägypten als Lebensader wesentlichen Nil im Spiegel verschiedener schriftlicher und bildlicher Quellen. ANNE RIEDEL (Bochum) betonte in ihrer Begrüßung und Einführung die divergierenden, teils ambivalenten Vorstellungen verschiedener mediterraner Kulturen um den Tod im Meer und die daraus resultierenden jeweilige Sepulkralpraxis, bevor ANA MARÍA ECHEVARRÍA ARSUAGA (Madrid) das erste Panel „Mediterrane Identitäten in städtischen Nekropolen und mediterrane Mobilität“ mit einer Betrachtung zu multiplen religiösen Bestattungskontexten auf der Iberischen Halbinsel im Mittelalter eröffnete, im Rahmen derer sie ihren Fokus insbesondere auf die Begräbnispraxen von jüdischen und muslimischen Minderheiten unter christlicher Herrschaft legte. In ihrem Vortrag „Phönizier in der Fremde?“ untersuchte BÄRBEL MORSTADT (Bochum) phönizische Bestattungsformen unter der Frage, ob sich homogene oder heterogene Entwicklungen entlang der mediterranen Küsten nachvollziehen lassen und diskutierte, inwiefern diese archäologischen Zeugnisse Auskunft über eschatologische Vorstellungen oder soziale Veränderungen geben können. DIETER RICHTER (Bremen) stellte den bisher vernachlässigten Themenkomplex heterodoxer Friedhöfe am Beispiel des „Cimitero acattolico“ an der Cestius-Pyramide in Rom vor, dessen Anlagen sowohl Ausdruck interreligiöser und interethnischer Konflikte seien, als auch interkulturelle Versöhnungsstrategien aufweisen würden. Die Bestattungsformen einer spezifischen Minorität standen auch im Fokus von JAN MARC HENKES (Bochum) Vortrag „Integration oder Separation? Beobachtungen zu Bestattungsformen immigrierter Bevölkerungsgruppen in den Nekropolen von Athen und Milet“, in dem nach dem Aussagewert von metökischen Grabanlagen hinsichtlich Identität, Integration oder bewusster Abgrenzung gefragt wurde. Auch EICKE GRANSER (Bochum) untersuchte eine spezifische Nekropole unter der Frage, ob sich kulturelle Diversitäten anhand von Grabbeigaben und Ausstattungsmustern ablesen lassen. Im Rahmen seiner Betrachtung der Nekropole von San Montano (Pithekoussai) fragte er explizit nach dem Verhältnis zwischen Griechen und Orientalen und setzte sich kritisch mit Giorgio Buchners These auseinander, die Region sei ein Paradebeispiel spätgeometrischer griechisch-orientalischer Kohabitation. HANS-PETER LAQUEUR (Bremerhaven) stellte im darauffolgenden Vortrag die sozialen Voraussetzungen eines Verstorbenen bzw. dessen Familie in Abhängigkeit zu den Begräbnismöglichkeiten im osmanischen Istanbul vor und differenzierte zwischen dem äußeren Friedhofsring und den innerstädtischen Begräbnisstätten um Sakral- oder Kultbauten, die vor allem einer privilegierten Schicht vorbehalten waren. Darüber hinaus ging er den historisch-politischen Gründen für die Bestattung hochrangiger Würdenträger außerhalb der Stadt nach, die bis ungefähr 1800 zumeist im Inneren der Stadt beerdigt wurden. Auch CLARISSA BLUME (Bochum) widmete sich unterschiedlichen städtischen Bestattungsarten, indem sie die antiken Grabanlagen von nach Rom zugewanderten Bevölkerungsteilen auf spezifische, nicht-römische Merkmale hin untersuchte und zugleich ihren Fokus auf die Identitätsvielfalt der römischen Bevölkerung legte, welche die städtischen Nekropolen und damit auch das Stadtbild des antiken Roms prägten. Im Rahmen seines Vortrags „‘Sepultus hac in terra pessima.‘ Bestattungen als Problemfall mediterraner Migration“ diskutierte MARC VON DER HÖH (Bochum) den Umgang mit und die Rezeption von „Seetoten“ in Pisa des 11. und 12. Jahrhunderts und fokussierte hierbei insbesondere die Sprachlosigkeit der Chronistik in Bezug auf das Meer sowie das zweckentfremdete Auftreten muslimischer Grabplatten als Trophäen im pisaner Stadtbild.

