Zwischen Ausgrenzung und Integration. Europäische Erinnerungskultur in den baltischen Staaten

Ort
Oeversee
Veranstalter
Academia Baltica e.V.; Stradiņš-Universität Riga; Žanis Lipke Museum Riga
Datum
27.05.2016 - 29.05.2016
Von
Deniss Hanovs, Stradiņš-Universität Riga; Christian Pletzing, Academia Baltica

Die Erinnerungspolitik ist ein ebenso relevantes wie brisantes Thema in Estland, Lettland und Litauen: Traumatische Erfahrungen der Geschichte des 20. Jahrhunderts werden in den baltischen Staaten von den verschiedenen Ethnien oft unterschiedlich und kontrovers wahrgenommen. Dabei spielen Stereotype und Vorurteile, sowie Angst, die Kultur des Anderen zu erfahren, eine entscheidende Rolle bei der politischen Konstruktion des historisch Anderen. Diese Faktoren beeinflussen die Qualität der Demokratie in den modernen Nationalstaaten Mittel- und Osteuropas. Vor dem Hintergrund der Ereignisse in der Ukraine sind Erinnerungspolitiken in den östlichen EU-Mitgliedstaaten nicht nur Themen der Innenpolitik, sondern auch wesentliche Faktoren, die den internationalen Dialog gestalten.

Ausgrenzungen und Marginalisierungen werden nicht selten zur Grundlage für eine verstärkte Diskriminierung von Minderheiten und eine Radikalisierung der politischen Kultur. Aus diesem Grund bietet ein offener, inklusiver, demokratischer und kritischer Dialog über die Vergangenheit der nationalen Minderheiten sowie über die traumatischen Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges eine Chance für eine Erneuerung der politischen Kultur – nicht nur in den baltischen Staaten.

Diese Überlegungen wurden zum Ausgangspunkt einer von Deniss Hanovs (Stradiņš-Universität Riga) und Christian Pletzing (Academia Baltica) konzipierten dreitägigen Tagung im Akademiezentrum Sankelmark unweit der deutsch-dänischen Grenze, an der Wissenschaftler und Vertreter der Zivilgesellschaft aus Lettland, Litauen, Estland, Finnland, Polen, Deutschland und Russland teilnahmen. Gefördert wurde die Tagung durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Der einleitende Abendvortrag von RENJA SUOMINEN-KOKKONEN (Helsinki) analysierte die Einstellung der finnischen Kulturpolitik gegenüber dem „negativen Erbe“ des zaristischen Russland nach der Unabhängigkeit Finnlands 1917. Es war vor allem der finnische Bürgerkrieg von 1918, der die Erinnerungskultur in Finnland prägte und somit zu einem wichtigen Faktor für die Zerstörung, den Umbau oder die Umnutzung vieler orthodoxen Kirchen in Finnland in den 1920er-Jahren wurde.

Zu Beginn der ersten Sektion reflektierte JÖRG HACKMANN (Szczecin) über Kontroversen und Brüche in der kollektiven Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Mittel- und Osteuropa. Während auf der einen Seite eine Konservierung des sowjetisch-russischen heroischen Erinnerungsdiskurses festzustellen ist, ist in den ostmitteleuropäischen Nationen eine Pluralisierung der Erinnerungen zu erkennen, in denen nicht nur nationale Opferdiskurse anzutreffen sind, sondern Debatten über die Kollaboration mit der deutschen Besatzung und die Beteiligung am Holocaust. Am Beispiel des 2004 eröffneten Museums des Warschauer Aufstands ist der Versuch zu sehen, einen heroischen nationalen Diskurs zu stärken, in dem die polnischen Juden nicht als Teil der polnischen Nation wahrgenommen wurden. Hinsichtlich der sowjetischen Kriegsdenkmäler ist zu erkennen, dass eine Konservierung des jetzigen Zustands keine dauerhafte Lösung sein kann. Neben kreativen Umgangsformen wie in Sofia ist vielfach Vernachlässigung und auch Devastierung zu sehen. In dieser Situation ist die Translozierung etwa auf Friedhöfe wie in Tallinn ein möglicher Ausweg. KASPARS ZELLIS (Riga) thematisierte die politischen Diskurse der lettischen Regierungen in der sogenannten „Ersten Republik“ (1918–1940) über die deutschbaltische Kultur in den ehemals russischen Ostseeprovinzen. Die Errichtung und Finanzierung eines deutschen Militärfriedhofes machte dabei als pars pro toto die Kontroversen sowie die politische Spaltung innerhalb der neuen politischen Elite des Landes über die Beteiligung der deutschen Bevölkerung an der Entstehung des neuen Staates deutlich. VILIUS IVANAUSKAS (Vilnius) berichtete über die Politik der „Entsowjetisierung“ in Litauen nach 1990 und vor allem nach 2004. Die Entsowjetisierung der litauischen Gesellschaft Anfang der 1990er Jahre sei durch zahlreiche ehemals sowjetische Funktionäre litauischer Herkunft initiiert worden. Diese Phase der Geschichtspolitik werde zur Zeit von jüngeren Historikern und Vertretern von NGOs als nicht abgeschlossen oder sogar misslungen kritisiert. Diese Entwicklungen führten nach 2011 zu einer diskursiven Wende und zu neuen zivilgesellschaftlichen Debatten, vor allem in den Medien des Landes.

