Moralische Produkte – Politik und Ethik von Artefakten

Ort
Potsdam
Veranstalter
Gesellschaft für Technikgeschichte; Gesprächskreis Technikgeschichte; Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam; Fachgebiet Technikgeschichte, Technische Universität Berlin
Datum
08.05.2015 - 10.05.2015
Von
Elena Kunadt, Interdisziplinäres Zentrum für Wissenschafts- und Technikforschung, Bergische Universität Wuppertal; Frank Zwintzscher, Institut für Philosophie, Literatur-, Wissenschafts- und Technikgeschichte, Technische Universität Berlin

Mit der Frage nach „moralischen Produkten“ wird heute unweigerlich die Bewertung von Konsumentscheidungen in ‚gut‘ und ‚schlecht‘ assoziiert – ‚gutes‘ Fairphone, ‚schlechtes‘ iPhone; ‚gutes‘ Fairtrade-Produkt, ,schlechtes’ Discounter-T-Shirt; die Liste alltäglicher Dinge ließe sich beliebig fortsetzen. Doch welche historischen und sozio-kulturellen Hintergründe, Perspektiven und Interessen sind damit verbunden? Und welche Zusammenhänge von Konsum der Produkte auf der einen und von Produktions- bzw. Zirkulationsbedingungen auf der anderen Seite werden dadurch deutlich? Ziel der diesjährigen Tagung der Gesellschaft für Technikgeschichte (GTG) und des Gesprächskreises Technikgeschichte (GKTG) war genau diese historische Analyse von Moralvorstellungen und deren (De-)Konstruktion bei der Herstellung und dem Gebrauch von technischen Artefakten. ‚Technik‘ wurde dabei – im Sinne einer breiten Definition – verstanden als Gegenstände, komplexe Güter und Artefakte-Systeme, die die materielle Basis der Kultur vormoderner und moderner Gesellschaften bilden. ‚Moral‘ demgegenüber als orts- und zeitgebundene Werthaltung. Spezifisch technikhistorisch lag der Fokus auf der objekteigenen Materialität und dem Zusammenwirken von Artefakten und menschlicher Handlung.

Das Verhältnis von ‚Technik‘ und ‚Moral‘ ist bei weitem kein neuer Gegenstand, das verdeutlichte bereits Anne Sudrow (Potsdam) in ihrer Einführung. Doch gerade die Herausforderungen der Gegenwart machen eine Neubetrachtung des Themas notwendig. Drei theoretische Reaktionen darauf hob Sudrow hervor: Erstens der Übergang von der ‚einfachen‘ zur „reflexiven Moderne“ (Ulrich Beck, Ulrich Wengenroth) und die damit einhergehende Forderung nach einer „(Re)Politisierung“ der Technik. Zweitens die Neuverhandlung der ins Wanken geratenen Begriffe von Subjekt und Objekt (Bruno Latour u.a.) und drittens die Neukonzeption von Verantwortung (Hans Jonas, Günther Ropohl, Luc Boltanski / Laurent Thévenot u.a.). Unter dem Thema „Moralische Produkte“ bot sich den rund hundert Tagungsteilnehmer_innen dementsprechend ein Programm von enormer thematischer, methodischer und disziplinärer Breite. Die einzelnen Beiträge standen dabei in überwiegend lockeren inhaltlichen Bezügen zueinander.

