HT 2016: Indian Foreign Policy under Nehru

Ort
Hamburg
Veranstalter
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)
Datum
20.09.2016 - 23.09.2016
Von
Sabrina Kirschner, Historisches Institut, Universität der Bundeswehr München

Der 51. Deutsche Historikertag fand vom 20. bis 23. September 2016 an der Universität Hamburg statt. Mit der Wahl des Partnerlands Indien verbanden die Organisatoren die Hoffnung, den wissenschaftlichen Austausch zwischen beiden Ländern zu festigen und fördern. Einen wichtigen Beitrag dazu lieferte die englischsprachige Sektion „Indian Foreign Policy under Nehru“, die von zahlreichen indischen und deutschen Historikern besucht wurde. Das von AMIT DAS GUPTA (München) organisierte Panel beleuchtete vor allem Indiens Außenpolitik im Spannungsfeld der internationalen Beziehungen und bot interessante Einblicke in die zeithistorische Forschung.

Vor den Vorträgen informierten Das Gupta und ANDREAS HILGER (Hamburg/Moskau) in einem Kurzvortrag über die Forschungslandschaft zu Indiens Außenpolitik nach 1947 und lieferten wertvolle Hinweise zur Quellen- und Archivlandschaft. Das Gupta erläuterte, dass zwar Memoiren von Subimal Dutt, Y.D. Gundevia, Jagat S. Mehta und J.N. Dixit zugänglich seien, weiterhin auch Nachlässe einiger einflussreicher Diplomaten, gab allerdings zu bedenken, dass man nur begrenzt Dokumente einsehen könne, die interne Entscheidungsprozesse erhellen. Zu Nehru, der im Zentrum des Panels stand, würden sukzessive Selected Works veröffentlicht. Außerdem hätten die Verantwortlichen in Indien zugesichert, dessen bis dato gesperrten Nachlass zugänglich zu machen, worauf man allerdings schon längere Zeit warte.

Des Weiteren beschrieb Das Gupta die problematische Situation in den National Archives in New Delhi. Akten des Ministry of External Affairs seien zugänglich, die des President‘s Office allerdings nicht. Auch sei das Auffinden von Archivalien schwierig: Kataloge fehlten und Akten seien nicht am Platz oder würden nicht ausgehändigt, was die Arbeit erschwere. Eine weitere Anlaufstelle für Forscher sei das Nehru Memorial Museum & Library, wo vor allem drei nützliche Nachlässe eingesehen werden können, nämlich die von Subimal Dutt, K.P.S. Menon, und P.N. Haksar. Die Nehru Papers seien dort allerdings genauso wenig zugänglich wie die von Krishna Menon.

Gerade da die indische Archivlandschaft schwierig sei, ermutigte Hilger dazu, auch einen Blick in Komplementärarchive, d.h. Archive in Partner- oder Gegnerstaaten, zu wagen. Unter Umständen sei dies mit Sprachbarrieren verbunden, eine gute erste Anlaufstelle seien Archive in den USA und Großbritannien. Für seine Arbeit erachte er vor allem die mittel- und osteuropäischen Archive als relevant, die es ihm ermöglichten, ein kompletteres Bild zu zeichnen und das Geschehene in internationale Diskurse einzubetten. Nicht zuletzt stellte er einige digitale Projekte vor, in denen Quellen online verfügbar gemacht werden. Indien spiele dabei zwar nur eine marginale Rolle, trotzdem lohne sich ein Blick auf das Cold War International History Project des Wilson Centers sowie das auf die Seite der ETH Zürich zum Parallel History Project on Cooperative Security. Von indischer Seite gebe es zudem Weißbücher und, wenn auch lückenhafte, Dokumente zu Beziehungen mit Pakistan und China. Die Vorbemerkungen zu den Archiven stießen gerade bei den auch zahlreich im Publikum vertretenen Nachwuchswissenschaftlern auf fruchtbaren Boden.

Das Panel eröffnete Das Gupta, der die indische Deutschlandpolitik zwischen 1949 und dem Tode des ersten indischen Ministerpräsidenten, der gleichzeitig als Außenminister fungierte, beleuchtete. Ein besonderer Fokus lag darauf, wie sich das Verhältnis Indiens zu BRD und DDR, insbesondere vor dem Hintergrund der deutsch-deutschen Spannungen und der globalen Blockbildung entwickelte. Dies sei besonders interessant, weil Indien eine Politik der Blockfreiheit verfolgte, theoretisch von beiden Blöcken gleichen Abstand halten wollte.