Das zweite Panel beschäftigte sich mit dem Thema der Erinnerungspolitik als Element der russisch-baltischen Beziehungen. MĀRTIŅŠ KAPRĀNS (Tartu) stellte die Ergebnisse einer 2016 durchgeführten soziologischen Studie zur Erinnerungspolitik in der estnischen Stadt Narva vor. Die umfangreiche statistische und anthropologische Basis der Studie führte zu Ergebnissen, die eine neue Tendenz in der alltäglichen Erinnerungskultur der russischen Minderheit in Estland illustrieren: immer weniger Menschen in Narva entwickeln Inhalte ihrer Erinnerungen mit Hilfe der von Russland ausgehenden politischen Thesen bzw. Formeln. Stattdessen schaffen sie für ihre Trauer, Erinnerungen oder die Geschichte ihrer Familie lokale Bezugspunkte und integrieren diese Inhalte in die regionalen Räume und Kontexte. Die vertikalen Strukturen der Erinnerungspolitiken innerhalb der ideologischen Strukturen der Regierung Putin waren das Thema von MADINA TLOSTANOVA (Linköping). Durch zahlreiche ungelöste Probleme der Integrationspolitik seien die ethnischen Minderheiten in den baltischen Staaten zu einer wichtigen Zielgruppe der russischen Erinnerungspolitik geworden. Daher sind Defizite der nationalen Inklusionspolitiken in Estland, Lettland oder Litauen zugleich ein Aspekt der außenpolitischen Debatte Russlands nach der Annexion der Krim.

Die aktuelle Debatte über die Protestkultur Estlands in der Sowjetzeit stand im Mittelpunkt des Beitrags von KARSTEN BRÜGGEMANN (Tallinn) über estnische Erinnerungslandschaften. Die Mehrheit der Esten wolle sich vor allem als Opfer der Sowjetherrschaft sehen. Eine kritische Sicht auf die eigene Geschichte stoße in der Mehrheit der Bevölkerung derzeit nicht auf Akzeptanz. DENISS HANOVS (Riga) stellte kritischen Reflexionen über die Inklusionspolitik des heutigen Lettland mit Blick auf eine noch zu entwickelnde „Politik der Reue“ vor. Impulse aus dem deutschen wissenschaftlichen Diskurs zur Erinnerungskultur bilden eine Grundlage für den Versuch, eine Debatte über die „Politik der Reue“ in Lettland zu entwickeln.