Ein erster Block bot theoretische Zugänge zum Thema: ULRICH WENGENROTH (München) leistete einen Beitrag zur Theorie des „Massenkonsums“ und der Konsumgüter. Er schlug vor, Konsumgüter semiotisch zu verstehen als „soziale und kulturelle Waffen“ zur Selbstverortung und Distinktion.[1] „Massenkonsum sublimiert [die] Aggressivität des Konkurrenzindividualismus“, so seine zugespitzte These, denn dieser lenke die gesellschaftliche Aggressivität von der physischen Gewalt auf die Konkurrenz der Konsumgüter um.[2] DAGMAR ELLERBROCK (Dresden) untersuchte die sozialen Praktiken in den Handwaffenkulturen Preußens und des Deutschen Reiches seit dem frühen 19. Jahrhundert mithilfe der Akteur-Netzwerk-Theorie. Das Zusammenspiel von Artefakten und Akteuren ließe sich nur erklären, so Ellerbrock, wenn beide gemeinsam, das heißt als Aktanten, untersucht würden. Ellerbrock formulierte hier fünf grundlegende Fragen: 1. Lassen sich soziale Praktiken angemessen mit „moralischen Aktanten“ beschreiben? 2. Setzt Moral Reflexion voraus? 3. Haben Aktanten Akteursstatus? 4. Sind Handlung und Praktik Gegensätze? Und 5. Wo ist Moral angesiedelt – bei dem, der Praktik ausführt, oder bei dem der Handlung ermöglicht? Mit ähnlichen Fragen beschäftigte sich der Technikphilosoph PETER-PAUL VERBEEK (Twente) in seiner Keynote. In Anknüpfung an den amerikanischen Philosophen Don Ihde[3] formulierte er Technik („technology“) als stets vorhandenes vermittelndes („mediating“) Element bei Handlungen zwischen Mensch und Welt. Anders als etwa in Bruno Latours Akteur-Netzwerk-Theorie blieben die Begriffe Subjekt und Objekt bestehen, jedoch nicht als feste Einheiten, sondern als Ergebnis der Interaktion von Mensch und Technik. Der Mensch bleibe dabei als Akteur Subjekt, Träger von Verantwortung, Intention und Handlung. Technik als Objekt wiederum forme die menschlichen Erfahrungen und Handlungen und bilde damit immer einen festen Bestandteil des Verhältnisses von Menschen zu ihrer Welt. Zwischen den überwiegend technikkritischen Vorträgen lieferte Verbeek damit wohl den technikoptimistischsten Beitrag der Tagung.

In einem ersten Vortrag untersuchte DAGMAR SCHÄFER (Berlin) ethische Produktstandards in China. Dabei legte sie eine starke Betonung auf das produktbezogene Wissen und die menschliche Urteilskraft als Grundlage moralischen Handelns. Im China der Ming-Zeit (1368-1644) habe sich bei der staatlichen Auftragsvergabe ein Kennzeichnungssystem für Produkte entwickelt, das Verantwortlichkeiten schärfen sollte. Die Auswirkungen, die ein Produkt auf die Gesellschaft und Wirtschaft habe, sollten sowohl bei der Produktion, bei der Konsumption als auch bei dem Objekt selbst mitbedacht werden. Es stellte sich die Frage: Wie viel muss man über ein Produkt wissen um moralisch mit ihm umgehen zu können? Als der Gummireifen Ende des 19. Jahrhunderts auf dem Fahrzeugmarkt erschien, waren die Bedingungen, unter denen der Wildkautschuk in den Kolonialgebieten abgebaut wurde, sicher nur den wenigsten bekannt. Insbesondere im Belgisch-Kongo sei der Abbau menschenunwürdig verlaufen, wodurch es auch zu einer dramatischen Abnahme der lokalen Bevölkerung gekommen sei. Die belgische Diskussion über den Umgang mit diesem globalwirtschaftlichen Erbe in den letzten hundert Jahren stellte BRUNO DE CORTE (Antwerpen) dar.

Es gab aber auch Produkte, die bewusst die moralische Bewertung des Herstellungsprozesses in die Vermarktungsstrategie mit einbezogen, wie die von ANNE SUDROW (Potsdam) erforschte ‚Jute statt Plastik’-Tasche der 1970er-Jahre. Die Tasche vergegenständlichte eine breite Gesellschafts- und Wirtschaftskritik die durch ihre spezifische Materialität sowohl Verantwortung der Umwelt gegenüber als auch Solidarität mit den Produzentinnen in Postkolonialstaaten und die Ablehnung der Wegwerfgesellschaft zum Ausdruck brachte. Kurzfristig habe die öffentlichkeitswirksame Kampagne kaum Einfluss auf den Plastiktütenverbrauch gehabt, wohl aber auf eine Sensibilisierung für das Nachhaltigkeitskriterium in moralischen Produktbewertungen.

