Die DDR als sozialistisches Nachkriegsland: Neue Perspektiven auf die frühe DDR-Geschichte

Ort
Erfurt
Veranstalter
Universität Erfurt; Alexander von Humboldt Stiftung; Stiftung Ettersberg
Datum
28.04.2016 - 29.04.2016
Von
Philipp Metzler/Franziska Rantzsch, Universität Erfurt

Ende April 2016 trafen HistorikerInnen aus unterschiedlichen Fachbereichen in Erfurt zusammen, um darüber zu diskutieren, wie die DDR als sozialistischer Nachkriegsstaat zu verstehen ist. Zu Beginn erklärte JÖRG GANZENMÜLLER (Weimar), Vorsitzender der Stiftung Ettersberg, dass es notwendig sei, die Sozialgeschichte der DDR ähnlich intensiv wie ihre Politikgeschichte zu erforschen. Er sieht die Problematik darin, dass die DDR-Geschichte bisher allzu sehr aus nationaler Perspektive, gewissermaßen als amputierte Nationalgeschichte geschrieben werde. Vergleiche mit anderen staatssozialistischen Systemen fänden noch viel zu selten statt, ein methodischer Austausch innerhalb der Diktaturengeschichte sei ebenfalls unterentwickelt. Seiner Auffassung nach ist es daher wichtig, die DDR-Geschichtsforschung aus ihrer nationalen „Verinselung“ zu befreien und in einen transnationalen Kontext einzuordnen. DOROTHEE WIERLING (Hamburg) ergänzte, dass es dementsprechend erforderlich wäre, den „Staat im Sozialismus“ zu betrachten und die DDR nicht nur als sozialistisches Phänomen innerhalb Deutschlands wahrzunehmen.

Die Problematik, dass die Forschung zur DDR immer wieder zur Legitimierung der Wiedervereinigung verwendet wird, zeigte ANNA HÁJKOVÁ (Coventry / Erfurt) in ihrem Vortrag auf. Sie bemängelte, dass sich die deutschsprachigen HistorikerInnen der DDR nicht genug mit der angelsächsischen Historiographie zum Thema auseinandersetzen, die an der politischen Aufladung vorbeischiffen kann, und somit wichtige analytische und kontextualisierende Einblicke ermöglicht. [1] Sie schlug vor, dass man die (Post-) Revisionisten der Soviet Studies wie Lynne Viola oder Jochen Hellbeck stärker rezipieren und empirisch anwenden solle.

PATRICE POUTRUS (Wien / Berlin) kritisierte Hájkovás Ansatz und wies darauf hin, dass die von ihr bemängelten historiographischen Ansätze seines Erachtens schon lange stattfinden. In seinem Vortrag untersuchte er Remigration von Antifaschisten in die SBZ und DDR und konnte durch einen sozialgeschichtlichen Ansatz zeigen, dass nicht alle remigrierten Antifaschisten im neuen Staatssystem integriert werden konnten. Durch das Abwenden von der Totalitarismusforschung hin zu einer gesellschaftlichen Perspektive war es Poutrus möglich, bisherige Forschungsergebnisse zu revidieren.

Welche weitreichenden Erkenntnisse ein Wechsel der Perspektive möglich macht, zeigten sowohl JULIA LANDAU (Weimar) als auch ELENA DEMKE (Berlin) in ihren Vorträgen unter dem Thema „Die DDR im Spiegel ihrer Antifaschisten“. Landau referierte anhand eines Speziallagers in Altenburg am lokalen Beispiel über die Komplexität der Verhaftungspraxis der sowjetischen Besatzungsmacht. Die Verwendung vornehmlich sowjetischer Dokumente sowie Einbeziehung neuerer Literatur zu Lagern als Orte der sozialen Prophylaxe (Zygmunt Bauman / James Scott) erwies sich dabei als besonders aufschlussreich, da diese zeigen, wie willkürlich die Bestrafung in einigen Fällen durchgeführt wurde. Sowohl die Betrachtung der Internierungspraxis am lokalen Beispiel als auch der Perspektivwechsel von der „Opfer“- zur Täterseite könnten im Laufe des Projektes zahlreiche neue Erkenntnisse hervorbringen, die wiederum zu neuen Forschungsfragen führen.