Ein zentrales erinnerungspolitisches Ereignis sind alljährlich in den baltischen Staaten die Feierlichkeiten zum 9. Mai. OLGA PROCEVSKA (Riga) stellte eine neue soziologische Studie über die Feierlichkeiten zum 9. Mai vor, an denen viele Einwohner Rigas aus den ethnischen Minderheiten aktiv teilnehmen. Obwohl die Veranstaltungen zum 9. Mai immer mehr einen geordneten und organisierten Charakter annähmen, zirkulierten negative Bilder über diese Feierlichkeiten immer intensiver in den Medien. Dadurch hätten sie eine visuelle und diskursive Ausgrenzung der Minderheiten durch die politische Elite und die Medien des „Mainstream“ zur Folge. Dass die lettische Kultur und Geschichte der 1920er- und 1930er-Jahre für die Identität der ethnischen Minderheiten im heutigen Lettland keine Rolle spielt, wurde aus dem Beitrag von INETA LIPŠA (Riga) deutlich. Dies sei einerseits durch die sowjetische Migrationspolitik zu erklären, andererseits durch das Schweigen als Strategie für die Gestaltung der kollektiven Identität der Minderheiten heute.

Der zweite Tag der Tagung klang mit einer Präsentation von PAULS DAIJA (Riga) über die Bilder der Letten in der Aufklärungskultur der Deutschbalten im 18. Jahrhundert aus. Die Transformationen der Aufklärungsbewegung des deutschen Adels und der Intellektuellen im Baltikum des 18. Jahrhunderts vollzog sich von kleinen Lesegesellschaften mit vorwiegend theologischen Themen hin zu einer Ausweitung in das weltliche Lesepublikum. Ein größeres Publikum war jedoch schwer zu erreichen, zumal unterschiedliche Konzepte zur Abschaffung der Leibeigenschaft Auseinandersetzungen innerhalb der Aufklärer zur Folge hatten.

Nach diesem Exkurs in frühneuzeitliche Debatten wurde der dritte Tag der Tagung mit einem aktuellen Beispiel aus der Erinnerungskultur Lettlands eröffnet. Ausgangspunkt war Žanis Lipke, der zwischen 1941–1944 mehr als 50 Juden aus dem Rigaer Getto gerettet hatte. An ihn erinnert in Riga ein durch private Initiative entstandenes neues Museum, das der frühere Ministerpräsident Lettlands, MARIS GAILIS (Riga), als einer der Initiatoren des Projekts den Teilnehmern vorstellte. LOLITA TOMSONE (Riga) ergänzte diesen Bericht mit einem Vortrag über die Funktionen eines digitalen Museums, das sich die Förderung von Toleranz und die Anerkennung von Minderheiten als Ziel gesetzt hat. Das Lipke-Museum soll als Begegnungsstätte für lettische Jugendliche aus verschiedenen ethnischen Gruppen dienen.

Zwei weitere digitale Projekte zur Erinnerungskultur an den Zweiten Weltkrieg stellte GUNA VAINOVSKA (Riga) vor: „Underground Riga” enthält Biographien von Rettern und geretteten Juden in Lettland. Eine weitere Datenbank weist Adressen in Riga nach, an denen Juden versteckt wurden. Hassreden auf lettischen Internetseiten analysierte ILVA SKULTE (Riga). Die meisten negativen Kommentare beziehen sich auf ethnische Bezeichnungen von Gruppen, die symbolisch nicht zu den „Wir-Gruppen“ gehören. Begriffe wie Krieg, Terror und Stalinismus bilden den thematischen Rahmen der Debatten über den Zweiten Weltkrieg.

Den Abschluss der Tagung bildete eine Exkursion nach Flensburg. CHRISTIAN PLETZING (Oeversee) führte die Teilnehmer zu deutschen und dänischen Erinnerungsorten der Fördestadt, deren Geschichte und Kultur durch zwei Nationen bestimmt wurde und wird. Vor allem das 1862 errichtete Denkmal des Idstedt-Löwen, das von Flensburg 1864 nach Berlin, 1945 nach Kopenhagen und 2011 wieder nach Flensburg versetzt wurde, ist ein Symbol für die regionalen Erinnerungsdebatten geworden.