Mit der „Praxis der ‚Moralisierung‘“ widmeten sich die nachfolgenden Beiträge einem weiteren Aspekt des Tagungsthemas. TIM SCHÖNWETTER (Esslingen) untersuchte in seinem Beitrag die Möglichkeiten des Denkmalschutzes zum Erhalt der „montanhistorischen Kulturlandschaft“ der Lahn-Dill-Region. Neben der Frage, wie eine „Kulturlandschaft“ praktikabel definiert werden könne, stand anschließend zur Diskussion, inwieweit Schönwetters Postulat einer „moralischen Pflicht“ zur Erhaltung nicht selbst eine – zumal schwer allgemein zu begründende – Moralisierung darstelle. Auch MATTHIAS NIRSCHL (München) verdeutlichte in seiner Präsentation des „Ethik-Kodex“(2012) des Verbands Deutscher Industriedesigner (VDID) [4], welche praktischen Herausforderungen mit Moralisierungsprozessen verbunden sind: Einerseits lege der Kodex den Industriedesignern moralische Verantwortung auf, andererseits seien diese als Auftragnehmer an die Gegebenheiten einer „teilweise von Konzernen bestimmten Kultur“ gebunden. Als Ziel formulierte Nirschl, Industriedesigner von Beginn an in Produktentwicklungsprozesse einzubeziehen, um so eine ethische „Impulssetzung“ zu erreichen, statt nur als „Aufhübscher zum Schluss“ zu dienen. Ein durchaus vergleichbarer hoher ethischer Anspruch kam im Videointerview mit dem DDR-Industriegestalter Clauss Dietel zu Ausdruck, das HANNAH BAUHOFF (Hamburg) und KAREN STEGER (Berlin) präsentierten.[5] Dietel gestaltete unter anderem das bis heute populäre Moped Simson S50 und wandte sich dabei in seiner Gestaltungsphilosophie explizit ab von „styling“ und „planned obsolescene“, also dem „Design“ zur Absatzsteigerung. An dessen Stelle trat als Gestaltungsziel in der DDR seiner Ansicht nach eine möglichst unbegrenzte Produktlebensdauer, Reparierbarkeit und Anpassungsfähigkeit – ein markanter moralischer Alternativentwurf zur westlichen und westdeutschen Konsumkultur.

Die Aktualität des Tagungsthemas für derzeitige Debatten variierte in den Beiträgen. Deutlich zum Vorschein kam sie in den moralischen Auseinandersetzungen um Energieträger. NICOLE HESSE (Darmstadt) beleuchtete in ihrem Tagungsbeitrag die moralischen Dimensionen der Windkraftnutzung. Dabei stellte sie verschiedene Narrative heraus, die als moralisierende Argumente in der Diskussion dienten und auch heute noch die Zerrissenheit der Bewertung von erneuerbaren Energieträgern verdeutlichen. Auf der einen Seite die emissionsfreie Energiequelle, auf der anderen die Landschafts- und Umweltgefährdung. Diese Dichotomie spiegelt sich auch in CHRISTIAN ZUMBRÄGELs (Darmstadt) Vortrag wieder. Während die durch Talsperren potenzierte Wasserkraft einerseits als „sauberes Allheilmittel“ der Energieversorgung galt, wuchs andererseits die Kritik an dem veränderten Landschaftsbild und den ökologischen und sozialen Folgen durch den Staudammbau. Je nach politischem oder gesellschaftlichem Kontext veränderte sich auch der moralische Anspruch an das Artefakt oder technische System, der diesem nicht selbst eingeschrieben ist. Unverkennbar zeigte sich dies bei der Betrachtung von Kohle- und Kernenergie. HENDRIK EHRHARDT (Berlin) beschrieb die politisch konstruierten Bilder beider Energieträger, die von den jeweiligen Befürworter_innen wechselseitig mit positiven Attributen belegt wurden. Ehrhardt stellte fest, dass diese Zuschreibungen fernab vom Wissenstand über die Technologien geschehen seien, aber strategisch eingesetzt worden wären, um bestehende Pfade der Energielandschaft aufrechtzuerhalten und größere Kapitalverluste zu vermeiden.