Das Panel „Nekropolen als Räume des Konflikts“ wurde durch den Vortrag von THORSTEN KRUSE (Münster) eröffnet, in dessen Fokus der Umgang mit den jeweils ‚fremden‘ religiösen und kulturellen Hinterlassenschaften in Folge der Teilung Zyperns 1974 stand und der sowohl die bewusste Zerstörung, als auch die bewusste Erhaltung von kulturellen, fremd-religiösen Sakralstätten thematisierte. Die Umnutzung bzw. Zweckentfremdung von angeeigneten religiösen Stätten behandelte auch ALEXANDER BERNER (Münster) in seinem Vortrag zu der Entwendung von Grabsteinen eines muslimischen Friedhofs vor den Stadtmauern Antiochias durch die Kreuzfahrer 1097, die ebendieses Material zum Bau der später als La Mahomerie bekannten Festung nutzten. BERNER verglich diese Umwidmung von heterodoxen, heiligen Stätten und die damit verbundene symbolische Aneignung fremder Räume im Spiegel der mittelalterlichen Historiographie.

Im Rahmen des dritten Panels „Anonymer Tod“ stellte ANJA BETTENWORTH (Köln) die tragische Hero- und Leander-Sage aus Ovids Heroiden vor, im Rahmen derer das Meer sowohl als trennendes, als auch einendes Element auftritt. Leander, durch das Meer von Hero getrennt, ertrinkt bei dem Versuch den Hellespont zu überwinden, während Hero in Folge seines Todes an Verzweiflung stirbt. Der Verzicht auf die Vorwegnahme von Leanders Epitaph stellte Bettenworth als Besonderheit heraus, anhand derer sie in der Folge aktuelle Forschungsmeinungen zur Funktion von (Grab-)Inschriften in der römischen Elegie diskutierte. Auch JÜRGEN HASSE (Frankfurt am Main) widmete sich in seinem Vortrag dem Umgang mit anonymen Toten, insbesondere mit sogenannten Strandleichen, die als „ästhetischer Clash“ hinsichtlich Bergung und Begräbnis in deutlichem Gegensatz zu den sepulkralkulturellen Bewältigungsformen von identifizierbaren Personen standen, und verglich diese hinsichtlich Fund, Begräbnis und Begräbnisort mit der Situation an den Atlantikküsten Europas. Der sepulkralkulturellen Memorialpraxis für auf See Verstorbene widmete sich auch JENS LIEVEN (Bochum) in seinem Vortrag „‘… in transeundo mare Ierosolimam (…) mortuus.‘ Zum Totengedenken schiffbrüchiger Jerusalempilger und Kreuzfahrer im Mittelalter“, in dessen Rahmen er anhand von Nekrologien das individuelle Gedenken auf See Verstorbener beleuchtete. Die Problematik fehlender Grablegen in Bezug auf das mittelalterliche Totengedenken wurde an zahlreichen ausgewählten Quellenbeispielen aufgezeigt. Der Vortrag von LINDA-MARIE GÜNTHER (Bochum) fragte nach sepulkralen Riten und Erinnerungsformen für im Meer verunglückte Mitglieder der griechisch-hellenistischen Mittelmeeranrainer und beleuchtete das Phänomen des negativ konnotierten Seetodes, in Zusammenhang mit Kenotaphen, die von zumeist Verwandten für die sogenannten aphaneis errichtet wurden. Mittels literarischer Zeugnisse, zumeist hellenistische Grabepigramme, sowie epigraphischer Überlieferungen und unter Verweis auf den Bericht des Xenophon über die sogenannte Arginusen-Affäre, wurde die These aufgestellt, dass kein Wandel der sepulkralen Mentalität hinsichtlich des Seetodes festgestellt werden kann. Den Abschluss im Panel „Anonymer Tod“ bildete die Vorstellung des sozialanthropologisch ausgerichteten Dissertationsprojektes von GERHILD PERL (Bern), welches unter dem Titel „Uncertain Belongings. Tod, Bestattung und Repatriierung an der EU-Außengrenze in Spanien“ den Umgang mit auf See verstorbenen, zumeist aus dem nordafrikanischen Raum stammenden MigrantInnen betrachtete und die Notwendigkeit von Identifizierung und Repatriierung der Toten diskutierte.

Den ersten Vortrag im letzten Panel „Das Meer als Sinnbild des Todes“ hielt JOANNA TÖYRÄÄNVUORI (Helsinki), die in ihrer Untersuchung der ugaritischen Religion die Ambiguitäten in der Rezeption der mit dem (Mittel-)Meer assoziierten Gottheiten diskutierte. CORNELIA WEBER-LEHMANN (Bochum) und ACHIM LICHTENBERGER (Bochum) beleuchteten in ihrem Doppelvortrag die Bedeutung von sepulkraler Meeresikonographie an ausgewählten Beispielen aus Etrurien und Rom. Entgegen älterer Überlegungen, ebensolche ikonographischen Darstellungen seien prospektive, jenseitsbezogene und mit der „Insel der Seligen“ assoziierte Bildmotive, stützte die vergleichende Untersuchung von Lichtenberger und Weber-Lehmann die aktuelle Forschungsmeinung, die den Bildprogrammen vielmehr eine retrospektive, individuelle und auf das Leben des Verstorbenen bezogene Perspektive zuspricht. LUKAS RAUPP (Heidelberg) stellte abschließend die mittelalterliche Rezeption des Todes Eriks I. Ejegod auf Zypern und deren Bedeutung als „maris Mediterranei famosissima insula“ für die Rezeption und dynastische Einordnung des dänischen Monarchen innerhalb der inner- und außerskandinavischen Quellen des Mittelalters dar.