Das Gupta erklärte, dass Indien nach Gründung beider deutscher Staaten vor allem völkerrechtliche Fragen und nationale Interessen abwägen musste. Die Anerkennung der BRD sei erfolgt, als die Alliierten baten, nach der indischen Militärmission in Berlin auch ein Büro in Bonn zu eröffnen. Man sei sich in Delhi nicht sicher gewesen, inwiefern es sich bei der jungen Bundesrepublik um einen souveränen Staat handelte. Trotzdem überwogen die wirtschaftlichen und politischen Interessen, so dass nach internen Diskussionen diplomatische Beziehungen mit der Bundesrepublik aufgenommen wurden.

Die Anerkennung der DDR, die zunächst nicht an Beziehungen mit Indien interessiert war – Das Gupta sprach in diesem Zusammenhang auch von „verpassten Chancen“ –, sei hingegen eine schwierigere Angelegenheit gewesen. Vor allem im Außenministerium, in dem das grundsätzlich wenig sachkundige Personal häufig wechselte, habe man lange gezögert, wie man mit dem zweiten Staat auf deutschem Boden zu verfahren hatte. Das Gupta unterstrich, dass Delhi solange die DDR nicht anerkennen wollte, bis es eine offizielle Anfrage gebe. Als diese im Jahr 1951 erfolgte, sei es zu spät gewesen, auch wenn man für die ostdeutschen Underdogs mehr Sympathien hegte als für die Bundesrepublik. Indien habe sich seitdem in einem fortwährenden Zwiespalt befunden, der die Anerkennungsfrage, so Das Gupta, zu einem „Eiertanz“ machte.

Zu einer ersten Annäherung, aber keiner Anerkennung, zwischen Indien und der DDR sei es Mitte der 1950er-Jahre gekommen, als gegenseitige Besuche stattfanden und erste Handelsabkommen unterzeichnet wurden. Gegen Ende der 1950er-Jahre geriet Indien erneut in eine Zwickmühle. Es kam 1959 zu Problemen mit Peking, auf die im Vortrag von SRINATH RAGHAVAN (Neu Delhi) näher eingegangen wurde. Zur Lösung dieser Konflikte benötigte man einerseits die Hilfe der Sowjetunion, wollte andererseits aber die BRD nicht verärgern, da man auf deren finanzielle Unterstützung bei der Industrialisierung des Landes angewiesen war. Diese Hilfe gewährte die BRD Indien unter der stillschweigenden Bedingung, dass Indien die DDR nicht anerkenne. Als Nehru schließlich angesichts der Niederlage im Grenzkrieg gegen China panisch weltweit um Hilfe anfragte, sagte Bonn Hilfslieferungen zu und erhielt im Gegenzug die Zusage, dass die DDR nicht anerkannt werde.

In seinem Fazit betonte Das Gupta, dass die indische Deutschlandpolitik unter Nehru nicht Nehrus Deutschlandpolitik gewesen sei. Die Verantwortlichen in Delhi hätten nämlich kaum Erfahrung gehabt. So waren es vielmehr andere, wie der erste Botschafter und spätere Foreign Secretary Submal Dutt, die über Expertise in Deutschlandfragen verfügten und die Politik prägten.

Die Möglichkeit, im Anschluss an den Vortrag Fragen zu stellen, wurde rege genutzt. Diskutiert wurde darüber, was Blockfreiheit im Falle Indiens genau bedeutet, einerseits in Hinblick auf die indische Nachbarschaftspolitik, andererseits auf beide Deutschlands. Weitere Fragen wurden zu Kontinuitäten in der indischen Deutschlandpolitik, der Rolle von Menschenrechten, dem BRD- und DDR-Bild der Inder sowie Sympathien und Antipathien gestellt. Besonders lange wurde über die Rolle Nehrus diskutiert. Zwar wurden wichtige Entscheidungen nur mit ihm getroffen, allerdings sei er nicht, wie häufig behauptet wurde, der alleinige Architekt der indischen Außenpolitik gewesen.