Nach den moralischen Bewertungsfaktoren großtechnischer Systeme wurde unter der Fragestellung "Glas - ein demokratischer Werkstoff?" diskutiert, inwiefern sich Vorstellungen einer demokratischen Unternehmensführung bzw. einer sozialistischen Gesellschaft in die Produkte einschrieben. CHRISTIANE MENDE (Potsdam) diskutierte dies anhand der Produktentwicklung in der Glashütte Süßmuth in den 1970er-Jahren. Im ersten selbstverwalteten Betrieb der Bundesrepublik wurden die Produkte zu einem Austragungsort über die sehr unterschiedlichen Vorstellungen darüber, wie das Unternehmen "richtig" zu führen sei. "Süssmuth-Glas" wurde somit zum materiellen Ausdruck der zeitgenössischen Hoffnungen auf eine demokratischere Gesellschaft. Mit Blick auf das Pressglas diskutierte VERENA WASMUTH (Berlin) hingegen, welchen Anspruch staatliche Akteure in der Tschechoslowakei mit der Gestaltung verbanden: Langlebigkeit und hohen Gebrauchswert statt Luxusgüter anzubieten.

Die folgenden Beiträge behandelten „moralische Produkte“ als „Gegenstände des Protests“. MANUEL SCHRAMM (Chemnitz) untersuchte Proteste gegen die Maschinisierung des westsächsischen Textilgewerbes im 19. Jahrhundert. Anders als die bisherige Forschung legte er dabei den Fokus weniger auf die bereits zahlreich untersuchten Motive und Organisationsformen der Proteste, sondern nahm die Textilmaschinen als Artefakte in ihrem spezifischen Verhältnis zu den Arbeitenden in den Blick. Der Untersuchungsgegenstand von DAVID KUCHENBUCH (Gießen) war nicht Objekt, sondern Mittel des Protests: Ähnlich der „Jute-statt-Plastik“-Tasche übte die 1973 veröffentlichte „Peters-Weltkarte“ des deutschen Publizisten Arno Peters Kritik am westlichen Weltbild. Peters zufolge habe die gängige „Mercatorprojektion“ den globalen Süden zu klein abgebildet und sei damit Ausdruck der ungerechten globalen Machtverteilung gewesen. Eine künstlerische Perspektive analysierte SUSANNE KÖNIG (Leipzig). Die englische Künstlerin Lucy Orta entwarf in den 1990er-Jahren „Wohn-Kleidung“ gemeinsam mit und für Obdachlose. Das Projekt sollte die Lebensumstände der Obdachlosen verbessern und öffentliche Aufmerksamkeit erzeugen. König zog jedoch in Zweifel, dass dieser moralische Anspruch eingelöst wurde, denn nach der Fertigstellung sei die „Wohn-Kleidung“ nicht in Produktion, sondern ins Museum gelangt.

Damit stieß König zugleich die Frage an, inwieweit auch Objekte in musealer Präsentation durch ihre Anregung zur Reflexion eine handlungsleitende Funktion haben, also im weiten Sinne „moralische Produkte“ sind. Diese Grundannahme der meisten Museen betraf auch die zwei Tagungsbeiträge zur musealen Vermittlung. PHILIPP AUMANN (Peenemünde) untersuchte die museale Darstellung der deutschen Fernraketenentwicklung mit ihrem bekanntesten Produkt, der V2- bzw. A4-Rakete. Bis heute halte sich das Narrativ der ‚guten‘ bzw. ‚neutralen‘ Technik, die zu ‚bösen‘ Zwecken von den Akteuren des NS-Systems eingesetzt wurde, erstaunlich hartnäckig. Gefragt sei inzwischen im Zuge der zunehmenden Historisierung des Nationalsozialismus jedoch vielmehr eine breite „sozial- und kulturhistorische Analyse“ und Einordnung der Raketenentwicklung, womit auch die Reflexion des Ethikdiskurses selbst einher gehe. Diese zweifache Aufladung „moralischer Produkte“ – zeitgenössische sowie im heutigen Erinnerungsdiskurs – fand sich auch im Beitrag von OLAF SCHMIDT-RUTSCH (Dortmund) zur Wechselausstellung „Stahl und Moral“ der Hattinger „Henrichshütte“. Deren Leitfrage nach einer „Ethik des Stahls“ illustrierte Schmidt-Rutsch durch mehrere moralisch ambivalente Objekte. Der positiv besetzten hohen Qualität der Hattinger Stähle stünde deren militärische Verwendung gegenüber. Technikgeschichte gewinnt hier – wie auch in Peenemünde – eine erinnerungskulturelle Dimension.