Die Tagung bat eine Möglichkeit für eine transnationale vergleichende Diskussion der Erinnerungskulturen in den baltischen Staaten. Die Erinnerung an die Geschichte nationaler Minderheiten kann auch eine Bereicherung für die Kultur der Mehrheitsgesellschaft sein, so ein Fazit der Tagung. Allerdings müssen gerade in den baltischen Staaten noch viele Widerstände auf Seiten der Mehrheit wie der Minderheiten überwunden werden, bis diese Erkenntnis auf generelle Akzeptanz stößt. Die Diskussion in Forschung und Gesellschaft wird daher andauern müssen. Die Veröffentlichung der Tagungsbeiträge in der lettischen Zeitschrift „Letonica“ soll dazu beitragen.

Konferenzübersicht:

Christian Pletzing, Sankelmark / Deniss Hanovs, Riga: Begrüßung und Einführung

Renja Suominen-Kokkonen, Helsinki: Reflections on Negative Heritage in European Cultural History

Thema 1: Deutsche in den Baltischen Erinnerungsräumen heute: Rückkehr einer verschollenen Vergangenheit?

Kaspars Zellis, Institute of Sociology and Philosophy, Riga: Deutsche als Faktor in den ideologischen Auseinandersetzungen der Letten

Jörg Hackmann, Universität Szczecin: Helden, Opfer und Kollaboranten: Kontroversen und Brüche in der kollektiven Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Mittel- und Osteuropa

Vilius Ivanauskas, Lithuanian institute of history, Vilnius: After the Empire: Tensions and Rivalries interpreting Late Socialism in Post-Soviet Lithuania

Thema 2: Gesicherte Vergangenheit: Erinnerung als Debatten über innere Sicherheit in Russland und den Baltischen Staaten

Martins Kaprans, advisor to the minister of culture in issues of memory politics, researcher Riga / Tartu: Coping with mnemonic hegemonies: The commemoration of the Second World War in Narva

Madina Tlostanova, Universität Linköping: Die Dekolonisierung der osteuropäischen Erinnerung. Zwischen postkolonialer Abhängigkeit und neoimperialer Besessenheit

Tomas Kavaliauskas, Vytautas Magnus University, Kaunas: How cultural and geopolitical factors influence the conflict of interpretations of May 9th, 1945

Thema 3: Gemeinsame Erinnerung an die Inklusion: Minderheiten in den Baltischen Staaten

Karsten Brüggemann, Universität Tallinn: Estnische Erinnerungslandschaften: Wie geht das Land mit den deutschen, russischen und sowjetischen Vergangenheiten um?

Deniss Hanovs, Riga Stradins Universität: Politik der Reue: utopische Bemerkungen zur Integrationspolitik in Lettland

Olga Procevska, Medienwissenschaftlerin, Riga: The silent giant: space, memories and practices of Victory Day celebration in Riga

Ineta Lipša, Universität Lettlands, Riga: Representations of the Past of inter-war Latvia in Social Memory: Construction of Memory for Russian Speaking Minority

Präsentation und Debatten: Erinnerung als Drama – deutsche Bilder aus dem 18. Jahrhundert
Moderation: Pauls Daija, Institute for Arts, Folklore and Literature, University of Latvia

Präsentation: Erinnerung an Humanismus und Zivilcourage. Das Lipke-Museum in Riga
Maris Gailis, Ministerpräsident der Republik Lettland a.D., und Lolita Tomsone, Leiterin des Lipke-Museums

Thema 4: Digitale Erinnerungen, gedrucktes Vergessen? Erinnerungspolitik in den Baltischen Medien

Guna Vainovska, Riga: Underground Riga and rescuers of Jews: virtual tools to preserve memories of the 2nd World War

Ilva Skulte, Riga Stradiņš Universität: "Black and white"-comments and their charm: discourse on the past of the other in cyberspace

Ein Denkmal unterwegs. Deutsch-dänische Erinnerungspolitik in Flensburg – ein Vorbild für die baltischen Staaten?
Exkursion nach Flensburg. Leitung: Christian Pletzing, Sankelmark

Zitation
Tagungsbericht: Zwischen Ausgrenzung und Integration. Europäische Erinnerungskultur in den baltischen Staaten, 27.05.2016 – 29.05.2016 Oeversee, in: H-Soz-Kult, 30.07.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6636>.
Redaktion
Veröffentlicht am
30.07.2016
Klassifikation
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Veranstaltung
Sprache Veranstaltung