In diesen Zyklus von Perspektivverschiebungen reihte sich der Vortrag von Elena Demke ein. Demke zeigte, dass Aufnahmen der Berliner Mauer – nicht nur Ikonen wie die Bilder der Kampfgruppe vor dem Brandenburger Tor oder der springende Polizist Conrad Schumann, sondern auch durchkomponierte Bildzyklen in der jeweiligen Presse – in den beiden deutschen Staaten differenziert eingesetzt wurden und dabei der Inszenierung der jeweils anderen Seite als den „eigentlichen Nazis“ dienten. So dienten in beiden deutschen Staaten Mauerbilder dazu, die jeweils andere Seite zu diskreditieren und zeitgleich den eigenen Staat zu loben. Demke warf dabei auch die Frage nach dem Transfer zwischen Forschung und politischer Bildung auf. Dieser könne dazu beitragen, den Widerspruch zwischen dem häufig eindimensionalen öffentlichen Geschichtsbild und dem multiperspektivischen Anspruch der ForscherInnen aufzulösen.

Nach einer Führung durch die Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße, deren Ausstellung die Bedingungen der Untersuchungshaft zeigt und in den Kontext der SED-Diktatur und deren Überwindung einordnet, berichtete deren Leiter JOCHEN VOIT (Erfurt) über den kommunistischen Sänger und Produzenten Ernst Busch. Dabei stellte er Busch als einen Antifaschisten vor, der trotz seiner kommunistischen Einstellung und seiner Stilisierung zum Helden des sozialistischen Kampfes immer wieder aneckte und seine Handlungsräume eigensinnig nutzte.

FRANK BOBLENZ (Weimar) und JEANNETTE GODAU (Weimar) konnten stellvertretend für das Thüringische Hauptstaatsarchiv Weimar aufzeigen, dass die Bestände zur DDR-Geschichte in keiner Weise ausgeforscht sind. Die dort eingelagerten Materialien umfassen eine Gesamtlänge von elf Kilometern, wobei pro Jahr im Schnitt nur vierhundert Akten angefordert werden. Neben den noch unerschlossenen Beständen, verspricht die Tatsache, dass viele Akten bisher noch nicht eingesehen wurden, ein großes Potenzial für die weitere Forschung. Die Benutzung der Archive in Thüringen birgt jedoch einige Probleme, welche auf dem Workshop deutlich zu Tage traten. Neben den noch immer horrenden Kosten für Kopien sowie den Anträgen auf Schutzfristverkürzungen, ist das Fehlen einer Fotoerlaubnis in den deutschen Archiven als großes Hindernis für die zeitgeschichtliche Forschung zu bewerten. An dieser Stelle muss daher daran appelliert werden, dass Archive sowie Bund und Länder in Zukunft enger zusammenarbeiten, um unter Berücksichtigung aller rechtlichen Faktoren die Situation für die Forschenden zu verbessern. Wie DDR-Forschung mit einer anderen Art der Archivarbeit funktioniert, zeigte ANNETTE LEO (Jena) bei der Vorstellung ihres Oral History-Projektes in Zusammenarbeit mit Studierenden aus dem Jahr 2009. Das Projekt zeichnete sechzehn Lebensgeschichten von Thüringern nach. Die Interviewer stellten fest, dass bei den Gesprächen die Rechtfertigung des eigenen Lebens in der DDR im Vordergrund stand. Das besonders Interessante dieses Zugangs ist, dass die aus den Interviews gewonnenen Erkenntnisse ebenso viel über die Mentalität des Erzählers jetzt wie über die Vergangenheit aussagen.