Sind Waffen gut, wenn sie zum Kampf gegen die Unterdrückung eingesetzt werden und schlecht, wenn Menschen durch sie die Freiheit genommen wird? Mit den Handfeuerwaffen der Firma Heckler & Koch als „Qualitätsprodukte[n] für die Friedenssicherung“ beschäftigte sich DOROTHEA SCHMIDT (Berlin). An diesem Beispiel wurden weitere Faktoren zur Bewertung von Technologien herausgestellt, wie zum Beispiel wirtschaftliche Abhängigkeiten, politische Zielsetzungen und die Sicherung von Arbeitsplätzen. Während hier ein bereits in die Gesellschaft eingeführter Gegenstand moralisiert wurde, wurden in den folgenden Beiträgen Diskurse um Objekte vorgestellt, die den Zeitgenossen bis dahin unbekannt waren. Die von BERND KLEINHANS (Schwäbisch-Gmünd) vorgestellte gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Kino zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigte, dass dem Ort (un)moralische Eigenschaften zugeschrieben wurde. Der Gefährdung der sozialen Ordnung und dem Sittenverfall wurde mit unterschiedlichen Regelungen und Verboten begegnet, wodurch nicht nur das Filmprogramm , sondern auch der Raum als solcher bewusst ‚moralisiert’ worden sei. Der Grundtenor der Abwertung des Kinos als Ort der Unzucht, ähnelte dem des Kondoms als Objekt der Unzucht. Dieses Artefakts nahm sich WOLFGANG KÖNIG (Berlin) an und analysierte den Zusammenhang von Moralvorstellungen und Gesetzgebung in vier politischen Systemen Deutschlands. Während die Sittlichkeitsbewegung die Verbreitung des Kondoms zu reglementieren versucht habe, betonte die zeitgleiche Hygienebewegung die Wichtigkeit der Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten. Die Unvereinbarkeit beider Ansätze zeige sich in der unpräzisen Gesetzgebung und heterogenen Rechtsprechung, die letztlich ein Abbild der ambivalenten Moralvorstellungen einer Gesellschaft sei.

Konträre Bewertungen erfuhr auch der Aktenvernichter, der Gegenstand von SOPHIA BOOZ’ (Tübingen) Vortrag war. Auf der einen Seite wurde er als Mittel des Widerstands zum Schutz persönlicher Daten gesehen und auf der anderen als Wahrheitsvernichtungsmaschine. Doch nur die Daten, die nicht vernichtet wurden, können auch für die historische Analyse herangezogen werden, wodurch der Aktenvernichter zu einem Aktant würde, der die Geschichte ‚schreibt‘ – ungeachtet der tatsächlichen Ereignisse. Identitäten konstituierte wiederrum die peruanische Inca Kola, die NINA HÄRTER (Göttingen) vorstellte. Die mediale Inszenierung der Inca Kola in ihrem Heimatland Peru sei voller moralischer Werte wie Integration der indigenen Bevölkerung, Nationalstolz und die Produktion von etwas ‚Eigenem‘ in bewusster Abgrenzung zu dem US-amerikanischen Produkt Coca Cola. Attribute wie Authentizität, Originalität und gerechte Herstellung, schmückten auch eine Vielzahl von Konsum- und Alltagsprodukten in Deutschland. ACHIM SAUPE (Potsdam) stellte zum Abschluss der Tagung einige Marktauftritte von Produkten vor, die die Kundschaft persönlich ansprechen und an ihre Moral appellieren. In erster Linie untersuchte er, ob und inwieweit die Zuschreibung von Authentizität – als erstrebenswertes Produktattribut des späten 20. Jahrhunderts – zur Moralisierung von Produkten beitrug. In der Abschlussdiskussion stellte MARTINA HESSLER (Hamburg) eine Gemeinsamkeit in diesem durchaus heterogenen Themen-Spektrum fest, namentlich, dass die meisten der vorgestellten Moraldiskurse aus einer technikkritischen Perspektive entstanden und technikaffirmative Moralvorstellungen in den Fallstudien fast nicht auftauchten. Für ein besseres Verständnis der Bedeutung von Moral und Moralvorstellungen in Technikentwicklungen und gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen solle der Forschungsblick aber grade auf unterschiedliche Moralisierungsprozesse erweitert werden. Zudem müsse auch ein reflektierterer Blick auf die Wertvorstellungen der Forscher_innen selbst gelenkt werden. Positiv resümieren lässt sich, dass sich im Laufe der Tagung zunehmend die Frage nach dem Mehrwert der Betrachtung von Moralisierungsstrategien klärte. Die Analyse der moralischen Diskurse einerseits und der Materialisierungen von Werten andererseits ist für die historische Kontextualisierung von Technologien zentral. Moralische Ein- und Zuschreibungen und daraus resultierende Gesetzgebungen spielen dabei eine ebenso große Rolle wie die wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Einflüsse und politischen Leitbilder, die Artfakte prägen.