In seinem Vortrag stellte Hilger einige Ergebnisse seines Habilitationsprojekts Die sowjetisch-indischen Beziehungen 1941-1965/1966: Kommunismus, Dekolonisierung und Kalter Krieg vor, das somit auch die gesamte Nehru-Ära abdeckte. Beziehungen gab es, so Hilger, nicht nur auf politisch-diplomatischer, wirtschaftlicher, kultureller und militärischer, sondern auch auf persönlicher Ebene. Bis in die 1980er-Jahre seien die Beziehungen zwischen Indien und der Sowjetunion sogar als ein Paradebeispiel für gelungene Zusammenarbeit zwischen einem sozialistischen und einem blockfreien Staat gefeiert worden, auch wenn sie sich bei näherem Hinsehen als weitaus schwieriger erwiesen.

Denn es gab, wie Hilger betonte, auch gravierende Gegensätze zwischen beiden Staaten: So traf indisches nation building auf sowjetisches empire building. Indien verfolgte mit seiner Wirtschafts- und Außenpolitik das Ziel, weltweite Kooperationen mit jedem einzugehen, der etwas zu bieten hatte, und so zum Aufschwung beitragen konnte. Es wollte dabei allerdings unabhängig agieren, weshalb es auch die Blockbildung ablehnte. Die Sowjetunion hingegen suchte mit der Wirtschafts- und Außenpolitik nicht nur eigene Versorgungsmängel zu beheben, sondern auch die Ausbreitung des Sozialismus zu fördern. Blockfreie Länder sollten in eine sozialistische Richtung gedrängt werden. In diesem Zusammenhang verwies Hilger auch auf ein Zitat Chruschtschows aus dem Jahre 1961 „Neutrale Länder – das sind keine Neutralen. Sie sind gegen den Kommunismus“.

Eben jener Chruschtschows reiste, wie Hilger weiter ausführte, auch zu Staatsbesuchen nach Indien und zeigte beim Besichtigungsprogramm vor Ort, wie man mit einem sozialistischen Ansatz erfolgreicher sein kann. Nehru hingegen habe sich in Moskau bescheidener gegeben, sei offen für Neues gewesen und habe lernen wollen, allerdings auch Wirtschaftsdefizite der Sowjetunion kritisiert. Hilger betonte, dass sich beide Staaten immer weiter auseinandergewickelt hätten.

Gegensätzlich seien auch die Positionen beider Staaten hinsichtlich globaler Ordnungsvorstellungen gewesen, was sich in ihrem jeweiligen Verhältnis zu den Vereinten Nationen widerspiegelte. Indien habe die Vereinten Nationen, die sich um Frieden bemühten, als ein Forum für intensive Gespräche und als einen Förderer des Fortschritts wahrgenommen. Die Sowjetunion hingegen habe den Vereinten Nationen, die man als eine nicht-sozialistische Veranstaltung gesehen habe, skeptisch gegenüber gestanden.

Des Weiteren wurden auch die kulturellen und persönlichen Beziehungen beleuchtet, zu denen es zahlreiche interessierte Wortmeldungen aus der Zuhörerschaft gab. Spannend, so Hilger, sei, dass sowohl Inder als auch Russen das Bild des jeweils anderen auch aus der Literatur bezogen, weshalb Literatur und Kultur eine wichtige Rolle bei der Verbreitung der Ideologie spielten, retrospektiv betrachtet allerdings keine erfolgreiche. So seien in der Sowjetunion indische Autoren rezipiert worden, die zwar zur eigenen Ideologie passten, in Indien aber keine Rolle spielten. Sowjetische Autoren seien in Indien bisweilen sogar ignoriert worden. Hilger betonte zudem, dass die Bandbreite der indischen Einstellungen zur Sowjetunion enorm war. Neben anti-kommunistischen Haltungen gab es in Indien auch eine Grundsympathie. Als Fazit zog Hilger, dass im Ganzen die grundsätzlichen Gegensätze zwischen indischem nation building und sowjetischem empire building wirksam blieben und über die Diskrepanzen im Kalten Krieg hinausgegangen seien.

Recht ausführlich wurde im Anschluss an den Vortrag über die Rolle von Freundschaftsgesellschaften diskutiert, die unter anderem zwischen Indien und sozialistischen Staaten existierten. Als besonders interessant wurden politische Positionen innerhalb dieser Clubs wahrgenommen. So kam innerhalb dieser Gesellschaften die Frage auf, wieso man nicht auch das zweite Deutschland anerkennen solle. Weitere Themen, die diskutiert wurden, waren Sympathien und Provokationen, Waffenlieferungen in den Kongo, das Scheitern der Initiative der Sowjetunion in der UN, der russisch-indische Wirtschaftsaustausch, Akteure innerhalb von Hilfsprojekten und die Rolle der Kommunistischen Partei in Indien.