Die Perspektivenvielfalt der interdisziplinär und transepochal ausgerichteten Vorträge aus vier komplementären Sektionen kennzeichnete das Mediterraneum als heterogenen Raum mit einer Vielzahl an kulturellen und sozialen (mediterranen) Entitäten, denen eines immer gemein ist: der Umgang mit dem Tod im Allgemeinen und dem Seetod im Speziellen. Die Errichtungen von und der Umgang mit eigenen und fremden Nekropolen und die Assoziation des Meeres als positives, vor allem aber auch als (lebens-)bedrohliches Element stand zumeist im Vordergrund der Vorträge. Damit einher gehen, wie vielfach aufgezeigt, immer auch sakrale, rituelle und memoriale Konzeptionen und deren Einfluss auf individuelle und gesellschaftliche Identitäten. Diese hier nur skizzierten inhaltlichen Ausrichtungen werden in dem für das Frühjahr 2016 geplanten Sammelband ausführlich dargestellt werden.

Konferenzübersicht:

Joachim Friedrich Quack (Heidelberg), Die Furcht vor dem Meer und der Tod im Nil. Wasserangst im alten Ägypten

Anne Riedel (Bochum), Begrüßung und Einführung

Panel I.: Mediterrane Identitäten in städtischen Nekropolen und mediterrane Mobilität

Ana María Echevarría Arsuaga (Madrid), Burial Sites and Rites in a Multireligious Context: the Iberian Peninsula in the Middle Ages

Bärbel Morstadt (Bochum), Phönizier in der Fremde?

Dieter Richter (Bremen), Heterodoxe Friedhöfe in Italien

Jan-Marc Henke (Bochum), Integration oder Separation? Beobachtungen zu Bestattungsformen immigrierter Bevölkerungsgruppen in den Nekropolen von Athen und Milet

Eike Granser (Bochum), Die Nekropole von San Montano (Pithekoussai): Ein Mosaik kultureller Diversität?

Hans-Peter Laqueur (Bremerhaven), Osmanische Friedhöfe in Istanbul - soziale Aspekte zur Wahl des Bestattungsortes

Clarissa Blume (Bochum), Fremde in Rom

Marc von der Höh (Bochum), „Sepultus hac in terra pessima“. Bestattungen als Problemfall mediterraner Migration

Panel II.: Nekropolen als Räume des Konflikts

Thorsten Kruse (Münster), Zwischen Politik und Religion - Der Umgang mit den griechischen und muslimischen Grabstätten Zyperns nach der gewaltsamen Teilung der Insel 1974

Alexander Berner (Münster), Vom Friedhof zur Festung: die Mahumeria vor Antiochia im Kontext des ersten Kreuzzugs

Panel III.: Anonymer Tod

Anja Bettenworth (Köln), Der Tod und das Meer in Ovid, Heroides 18 und 19

Jürgen Hasse (Frankfurt am Main), „Und das Meer gab die Toten heraus, die darin waren" - Sepulkralkulturelle Sonderwege im Umgang mit Strandleichen

Jens Lieven (Bochum), „…in transeundo mare Ierosolimam … mortuus.“ Zum Totengedenken schiffbrüchiger Jerusalempilger und Kreuzfahrer im Mittelalter

Linda-Marie Günther (Bochum), Der Tod im Meer - aphanoi und kenotaphia

Gerhild Perl (Bern), Uncertain Belongings. Tod, Bestattung und Repatriierung an der EU-Außengrenze in Spanien

Panel IV: Das Meer als Sinnbild des Todes

Joanna Töyräänvuori (Helsinki), The Symbolic Ambiguity of the Mediterranean in Ancient Semitic Mythology

Cornelia Weber-Lehmann (Bochum) und Achim Lichtenberger (Bochum), Meeresbilder im Grabkontext - Etrurien und Rom

Lukas Raupp (Heidelberg), „... maris Mediterranei famosissima insula.“ Zum Tod Eriks des Guten auf Zypern 1103

Zitation
Tagungsbericht: Das Mittelmeer und der Tod. Mediterrane Mobilität und Sepulkralkultur, 18.06.2015 – 20.06.2015 Bochum, in: H-Soz-Kult, 23.09.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6175>.
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Veröffentlicht am
23.09.2015
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