Das Thema Moral wird bislang stark diskurslastig behandelt. Jedoch bestehen Grenzen im Material und im Produktionsprozess, die allen sozialen oder politischen Bemühungen trotzen und insbesondere für die technikhistorische Analyse von Bedeutung sind. Eine Aufgabe der zukünftigen Forschung sei es, so ein Ergebnis der Abschlussdiskussion, neben Diskursanalysen auch die Gebrauchs- und Produktions-Ebene methodisch einzubinden und dabei stärker die Handlungen und Praktiken sowie, wie es bereits einige der Vorträge vorführten, die objekteigene Materialität in den Blick zu nehmen.

Konferenzübersicht:

Einführung: Anne Sudrow (ZZF Potsdam)

Theoretische Herausforderungen
Moderation: Désirée Schauz (TU München)

Ulrich Wengenroth (TU München): Hedonismus oder Aggressivität? Antriebe des Massenkonsums in der Moderne

Dagmar Ellerbrock (TU Dresden): Von der guten Waffe zur bösen Knarre: Hilft die Akteur-Netzwerk-Theorie, die Moralisierung von Artefakten zu verstehen?

Materialethik im globalgeschichtlichen Kontext
Moderation: Günther Luxbacher (TU Berlin)

Dagmar Schäfer (MPI für Wissenschaftsgeschichte, Berlin): Das ethische Produkt, oder wie man im China der Ming-Zeit (1368-1645) Moral in Material übersetzte

Bruno De Corte (Antwerpen): Karminroter Kautschuk. Wie ein Erntesystem weltweit Empörung hervorrief

Anne Sudrow (ZZF Potsdam): Die ,Jute statt Plastic‘-Tasche: vergegenständlichte Wirtschaftskritik der 1970er-Jahre

Aus der Praxis der ,Moralisierung'
Moderation: Sylvia Wölfel (TU Berlin)

Tim Schönwetter (Landesamt für Denkmalpflege, Esslingen): Identität und Erinnerung als moralische Pflicht zum Schutz von Relikten in einer ,montanhistorischen Kulturlandschaft‘

Matthias Nirschl (Verband Deutscher Industriedesigner, München): Der Ethik-Kodex des Verbands Deutscher Industriedesigner

Hannah Bauhoff/Steffen Schuhmann (Design Journalists, Hamburg): Das Moped Simson S50 und Clauss Dietels Gestaltungsphilosophie (Film)

Debatten um Energielandschaften und Energiekulturen
Moderation: Rüdiger Graf (ZZF Potsdam)

Nicole Hesse (TU Darmstadt): Unsere Heimat in Gefahr! Die moralische Dimension der Windkraftgeschichte

Christian Zumbrägel (TU Darmstadt): Vom Sündenregister der ‚Weißen Kohle‘. Moralische Ansprüche an Energielandschaften zwischen Heimatschutz- und Wasserkraft-Psychose

– ausgefallen – Matthias Heymann (University of Aarhus): Wasserstoff als Wunderstoff. Visionen neuer Energielandschaften

Hendrik Ehrhardt (TU Berlin): Kohle und Kernenergie als moralische Artefakte? Das ,Überleben‘ von Energieträgern durch Kooperation Glas – ein demokratischer Werkstoff? Moderation: Walter Scheiffele (Universität der Künste, Berlin)

Christiane Mende (ZZF Potsdam): Süßmuth-Glas. Von der ,guten Form‘ zur ,demokratischen Form‘?