Das dritte und letzte Paper von SRINATH RAGHAVAN wurde stellvertretend und zusammenfassend von Das Gupta präsentiert und befasste sich vor allem mit dem indisch-chinesischen Grenzkonflikt bis hin zum Gipfeltreffen zwischen Nehru und dem chinesischen Premierminister Zhou Enlai im April 1960. Nach einer kurzen Bemerkung über die großen Unterschiede zwischen öffentlichem und akademischem Diskurs anlässlich des 50. Jahrestags des Kriegs, folgte eine Einführung in die Grenzpolitik. Dabei wurde auf das britische Erbe, wie die McMahon-Linie und die Shimla-Konvention hingewiesen und erläutert, dass China in der indischen Wahrnehmung schon früh als problematischer Nachbar gesehen wurde, der jede Schwäche ausnutzen würde. Der Fokus des Vortrags lag auf der indischen Politik der 1950er-Jahre. Die Grenze zu Tibet habe verstärkt Konfliktpotential geboten. Zwar habe Zhou Enlai zur Jahreswende 1956/57 angedeutet, die sogenannte McMahon-Linie im östlichen Teil der gemeinsamen Grenze anzuerkennen. Ab 1958 habe er dies jedoch wieder in Frage gestellt, was bei Nehru für Irritationen sorgte. Zhou habe im Januar 1959 eine Debatte über die gesamte Grenze eröffnet, die Nehru durch Gewohnheit, historische Verträge und das Wasserscheidenprinzip für geklärt hielt. Als Antwort auf erste militärische Zusammenstöße, habe Indien im September 1959 ein Weißbuch veröffentlicht. Zhou erklärte daraufhin, dass die vermeintliche Akzeptanz der McMahon-Linie wenige Jahre zuvor ein Missverständnis gewesen sei.

Ende 1959 sei es zu weiteren Gefechten gekommen, China habe sukzessiv weiter menschenleere Gebiete in Aksai Chin im Nordwesten besetzt. Im Februar 1960 habe Nehru Zhou eingeladen, um im persönlichen Gespräch eine Lösung zu finden. Auf dem Gipfeltreffen vom 20. bis 24. April habe Indien unter der stillschweigenden Prämisse verhandelt, dass den Chinesen nicht mehr zu trauen sei. Nehru war nicht bereit, mehr als geringfügige Grenzkorrekturen in Betracht zu ziehen. Zhou jedoch schlug die Beibehaltung des Status quo vor, was für die Inder nicht akzeptabel gewesen sei. Raghavans Fazit ging dahin, dass im April 1960 sowohl aus verfassungsrechtlichen wie politischen Gründen auf indischer Seite, aber auch wegen der ständig wechselnden chinesischen Gebietsforderungen und der mehrfach demonstrierten Bereitschaft, zu deren Durchsetzung auch Gewalt anzuwenden, ein Kompromiss unmöglich geworden war.

Fragen, die am Ende des Vortrags gestellt wurden, bezogen sich vor allem auf offensichtliche Widersprüche in der indischen Politik. Da das umstrittene Aksai Chin für Indien nur symbolische, aber keinerlei praktische Bedeutung hatte, wurde erörtert, weshalb Indien China in dieser Frage aus strategischen Gründen nicht entgegenkommen wollte. Während es gleichzeitig die Übergabe des Sitzes im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen an die Volksrepublik China propagierte, wurde Indien selbst ein Sitz in diesem Gremium verweigert, weil man der Meinung war, dass es den Indern an strategischem Geschick mangelte. Die Sektion brachte neben interessanten Vorträgen auch rege Diskussionen über zahlreiche Aspekte der indischen Außenpolitik.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Amit Das Gupta (München)

Swapna Kona Nayudu (London): »Nehru isn’t dead until I say he is dead«. The first Prime Minister and the Making of the Indian Foreign Service (fiel aus)

Amit das Gupta (München): Indian Germany Policy under Nehru

Andreas Hilger (Hamburg / Moskau): Competing Visions of World Order – Indo-Soviet Relations in Times of Cold War

Srinath Raghavan (Neu Delhi): A Missed Opportunity? The Nehru-Zhou Enlai Summit of 1960

Zitation
Tagungsbericht: HT 2016: Indian Foreign Policy under Nehru, 20.09.2016 – 23.09.2016 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 21.10.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6764>.