In seinen „Überlegungen zur (post-)revisionistischen Geschichte des Staatssozialismus (aus der tschechischen Perspektive)“ versuchte MICHAL PULLMANN (Prag) die Popularität des totalitären Modells zu erklären und die Pluralisierung der tschechischen Zeitgeschichtsschreibung in den letzten 25 Jahren zu skizzieren. Der Zerfall des totalitarismushistorischen Narrativs hing nach Pullmann mit seinen ursprünglichen Versprechen zusammen – vor allem seiner normativen Zuspitzung, teleologischem Entwurf und Exkulpierungseffekten.

In ihrem Abschlusskommentar sprachen sich Anna Hájková und ALF LÜDTKE (Erfurt) für eine Geschichtsschreibung jenseits von politisch aufgeladenen Etikettierungen aus. Die Bezugnahme auf Begrifflichkeiten wie Totalitarismus schmälere unter anderem die Rolle des Individuums innerhalb des Systems, da dieses seine Handlungen teilweise fernab des diktatorischen Durchregierens vornimmt. Die Zweckdienlichkeit der Wertung durch HistorikerInnen sei dabei in Frage zu stellen.

Der Workshop hat gezeigt, dass eine stärkere Betonung des (post)-revisionistischen Ansatzes die Forschung zu neuen Perspektiven inspiriert. Das Verlangen nach Perspektivwechseln steht dabei für einen Gegentrend, den unlängst bereits ein Sammelband der Bundestiftung Aufarbeitung illustrierte.[2] Die Anwendung einer (post-)revisionistischen Geschichtsschreibung kann sowohl Antworten bringen als auch neue Fragen aufwerfen. Sie ermöglicht es, fern von sämtlichen Etikettierungen, Aussagen über Lebensgeschichten und innergesellschaftliche Strukturen zu treffen, die durch die totalitaristische Perspektive überdeckt worden wären.

Konferenzübersicht:

Jörg Ganzenmüller: Eröffnung

Panel I: „Unfinished Utopias.“ Revisionistische Historiographie

Anna Hájková (Coventry/Erfurt): Warum eine revisionistische Geschichtsschreibung der DDR?
Patrice Poutrus (Wien / Berlin): Rückkehr in das „Neue (Ost-)Deutschland“. Die Remigration von Antifaschisten in die SBZ und DDR.

Panel II: Die DDR im Spiegel ihrer Antifaschisten

Julia Landau (Weimar): Stalinistischer Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in Deutschland – sowjetische Internierungs- und Verhaftungspraxis am lokalen Beispiel
Elena Demke (Berlin): „Ulbrichts KZ“ und „Antifaschistischer Schutzwall“: Moral-Rethorik und NS-Vorwurf im Kalten Krieg der Mauer-Bilder
Jochen Voit (Erfurt): Capris Fischer unter Spaniens Himmel – Der Soundtrack der Aufbau-Ära

Panel III: Quellen

Jeannette Godau / Frank Boblenz (Weimar): Quellen zur DDR-Geschichte im Thüringischen Hauptstaatsarchiv Weimar – Überlieferungslage und Ansätze für die Forschung
Annette Leo (Jena): Prägungen und Loyalitäten. Erinnerungen an ein verschwundenes Land
Panel IV: Sozialistisches Europa zwischen Gestern und Morgen
Michal Pullmann (Prag): Methodologische Überlegungen zur Geschichte des mitteleuropäischen Sozialismus (Arbeitstitel)

Anmerkungen:
[1] Als Beispiel diente an dieser Stelle das Buch: Catherine Epstein, The Last Revolutionaries: German Communists and their Century, Cambridge u.a. 2003.
[2] Ulrich Mählert (Hrsg.), Die DDR als Chance. Neue Perspektiven auf ein altes Thema, Berlin März 2016.

Zitation
Tagungsbericht: Die DDR als sozialistisches Nachkriegsland: Neue Perspektiven auf die frühe DDR-Geschichte, 28.04.2016 – 29.04.2016 Erfurt, in: H-Soz-Kult, 20.10.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6732>.
Redaktion
Veröffentlicht am
20.10.2016
Klassifikation
Epoche(n)
Region(en)
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Veranstaltung
Sprache Veranstaltung