Verena Wasmuth (Berlin/The Steinberg Foundation, Vaduz): Tschechoslowakisches Pressglas. Moralisierte und politisierte Formgestaltung im Sozialismus

Gegenstände des Protests
Moderation: Karin Zachmann (TU München)

Manuel Schramm (TU Chemnitz): Maschinenproteste im Vormärz am Beispiel der westsächsischen Textilindustrie

David Kuchenbuch (Universität Gießen): Die Peters-Weltkarte (1973) und die globalistische Ethik der 1970er- und 1980er-Jahre

Susanne König (Universität Leipzig): [geänderter Titel:] Objekte an der Schnittstelle von Kunst und Design für Menschen am Rand der Gesellschaft

Die Aura von Produkten in historischen Ausstellungen
Moderation: Karsten Uhl (TU Darmstadt)

Philipp Aumann (Historisch-Technisches Museum Peenemünde): Richtige Technik in der falschen Welt? Ethische Ein- und Zuschreibungen in die Peenemünder Raketenentwicklung

Olaf Schmidt-Rutsch (LWL-Industriemuseum Dortmund): Stahl und Moral. Eine Ausstellung zu Rüstung und Krieg auf der Henrichshütte Hattingen

Keynote Lecture
Peter-Paul Verbeek (University of Twente): Rethinking the morality of things: moral mediation, mediated morality, and the ethics of technology

Anstifter zu ,unmoralischen‘ Praktiken
Moderation: Michael Hascher (Landesamt für Denkmalpflege, Esslingen)

Bernd Kleinhans (Pädagogische Hochschule Schwäbisch-Gmünd): Das Kino - ein (un)moralischer Ort? Kinoraum und Kinotechnik im ethischen Diskurs zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Wolfgang König (TU Berlin): Unzucht, Sitte und Anstand. Das Kondom und das Recht in vier politischen Systemen in Deutschland

Dorothea Schmidt (HWR Berlin): Schnellfeuerwaffen als ,Friedensbringer‘? Zur Politik und Ethik der Waffenproduktion am Beispiel von Heckler & Koch

Authentizität und Identität
Moderation: Nora Thorade (Ruhr-Universität Bochum)

Sophia Booz (Universität Tübingen): Von Datenschützern und Geheimniskrämern. Aktenvernichter als moralische Produkte

Nina Härter (Universität Göttingen): Der Schluck (nationale) Identität? Inca Kola und peruanische Identitätskonstruktion

Achim Saupe (ZZF Potsdam): Originalität und Authentizität als Kategorie ,moralischer Produkte‘

Abschlussdiskussion
Moderation: Martina Heßler (Universität der Bundeswehr, Hamburg)

Anmerkungen:
[1] Vgl. Mary Douglas, In Defence of Shopping. in: Reinhard Eisendle (Hrsg.), Produktkulturen. Dynamik und Bedeutungswandel des Konsums. Frankfurt am Main 1992, S. 96-116.
[2] Ähnlich vgl. jüngst Ulrich Wengenroth, Technik der Moderne. Ein Vorschlag zum Verständnis, München 2015, S. 188f., verfügbar unter <https://www.fggt.edu.tum.de/fileadmin/tueds01/www/Wengenroth-offen/TdM-ver-0.9.pdf> (26.08.2015).
[3] Don Ihde,Technics and Praxis, Dordrecht 1979.
[4] Verfügbar unter <http://www.vdid.de/inhalte/pdf/91_1.pdf> (14.08.2015).
[5] Video verfügbar unter <http://www.stiftung-industrie-alltagskultur.de/index.php?id=80> (18.08.2015).

Zitation
Tagungsbericht: Moralische Produkte – Politik und Ethik von Artefakten, 08.05.2015 – 10.05.2015 Potsdam, in: H-Soz-Kult, 08.10.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6197>.
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Veröffentlicht am
08.10.2015
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